»Für einen Kuß und das Versprechen deiner Hand«, verkündete Tristran, »würde ich dir diesen Stern bringen.«
Er fröstelte. Sein Mantel war dünn, und es war klar, daß aus dem Kuß nichts werden würde, was ihn ziemlich ratlos machte. Die Helden in den Groschenromanen und Schundheften hatten nie Probleme, wenn es ums Küssen ging.
»Dann tu das«, sagte Victoria. »Und wenn du es tust, dann willige ich ein.«
»Was?« fragte Tristran.
»Wenn du mir den Stern bringst«, antwortete Victoria, »den Stern, der gerade vom Himmel gefallen ist – keinen anderen! – , dann werde ich dich küssen. Vielleicht noch mehr. Jetzt brauchst du also nicht nach Australien zu gehen, auch nicht nach Afrika oder ins ferne China.«
»Was?« fragte Tristran noch einmal.
Abermals lachte Victoria, entzog ihm ihre Hand und schickte sich an, den Hügel zur Farm ihres Vaters hinunterzulaufen.
Tristran rannte, um sie einzuholen. »Meinst du das ernst?« fragte er.
»Ich meine es genauso ernst wie du dein ganzes hochgestochenes Geschwätz von Rubinen und Gold und Opium«, erwiderte sie. »Was ist eigentlich Opium?«
»Eine Zutat im Hustensaft«, sagte Tristran. »So was wie Eukalyptus.«
»Klingt nicht sonderlich romantisch«, meinte Victoria Forester. »Aber solltest du dich nicht allmählich auf den Weg machen, mir meinen Stern zu holen? Er ist im Osten herabgefallen, da drüben.« Wieder lachte sie glockenhell. »Du dummer Ladenjunge. Du kannst doch bestenfalls dafür sorgen, daß wir die Zutaten für unseren Reispudding bekommen.«
»Und wenn ich dir den Stern bringe?« fragte Tristran leichthin. »Was würdest du mir dafür geben? Einen Kuß? Deine Hand zum Eheversprechen?«
»Alles, was du willst«, antwortete Victoria leichthin.
»Schwörst du das?« vergewisserte sich Tristran.
Unterdessen befanden sie sich nur noch hundert Meter vom Farmhaus der Foresters entfernt. Lampenlicht ergoß sich aus den Fenstern, gelb und orange.
»Selbstverständlich«, sagte Victoria und lächelte.
Der Weg zur Farm war von den Hufen der Pferde, Kühe, Schafe und den Pfoten der Hunde aufgewühlt und schlammig. Aber Tristran Thorn kniete sich in den Schmutz, ohne auf seinen Mantel und die Hose aus gutem Wollstoff zu achten. »Na schön«, sagte er.
Jetzt blies der Wind aus dem Osten.
»Hier verlasse ich dich, meine Herzensdame«, sagte Tristran Thorn, »denn ich habe dringende Geschäfte drüben im Osten zu erledigen.« Damit stand er auf, Schlamm und Dreck an Knien und Mantel, verneigte sich vor ihr und lüftete seinen Bowlerhut. Victoria lachte von Herzen über den mageren Ladenjungen, und ihr Lachen folgte ihm den Hügel hinab und in die Ferne.
Tristran Thorn rannte den ganzen Weg nach Hause. Dornen griffen nach seinen Kleidern, und ein Ast schlug ihm den Hut vom Kopf.
Atemlos und zerzaust stolperte er in die Küche des Hauses auf den westlichen Wiesen.
»Wie siehst du denn aus!« rief seine Mutter. »Also wirklich! Das ist doch nicht zu glauben!«
Tristran lächelte sie nur an.
»Tristran?« fragte sein Vater, der mit fünfunddreißig Jahren immer noch mittelgroß und sommersprossig war, auch wenn sich in seine nußbraunen Locken mehr als nur ein paar Silberhaare eingeschlichen hatten. »Deine Mutter spricht mit dir, hast du sie nicht gehört?«
»Entschuldigt, Vater, Mutter«, sagte Tristran, »aber ich werde das Dorf noch heute abend verlassen. Ich werde einige Zeit weg sein.«
»Das ist doch albern und dumm!« meinte Daisy Thorn. »So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört.«
Doch Dunstan Thorn sah den Blick in den Augen seines Sohnes. »Laß mich mit ihm reden«, sagte er zu seiner Frau. Sie sah ihn scharf an, nickte aber dann. »Nun gut«, sagte sie. »Aber wer soll den Mantel des Jungen flicken? Das möchte ich gern wissen.« Damit eilte sie aus der Küche.
Das Küchenfeuer sprühte Silberfunken und schimmerte grün und violett. »Wohin willst du gehen?« fragte Dunstan.
»Nach Osten«, antwortete sein Sohn.
