Im Moment köpfen die Leute bei der NASA vermutlich Sektflaschen und schicken mir einen Haufen Botschaften. Ich werde sie nachher lesen. Eins nach dem anderen: Zuerst muss die Lebenserhaltung des MRM laufen. Dann kann ich im Inneren bequem arbeiten.
Und dann muss ich eine langweilige Unterhaltung mit der NASA führen. Nun ja, der Inhalt ist vielleicht interessant, aber die 14-minütigen Pausen zwischen den Sendungen zur Erde und zurück werden etwas ermüdend.
[13:07] HOUSTON: Glückwünsche von uns allen hier in Mission Control! Gut gemacht! Wie ist Ihr Status?
[13:21] MRM: Danke! Keine gesundheitlichen oder körperlichen Probleme. Der Rover und der Anhänger sind ziemlich verschlissen, funktionieren aber noch. Oxygenator und Regler arbeiten gut. Den Wasseraufbereiter habe ich nicht mitgenommen, sondern lediglich das Wasser. Es sind noch reichlich Kartoffeln übrig. Ich komme leicht bis 549 hin.
[13:36] HOUSTON: Das freut uns zu hören. Die Hermes ist unterwegs und kann an Sol 549 ein Fly-by-Manöver durchführen. Wie Sie wissen, muss das MRM etwas Gewicht abspecken, ehe Sie das Rendezvous durchführen können. Wir zeigen Ihnen im Laufe des Tages, wie Sie vorgehen müssen. Wie viel Wasser haben Sie? Was tun Sie mit dem Urin?
[13:50] MRM: Ich habe noch 550 Liter Wasser. Den Urin habe ich unterwegs abgeworfen.
[14:05] HOUSTON: Sparen Sie Wasser und werfen Sie den Urin nicht mehr weg. Lagern Sie ihn irgendwo. Schalten Sie das Funkgerät des Rovers ein und lassen Sie es eingeschaltet. Wir können über das MRM mit Ihnen Verbindung aufnehmen.
BRUCE SCHLURFTE IN VENKATS BÜRO und ließ sich ohne Einladung auf einen Stuhl fallen. Er legte die Aktenmappe weg, die müden Arme hingen kraftlos an den Seiten herunter.
“Wie war der Flug?”, fragte Venkat.
“Ich habe nur noch eine flüchtige Erinnerung an das, was man Schlaf nennt”, antwortete Bruce.
“Ist denn alles bereit?”
“Das schon, aber es wird Ihnen nicht gefallen.”
“Fahren Sie fort.”
Bruce raffte sich auf, erhob sich und nahm die Aktenmappe an sich, aus der er eine Broschüre zog. “Vergessen Sie nicht, dass dies das Endergebnis von Tausenden Stunden Arbeit, Tests und originellen Einfällen der klügsten Köpfe beim JPL darstellt.”
“Ich bin sicher, dass es schwierig war, ein Schiff leichter zu machen, das sowieso schon so leicht wie möglich sein sollte”, erwiderte Venkat.
Bruce schob die Broschüre auf dem Schreibtisch hinüber. “Das Problem ist die Abfanggeschwindigkeit. Ursprünglich sollte das MRM nur den niedrigen Marsorbit erreichen, was lediglich vier Komma eins Kilometer pro Sekunde erfordert. Die Hermes wird jedoch mit fünf Komma acht Kilometern pro Sekunde vorbeifliegen.”
Venkat blätterte die Seiten durch. “Könnten Sie das für mich zusammenfassen?”
“Zuerst einmal müssen wir zusätzlichen Treibstoff tanken. Das MRM stellt den Treibstoff aus der Marsatmosphäre her, ist aber durch das Angebot an Wasserstoff eingeschränkt. Es hat wie vorgesehen genügend mitgebracht, um neunzehntausenddreihundertsiebenundneunzig Kilogramm Treibstoff herzustellen. Wenn wir ihm mehr Wasserstoff geben, stellt es mehr Treibstoff her.”
“Wie viel mehr?”
“Aus jedem Kilogramm Wasserstoff kann es dreizehn Kilogramm Treibstoff gewinnen. Watney hat fünfhundertfünfzig Liter Wasser. Er soll es elektrolytisch aufspalten, um sechzig Kilogramm Wasserstoff zu erhalten.” Bruce langte über den Schreibtisch, blätterte einige Seiten um und deutete auf eine Zeichnung. “Daraus kann die Treibstofferzeugung siebenhundertachtzig Kilogramm Treibstoff herstellen.”
“Was soll er trinken, wenn er sein Wasser in Treibstoff verwandelt?”
“In der restlichen Zeit, die er noch dort ist, braucht er nur fünfzig Liter Wasser. Außerdem borgt sich der menschliche Körper das Wasser nur. Wir lassen ihn auch seinen Urin elektrolytisch behandeln. Wir brauchen allen Wasserstoff, den wir irgendwie bekommen können.”
