Ann fuhr während dieser Nächte. Sie erzählte nie jemandem von dem Moment der Unaufmerksamkeit am Steuer. Sie kam auch nie wieder dicht daran, es wieder zu tun. Sie blieb verzweifelt konzentriert, biss sich in die Unterlippe, bis sie blutete, und vergaß alles außer dem, was in den Lichtkegeln vor ihr lag. Gewöhnlich fuhr sie die ganze Nacht und vergaß, den nächsten Fahrer zu wecken, oder entschloss sich, es nicht zu tun. Frank Chalmers war tot, und es war ihr Fehler. Sie wünschte verzweifelt, sie könnte zurücklangen und die Dinge ändern, aber das war hoffnungslos. Es gibt Fehler, die man nie wieder gutmachen kann. Die weiße Landschaft war von unendlich vielen Steinen verunstaltet, die alle ihre eigene Schneehaube trugen; und die Pfeffer-und-Salz-Landschaft war so ein Flickenteppich, dass das Auge bei Nacht schwer einen Sinn daraus gewinnen konnte. Manchmal schienen sie unter dem Boden dahinzupflügen oder fünf Meter darüber zu schweben. Eine weiße Welt. In manchen Nächten kam es ihr vor, als ob sie einen Leichenwagen führe mit dem Körper des Verstorbenen. Die Witwen Nadia und Maya auf dem Rücksitz. Und jetzt wusste sie auch, dass Peter tot war.
Zweimal hörte sie, wie Frank ihr etwas über das Interkom sagte. Einmal bat er sie, umzukehren und ihm zu helfen. Das andere Mal schrie er: Los, Idiot, los!
Maya hielt sich gut. Sie war irgendwie zäh, trotz aller ihrer Launen. Nadia, die Ann sich immer als die Zähe vorgestellt hatte, schwieg die meiste Zeit. Sax starrte auf seinen Bildschirm und arbeitete. Michel versuchte, mit seinen alten Freunden zu sprechen, gab es aber traurig auf, als offenbar niemand antworten mochte. Simon beobachtete Ann sorgsam wie immer mit unerträglicher Besorgnis. Sie konnte das nicht aushalten und vermied seinen Blick. Der arme Kasei musste sich wie in einem Altersheim für Schwachsinnige gefangen gefühlt haben. Das war fast ein komischer Gedanke. Nur schien seine Stimmung irgendwie gestört zu sein. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht war es der Verschleiß, vielleicht die zunehmende Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht überleben würden, vielleicht bloß Hunger. Man konnte es nicht sagen. Die jungen Leute waren merkwürdig. Aber er erinnerte sie an Peter, und darum schaute sie ihn auch nicht an.
Der Schnee machte jede Nacht schimmernd und unruhig. Er würde einmal völlig schmelzen, neue Flussbetten graben und ihren Mars beseitigen. Mars war verschwunden. Michel saß neben ihr während der zweiten Schichten in der Nacht und hielt Ausschau nach Wegzeichen. »Sind wir verloren?« fragte Maya ihn einmal kurz vor der Morgendämmerung.
»Nein, keineswegs. Es ist nur … Wir hinterlassen Spuren im Schnee. Ich weiß nicht, wie lange sie halten werden oder wie gut sichtbar sie sind, aber wenn … Nun, für den Fall, dass sie sich halten, möchte ich den Wagen verlassen und den letzten Teil des Weges zu Fuß gehen. Darum möchte ich sehr genau wissen, wo wir uns befinden, ehe wir das tun. Wir haben einige Steine und Dolmen errichtet, die uns das zuverlässig sagen; aber ich muss einen davon finden. Sie werden am Horizont auftauchen, musst du wissen. Felsblöcke etwas höher als gewöhnlich, oder Säulen.«
»Sie werden bei Tage leichter zu sehen sein«, sagte Simon.
»Gewiss. Wir werden uns morgen rings umschauen, und das sollte genügen. Wir dürften in einer solchen Gegend sein. Sie sind dafür gedacht, verirrten Menschen wie uns zu helfen. Wir werden bald in Sicherheit sein.«
Nur waren ihre Freunde tot. Ihr einziges Kind war tot. Und ihre Welt war endgültig hinüber. Während Ann frühmorgens an den Fenstern lag, versuchte sie, sich das Leben in dem versteckten Zufluchtsort vorzustellen. Jahre um Jahre unter der Oberfläche. Das konnte sie nicht. Los, Idiot, los! Verdammt!
Noch in der Morgendämmerung stieß Kasei ein wildes Triumphgeheul aus. Draußen am Nordhorizont war ein Trio aufgerichteter Steine. Eine Oberschwelle über zwei Pfeilern, als ob ein Teilstück von Stonehenge hierher geflogen wäre. In dieser Richtung lag das Heim, sagte Kasei.
