Ein Seufzen, Silvias flache Hand knallt auf den Tisch, müsse die Herrschaften leider unterbrechen, bevor der Startschuss ganz ruiniert. Jenny zuckt zusammen, ihre Gedanken brodeln, gerade Dres grilliert. Dieses arrogante Getue, was erreicht er damit? Ein sanftes Ächzen, ihre Sitznachbarin stützt sich auf dem Tisch ab, steht ruhig aber entschlossen auf. Wäre zwar nicht ihr Job, doch möchte sie allen hier zur Loswahl gratulieren. Die Vereidigung zur Bürgervertreterin und zum Bürgervertreter der neugegründeten, digitalen Republik Graatland ein Stück Weltgeschichte, eine Ehre, ihnen vermutlich allen bewusst. Zum ersten Mal überhaupt es ein Staat gewagt, die Gesamtheit der Bevölkerung in den Parlamenten abzubilden. Vom Einwanderer ohne Schulabschluss bis hin zur studierten, gutsituierten Spitzenmanagerin, gemäß ihrer eigenen Interessen an einen Tisch zusammengebracht. Bereits jetzt eine einmalige Leistung eines solidarischen, zukunftsorientierten Landes, Verdienst der Bewegung, auf die sie stolz sein dürften, auch wenn von ihnen keiner zu Häuptling Dados engsten Vertrauten zähle.
Silvia schaut in die Runde, herausfordernd, ihre alte, karge Stimme bestimmt, verwehrt jeden Widerspruch. Die Revolution mit dem heutigen Tag erfolgreich zu Ende gebracht, die Politik könne sich nun Dringenderem zuwenden: Arbeitsplätze, Krankenhäuser, Armutsbekämpfung, Katastrophenschutz. Dazu brauche es motivierte, unabhängige Leute, keine Wächter der Bewegung. Sie vier müssten sich nun um das Getriebe des neuen Systems kümmern, die Feineinstellung, das Schmiermittel. Dies ihre Aufgabe, freue sich darauf. Und da sie schon dabei sei: Silvia, Rentnerin und Altparlamentarierin aus Spalenberg. Setzt sich, eine Handbewegung zu Severin, solle fortfahren, gäbe für die nächsten Tage sicher noch einiges vorzubereiten.
Trommelwirbel, ein Jubelschrei. Jenny konnte es sich nicht verkneifen, Mersad setzt in den Beifall mit ein. Silvias Ansprache sie kurz vor ´nem Loch in Hochstimmung katapultiert. Bilder einer Reportage steigen in ihr empor. Übers Wochenende auf dem Staatssender reingezogen, zur Einstimmung auf ihren neuen Job. Die Vielfalt des neuen Bürgerforums: Die erste schwarze Frau im nationalen Parlament, zweimal in Lokalwahlen angetreten, ohne Erfolg. Der zweiundachtzigjährige Berghirte, vor Jahrzehnten zuletzt außerhalb seines Heimattals. Die Trans-Künstlerin kurz vor der Operation. Kann es kaum erwarten die alle zu treffen, mit ihnen zusammenzuarbeiten, nach dieser Rede erst recht nicht.
Dreimal in die Hände geklatscht, dankt Severin Silvia für ihre Worte, hätte es nicht besser sagen können. Jenny prustet kurz auf, verschluckt sich, beinahe ein Hustenanfall. Zu den Kommissionen: Mersad in den letzten zwei Jahren einige Erfahrungen gesammelt, Beziehungen geknüpft, daher für die eigene Kommission gesetzt. Trete dort für die Beteiligung sämtlicher Bevölkerungsschichten am politischen Entscheidungsprozess ein. Dres an seiner Seite, er aus dem Informatikbereich, kenne sich mit den technischen Möglichkeiten, all den Kooperationsprogrammen sicherlich bestens aus. Mit Silvia bereits geredet, knüpfe in der Kommission für Lohngerechtigkeit an ihre frühere politische Tätigkeit an. Da Jenny ihm nicht geantwortet, Severin zeigt auf sie, er sie nun der Umweltkommission zugeteilt. In ihrer eigenen Kommission acht Vertreter anderer Fraktionen, was zeige, dass die digitale Gemeinschaft auch über die Interessensgrenzen hinaus Unterstützung finde, wobei ...
Worauf sie nicht geantwortet? Etwas verpasst? Jenny aufgeschreckt, verdattert, wischt sich durch den Nachrichtenverlauf. Sich Severin gar nicht angeschlossen, verdammt, holt es schleunigst nach, nicht mitgekriegt, dass er Teil der Fraktion. Silvia lehnt sich zu ihr rüber, solle nicht aufm Telefon herumdrücken, flüstert ihr ins Ohr, ob sie mitbekommen, dass die Herren sich gerade die besten Posten zugeschanzt. Sie mir ihrer Zuteilung ja zufrieden, aber für Jenny letzte Gelegenheit zu protestieren.
