5 Pfund Reis
1 Becher Goldsirup
2 Pfund Korinthen
1 Flasche Koschenille
1 Pfund Gerstenzucker
1 Packung Rowntrees Elect
Kakao für einen Shilling
3 Dosen Oakey’s Messerpolitur
1/2 Lot Brunswick Black
1 Päckchen Swinborne’s Fischleim
1 Flasche Möbelpolitur
1 Bratenlöffel
1 Soßensieb für neun Pennys
1 Küchentretleiter
Tristran las die Liste durch und überlegte fieberhaft, worüber er ein Gespräch beginnen konnte.
Schließlich hörte er sich sagen: »Dann gibt’s bestimmt bald leckeren Reispudding, Miss Forester.« Sobald die Worte über seine Lippen gekommen waren, wußte er, daß er das Falsche gesagt hatte. Victoria schürzte ihre perfekten Lippen, blinzelte mit ihren grauen Augen und antwortete: »Ja, Tristran. Wir werden Reispudding essen.«
Dann lächelte sie ihn an und fuhr fort: »Meine Mutter sagt, daß Reispudding, in ausreichender Menge gegessen, Erkältungen, Fieber und andere herbstliche Beschwerden abwenden hilft.«
»Meine Mutter schwört auf Tapiocapudding«, gestand Tristran.
Er spießte die Liste auf den dafür vorgesehenen Metalldorn. »Die meisten Waren können wir morgen früh liefern, der Rest wird nachgereicht, sobald Mr. Monday zurück ist, Anfang nächster Woche.«
In diesem Moment fuhr ein Windstoß durchs Dorf, so heftig, daß die Fensterscheiben rappelten und die Wetterhähne sich drehten, bis sie Norden nicht mehr von Westen und Süden nicht mehr von Osten unterscheiden konnten.
Das Feuer, das im Kamin von Monday und Brown brannte, zischte und flackerte in einem Wirbel von Grün und Rot, durchsetzt von Silberfunken, wie man sie im Kaminfeuer leicht selbst erzeugen kann, wenn man eine Handvoll Eisenspäne hineinwirft.
Der Wind kam aus dem Feenland, von Osten, und Tristran fand in sich plötzlich einen Mut, von dem er nicht gewußt hatte, daß er ihn besaß. »Wißt Ihr, Miss Forester, in ein paar Minuten habe ich Feierabend«, sagte er. »Vielleicht könnte ich Euch ein Stück nach Hause begleiten. Es ist kein großer Umweg für mich.« Dann wartete er, das Herz pochte ihm bis zum Hals, während Victoria Forester ihn mit ihren grauen Augen amüsiert anstarrte. Nach einer Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, antwortete sie: »Ja, gern.«
Tristran eilte in den Salon und informierte Mr. Brown, er gehe jetzt nach Hause. Mr. Brown knurrte, wenn auch recht gutmütig, und erwiderte, als er noch jung gewesen sei, habe er nicht nur bis spät abends arbeiten und den Laden abschließen, sondern auch auf dem Boden unter der Ladentheke schlafen müssen, mit seinem Mantel als Kissen.
Tristran beteuerte, er sei sich bewußt, daß er wirklich ein Glückspilz war, und wünschte Mr. Brown eine gute Nacht. Dann nahm er seinen Mantel vom Garderobenständer und seinen neuen Bowler von der Hutablage und trat hinaus auf die Straße, wo Victoria Forester ihn erwartete.
Während sie nebeneinander hergingen, wurde aus der Herbstdämmerung dunkle Nacht. Tristran konnte den fernen Winter in der Luft riechen – eine Mischung aus Nachtnebel und frischer Dunkelheit und dem Duft gefallener Blätter.
Sie schlugen den gewundenen Pfad zur Forester-Farm ein; die Mondsichel hing weiß am Himmel, und die Sterne funkelten in der Dunkelheit über ihnen.
»Victoria?« sagte Tristran nach einer Weile.
»Ja, Tristran«, antwortete Victoria, die den größten Teil des Weges etwas geistesabwesend gewirkt hatte.
»Würdest du es unverschämt von mir finden, wenn ich dich küsse?« fragte Tristran.
»Ja«, antwortete Victoria unmißverständlich und kühl. »Sehr unverschämt.«
»Aha«, sagte Tristran.