Aber erst würden sie den Tag über abwarten. Michel wurde äußerst vorsichtig, um nicht von Satelliten gesehen zu werden, und wollte erst bei Nacht weiterfahren. Also ließen sie sich nieder, um etwas Schlaf zu finden.
Ann fand keinen. Sie war durch einen neuen Entschluss voller Energie. Michel schnarchte zufrieden, sie alle schliefen zum ersten Mal seit etwa fünfzig Stunden. Sie schlüpfte in ihren Schutzanzug und ging auf Zehenspitzen in die Schleuse. Sie schaute sich um und betrachtete die Schlafenden. Ein hungriger, abgerissener Haufen. Nadias verkrüppelte Hand ragte an der Seite heraus. Das Aussteigen aus der Schleuse machte unvermeidbar ein Geräusch. Aber alle waren es gewohnt, bei Lärm zu schlafen, und das Summen und Knacken des Lebenserhaltungssystems übertönte ihren Ausstieg. Sie kam hinaus, ohne jemanden zu wecken.
Die elementare Kälte des Planeten. Sie erschauderte darin und setzte sich nach Westen in Bewegung. Sie ging in den Spuren des Rovers, damit man ihr nicht folgen konnte. Die Sonne stach durch den Nebel. Es fiel wieder Schnee, rot gefärbt in Strahlen von Sonnenlicht. Sie trottete weiter, bis sie an einen kleinen Moränenhügel kam, dessen steile Seite schneefrei war. Sie konnte daran entlanggehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Das tat sie, bis sie erschöpft war. Es war draußen wirklich kalt. Der Schnee fiel in kleinen Flocken senkrecht herunter, wahrscheinlich um Sandkörner kristallisiert. Am Ende der Moräne war ein dicker, niedriger Felsblock. Sie setzte sich in seinen Windschatten, stellte die Heizung ihres Anzuges ab und bedeckte das blinkende Warnlicht auf ihrem Handgelenk mit einem Schneeklumpen.
Es wurde schnell kälter. Der Himmel war jetzt ein undurchsichtiges Grau mit einem Anflug von Rosa. Daraus fiel Schnee auf ihre Visierscheibe.
Sie hatte gerade aufgehört zu zittern und wurde angenehm kühl, als ein Stiefel sie hart an den Helm stieß. Sie wurde auf die Knie hochgezerrt mit dröhnendem Kopf. Eine Gestalt im Schutzanzug stieß mit ihrem Visier fest auf ihres. Dann packten Hände sie wie mit einem Schraubstock fest an den Schultern und warfen sie zu Boden. »He!« schrie sie schwach. Sie wurde an den Schultern auf die Füße gezogen, und ihr linker Arm wurde zurückgebogen und hoch auf ihrem Rücken festgehalten. Ihr Angreifer hantierte an ihrem Armband und schob sie dann schmerzhaft vorwärts. Ihr Arm wurde immer noch hochgehalten, so dass sie nicht hinfallen konnte, ohne ihn sich zu brechen. Sie fühlte, wie das rhombische Muster ihrer Heizelemente sich in ihre Haut brannte. Alle paar Schritte bekam sie einen festen Schlag auf den Helm.
Die Gestalt führte sie direkt zu ihrem Rover zurück, was sie erstaunte. Sie wurde in die Schleuse geschoben, und die Gestalt stolperte hinter ihr her, schloss die Kammer und setzte ihr den Helm ab, dann sich selbst. Zu ihrem höchsten Erstaunen war es Simon. Er hatte ein rotes Gesicht und brüllte sie an. Dabei schlug er sie noch mit tränenfeuchtem Gesicht. Dieser ihr Simon, der Ruhige, schrie jetzt: »Warum? Warum? Verdammt, du machst das immer so. Immer bist du es, fern in deiner eigenen Welt. Du bist so selbstsüchtig!« Die Stimme stieg an zu einem letzten schmerzhaften Kreischen. Ihr Simon, der nie etwas sagte, nie die Stimme erhob, nie mehr als ein Wort sprach, schlug sie jetzt und brüllte ihr buchstäblich spuckend ins Gesicht, vor Wut keuchend. Das machte sie plötzlich wild. Warum nicht früher, warum nicht, wenn sie jemanden mit etwas Leben darin gebraucht hätte? Warum war er jetzt hierdurch so erregt? Sie stieß ihn kräftig vor die Brust, und er fiel nach hinten. Sie schrie: »Lass mich in Ruhe!« Dann durchfuhr sie die Angst, der kalte Schauer des Todes auf dem Mars. »Warum hast du mich nicht in Ruhe gelassen?«
Er gewann das Gleichgewicht wieder, sprang nach vorn, packte sie an beiden Schultern und schüttelte sie. Sie hatte nie bemerkt, wie stark seine Hände waren.
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