Und schließlich war da noch Athos Kartakis. Ein kleiner und dunkelhäutiger Mann mit strahlendem Lächeln und einem Temperament, das in einer Sekunde vom hellsten Tag zur finstersten Nacht umspringen konnte. Er sammelte Beleidigungen und betrachtete Duelle als Sport. Er akzeptierte nie das erste Blut als Siegbedingung, sondern war stets auf den Tod des Gegners aus. Die Leute achteten meist sorgfältig auf das, was sie in Gesellschaft des jungen Lord Kartakis sagten.
Sein Clan war nie mehr gewesen als ein eher kleines Haus und hatte das Geld seit Generationen schneller ausgegeben, als es hereinkam. Kartakis hatte viele Schulden geerbt und sich unverzüglich darangemacht, eigene hinzuzufügen. Die Gläubiger vergaßen ihre Rechnungen auch lieber, als das Risiko eines Duells einzugehen, aber trotzdem kannte alle Welt die tatsächliche Lage, und Kartakis wußte seinerseits, daß alle anderen sie kannten. Das Abkommen, das der Schwarze Block mit Ohnesorg geschlossen hatte, war der letzte Sargnagel gewesen. Man nehme Kartakis die Lordschaft, und es blieb nichts. Als Geschäftsmann hätte er nie überlebt. Sei es auch nur, weil er sich so viele Feinde in der Geschäftswelt gemacht hatte. Und so verpfändete er das, was von seiner Seele übrig war, an Valentin.
Valentin betrachtete seine Leute, wie sie herumspielten, und dachte voller Vorfreude an den Tag, an dem er sie nicht mehr benötigte und sie auf langsame und interessante Weise töten konnte. Er hatte gerade damit begonnen, die Methoden zu numerieren und sich für die Lieblingsmethode zu entscheiden, da läutete der Bildschirm an der Wand höflich. Valentin zog eine aufgemalte Braue hoch. Er hatte dem Dienstpersonal zu verstehen gegeben, daß er beim Essen auf keinen Fall gestört zu werden wünschte, es sei denn, es lag ein wichtiger Notfall vor, und nachdem er einen Lakaien von der Hüfte abwärts hatte häuten lassen, hatten sie die Lektion verstanden und gehorchten seinen Anweisungen buchstabengetreu. Also nahm er den Anruf entgegen und wies seine Kumpane an, still zu sein. Auf dem Bildschirm tauchte dieser finstere Fettkloß auf, der ehemalige Lord Gregor Shreck. Der Shreck saß hinter einem häßlichen, aber funktionellen Holztisch voller Papiere und Berichte. Er nickte Valentin kurz zu, was seine größte Annäherung an höfliches Verhalten war, und kam zur Sache, ohne weitere Umstände zu machen.
»Ihr steckt in Schwierigkeiten, Wolf. Das Parlament hat eine Einsatzgruppe geschickt, die untersuchen soll, was Ihr auf Virimonde im Schilde führt.«
»Tatsächlich?« fragte Wolf, ungerührt wie immer. »Und wie groß genau ist die Armee, die es entsandt hat?«
»Es ist etwas Schlimmeres als eine Armee. Es hat den Todtsteltzer und D’Ark geschickt.«
Die drei Aristokraten sahen einander kurz an und plapperten bestürzt los. Valentin gab ihnen mit einem Wink zu verstehen, daß sie ruhig sein sollten, und sie waren es. Der Wolf lächelte den Shreck bedächtig an, und der breite scharlachrote Spalt breitete sich über das totenhafte Gesicht aus. »Der liebe Owen.
Ich freue mich schon die ganze Zeit so darauf, ihm zu begegnen. Ich kann gar nicht erwarten, seine Meinung zu dem zu erfahren, was ich aus seinem alten Zuhause gemacht habe.
Wann kann ich mit dem illustren Helden und seiner kriegerischen Begleiterin rechnen?«
»Verdammt, er und das Miststück sind wahrscheinlich schon gelandet. Meine Verbindungen sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Nachrichten brauchen heute länger, bis sie mich erreichen.«
»Der Todtsteltzer kann nicht hier sein«, meinte der Kartakis.
»Die Sicherheitssysteme hätten sein Schiff vernichtet. Oder die Sensoren hätten uns gewarnt…«
»Seid nicht albern«, versetzte Valentin. »Wir sprechen hier über Owen Todtsteltzer.« Er wandte sich wieder dem Shreck zu. »Habt Ihr ansonsten bei Euch noch alles im Griff?«
»Natürlich. Liefert Ihr nur das Produkt. Ich habe arrangiert, daß es auch befördert wird.« Gregor runzelte betrübt die Stirn.
»Hätte nie erwartet, noch mal als Drogenkurier arbeiten zu müssen.«
»Ich hätte gedacht, eine solche Beschäftigung wäre geradezu ideal für Euch«, warf der Silvestri ein, der sich müßig mit einem seiner Messer die Fingernägel schnitt. »Aber schließlich erhebt sich jeder letzten Endes auf das ihm gebührende Niveau.«
»Wenigstens bin ich nicht auf der Flucht vor dem, was heute als Justiz durchgeht!« schnauzte der Shreck. »Ich habe nach wie vor meinen Turm und meine Leute.«
»Aber Ihr seid kein Lord mehr«, stellte der Romanow fest und saugte sich zwischendurch Hühnerfett von den Fingern.
