Das war schon mehrere Male passiert, aber sie war auf sich selbst wütend, weil sie sich durch das unwichtige Schauspiel am Himmel hatte ablenken lassen.
»Was, zum Teufe, machst du da?« brüllte Frank über das Interkom. Ann hüpfte in ihrem Sitz hoch. Sie würde sich nie an Franks bissige Heftigkeit gewöhnen. Er rief: »Fahr los!«
Sie sagte: »Ich bin auf einen Stein gestoßen.«
»Verdammt! Warum passt du nicht auf, wohin du fährst? Los, halt die Räder an! Stopp sie! Ich werde die Greifmatten unter die Vorderräder legen und dich nach vorn hebeln. Dann fahr von diesem Stein herunter und den Hang hinauf, so schnell du kannst! Verstanden? Es kommt eine neue Flut.«
Maya schrie: »Frank, komm herein!«
»Sobald ich die verfluchten Kissen drunter habe. Halte dich bereit loszufahren!«
Diese Kissen waren Bahnen aus Metallgeflecht, die man unter Räder tat, die Löcher in den Sand gewühlt hatten, und die sich dann nach vorn spreizten, so dass die Räder etwas zu fassen bekamen. Eine alte Wüstenmethode. Frank lief vorn um den Rover herum, fluchte vor sich hin und gab Ann kurze Anweisungen, die mit zusammengebissenen Zähnen und verkrampftem Magen gehorchte.
»Los!« brüllte Frank. »Los!«
»Steig erst ein!« rief Ann.
»Keine Zeit. Los, sie ist gleich hier! Ich werde mich an der Seite festhalten. Los, verdammt noch mal!«
Also setzte Ann vorsichtig die Vorderräder in Gang und fühlte, wie sie griffen und den Wagen nach vorn über den Stein zerrten. Dann schurrten sie weg und waren frei. Aber das Getöse der Flut verdoppelte sich und wurde hinter ihnen noch stärker. Dann flogen Eisstücke am Wagen vorbei mit schrecklichem Krach. Dann wurde das Eis von einer dunklen Woge überflutet, die über die Fenster des Wagens spülte. Ann trat das Gaspedal bis zum Boden durch und hielt das in ihren Händen springende Lenkrad eisern fest. Neben dem Donnern der Flutwelle hörte sie Frank schreien: »Los, Idiot, los!« Danach erhielten sie einen harten Stoß, und der Wagen rutschte außer Kontrolle nach links. Ann hing an dem Lenkrad, das sie hin und her schleuderte. Ihr linkes Ohr schmerzte heftig, sie musste irgendwo angestoßen sein. Sie klammerte sich am Rad fest und presste das Gaspedal auf den Boden. Die Räder packten etwas, und der Rover mahlte durch Wasser, das von rechts nach links strömte. Die Flanke des Wagens erhielt einen dumpfen Stoß. »Los!« Sie hielt das Gaspedal am Boden und wandte sich bergauf. Sie hüpfte wild im Fahrersitz. Alle Fenster und Fernsehschirme zeigten flüssigen Wahnsinn. Dann floss das Wasser unter den Rover, und die Fenster wurden klar. Die Scheinwerfer des Wagens zeigten steinigen Boden, Schneefall und voraus ein kahles, flaches Gebiet. Ann raste mit Vollgas darauf zu, während hinter ihnen die Flut donnerte. Als sie die leicht ansteigende Stelle erreichte, musste sie mit den Händen ihren Fuß und das Bein vom Gaspedal losreißen. Der Wagen hielt. Sie befanden sich oberhalb der Flut auf einem schmalen Absatz. Es sah so aus, als ob die Flut schon zurückginge. Aber Frank Chalmers war verschwunden.
Maya bestand darauf, dass sie umkehrten und nach ihm suchten. Das taten sie auch, da die erste Flutwelle die größte gewesen zu sein schien. Aber es war vergebens. In dem Dämmerlicht schnitten die Scheinwerfer fünfzig Meter weit in den Schneefall; und in den zwei sich überkreuzenden gelben Lichtkegeln sahen sie nur die raue Oberfläche der Flut, ein treibendes Strandgut ohne die geringste Andeutung einer regelmäßigen Gestalt. Es sah wirklich aus wie eine Welt, in der solche Formen unmöglich sind. In einem solchen Irrsinn konnte niemand überleben. Frank war dahingegangen, entweder von dem hüpfenden Wagen gestoßen oder in seiner kurzen, tödlichen Begegnung mit der Woge weggeschwemmt.