Schweigend gingen sie den Dyties Hill empor; auf dem Gipfel wandten sie sich um und sahen unter sich das Dorf Wall liegen, schimmernd im Schein der Lampen und Kerzen, der durch die Fenster drang, warmes, gelbes Licht, das ihnen einladend zuwinkte. Über ihnen leuchteten Myriaden von Sternen, die funkelten und glitzerten und blitzten, kalt und fern und zahlreicher, als die menschlichen Sinne zu begreifen imstande waren.
Tristran nahm Victorias kleine Hand in die seine. Victoria zog sie nicht zurück.
»Hast du das gesehen?« fragte sie, über die Landschaft blickend.
»Nein, ich habe nichts gesehen«, erwiderte Tristran. »Ich habe dich angesehen.«
Victoria lächelte im Mondschein.
»Du bist die schönste Frau auf der ganzen Welt«, sagte Tristran aus tiefstem Herzen.
»Ach du«, gab Victoria zurück, aber ihre Stimme klang sanft.
»Was hast du denn gesehen?« fragte Tristran.
»Eine Sternschnuppe«, antwortete Victoria. »Ich glaube, die sind um diese Jahreszeit nicht ungewöhnlich.«
»Vicky, küßt du mich?«
»Nein.«
»Als wir jünger waren, hast du mich geküßt. Unter der Schwureiche, an deinem fünfzehnten Geburtstag. Und letztes Jahr am Maitag, hinter dem Kuhstall deines Vaters.«
»Damals war ich ein anderer Mensch«, erklärte sie. »Jetzt werde ich dich nicht küssen, Tristran Thorn.«
»Wenn du mich nicht küssen willst, heiratest du mich dann wenigstens?« fragte Tristran.
Schweigen senkte sich über den Hügel, nur das Flüstern des Oktoberwinds war zu hören. Dann durchbrach ein Laut, der wie eine helle Glocke klang, die Stille: Das schönste Mädchen der gesamten Britischen Inseln lachte herzlich.
»Dich heiraten?« wiederholte sie ungläubig. »Warum in aller Welt sollte ich dich heiraten, Tristran Thorn? Was hast du mir denn schon zu bieten?«
»Was ich dir zu bieten habe? Ich würde für dich nach Indien reisen und dir die Stoßzähne von Elefanten bringen, Perlen so groß wie dein Daumen und Rubine so groß wie Zaunkönigeier.
Ich würde für dich nach Afrika gehen und dir Diamanten bringen, so groß wie Krickettbälle. Ich würde für dich die Quelle des Nils finden und nach dir benennen.
Ich würde für dich nach Amerika fahren – bis nach San Francisco, zu den Goldfeldern, und ich würde nicht eher zurückkommen, als bis ich dein Gewicht in Gold zusammen hätte. Das würde ich dir dann zu Füßen legen.
Ich würde auch ins ferne Nordland aufbrechen, wenn du es wolltest, und die mächtigen Eisbären töten, um dir ihre Pelze zu schenken.«
»Ich finde, das klang alles recht gut«, meinte Victoria Forester, »bis auf die Stelle mit dem Eisbärentöten. Doch wie dem auch sei, kleiner Ladenjunge und Farmersohn; ich werde dich nicht küssen, und ich werde dich auch nicht heiraten.«
Tristrans Augen blitzten im Mondlicht. »Ich würde für dich nach China reisen und dem Piratenkönig seine riesige Dschunke wegnehmen und zu dir bringen, beladen mit Jade, Seide und Opium.
Ich würde nach Australien gehen, auf die andere Seite der Erde, und dir… Hmm, ja, was würde ich dir bringen?« In Gedanken ging er die Groschenromane durch, die er gelesen hatte, und versuchte sich krampfhaft daran zu erinnern, ob einer der Helden in Australien gewesen war. »Ein Känguruh«, rief er schließlich. »Und Opale«, fügte er hinzu. Er war ziemlich sicher, daß es in Australien Opale gab.
Victoria Forester drückte seine Hand. »Und was sollte ich mit einem Känguruh anfangen?« fragte sie. »Jetzt müssen wir aber weiter, sonst fragen sich meine Eltern, wo ich so lange bleibe, und ziehen womöglich falsche Schlüsse. Denn ich habe dich nicht geküßt, Tristran Thorn.«
»Küß mich«, flehte er. »Ich würde alles für dich tun, jeden Berg würde ich erklimmen, jeden Fluß durchwaten, jede Wüste durchqueren.«
Mit einer Handbewegung umschloß er das Dorf Wall unter ihnen und den Nachthimmel über ihnen. Im Sternbild des Orion, tief am östlichen Horizont, blitzte ein Stern, funkelte und fiel.
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