Nach Osten. Dunstan nickte. Es gab zwei Arten von Osten – nach Osten ins benachbarte Land, durch den Wald, und nach Osten auf die andere Seite der Mauer. Dunstan Thorn brauchte nicht zu fragen, welchen Osten sein Sohn meinte.
»Wirst du zurückkommen?« fragte der Vater.
Tristran grinste breit. »Selbstverständlich«, antwortete er.
»Nun, dann ist es in Ordnung«, sagte sein Vater. Er kratzte sich an der Nase. »Hast du dir schon überlegt, wie du durch die Mauer kommen willst?«
Tristran schüttelte den Kopf. »Ich finde schon eine Möglichkeit«, meinte er. »Wenn nötig, kämpfe ich mich an den Wachen vorbei.«
»Nein, du wirst nichts derartiges tun«, widersprach sein Vater. »Wie würde dir das gefallen, wenn du Wachdienst hättest, oder ich? Ich will nicht, daß jemand verletzt wird.« Erneut kratzte er sich an der Nase. »Geh und pack eine Tasche zusammen, gib deiner Mutter einen Abschiedskuß, und dann begleite ich dich hinunter ins Dorf.«
Also packte Tristran seine Siebensachen. Seine Mutter brachte ihm sechs reife rote Äpfel und ein Bauernbrot und einen runden weißen Bauernkäse; die Sachen legte er obenauf in die Tasche, küßte seine Mutter auf die Wangen und sagte ihr Lebewohl. Dann wanderte er mit seinem Vater ins Dorf.
Als Tristran sechzehn geworden war, hatte er zum ersten Mal Wache geschoben. Damals hatte man ihm nur eine einzige Anweisung gegeben: Der Wachposten sollte nach Möglichkeit niemanden aus dem Dorf durch die Öffnung in der Mauer lassen. Sollte dies den beiden Wachen einmal nicht möglich sein, müßten sie Hilfe aus dem Dorf herbeiholen.
Unterwegs überlegte Tristran, was sein Vater wohl vorhatte. Vielleicht konnten sie zusammen die Wache überwältigen. Vielleicht würde sein Vater sie irgendwie ablenken, so daß Tristran ungehindert durchschlüpfen konnte. Vielleicht…
Bis sie das Dorf durchquert hatten und an der Maueröffnung ankamen, hatte Tristran in Gedanken jede Möglichkeit durchgespielt, außer der, die schließlich Wirklichkeit wurde.
An diesem Abend hatten Harold Crutchbeck und Mr. Bromios Wachdienst. Harold Crutchbeck war der Sohn des Müllers, ein stämmiger junger Mann, ein paar Jahre älter als Tristran. Mr. Bromios hatte schwarze, lockige Haare, seine Augen waren grün, beim Lächeln blitzten weiße Zähne, und er roch nach Trauben und Traubensaft, nach Gerste und Hopfen.
Dunstan Thorn ging zu Mr. Bromios, der dastand und mit den Füßen stampfte, um sie warm zu halten.
»Guten Abend, Mister Bromios. Guten Abend, Harold«, sagte Dunstan.
»Guten Abend, Mister Thorn«, antwortete Harold.
»Guten Abend, Dunstan«, antwortete Mr. Bromios. »Ich hoffe, es geht Euch gut?«
Dunstan bestätigte, es gehe ihm gut, und die beiden Männer unterhielten sich eine Weile übers Wetter, stellten einhellig fest, es sehe schlecht aus für die Bauern und würde, der Menge der Beeren an Stechpalmen und Eibe nach zu urteilen, wohl einen langen harten Winter geben.
Tristran hörte zu und fühlte sich immer verwirrter und enttäuschter, aber er biß sich auf die Lippen und schwieg.
Endlich sagte sein Vater: »Mr. Bromios, Harold – ich denke, ihr kennt beide meinen Sohn Tristran?« Nervös lüftete Tristran seinen Bowler.
Doch was nun folgte, verstand er überhaupt nicht.
»Ich nehme an, ihr wißt beide, wo er hergekommen ist«, fuhr Dunstan Thorn fort.
Mr. Bromios nickte stumm.
Harold Crutchbeck meinte, er habe Gerüchte gehört, aber darauf solle man ja nie allzuviel geben.
»Nun, diese Gerüchte entsprechen der Wahrheit«, erklärte Dunstan. »Und jetzt ist es Zeit für ihn zurückzukehren.«
»Es gibt da einen Stern…«, mischte Tristran sich ein, aber sein Vater bedeutete ihm zu schweigen.
Mr. Bromios rieb sich das Kinn und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Nun gut«, sagte er, wandte sich zu Harold um und sprach so leise mit ihm, daß Tristran ihn nicht verstehen konnte.
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