Also gingen sie in diesen ersten Monaten nach getaner Morgenarbeit, wenn sie die Farm oder die Brücke verließen oder von Arkadys fröhlich sadistischen Simulationen herausstolperten, in den Frühling. Die Wände waren mit blaßgrünen Tafeln behängt oder großen Fotos von Azaleen, Jacarandas und ornamentalen Kirschen. Gerste und Senf in den großen Farmräumen glühten in lebhaftem Gelb mit neuen Blüten und die Bäume und Sträucher im Frühling ihrer Zyklen. Maya liebte diese farbigen Frühlingsblüten und erledigte nach der morgendlichen Arbeit einen Teil ihres physischen Trainings durch einen Spaziergang im Waldbiotop, das einen hügligen Boden hatte und so dicht voller Bäume war, dass sie nicht vom einen Ende der Kammer zum anderen blicken konnte. Hier traf sie oft Frank Chalmers, der eine seiner kurzen Pausen machte. Er sagte, er liebe das Blattwerk im Frühling, obwohl er es nie anzuschauen schien. Sie gingen zusammen und redeten oder nicht, wie es sich gerade ergab. Wenn sie sich unterhielten, war es nie über etwas von Bedeutung. Frank liebte es nicht, ihre Arbeit als Führer der Expedition zu erörtern. Maya fand das drollig, wenn sie es auch nicht sagte. Aber ihre Tätigkeiten waren nicht genau gleich, was für seine Zurückhaltung sprechen mochte. Mayas Position war recht informell und nichthierarchisch — Kosmonauten hatten sich immer auf relativ gleicher Ebene verhalten. Das war eine Tradition seit den Zeiten von Korolyov. Das amerikanische Programm hatte eine mehr militärische Tradition, die sogar in Titeln zum Ausdruck kam. Während Maya bloß Koordinator des Russischen Kontingents war, war Frank Captain Chalmers, und das wohl im strengen Sinne der alten Segelschiffmarinen.
Ob diese Autorität es ihm mehr oder weniger schwermachte, sagte er nicht. Manchmal diskutierte er über das Arboretum oder kleine technische Probleme oder Nachrichten von daheim. Öfters aber schien er nur mit ihr spazieren gehen zu wollen. Also — stumme Märsche, auf und ab in engen Wegen, durch dichte Gruppen von Kiefern, Eschen und Birken. Und immer diese vorgebliche Vertrautheit, als wären sie alte Freunde, oder als ob er ihr sehr schüchtern (oder subtil) den Hof machte.
Als Maya eines Tages darüber nachdachte, kam ihr in den Sinn, dass der Start der Ares im Frühling ein Problem geschaffen haben könnte. Sie waren hier in ihrem Mesokosmos, fuhren durch Frühling, und alles war fruchtbar und blühend, verschwenderisch und grün, die Luft voller Blütenduft und bewegt, die Tage länger und wärmer, und alle Leute in Shirts und Shorts, hundert gesunde Tiere, auf engem Raum, essend, übend, duschend und schlafend. Da musste es natürlich Sex geben.
Nun, das war nichts Neues. Maya hatte im Weltraum phantastische Sexspiele erlebt, am ausgeprägtesten während ihrer zweiten Dienstzeit auf Novy Mir, wo sie und Georgi und Yeli und Irina jede vorstellbare Variante in Gewichtslosigkeit ausprobiert hatten — und das waren wirklich sehr viele. Aber jetzt war es anders. Sie waren älter und für immer beisammen. »In einem geschlossenen System ist alles anders«, wie Hiroko oft in anderem Zusammenhang gesagt hatte. Die Idee, auf brüderlicher Ebene zu bleiben, war bei der NASA groß angeschrieben. Von den 1348 Seiten des Buches, welches die NASA unter dem Titel Menschliche Beziehungen beim Flug zum Mars herausgegeben hatte, war nur eine einzige Seite dem Sex gewidmet, und diese Seite riet davon ab. Sie waren, wie das Buch meinte, etwas wie ein Stamm, mit spürbarem Tabu gegen Paarung innerhalb des Stammes. Die Russen lachten fröhlich darüber, aber die Amerikaner waren wirklich so prüde. Arkady sagte: »Wir sind kein Stamm. Wir sind die Welt.«
Und es war Frühling. Und es gab die verheirateten Paare an Bord, von denen manche recht auffällig waren. Und da gab es das Schwimmbecken in Torus E und die Sauna und das Sprudelbad. Bei gemischter Gesellschaft trug man Badeanzüge, wiederum wegen der Amerikaner. Aber Badeanzüge machten nichts aus. Natürlich fing es an zu passieren. Sie hörte von Nadia und Ivana, dass die Blasenkuppel für Verabredungen in den stillen Nachtstunden diente. Es zeigte sich, dass viele Kosmonauten und Astronauten die Gewichtslosigkeit liebten. Und die vielen Winkel in den Parks und dem Arboretum dienten als Verstecke für solche mit weniger Erfahrung in Gewichtslosigkeit. Die Parks waren dafür vorgesehen, den Leuten das Gefühl zu geben, sie könnten Abstand gewinnen. Und jede Person hatte ein eigenes schalldichtes Zimmer. Wenn bei all dem ein Paar eine Beziehung anfangen wollte, ohne zum Tagesgespräch zu werden, war es möglich, sehr diskret zu sein. Maya war sicher, dass mehr vor sich ging, als irgendeine Einzelperson erfahren würde.
