„Zosimo nennst du ihn?“
„Zum Schluss hat er mir die Hand gegeben und nach meinem Namen gefragt. Und sagte, ich soll Zosimo zu ihm sagen. Auf Ehrenbezeigungen lege er keinen Wert. Mein Alter scharwänzelte trotzdem um ihn herum und nannte ihn den „hochwohlgeborenen Herrn Trismegisto“. Beim Gehen hat er mir fast die Hand zerquetscht mit seinem Händedruck.“
Mir kam eine Idee.
„Hör mal, Sven. Wenn du jetzt sowieso jede Nacht in der Schmiede bist - könnt ihr da nicht mein Schwert auch ein bisschen ausbessern? Du weißt doch, das schartige Ding von dem Söldner.“
„Weiß nicht. Er meinte, so was wie heute Nacht kann er mir nicht beibringen. Er will mir zeigen, wie man Waffenstahl herstellt und wenn ich mich geschickt anstelle und nicht jedes Mal zwei Stunden brauche um die Glut anzufachen, könne ich ihm am Ende vielleicht beim Schmieden einer Dolchklinge zur Hand gehen. Hörte sich nicht so spannend an.“
Ich blieb hartnäckig. „Aber könnt ihr nicht vielleicht trotzdem ein bisschen an meinem Schwert arbeiten?“
„Frag ihn doch selbst. Wirst ja sehen, was er dir antwortet,“ brummte Sven.
***
Am Nachmittag gürtete ich mein Schwert um und ging zum Gasthof. Wenn Sven eine magische Waffe hatte wie im Märchen, dann wollte ich auch eine haben. Eigentlich glaubte ich ihm nicht, von wegen Glühen im Dunkeln und so. Aber der alte Narun meinte, das Schwert, das er mir gegeben hatte, tauge nichts mehr. Möglicherweise konnte dieser reisende Waffenschmied die Klinge ausbessern.
Zosimo Trismegisto war der einzige Gast in der Wirtsstube. Er saß auf der Bank am Fenster mit einem Zinnbecher und einem Krug Wein neben sich. Der Zweihänder lehnte neben ihm am Tisch. Der Schwertgriff glänzte im Nachmittagslicht. Sella war am Herd beschäftigt. Ich nickte ihr zu und sie lächelte zurück. Als ich mich dem Fremden näherte, stutzte ich. Vor ihm lag ein großes, aufgeschlagenes Buch.
Ich trat an den Tisch. „Lest Ihr in dem Buch?“
Der rotgesichtige Fremde schaute auf. Er schien sich an mich zu erinnern.
„Nee,“ grollte er drohend. „Ich schnüffle nur den Papierstaub, du Seeräuberbengel! Das kitzelt so schön in der Nase.“
Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss.
„Ich... ich kann nämlich auch lesen.“
Ich kam mir entsetzlich dumm vor. Zosimo musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. Ich hasste diese Art des Fremden, einen mit den Augen Maß zu nehmen, als sei man eine zum Verkauf stehende Ziege.
„So?“ knurrte er. „Lies mal vor!“
Er hielt den Ledereinband hoch, so dass ich den Titel sehen konnte. Das brüchige Leder roch alt. „ Kommentar der Runentafelfragmente des Wettergebirges - niedergeschrieben von Eusebius Multhaupt im Jahre Vierzehnhundertfünfunddreißig“ war in altmodischen, vergoldeten Lettern auf den Einband geprägt. Das Buch war über fünfhundert Jahre alt! Ich las den Titel laut vor. Der „Forschungsreisende“ sagte vor Verblüffung gar nichts. Offenbar war es mir gelungen, ihm die Sprache zu verschlagen.
Mich für einen Dorftölpel halten! Dir werde ich es zeigen.
„Das Wettergebirge,“ sagte ich gelangweilt, „sind das nicht die nordwestlichen Wetterberge, von denen Leonhard Knoblauch schreibt?“
Der Mund des reisenden Gelehrten wurde zu einem Strich.
„Der Verfasser heißt Knobloch, du Grünschnabel. Hast du von seinen „Reisen in die Wetterberge“ nur gehört, oder hast du darin gelesen?“
„Ich hab das ganze Buch gelesen. Mehrmals!“
„Aha? Was schreibt er denn, der Leonhardt Knobloch?“
„Er beschreibt die Westküste im Norden, alte Königreiche und so, das Reich Barhut...“
Der Reisende fixierte mich. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas Räuberisches.
„Natürlich schreibt er auch viel Sagenhaftes. Von Zauberern, Zwergen und Hexen...“
„Man muss nicht alles, was man nicht kennt, als Märchen abtun, Junge.“
„Na ja schon, aber glaubt Ihr etwa an Zwerge?“
Das ohnehin rote Gesicht des Fremden verfärbte sich ins Dunkelrot.
