Sie erinnerte sich nur an einen Moment, wo sie ihm bis unter die Haut hatte blicken können; und das war damals in Antarctica gewesen. Nachdem der thermische Ingenieur zusammengebrochen und nach Norden geschickt worden war und die Nachricht von seinem Ersatz eintraf; und als das bekannt gegeben wurde, war ein jeder höchst überrascht und aufgeregt zu hören, dass es John Boone selbst sein würde, obwohl dieser bestimmt auf seiner früheren Expedition mehr als die maximale Höchstdosis an Strahlung mitbekommen hatte. Während der abendliche Saal noch von der Nachricht brodelte, hatte Maya gesehen, wie Chalmers hereinkam und ihm das mitgeteilt wurde. Da hatte er den Kopf herumgeworfen, um seinen Informanten anzustarren. Dann hatte sie für einen Sekundenbruchteil gesehen, wie Wut aufblitzte, so kurz, dass es fast ein unterschwelliges Ereignis war.
Aber dadurch war sie auf ihn aufmerksam geworden. Und sicher bestand zwischen ihm und John eine seltsame Beziehung. Natürlich war das für Chalmers schwierig. Er war der offizielle Anführer der Amerikaner und hatte sogar den Titel ›Captain‹; aber Boone hatte mit seinem guten blonden Aussehen und der eigenartigen Präsenz seiner Perfektion sicher mehr Autorität. Er erschien als der wahre amerikanische Führer, und Frank Chalmers mehr wie ein übereifriger stellvertretender Offizier, der die unausgesprochenen Befehle Boones ausführte. Das konnte nicht angenehm sein.
Sie waren alte Freunde, hatte man Maya gesagt, als sie fragte. Aber sie selbst sah nur selten Anzeichen davon, auch wenn sie die beiden aufmerksam beobachtete. Sie sprachen selten in der Öffentlichkeit miteinander und schienen privat nicht zu verkehren. Also beobachtete sie die beiden, wenn sie nahe beisammen waren, desto genauer, ohne sich je ernsthaft zu fragen, weshalb. Die natürliche Logik der Situation schien das einfach zu verlangen. Wenn sie wieder bei Glavkosmos gewesen wären, hätte es strategisch Sinn ergeben, einen Keil zwischen sie zu treiben. Aber hier dachte sie nicht an so etwas. Es gab vieles, über das Maya nicht bewusst nachdachte.
Dennoch passte sie auf. Und eines Morgens brachte Janet Blyleven ihre Videobrille zum Frühstück in die Halle D mit. Sie war Chefreporterin für das amerikanische Fernsehen und wanderte oft durch das Schiff mit aufgesetzter Fernsehbrille. Sie schaute sich um und sprach den Kommentar. Sie sammelte Geschichten und schickte sie nach Hause, wo sie, wie Arkady sich ausdrückte, »vorverdaut und in die kindische öffentliche Meinung ausgekotzt« werden würden.
Natürlich gab es nichts Neues. Die Aufmerksamkeit der Medien war ein gewohnter Teil im Leben eines jeden Astronauten, und während des Auswahlprozesses waren sie mehr denn je aufs Korn genommen worden. Aber jetzt waren sie das Rohmaterial für Programme, die um Größenordnungen beliebter waren, als je zuvor ein Weltraumthema gewesen war. Millionen sahen sie als die ultimate Space Opera; und das war einigen von ihnen lästig. Als sich daher Janet am Ende des Tisches niederließ mit dieser modischen Brille, in deren Gestell Faseroptik steckte, ertönte einiges Stöhnen. Und am anderen Ende des Tisches diskutierten Ann Clayborne und Sax Russell, ohne irgendwie Notiz zu nehmen.
»Es wird Jahre dauern herauszufinden, was wir dort haben, Sax. Dekaden. Auf dem Mars gibt es so viel Landoberfläche wie auf der Erde, mit einer einzigartigen Geologie und Chemie. Das Land muss gründlich studiert werden, ehe wir damit anfangen können, es zu verändern.«
»Wir werden es schon durch die Landung verändern.« Russell wischte Anns Einwände fort, als wären es Spinnweben auf seinem Gesicht. »Die Entscheidung, zum Mars zu gehen, ist wie der erste Teil eines Satzes, und der ganze Satz lautet …«
»Veni, vidi, vici.«
Russell zuckte die Achseln. »Wenn du es so ausdrücken willst.«
»Du bist ein Würstchen, Sax«, sagte Ann und verzog ärgerlich den Mund. Sie war eine breitschultrige Frau mit wildem braunen Haar, eine Geologin mit strengen Ansichten und in der Diskussion schwierig. »Schau, der Mars ist eine Welt für sich. Du kannst deine das Klima verändernden Spielchen hinten auf der Erde treiben, wenn du willst. Die brauchen die Hilfe. Oder es auf der Venus versuchen. Aber du kannst nicht einfach die drei Milliarden Jahre alte Oberfläche eines Planeten auslöschen.«
Russell schob noch mehr Spinnweben weg und sagte einfach: »Er ist tot. Außerdem ist es eigentlich gar nicht unsere Entscheidung. Sie wird uns aus den Händen genommen werden.«
»Keine dieser Entscheidungen wird uns aus den Händen genommen werden«, warf Arkady scharf ein.