»Wir haben nicht zugelassen, daß uns der Schwarze Block und dieser Verräter Ohnesorg unser rechtmäßiges Erbe rauben.«
»Und wir werden wieder Lords sein«, sagte der Kartakis kategorisch. »Selbst, wenn wir erst jeden im Imperium töten müßten, der etwas anderes behauptet.«
»Große Worte von einem kleinen Mann«, erwiderte Gregor und wiegte sich dabei in der Gewißheit, daß der Kartakis Lichtjahre entfernt war. »Wir haben versucht zu kämpfen. Wir haben verloren. Unser einzige Hoffnung ruht jetzt auf dem Plan des Wolfs. Und Gott helfe uns, falls alles schiefgeht.«
»Falls es gelingt, mache ich Euch alle zu Göttern«, sagte Valentin ruhig. »Wir werden ruhmreich heimkehren und eine Macht erfahren, die sogar über das hinausgeht, was Löwenstein früher hatte. Aber das liegt in der Zukunft. Erzählt mir von der Gegenwart, Gregor. Wie läuft das Komplott?«
»Es wächst und gedeiht ständig«, berichtete Gregor. »Niemand ist bereit, sich öffentlich zu bekennen, aber immer mehr Aristokraten und Politiker stellen Leute und Geld bereit, um die Verwirklichung Eures Plans voranzutreiben. Niemand kann jetzt schon sagen, wie viele von ihnen aufstehen und kämpfen werden, wenn die Zeit reif ist, aber ich gebe mich auch damit zufrieden, daß sie im richtigen Augenblick untätig bleiben. Die Rebellen und ihr Schoßparlament glauben vielleicht, sie hätten die Lage im Griff, aber ihr heißgeliebtes neues System ist auf Sand gebaut.«
»Und die Sanduhr, die ihre Zeit bemißt, läuft ab«, sagte Valentin. »Wie ich doch eine gute Metapher liebe! Seid jetzt ein guter Junge, Gregor, und verschwindet. Ich muß nachdenken.
Ich muß einen passenden Empfang für den lieben Owen und die respektgebietende Hazel D’Ark vorbereiten.«
»Gebt auf Euch acht«, empfahl ihm Gregor. »Das sind keine Menschen mehr. Falls sie es überhaupt je waren. Ihr werdet kräftig hinlangen müssen, um sie zu töten.«
»Falls es einfach wäre«, sagte Valentin, »würde es keinen Spaß machen, nicht wahr? Lebt wohl, Gregor.« Er schaltete den Bildschirm aus.
»Sollen sie ruhig kommen«, sagte der Silvestri. »Wir werden schon mit ihnen fertig.«
»Wir durchaus«, sagte der Kartakis. »Was Euch angeht, bin ich mir jedoch nicht sicher.«
Carlos Silvestri lief rot an und nahm ein Messer in jede Hand. »Ich kann meinen Beitrag leisten!«
»Entspannt Euch«, empfahl der Romanow und durchwühlte die Überreste seiner Mahlzeit, nur für den Fall, daß er etwas übersehen hatte. »Mit all den Wachtposten und Sicherheitssystemen, die wir hier aufgefahren haben, könnten wir uns einer ganzen Armee erwehren, bis sie verhungert wäre.«
»In jedem anderen Fall vielleicht«, entgegnete der Silvestri.
»Aber hier haben wir es mit dem Todtsteltzer und dieser D’Ark zu tun. Ich habe Geschichten über sie gehört, über das, was sie in den Straßenkämpfen auf Golgatha geleistet haben. Jemand sagte, sie wären umgekommen und hätten sich selbst wieder zum Leben erweckt.«
»Geschichten«, sagte Athos Kartakis. »Geschichten werden immer erzählt.«
»In diesem Fall könnten sie der Wahrheit entsprechen«, meinte Valentin. »Aber macht Euch keine Sorgen, geschätzte Kameraden. Sollen sie anrücken, wie sie möchten. Sie werden hier nichts anderes als den Tod finden.« Er lachte leise über diesen kleinen Scherz. Die anderen sahen nicht so aus, als wüßten sie seinen Humor besonders zu schätzen, aber schließlich taten sie das nur selten. Valentins Sinn für Humor hatte sich verändert, sich im Takt mit seiner alchemistischen Transformation verwandelt, und entsprach nicht mehr jedermanns Geschmack. Er seufzte und stand auf, gab damit das Zeichen, daß die Tafel offiziell aufgehoben war. Er tupfte sich anmutig die scharlachroten Lippen mit einer Serviette ab und ging zur Tür hinüber. Die drei Aristokraten gaben unwillkürlich diverse Laute der Beunruhigung von sich. Valentin ließ sich Zeit, bis er sich zu ihnen umdrehte.
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