„Ob ich an Zwerge glaube?“ brüllte er.
Er beugte sich über den Tisch, als wollte er auf mich losgehen. Ich dachte, gleich würde er mich mit den Fäusten traktieren, aber stattdessen nahm er einen großen Schluck aus seinem Weinbecher, goss sich den Rest aus dem Krug ein und kippte ihn in einem Zug herunter. Sein Gesicht glühte.
„Na, wenn schon,“ murmelte er. „Noch nie in seinem Leben aus dem Heimatkaff rausgekommen, gerade mal ein paar Meilen auf See hinaus. Da kann man nichts anderes erwarten.“
Wie zur Besinnung gekommen fixierte er mich. „Wo hast du das Buch gelesen?“
Mir wurde mulmig. „Ich... das Buch gehört meinem Vater.“
„Soo - deinem Vater! Dein Vater ist Fischer, nicht wahr?“
„Mein Vater hat mir Lesen beigebracht. Wenn man lesen kann, wird man nicht ständig übers Ohr gehauen. Nur, weil wir Fischer sind, sind wir noch lange keine Dummköpfe! Mein Vater hat mehrere Bücher.“
„Was hat er denn noch für Bücher, dein Vater?“
„Ach, ganz Verschiedenes. Eine „Grammatik der Alten Hochsprache“ oder so ähnlich, eine Beschreibung der Westküste für Seefahrer...“ ich stockte.
Was ging das diesen Fremden überhaupt an?
„Die Grammatik der alten Hochsprache, die solltest du lesen, wenn du ein Gelehrter sein willst. In der alten Hochsprache eures Reichs sind viele wissenschaftliche Werke verfasst. Aber hör mal, ich kaufe deinem Vater den Knobloch ab. Er soll mir den Preis nennen. Sag ihm das!“
„Ich... ich glaube nicht, dass er seine Bücher verkaufen will. Wir haben genug Geld, uns fehlt nichts, und...“
„Außer ein paar vernünftigen Waffen fehlt euch hier nichts, was? Wo hat dein Vater seine Bücher überhaupt her, du Rotzlümmel?“
Mein Puls hämmerte, aber ich ließ mich nicht einschüchtern. „Und wo habt Ihr das Buch da her?“
Zosimo blickte mich an, schaute auf das vor ihm liegende Buch, blickte wieder mich an. Plötzlich lachte er los, ein kehliges, hässliches Lachen.
„In der Universität zu Klagenfurt gibt es einen buckligen, gichtkranken Bibliothekar, der würde mich gerne auf dem Marktplatz gevierteilt sehen, wenn er wüsste, wo dieses Buch jetzt ist. Ein schräger Kauz war das. Es hat mich all meine Überredungskunst und Unmengen an Bestechungsgeldern gekostet, in diese Bibliothek hineinzugelangen. Fast meine ganze Reisekasse ist dabei draufgegangen. Ein komisches Verhältnis hatte der zu seinen Büchern. Hat mit ihnen geredet, sie gestreichelt... War nicht ganz leicht, da weg zu kommen, hätte mich um ein Haar meinen Kopf gekostet. Deshalb muss ich mich jetzt ein paar Tage in eurem Kaff verstecken, bevor ich auf den Reichsstraßen wieder halbwegs sicher reisen kann.“
Er lehnte sich zurück. „Für Wissenschaft und Forschung muss man manchmal unangenehme Dinge in Kauf nehmen, Junge. Frag deinen Vater, was er für das Buch haben will. Ein vernünftiges Enterbeil, zum Beispiel?“
Er beugte sich wieder vor, gieriges Leuchten in den Augen. „Ich brauche das Buch für meine Nachforschungen, verstehst du? Ich bin verschollenen Geheimnissen meines Volks auf der Spur, oben in den Wetterbergen. Ich brauche jeden Hinweis, den ich bekommen kann.“
Mir kam eine Idee. „Ich kann ja mit meinem Vater sprechen...“
Er sah mich drohend an. „Das solltest du tun, Junge. Ich reise nicht ohne dieses Buch ab!“
Ich schluckte. „Ich meine, ich hab nämlich ein Schwert...“
Er sah an mir herab. „Seh' ich. Pass auf, dass du nicht drüber stolperst, wenn du losläufst.“
Wütend fuhr ich diesen Raubritter an. „Ihr habt doch angeboten, eine Waffe für das Buch zu schmieden. Wenn Ihr dieses Schwert ausbessert - so wie das Beil, das Ihr heute Nacht für Sven Bredursohn geschmiedet habt - dann lässt mein Vater ja vielleicht mit sich reden.“
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