Das konnte sie fühlen. Anderen ging es ohne Zweifel genau so. Leise Gespräche zwischen Paaren, Wechsel bei Partnern im Speisesaal, rasche Blicke, Hände, die im Vorbeigehen Schultern oder Ellbogen berührten — o ja, es geschah einiges. Das bewirkte eine gewisse Spannung in der Luft, eine Spannung, die nur zum Teil angenehm war. Es kamen wieder antarktische Ängste ins Spiel, und außerdem gab es nur eine kleine Anzahl potentieller Partner, was den Dingen den Anstrich einer Wechselpolonaise verlieh.
Und für Maya gab es noch zusätzliche Probleme. Sie war russischer Männer mehr als überdrüssig, weil das bedeuten würde, mit dem (oder: der) Vorgesetzten zu schlafen. Sie war in dieser Hinsicht argwöhnisch, da sie wusste, was für ein Gefühl es gewesen war, wenn sie es selbst gemacht hatte. Außerdem war keiner von denen … — nun, sie fühlte sich von Arkady angezogen, mochte ihn aber nicht, und er wirkte uninteressiert.
Yeli kannte sie von früher, er war bloß ein Freund. An Dmitri lag ihr nichts, Vlad war älter, Yuri nicht ihr Typ, Alex ein Gefolgsmann Arkadys … und so weiter.
Und was die Amerikaner oder die Internationalen anging — nun, das war ein Problem anderer Art. Mischkulturen, wer konnte das wissen? Aber sie dachte darüber nach. Und gelegentlich, wenn sie morgens aufwachte oder eine Ausarbeitung beendete, schwebte sie auf einer Woge von Verlangen, das sie an der Bettkante oder unter der Dusche davonspülte und das ein Gefühl von Alleinsein hinterließ.
So traf sie eines Morgens spät nach einem besonders anstrengenden Problemlauf, den sie fast gelöst und dann doch verfehlt hatten, im Arboretum auf Frank Chalmers und erwiderte seine Begrüßung. Dann gingen sie etwa zehn Meter weit in den Wald und blieben stehen. Sie trug Shorts und ein knappes Oberteil, war barfüßig, verschwitzt und von der verrückten Simulation erregt. Er trug Shorts und ein T-Shirt, war barfüßig und von der Farm staubig. Plötzlich stieß er sein scharfes Lachen aus und langte hin, um ihren Oberarm mit zwei Fingerspitzen zu berühren. »Heute siehst du glücklich aus.« Mit dem bewussten aggressiven Lächeln.
Die Führer der beiden Hälften der Expedition. Gleichgestellt. Sie hob die Hand, um seine zu berühren, und mehr war nicht nötig.
Sie verließen den Pfad und tauchten in ein dichtes Kieferndickicht ein. Sie blieben stehen, um sich zu küssen. Das war so lange her, dass es ihr seltsam vorkam. Frank stolperte über eine Wurzel und lachte leise vor sich hin — jenes geheimnistuerische Lachen, das Maya fast erschauern ließ. Sie setzten sich auf Kiefernadern hin und rollten sich zusammen wie Studenten bei Schmusespielen im Wald. Sie lachte, sie hatte schon immer den schnellen sexuellen Kontakt geliebt, jene Art, mit der sie einen Mann umhauen konnte, wenn sie wollte.
Und so trieben sie Liebesspiele, und für einige Zeit riss ihre Leidenschaft sie mit. Als es vorbei war, entspannte sie sich und genoss die Brandung der Nachglut. Aber es wurde irgendwie ein wenig unbehaglich. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. An ihm war immer noch etwas Verborgenes, als ob er sich selbst beim Liebesspiel verstecken würde. Und noch schlimmer, was sie hinter seiner Zurückhaltung sehen konnte, war eine Art von Triumph, als ob er etwas gewonnen und sie etwas verloren hätte. Jener puritanische Zug bei Amerikanern, der Gedanke, dass Sex etwas Unrechtes wäre und Männer Frauen dazu verführen müssten. Sie zog sich etwas zurück, verärgert durch sein heimliches Grinsen. Gewinnen und Verlieren — wie Kinder.
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