Für Kahlan war es das ermutigende Zauberzeichen ihrer Kindheit, einer Zeit, als die Zauberer Spiele mit ihr spielten, sie kitzelten oder durch die Korridore der Burg der Zauberer jagten, während sie vor Vergnügen quiekte. Manchmal erzählten sie ihr Geschichten, bei denen ihr vor Staunen der Atem stockte, während sie sicher und geborgen auf ihrem Schoß saß.
Vor dem Beginn ihrer harten Ausbildung hatte es eine Zeit gegeben, als sie noch Kind sein durfte. Mittlerweile waren alle diese Zauberer tot; bis auf einen hatten alle ihr Leben geopfert, um sie in ihrem Bemühen zu unterstützen, die Grenze zu überqueren und Hilfe für den Kampf gegen Darken Rahl zu finden. Dieser eine hatte sie verraten. Es hatte jedoch eine Zeit gegeben, als sie ihre Freunde waren, ihre Spielgefährten, ihre Onkel, ihre Lehrer, diejenigen, auf die sie ihre ganze Verehrung und Liebe richtete.
»Das habe ich schon mal irgendwo gesehen«, meinte Cara, nachdem sie die Zeichnung auf dem Boden kurz aufmerksam betrachtet hatte. »Darken Rahl hat es manchmal gezeichnet.«
»Man nennt es eine Huldigung«, erläuterte Kahlan.
Der Wind hob das Rechteck aus derbem Tuch vor dem Fenster an, und das grelle Gleißen eines Blitzes fiel auf die auf den Erdboden gezeichnete Huldigung.
Richard öffnete den Mund, zögerte dann aber und behielt seine Frage für sich. Er betrachtete das Huhn, das neben dem in die hinteren Räume führenden Fellvorhang auf dem Boden herumpickte.
Er gestikulierte. »Cara, öffnet bitte die Tür.«
Sie riß sie auf, und Richard versuchte, das Tier mit den Armen fuchtelnd hinauszuscheuchen. Das Huhn wollte ausweichen, schoß flügelschlagend und mit fliegenden Federn mal hier-, mal dorthin und weigerte sich, das Zimmer bis zur offenen Tür zu durchqueren und sich in Sicherheit zu bringen.
Richard, die Hände in den Hüften, hielt inne und blickte verwundert auf das Huhn hinab; schwarze Musterungen im weißbraunen Gefieder verliehen ihm einen verwirrenden Streifeneffekt. Das Huhn protestierte lauthals, als Richard sich behutsam in Bewegung setzte und den verwirrten Vogel mit angedeuteten Fußtritten durch das Zimmer scheuchte.
Als es die Zeichnung auf dem Fußboden erreichte, stieß es einen Schrei aus, schlug in neuerlich erwachter Panik mit den Flügeln, brach seitlich aus und rannte an der Zimmerwand entlang und schließlich zur Tür hinaus. Es war die erstaunliche Darbietung eines Tieres, das zu verängstigt war, auf geradem Weg zu einer weit offen stehenden Tür zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen.
Cara schloß hinter ihm die Tür. »Wenn es ein Tier gibt, das dümmer ist als ein Huhn«, meckerte sie, »dann hab ich es noch nicht gesehen.«
»Was soll dieser Lärm?« war eine altbekannte Stimme zu vernehmen.
Sie gehörte Zedd, der aus der in die hinteren Zimmer führenden Tür trat. Er war größer als Kahlan, allerdings nicht so groß wie Richard – in etwa so groß wie Cara, wenn auch sein dichter Schopf aus krausem, weißem Haar, das wirr in sämtliche Richtungen abstand, den Anschein nicht vorhandener Größe vermittelte. Ein schweres, kastanienbraunes Gewand mit schwarzen Ärmeln und von einer Kapuze bedeckten Schultern verstärkte den Eindruck, daß sein knochendürrer Körper massiger wirkte, als er tatsächlich war. Drei Silberbrokatstreifen säumten die Manschetten seiner Ärmel. Schwererer Goldbrokat lief um den Kragen herum und an der Vorderseite herunter. Ein roter, mit einer Goldschnalle besetzter Samtgürtel raffte sein Gewand an der Hüfte.
Früher hatte Zedd stets bescheidene Kleidung getragen; für einen Zauberer seines Ranges und seiner Machtbefugnis war dieser Aufzug äußerst bizarr. Auffällige Kleidungstücke kennzeichneten jemanden, der die Gabe besaß, als Anfänger. Jemanden, der die Gabe nicht besaß, wiesen solche Kleider mancherorts als Angehörigen des Adels aus, und praktisch überall als reichen Kaufmann, daher hatten sie sich, obwohl Zedd grelle Kleidung zuwider war, als wertvolle Tarnung erwiesen.
