Ein Pfiff, auf dem Fußweg zwei Typen auf Fahrrädern, rufen ihren Namen, kennt die nicht wirklich, ein paar Mal gesehen, fünfzehn Meter entfernt. «Na, schon mit dem großen Häuptling Dado rumgeknutscht?» Volle Lautstärke, das halbe Ufer dreht sich zu ihr um, peinlich. Jenny streckt den beiden den Mittelfinger entgegen, Arschlöcher, weiß nicht anders zu reagieren, sich zu wehren. Die beiden johlen, brüllen wie Tiere, strecken ihr den Hintern entgegen, greifen sich an den Sack. Jenny steht auf, sollen sich verpissen, macht einen Schritt auf sie zu, wirft einen Stein nach ihnen. Die zwei schwingen sich auf ihre Räder, spotten, grinsen, düsen davon. Sauer legt sich Jenny auf ihr Badetuch, sollen nicht so blöd glotzen, plötzlich froh, dass sie nicht den ganzen Sommer daheim verbracht.
Die Szene, Silvia hätte die spöttisch kommentiert, hormongesteuerte Komplexkompensation, oder so. Ihre neue Lieblingsrentnerin, mit ihr bisher am meisten Zeit verbracht. Am Buffet nach der Vereidigung ihr nicht von der Seite gerückt, fasziniert von ihrer lockeren, leicht ruppigen Art. Hat Jenny in das ganze Ritual eingeführt. Wem man sich vorstellen soll, wer reine Zeitverschwendung, was einem die Körpersprache über die Machtverteilung in einer Gruppe verrät, wie man sich charmant in eine Runde drängt, jemanden abschüttelt, wenn man zugetextet wird. Geschaut, dass Jenny ihr Glas nicht hinunterstürzt, mit vollem Mund spricht. Jenny nie gedacht, dass Essen, Trinken so anstrengend sein kann. Wenn sie das hier nicht beherrsche, alle Kommissionsarbeit wirkungslos, umsonst.
Ihr Mobilgerät vibriert, eine Nachricht von der Nachbarin, hingen heute Abend zum Feiern in 'nem leerstehenden Haus ab, solle sie verbeikommen, sie abholen? Jenny lässt die Frage unbeantwortet, packt ihre Sachen zusammen. Erst mal schauen, ob Mamma was gekocht.
Einige Millimeter nach links, ein wenig mehr Neigung, nun stimmt der Bildausschnitt. Jenny drückt sich tief in den Lobbysessel hinein, die Arme abgestützt, versucht ihr Mobiltelefon zu stabilisieren. Auf dem Salontisch ein Stapel Akten, gestern erhalten, beinahe unberührt. Versucht den Papierberg abzuarbeiten, nach einer Viertelstunde drehte ihr der Kopf. Ein verstohlener Blick. Versteckt hinter der Rückenlehne startet sie die Aufnahme, sachte, flüstert in die Kamera.
«Pst, Lea, schau, hinter mir: die Eminenz. Erkennst du ihn?»
Ihr blieb das Herz stehen, als sie vor dem Forumssaal auf ihn gestoßen. Sich beim Streifzug durchs Parlamentsgebäude verirrt, durch menschenleere Säulengänge gestolpert, über Marmorböden, samtbelegte Treppen. Zwei Stunden Mittag bis zur Kommissionssitzung, was sollte sie tun in dieser Zeit? In der alten Malerbude sich das nicht einmal der Chef erlaubt. Die Eminenz sofort bemerkt. Ein alter, verkalkter Mann in edlen Nadelstreifen, stattlich, füllt den ganzen Raum, die Leute drehen sich nach ihm um, braucht den Mund nicht mal zu öffnen dafür. Gerade mal zwei Sitzgruppen hinter ihr.
«Liest gemütlich die Zeitung, als sei die Wandelhalle sein Vorgarten, als gehöre sie ihm. Dabei besitzt er schon das halbe Land. Elektrogeräte, Medikamente, Baumaschinen. Von überall protzt das Schipfer-Logo herab. Verdammter Kapitalist. Bloß bei den Waffen verzichtet er drauf, der scheinheilige Heuchler. Machte sogar in der Krise noch Profit, als einziger weit und breit.»
Gelassen blättert die Eminenz in den Nachrichten, als ginge ihn Jennys heimliche Tirade nichts an. Mit einer leichten Kopfbewegung deutet sie zu ihm rüber, rückt näher zur Kamera ran.
«Was hat der hier zu suchen, Lea? An der Übergangregierung wollte der sich ja nicht beteiligen. Sei bloß einfaches Parteimitglied. Dabei er damals fürs Umschwenken des Bundes für Freiheit und Recht verantwortlich. Weiß jeder, stand in allen Zeitungen, nicht? Hätte zum ersten Mal einen Posten innegehabt, hinstellen, sich erklären müssen. Doch das hat ein Schipfer nicht nötig. Kriegt eh, was er will, der reiche Sack!»