Janet sah von Sprecher zu Sprecher und nahm sie alle auf. Ann wurde allmählich erregt und hob die Stimme. Maya schaute sich um und sah, dass Frank die Situation nicht gefiel. Aber wenn er sich einmischte, würde er den Millionen die Tatsache verraten, dass er keine Diskussionen der Kolonisten vor ihnen wollte. Statt dessen blickte er über den Tisch und fing Boones Blick ein. Es gab zwischen beiden einen so raschen Austausch von Mienenspiel, dass Maya zwinkern musste.
Boone sagte: »Als ich dort war, hatte ich den Eindruck, dass er schon erdartig wäre.«
»Mit Ausnahme von zweihundert Kelvin Temperatur«, sagte Russell.
»Sicher, aber es sah aus wie die Mojave-Wüste oder die Dry Valleys. Das erste Mal, als ich mich auf dem Mars umschaute, merkte ich, dass ich mich nach jenen mumifizierten Flossenfüßlern umsah, die wir in den Dry Valleys gesehen hatten.«
Und so weiter. Janet wandte sich ihm zu; und Ann nahm mit enttäuschtem Gesicht ihren Kaffee und verschwand damit.
Danach konzentrierte sich Maya und suchte, sich die Mienen wieder ins Gedächtnis zu rufen, die Boone und Chalmers ausgetauscht hatten. Sie waren wie eine Art Code gewesen oder wie die privaten Sprachen, die identische Zwillinge manchmal für sich erfinden.
Die Wochen vergingen, und die Tage begannen alle mit einem lässigen Frühstück. Die nachfolgenden Vormittage waren viel geschäftiger. Jeder hatte einen Zeitplan, wenn auch manche voller waren als andere. Der von Frank war gedrängt voll, so wie er es liebte, ein manischer Nebel von Aktivität. Aber die notwendige Arbeit war durchaus nicht immer so großartig. Sie mussten sich am Leben und in Form halten, das Schiff in Gang halten und sich auf den Mars vorbereiten. Die Wartung des Schiffs erstreckte sich von den Finessen des Programmierens oder Reparaturen bis hin zu primitiven Tätigkeiten wie Vorräte aus dem Lager holen oder Abfall zu den Aufbereitern bringen. Das Biosphärenteam verbrachte den größten Teil seiner Zeit auf der Farm, die große Teile der Torusse C, E und F einnahm. Und jedermann an Bord hatte auf der Farm zu arbeiten. Die meisten hatten daran Freude, und manche kehrten sogar in ihren freien Stunden dorthin zurück. Auf Anweisung der Ärzte mussten alle täglich drei Stunden mit Tretmühlen, Rolltreppen, Laufrädern oder Gewichtsapparaten zubringen. Diese Stunden wurden genossen, ertragen oder geschmäht, je nach Temperament; aber selbst jene, welche behaupteten, sie nicht zu mögen, erledigten ihre Übungen in merklich (und sogar messbar) besserer Stimmung. »Beta-Endorphine sind die beste Droge«, würde Michel Duval sagen.
»Was ein Glück ist, da wir keine anderen haben«, würde John Boone antworten.
»Oh, es gibt Koffein …«
»Macht mich schläfrig.«
»Alkohol …«
»Bereitet mir Kopfschmerzen.«
»Prokain, Darvon, Morphin …«
»Morphin?«
»In den medizinischen Vorräten. Nicht für allgemeinen Gebrauch.«
Arkady lächelte. »Vielleicht sollte ich lieber krank werden.«
Die Ingenieure einschließlich Maya verbrachten viele Vormittage beim Training von Simulationen. Diese fanden auf der Ersatzbrücke in Torus B statt, der die neuesten Errungenschaften an Bildsynthesizern hatte. Die Simulationen waren so geschickt, dass es kaum einen sichtbaren Unterschied zwischen ihnen und der eigentlichen Aktion gab. Das machte sie nicht unbedingt interessant. Die standardisierte Orbitalannäherung, allwöchentlich geübt, hatte den Spitznamen ›Der Mantra-Lauf‹ und wurde für jegliche Flugmannschaft zu einer langweiligen Plage.
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