Seine letzten Flüche schienen noch aus der Statik im Interkom zu quellen, aus dem Dröhnen der Flut. Seine letzte beschwörende Aufforderung klang Ann in den Ohren wie das Urteil, welches sie war: Los, Idiot, los! Es war ihr Fehler gewesen, ganz ihr Fehler …
Maya weinte, erstickte in Seufzern und krümmte sich wie im Krampf zusammen. »Nein!« schrie sie. »Frank, Frank! Wir müssen ihn suchen.« Dann weinte sie so, dass sie nicht mehr sprechen konnte. Sax kam hinzu und hockte sich neben sie. »Hier, Maya, willst du ein Beruhigungsmittel?« Sie richtete sich auf und schlug ihm die Pillen aus der Hand. Sie schrie: »Nein! Das sind meine Gefühle und meine Männer. Hältst du mich für einen Feigling, denkst du, ich möchte ein Zombie sein wie du?«
Sie brach mit hilflosen, unfreiwilligen, erschütternden Schreien zusammen. Sax stand über ihr, er zwinkerte mit verzerrtem Gesicht und bestürzter Miene. Ann fühlte sich davon betroffen und sagte: »Bitte, bitte!« Sie erhob sich aus dem Fahrersitz, ging zu ihnen zurück und fasste Sax kurz am Arm. Sie bückte sich, um Nadia und Simon zu helfen, Maya vom Fußboden aufzuheben und zu Bett zu bringen. Maya war schon etwas ruhiger geworden, mit roten Augen und triefender Nase. In ihrem Kummer umklammerte sie mit einer Hand Nadias Handgelenk. Nadia blickte auf sie mit der objektiven Miene eines Arztes hinunter, zurückgezogen auf ihre eigene Art und auf russisch etwas murmelnd.
»Maya, es tut mir leid«, sagte Ann. Ihre Kehle war zugeschnürt. Das Sprechen tat weh. »Es war mein Fehler. Es tut mir leid.«
Maya schüttelte den Kopf. »Es war ein Unfall.«
Ann konnte sich nicht dazu überwinden, laut zu sagen, dass sie aufgehört hatte acht zu geben. Die Worte blieben ihr im Hals stecken, und ein neuer Weinkrampf schüttelte Maya. Die Chance zum Sprechen war vorüber.
Michel und Kasei übernahmen die Fahrerplätze und setzten den Rover wieder längs der Felsbank in Bewegung.
Nicht weit östlich davon senkte sich die südliche Wand des Canyons endgültig in die umgebende Ebene, und sie konnten sich frei von der Flut weg bewegen, die auf jeden Fall Eos Chasma folgte, um sich in einer Wendung nach Norden in der Ferne mit Capri Chasma zu vereinen. Michel verfolgte die Spur der verborgenen Kolonie, verlor sie aber wieder, da die Wegmarken oft vom Schnee verdeckt waren. Er bemühte sich einen ganzen Tag lang darum, ein verstecktes Depot zu finden, das er in der Nähe vermutete, aber es gelang ihm nicht. Anstatt noch mehr Zeit zu verlieren, beschlossen sie, mit voller Geschwindigkeit weiterzufahren, ein bisschen nordöstlich auf die Zufluchtsstelle zu, die sie zu erreichen versucht hatten, und die laut Michel in dem zerklüfteten Gelände genau südlich von Aureum Chaos lag. »Das ist nicht mehr unsere Hauptkolonie«, erklärte er den anderen. »Es ist das, wohin wir zuerst gegangen sind, nachdem wir Underhill verließen. Aber Hiroko wollte in den Süden gehen; und das taten wir nach einigen Jahren. Sie sagte, dieses erste Versteck gefiele ihr nicht, weil Aureum eine Senke ist; und sie dachte, es könnte eines Tages ein See werden. Ich hielt das für verrückt, sehe aber jetzt, dass sie recht hatte. Es sieht so aus, als könnte Aureum das letzte Entwässerungsbecken für diese Flut werden. Ich weiß nicht. Aber die Zufluchtsstelle liegt an einer höheren Stelle, als wir uns jetzt befinden. Es wird also sicher sein. Vielleicht werden sich keine Menschen darin befinden, aber es wird mit Vorräten versorgt sein. Und jedenfalls ein Hafen bei Sturm, nicht wahr?«
Niemand hatte den Mut für eine Entgegnung.
Am zweiten Tag harten Fahrens verschwand die Flut im Norden am Horizont. Bald danach verstummte auch ihr Lärm. Der mit einem Meter schmutzigen Schnees bedeckte Boden zitterte nicht mehr unter den Füßen. Die Welt schien tot, seltsam still und in Weiß gehüllt. Wenn es nicht schneite, war der Himmel noch dunstig, schien aber klar genug, dass sie von oben gesehen werden konnten. Also stellten sie das Fahren bei Tage ein. Sie bewegten sich nachts ohne Scheinwerfer über eine Schneelandschaft, die schwach unter den Sternen schimmerte.
Читать дальше