»Was wird sich zeigen?«
»Sehr geistreich«, sagte Frost. »Also gut. Hier ist noch etwas, über das Ihr Euch den Kopf zerbrechen könnt: Stelmach scheint ziemlich sicher zu sein, daß die Schläfer genetisch manipulierte Lebewesen sind. Daraus folgt zwingend, daß man sie mit einer besonderen Absicht geschaffen hat. Oder zumindest als Waffe gegen einen bestimmten Feind. Was könnte Eurer Meinung nach so gefährlich, so tödlich sein, daß Wesen wie die Schläfer erschaffen werden mußten, um dagegen zu kämpfen? Und weiter: Wartet dieser Feind noch irgendwo dort draußen darauf, daß wir über ihn stolpern?«
Schwejksam musterte sie für einen Augenblick. »Ich weiß wirklich nicht, warum ich Euch noch immer mit mir herumschleppe, Investigator. Ihr könnt richtig deprimierend sein, wenn Ihr es Euch in den Kopf setzt.«
Frost nickte ruhig. »Eines meiner größten Talente.«
KAPITEL SIEBEN
EINE HOCHZEIT
Es war heiß im grellen Licht der Arena, aber so war es immer.
Der Maskierte Gladiator lag auf dem Rücken im blutigen Sand und blickte zu dem Engel hinauf, der mit ausgestreckten Flügeln über ihm schwebte, und er fragte sich, ob dies der Tag war, an dem er schließlich sterben würde. Er rollte sich zur Seite und stöhnte vor Anstrengung. Die Klauenfüße des Engels verfehlten ihn nur um Zentimeter, als das Wesen einen neuen Angriff startete. Der Maskierte Gladiator kam unsicher auf die Beine und hob erneut sein Schwert. Leidenschaftslos musterte er den Engel. Wer immer das Wesen genetisch manipuliert hatte – er mußte sich eine ganze Menge Gedanken dabei gemacht haben. Die weiten, gefiederten Schwingen und ein Hauch von Psychokinese ermöglichten ihm einen mühelos scheinenden Flug, was bedeutete, daß das Wesen mit unglaublicher Geschwindigkeit aus allen möglichen Lagen angreifen konnte. Die Klauen an seinen Händen und Füßen waren lang und geschwungen und stark genug, um das Kettenhemd des Maskierten Gladiators zu zerreißen. Und sie waren mehr als ausreichend, um ihn mühelos aufzuschlitzen oder seine Kehle zu durchtrennen, wenn er auch nur einen winzigen Augenblick lang nicht auf seine Deckung achtete. Der Maskierte Gladiator beobachtete, wie die Silhouette des Engels durch die Luft der Arena glitt, eine Luft, die so heiß und trocken war, als stammte sie direkt aus der Hölle selbst. Der Engel umkreiste ihn unablässig und stieß immer wieder auf den Gladiator hinab; dabei hielt er sich stets außer Reichweite des Schwertes seines Gegners. Die Kreatur mußte einfach ermüden, so schnell wie sie sich bewegte, aber sie machte keinerlei Anstalten, ihre Angriffe zu verlangsamen oder zu verzögern. Sie schoß heran, und die von den weitgefächerten Schwingen aufgewirbelte Luft warf den Maskierten Gladiator mit brutaler Gewalt erneut in den Sand. Irgendwie schaffte er es, seine Waffe nicht zu verlieren. Er erhob sich wieder auf die Knie, doch dann kam der Engel von hinten und packte ihn mit seinen muskulösen Armen. Er trug ihn hinauf in die Luft, und sein fester Griff trieb dem Gladiator die Luft aus den Lungen. Aber wenigstens waren seine Arme noch frei. Der Sand schwebte mit schwindelerregender Schnelligkeit unter ihm vorbei. Der Maskierte wandte den Blick ab.
In seinem Nacken spürte er den stoßweisen Atem der Kreatur. Mit aller Kraft riß er den Kopf nach hinten und schlug in das Gesicht seines Widersachers. Er spürte genausosehr, wie er hörte, daß die Nase des Engels brach. Warmes Blut strömte über seinen Helm und seine Schultern, aber der Griff der Kreatur lockerte sich nicht für den Bruchteil einer Sekunde.
Allmählich begann der Maskierte Gladiator sich zu fragen, was die verdammte Kreatur mit ihm vorhatte, als er vor sich den Fahnenmast mit seiner stählernen Spitze aufragen sah.