Richard und sein Großvater umarmten sich herzlich. Die beiden lachten vor Freude darüber, wieder vereint zu sein; sie hatten lange darauf warten müssen.
»Zedd«, sagte Richard, den anderen auf Armeslänge von sich haltend und offenbar über den Aufzug seines Großvaters noch erstaunter als Kahlan, »wo hast du nur diese Kleider her?«
Zedd drehte die goldene Schnalle mit Hilfe seines Daumens so, daß er sie prüfend betrachten konnte. Seine haselnußbraunen Augen funkelten. »Es ist die goldene Schnalle, hab ich recht? Wirkt sie vielleicht ein wenig übertrieben?«
Ann schob das schwere Fell zur Seite, das vor der Tür hing, und tauchte darunter hindurch. Sie wirkte klein und etwas untersetzt und trug ein schmuckloses dunkles Wollkleid, das kennzeichnend war für ihre Machtbefugnis als Führerin der Schwestern des Lichts – Hexenmeisterinnen aus der Alten Welt, unter denen sie allerdings die Illusion geschürt hatte, sie sei getötet worden, um so die Freiheit zu haben, wichtigen Angelegenheiten nachzugehen. Sie wirkte genauso alt wie Zedd, Kahlan wußte jedoch, daß sie sehr viel älter war.
»Schluß mit deiner Angeberei, Zedd«, meinte Ann. »Wir haben zu tun.«
Zedd warf ihr einen finsteren Blick zu. Kahlan sah, wie ein ebenso finsterer Blick zu ihm zurück wanderte, und fragte sich, wie die beiden es geschafft hatten, gemeinsam zu reisen, ohne daß mehr als nur verbal die Funken geflogen waren. Kahlan hatte Ann erst tags zuvor kennengelernt, Richard allerdings schätzte sie sehr, trotz der Umstände, unter denen er sie kennengelernt hatte.
Zedd musterte Richards Anzug. »Ich muß schon sagen, Junge, du siehst selber auch ziemlich prächtig aus.«
Richard war Waldführer gewesen und hatte stets einfache Kleidung getragen, daher hatte Zedd ihn noch nie in seinem neuen Gewand gesehen. Den Anzug seines entfernten Vorgängers hatte er größtenteils in der Burg der Zauberer gefunden. Offenbar hatten früher nicht alle Zauberer schlichte Gewänder getragen, möglicherweise als Vorwarnung.
Die Schäfte von Richards schwarzen Stiefeln waren mit Lederriemen umwickelt, in denen mit geometrischen Mustern verzierte Silberembleme steckten, darunter verbargen sich schwarze Wollhosen. Über einem schwarzen Hemd trug er einen schwarzen, an den Seiten offenen Waffenrock, der mit Symbolen verziert war, die sich entlang eines goldenen, um den gesamten, rechtwinklig ausgesparten Saum herumlaufenden Bandes zogen. Sein breiter, mehrlagiger Ledergürtel raffte den prunkvollen Waffenrock an der Hüfte. Der Gürtel war mit weiteren Silberemblemen besetzt und besaß an jeder Seite einen golddurchwirkten Lederbeutel; am Gürtel war auch eine kleine, lederne Geldbörse eingehakt. An beiden Handgelenken trug er breite, ledergepolsterte Silberreifen aus miteinander verbundenen Silberringen, auf denen sich weitere jener seltsamen Symbole befanden. Auf seinen breiten Schultern prangte jenes Cape, das an nichts so sehr erinnerte wie an gesponnenes Gold.
Auch ohne sein Schwert wirkte er auf den ersten Blick edel und furchteinflößend. Königlich und tödlich. Er sah aus wie jemand, der Königen Befehle erteilte, und wie eine Verkörperung jenes Namens, der ihm in den Prophezeiungen gegeben worden war: der Bringer des Todes.
Trotz alledem wußte Kahlan, daß er noch immer jenes gütige und großzügige Herz besaß, das ihm schon als Waldführer eigen gewesen war. Statt alles andere seiner Wirkung zu berauben, unterstrich seine ungekünstelte Ernsthaftigkeit dies noch.
Sein furchteinflößendes Aussehen war ebenso begründet wie in vielerlei Hinsicht irreführend. Richard zeigte sich zwar zielstrebig und leidenschaftlich im Kampf gegen ihre Feinde, Kahlan kannte ihn aber auch als durch und durch liebenswürdigen, verständnisvollen und freundlichen Menschen. Nie war sie einem faireren oder geduldigeren Mann begegnet; sie hielt ihn für einen einzigartigen Menschen.
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