Raues Lachen. Bei der Eminenz zwei Männer, umschmeicheln, hofieren ihn. Mittleres Alter, Anzüge, Bürgervertreter einer anderen Fraktion. Freudig geschüttelte Hände, ein Schulterklopfen, scheinen vertraut. Schipfer steckt den zweien eine schmale Mappe zu. Jenny kurz abgelenkt, bemüht sich nicht umzudrehen. Schluckt ihre Neugier hinunter, fährt leise fort.
«Ich hör dich bis heute toben, Lea. Der Schipfer meine, er könne die Revolution kaufen, doch da irre er sich. Dass der und seine neoliberale Fascho-Partei zur Revolution überlaufen ein Desaster, eine unheilige Allianz! Würdest das verhindern, auch wenn es das Letzte, was du tust. Tja Lea, hast du leider nicht geschafft.»
Zieht ihre Mundwinkel nach oben. Unheilige Allianz. Ein kurzes Schmunzeln. Eine Zeit lang Leas Lieblingswort. Irgendwo aufgeschnappt, dann alles darunter abgestempelt. Unzertrennliche Pärchen, verhasste Bands, scheußlichen Fraß. Jenny nie ganz sicher, ob Lea kapiert, was der Begriff wirklich meint.
«Diese Ruhe, irgendwie unheimlich, nicht? Da hinten macht’s sich die Eminenz bequem, keine Absperrungen, Nix und alle tun so, als ob es normal. Der Macht noch nie so nah, krieg Gänsehaut, echt. Du würdest nun Eier schmeißen, Parolen schreien, bestimmt... Was macht er jetzt? Der schaut rüber. Scheiße, kommt der etwa hierher?»
Jenny bricht die Aufnahme ab, hastig, steckt ihr Handy ein. Packt ihre Akten, in Panik, als würde sie die studieren. Wenig später steht die Eminenz vor ihr, streckt ihr die Hand entgegen, auffordernd, bestimmt. Schipfer. Er nehme an, sie wisse, wer er sei. Ihr Puls rast. Starrt aus ihrem Sessel zu ihm empor, unter Schock, unfähig aufzustehen, greift nach der Pranke über ihrem Kopf. Sein Händedruck fest, kontrolliert. Frau Wendling, wenn er sich richtig entsinne. Jenny nickt eifrig, baff, dass der Schipfer ihren Namen kennt.
Habe ihr gar noch nicht zur Loswahl gratuliert, sie möge die Nachlässigkeit entschuldigen, würde es gerne nachholen. Jetzt ihre zweite Woche, richtig? Unsicher schaut Jenny zur Seite, nicht bereit zu diesem Gespräch. Einige Meter entfernt Schipfers Leibwächter, ihn bis jetzt übersehen, diskret im Hintergrund. Dabei fühlt sie sich allein vom hünenhaften Industriellen vor ihr bedroht, sein wohlwollendes Gehabe macht das nicht wett.
Der Betrieb hier, schon beeindruckend. Habe sie sich ein wenig eingelebt? Dauere überall ein paar Jahre, bis man wirklich sattelfest. Dürfe sich nicht entmutigen lassen. Wenn sie es richtig anstelle, bliebe sie achtzehn Jahre in diesen Hallen. Wer weiß, ob er dann noch hier. Trotzige Antworten sammeln sich in Jenny Hinterkopf. Solle sich verziehen, sie nicht einlullen, beiße am besten gleich morgen ins Gras. Bis zu ihrer Zunge schaffen es die Sätze nicht, dafür ein schüchternes Lächeln, versucht es abzustellen, bringt’s nicht weg.
Die Stimmung in den Gängen, hätte sich verändert, viel lebhafter direkter, ausgelassener mit all den Jungen, Weibern, Lohnempfängern. Schipfer hebt die Nase, als könne er den neuen Wind riechen. Wäre seiner Zeit nie denkbar gewesen. Eigentlich erfrischend, finde sie nicht? Das Forum Jenny bisher nicht allzu spaßig erschienen, stimmt trotzdem murmelnd zu, unsicher, was das Ganze hier soll. Sie zwei tatsächlich Verbündete auf Seiten der Revolution? Diese Vorstellung, schüttelt, zerreißt sie, hält sie fast nicht aus.
Dürfe er ihr einen Rat geben? Für in ein paar Jahren, wenn die Gemäuer nicht mehr so überwältigend, sie beinahe erdrücken. Müsse ihn ja nicht befolgen, wenn sie nicht wolle. Ohne zu fragen, setzt sich die Eminenz auf den Sessel neben ihr. Der Duft von Tabak, Pfeffer, Leder – ihr Nonno roch genauso, sie ebenfalls mit Ratschlägen, Weisheiten eingedeckt. In dem ganzen Spiel hier gehe es nicht um sie, solle sich das hinter die Ohren schreiben. Das Wohl des Landes stehe immer im Vordergrund, solle dies nie vergessen, aus den Augen verlieren. Geschehe schneller als sie sich vorstellen könne. Seien schon viele wie Könige durch diese Räume stolziert, um nach der nächsten Kurve ungebremst auf der Nase zu landen. Könne ihm glauben.
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