Plötzlich wußte er Bescheid. Der Engel mußte ihn einfach nur auf den Stander fallen lassen, und alles war vorbei. Aufgespießt zu werden war ein langsamer, schmerzhafter Tod. Ihm blieben nur noch Sekunden. Der Maskierte Gladiator hatte keine Chance, seinen Widersacher hinter sich oder die Arme, die ihn umklammerten, mit einem ernsthaften Hieb seines Schwertes zu treffen. Das ließ nur eine einzige Möglichkeit offen. Er biß die Zähne zusammen und verzog das Gesicht unter dem glatten Helm zu einer häßlichen Grimasse. Dann wechselte er den Griff um das Schwert und stieß es tief in seine eigene Seite, trieb es durch seinen Körper hindurch und auf der Rückseite wieder hinaus und in die Eingeweide des Engels hinter sich.
Das Wesen schrie schmerzerfüllt auf, und Blut schoß aus den Wunden beider. Sie fielen wie ein Stein zu Boden und krachten auf den harten Sand. Der Maskierte Gladiator schlug zuerst auf, und der Aufprall trieb die Klinge seiner Waffe noch tiefer in die Eingeweide des Engels. Das Wesen stieß ihn von sich, und er zog das Schwert mit verbissener Wut aus seiner Seite. Der Engel schrie erneut auf, und Blut floß in Strömen auf den Sand, als die beiden Kämpfenden sich voneinander wegrollten. Aber der Gladiator hatte sich die Stelle seiner Wunde mit Bedacht ausgesucht, und obwohl er schwer verletzt war und blutete wie ein abgestochenes Schwein, würde die Wunde ihn noch eine ganze Weile nicht töten. Und was zumindest im Augenblick viel wichtiger war – er konnte noch kämpfen. Der Maskierte Gladiator vertrieb den Schmerz mit jener Leichtigkeit aus seinen Gedanken, die nur lange Übung hervorbringt, und wirbelte zu den Engel herum, der zuckend im Sand lag und seine Eingeweide in der Bauchhöhle umklammert hielt. Die Flügel der Kreatur zuckten hilflos. Das Schwert des Gladiators war tief in ihre Eingeweide eingedrungen, und die Klinge hatte einen klaffenden Riß hinterlassen, als er die Waffe wieder herausgezogen hatte. Jetzt kniete der Maskierte Gladiator sich über seinen besiegten Feind, hob das Schwert mit beiden Händen und ließ es mit aller verbliebenen Kraft auf den Hals des Engels hinunterfahren. Die Klinge drang tief ein, durchtrennte die Halswirbel, und die Bewegungen des Engels verwandelten sich in ein konvulsivisches Zucken.
Der Maskierte Gladiator blickte auf die Kreatur herab. Sein blutiges Grinsen blieb hinter seinem glatten Helm verborgen.
Der Engel war nicht mehr länger eine Gefahr für ihn. Trotzdem trennte er ihm den Kopf ab – man konnte nie wissen –, bevor er sich unsicher auf die Beine erhob. Er hielt den Kopf seines Gegners hoch und zeigte ihn triumphierend den Zuschauern. Das schöne Gesicht der Kreatur war eine Fratze des Entsetzens, und rotes Blut floß aus dem Hals am Arm des Gladiators hinab. Es fühlte sich warm und klebrig an. Langsam drehte der Maskierte Gladiator sich mit seiner Trophäe im Kreis, und die Menge begann zu toben. Sie jubelten und klatschten und trommelten begeistert, als der abgetrennte Kopf in einer Großaufnahme auf dem gewaltigen Bildschirm über der Arena zu sehen war.
Der Maskierte Gladiator verbeugte sich dankend und stolperte, als sein Kopf sich plötzlich seltsam leicht anzufühlen begann. Genug Schau für die Massen. Es war Zeit, so schnell wie möglich aus der Arena zu verschwinden, solange er das noch aus eigener Kraft konnte. Es würde seinem Ansehen nicht guttun, wenn er auf einer Bahre hinausgetragen werden müßte. Er konnte nicht fühlen, wieviel Blut er verlor, aber er sah es an seinem Bein herabströmen und in den Sand sickern.
Er setzte sich in Richtung des nächstgelegenen Ausgangs in Bewegung, und die Benommenheit wuchs mit jedem weiteren Schritt. Seine Hand umklammerte unverwandt den Kopf des besiegten Gegners. Vielleicht würde er ihn ausstopfen lassen und an die Wand hängen.
Die Menge jubelte noch immer, während der Maskierte Gladiator davonstapfte, ein großer, geschmeidig muskulöser Mann ohne Wappen oder Abzeichen auf der Rüstung und mit einem anonymen Stahlhelm auf dem Kopf, der sein Gesicht verbarg. Ein Geheimnis, das in ein Rätsel verpackt war. Viele waren bereit, ein kleines Vermögen zu zahlen, wenn sie dafür in das Gesicht hätten sehen dürfen, das sich unter dem glatten Helm verbarg, aber noch mehr erfreuten sich an dem Geheimnis um seine Person und griffen zu allen Mitteln, damit er es bewahrte, selbst vor den persönlichen Agenten der Imperatorin.
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