“Verstehe. Was bekommen wir für diese siebenhundertachtzig Kilogramm Treibstoff?”
“Dafür bekommen wir dreihundert Kilogramm mehr Nutzlast. Alles dreht sich um das Verhältnis zwischen Treibstoff und Nutzlast. Das Startgewicht des MRM beträgt mehr als zwölftausendsechshundert Kilogramm. Selbst mit dem zusätzlichen Treibstoff müssen wir das Gewicht auf siebentausenddreihundert Kilogramm drücken. Der Rest der Broschüre dreht sich darum, mehr als fünftausend Kilogramm Gewicht aus dem Schiff zu entfernen.”
Venkat lehnte sich zurück. “Erklären Sie es mir.”
Bruce holte ein weiteres Exemplar der Broschüre aus seiner Aktenmappe. “Einige Dinge waren von vornherein klar. Ursprünglich wollten wir fünfhundert Kilogramm Erd- und Gesteinsproben vom Mars mitbringen. Das fällt natürlich flach. Außerdem ist nur ein Passagier anstelle von sechs Leuten an Bord. Wenn man ihr Körpergewicht, die Anzüge und die Ausrüstung berücksichtigt, sparen wir fünfhundert Kilogramm. Außerdem können wir die anderen fünf Andruckliegen ausbauen. Natürlich entfernen wir auch alles, was nicht lebenswichtig ist – Erste-Hilfe-Koffer, Werkzeug, Geschirre und Gurte und alles andere, was nicht fest eingebaut ist. Weiterhin einige Dinge, die verschraubt sind. Als Nächstes werfen wir die gesamte Lebenserhaltung hinaus: Drucktanks, Pumpen, Heizung, Luftleitungen, CO2-Absorptionssysteme, sogar die innere Isolierung der Kapsel. Wir brauchen das alles nicht, weil Watney während der ganzen Reise seinen EVA-Anzug tragen wird.”
“Wird er da nicht Schwierigkeiten haben, die Steuerung zu bedienen?”, fragte Venkat.
“Er bedient sie nicht”, antwortete Bruce. “Major Martinez wird das MRM von der Hermes aus fernsteuern. Es ist schon für die Fernsteuerung eingerichtet. Immerhin ist es ja auch auf diese Weise gelandet.”
“Und wenn etwas schiefgeht?”, wollte Venkat wissen.
“Martinez ist der am besten ausgebildete Pilot”, erklärte Bruce. “Im Notfall ist er sowieso derjenige, der das Schiff steuern muss.”
“Hm”, machte Venkat vorsichtig. “Bisher haben wir noch nie ein bemanntes Raumschiff ferngesteuert. Aber machen Sie meinetwegen erst einmal weiter.”
“Da Watney das Schiff nicht steuern wird”, fuhr Bruce fort, “braucht er auch kein Steuerpult. Wir lassen ihn die Konsolen, die Stromversorgung und alle Kabel herausreißen, die dorthin führen.”
“Mann”, meinte Venkat. “Wir schlachten das Ding wirklich aus.”
“Das war erst der Anfang”, sagte Bruce. “Da die Lebenserhaltung nicht läuft, ist auch der Stromverbrauch viel geringer. Wir entfernen drei der fünf Batterien und das Hilfssystem. Das Steuersystem für den Raumflug hat drei redundante Düsen, die wegfallen können. Außerdem verschwinden das zweite und dritte Comm-System.”
“Warten Sie mal, wie war das?”, warf Venkat erschrocken ein. “Sie führen einen ferngesteuerten Aufstieg ohne Reservekommunikationssystem durch?”
“Die Systeme sind überflüssig”, erklärte Bruce. “Wenn das Commsystem während des Aufstiegs ausfällt, wäre die Zeit für den Umschaltvorgang auf das Reservesystem ohnehin zu lang. Die Reservesysteme sind nutzlos.”
“Das wird aber wirklich riskant, Bruce.”
Bruce seufzte. “Ich weiß. Es gibt keine andere Möglichkeit. Dabei bin ich noch nicht mal bei den wirklich hässlichen Dingen angelangt.”
Venkat rieb sich über die Stirn. “Die müssen Sie mir unbedingt erklären.”
“Wir entfernen die Luftschleuse im Bug, die Fenster und die Außenverkleidung Neunzehn.”
Venkat blinzelte verblüfft. “Sie wollen den ganzen vorderen Teil des Schiffs wegnehmen?”
“Klar”, bestätigte Bruce. “Die vordere Luftschleuse wiegt vierhundert Kilogramm. Auch die Fenster sind verdammt schwer. Und sie sind mit der Außenverkleidung Neunzehn verbunden, also nehmen wir auch die weg.”
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