Das mit den Kommissionen, wie funktioniere das? Ihr Einwurf wie ferngesteuert, reist Severin aus seinem Redefluss. Jenny unklar, was genau ihr Plan, schiebt ein Sorry nach. Die Kommissionen seien die zweite Dimension in der Parlamentsstruktur, müßig schreitet ihr Sekretär zu ihr hin, wie ein Lehrer kurz vor der Pension. Dort die Geschäfte behandelt, in der Fraktion bloß der Austausch unter Gleichgesinnten, nicht identisch, obwohl dasselbe Thema im Namen. Ihre Kommission mit zehn Vertretern eher klein, dem Innenministerium unterstellt. Darin jeweils die Hälfte der Fraktion vertreten, bis maximal zu einer Sperrminorität von dreiunddreißig Prozent, an der Sommeruni ihr das bestimmt jemand erklärt. Er schaut sie an, als wär sie 'ne beschränkte Göre. Am liebsten würde Jenny ihn nachäffen, kann sich knapp beherrschen. Sie vertrete nun die Anliegen der digitalen Gemeinschaft im Umweltbereich, eines ihrer angegebenen Interessen. Könne jetzt noch Einspruch erheben. Silvia stupft sie in die Seite, Jenny schaut zu ihr rüber, schüttelt den Kopf. Naturschutz eine tolle Sache, greifbar, konkret, möchte nicht wählerisch, zimperlich erscheinen, am ersten Tag. Nein? Severin dreht sich ab. Weniger kompliziert als es sich anhöre, würde es in zwei, drei Tagen bestimmt kapieren.
Wenden sich den Eckdaten der nächsten Wochen zu. Da das Telefon bereits in den Händen, prüft Jenny kurz ihr Profil, sich noch nicht viel getan seit dem ersten Eintrag. Einige Unterstützer aus Sinterlingen, Freundinnen, Mamma, die beiden Großen, ein paar Bürgervertreter, in den letzten drei Monaten kennengelernt, die großen Massen sich ihr noch nicht angeschlossen, beruhigend irgendwie. Für ihr Video an Lea ein Dutzend grüne Häkchen, dazu ein paar Fotos aus der Sommeruni, in denen sie markiert. Bleibt an ihrem Portrait kleben. Wurden alle beim selben Fotograf vorbeigeschickt, in einer Viertelstunde vielleicht hundert Aufnahmen, mit Stylistin und so. Gab noch nie ein solch bezauberndes Bild von ihr, das Lächeln, die Haare, das Licht perfekt, trotzdem meilenweit entfern von ihr, das ist nicht sie. Als hätten die eine Hülle kreiert, in die sie nun hineinwachsen soll. Keine Ahnung, ob sie das schafft, überhaupt will.
Zu guter Letzt empfehle er ihnen, in der nächsten Zeit die Schaltzentrale aufzusuchen. Bei dem Stichwort Jennys Aufmerksamkeit schlagartig wieder bei Severin. Von dort aus die große Aktion, sämtliche Kundgebungen und Verhandlungsgespräche koordiniert, ein historischer Ort. Nun träfen sich die Arbeitsgruppen der Bewegung dort. Die Idee, dass sich daraus eine Denkfabrik für die Fraktion entwickle, die Finanzierung aber so eine Sache und basisdemokratische Organisationen nun mal nicht ganz so schnell. Er hebt vielsagend die Augenbrauen. Gebe offene Abende, jeden Donnerstag, ein Besuch lohne sich, schon der Vernetzung wegen. Aber jetzt Zeit für ihre Vereidigung, danach ein großes Bankett, eventuell schaue Dado noch vorbei, man sehe sich sicherlich.
Sie müsse Jenny sein, sie gleich erkannt, vom Profilfoto auf der Bürgerplattform. Jenny blickt von ihrem Mobilgerät auf. Über ihr eine Bewegte, hochgewachsen, die wilden blonden Locken zu einem strengen Knoten gebunden. Streckt ihr die Hand entgegen, zieht sie lächelnd hoch. Ja, ähm, hallo. Jenny stottert, fühlt sich ertappt, streicht sich verlegen über die Schulter, den Oberarm. Hätte versucht Empfang und Galerie auf ein Foto zu bringen, daher hier herumgekauert, in der Ecke, auf dem Boden, nicht rumspioniert, bestimmt nicht. Niemand sie bemerkt, von ihr Notiz genommen, als Jenny vorhin die Schaltzentrale betreten, sich daher still umgeschaut. Die staatlichen Apparate leider ohne Weitwinkelfunktion.
Moira, stellt sich die Bewegte vor, könne sie gerne herumführen. Donnerstags eh offene Tür, in Erinnerung an die wöchentlichen Sitzstreiks, damals nach der großen Aktion. Habe sich ihr angeschlossen, gerade als die Plattform aufgeschaltet, die Fraktion für digitale Gemeinschaft ja quasi Teil der Bewegung, nicht? Jenny folgt Moira durch den Eingangsbereich, vorbei an der zusammengewürfelten Lounge-Ecke, der selbstgezimmerten Theke. Toll, dass sie in der ersten Woche vorbeikäme, habe sicher ein volles Programm. Sie es am Dienstag knapp zur Vereidigung geschafft, der letzte Platz auf der Besuchertribüne, im Verkehr stecken geblieben. Das Ereignis des Jahres, hätte es sich nie verziehen, wenn sie das verpasst. Die Stadt seit Jahren am verfallen, sage sie ihr, zum Glück nun Besserung in Sicht. Die Eröffnungsrede leider zu langfädig, einschläfernd, emotionslos, komme davon, wenn man den Staatssekretär zum Übergangspräsidenten erklärt. Dado hätte das besser gemacht. Sie ihn schon kennengelernt, nein?
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