“Gute Idee”, lobte Lewis ihn. “Wie ist unser Kurs?”
“Alles im grünen Bereich”, antwortete Vogel. “Es sind keine Korrekturen nötig. Wir sind bis auf vier Meter auf der geplanten Flugbahn.”
“Geben Sie mir Bescheid, sobald sich etwas ändert.”
“Ja, Commander.”
Sie schwebte zur anderen Seite des Kerns, hielt sich an der zweiten Leiter fest und wurde schwerer, als sie wieder nach unten stieg. Dort steuerte sie den Vorraum der Luftschleuse 2 an.
Beck hielt eine Drahtspule in einer und ein Paar Arbeitshandschuhe in der anderen Hand. “Hallo, Commander. Was liegt an?”
“Ich möchte gern wissen, wie Sie Mark bergen wollen.”
“Das ist kein Problem, wenn der Abfangkurs stimmt”, antwortete Beck. “Ich habe gerade alle Spannseile, die wir haben, zu einer langen Leine verbunden. Sie ist zweihundertvierzehn Meter lang. Ich benutze den Düsenrucksack, mit dem ich mich leicht bewegen kann. Damit kann ich bis auf zehn Meter pro Sekunde beschleunigen. Wenn es mehr wird, könnte die Leine zerreißen, sofern ich nicht rechtzeitig abbremse.”
“Wie hoch darf die relative Geschwindigkeit sein, wenn Sie Mark erreichen?”
“Bei fünf Metern pro Sekunde kann ich das MRM ohne Weiteres packen. Bei zehn Metern pro Sekunde ist es, als würde ich auf einen fahrenden Zug aufspringen. Wenn das Tempo noch höher ist, könnte ich es verfehlen.”
“Wenn wir den Düsenrucksack einbeziehen, müssen wir also unsere Geschwindigkeit bis auf zwanzig Meter pro Sekunde an seine angleichen.”
“Und wir müssen uns ihm bis auf höchstens zweihundertvierzehn Meter annähern”, ergänzte Beck. “Das ist eine sehr kleine Fehlertoleranz.”
“Wir haben Zeitreserven”, wandte Lewis ein. “Der Start wird zweiundfünfzig Minuten vor dem Rendezvous stattfinden, und der Flug dauert zwölf Minuten. Sobald Marks zweite Stufe ausgebrannt ist, kennen wir den Abfangkurs und die relativen Geschwindigkeiten. Unsere Maschine schafft zwei Millimeter pro Sekunde. Das scheint nicht viel zu sein, aber in vierzig Minuten können wir damit um fünf Komma sieben Kilometer korrigieren.”
“Gut”, stimmte Beck zu. “Und die zweihundertvierzehn Meter sind nicht die absolute Obergrenze.”
“Doch, das sind sie”, sagte Lewis.
“Nein”, beharrte Beck. “Ich weiß, dass ich nicht ohne Leine fliegen soll, aber ungesichert könnte ich viel weiter …”
“Das kommt nicht infrage”, entschied Lewis.
“Aber wir könnten den Bereich, in dem wir ihn abfangen können, verdoppeln oder verdreifachen …”
“Dieses Gespräch ist beendet”, unterbrach ihn Lewis scharf.
“Aye, Commander.”
Logbuch: Sol 526
Es gibt nicht viele Menschen, die von sich behaupten können, sie hätten ein drei Milliarden Dollar teures Raumschiff demoliert. Ich bin einer von ihnen.
Mit beiden Händen reiße ich wichtige Hardware aus dem MRM. Es ist schön zu wissen, dass ich bei meinem Start keine lästigen Reservesysteme haben werde, die mein Startgewicht erhöhen.
Als Erstes nahm ich die kleinen Sachen heraus. Dann kamen die Dinge an die Reihe, die ich zerlegen konnte, wie etwa die Andruckliegen, mehrere Reservesysteme und die Steuerpulte.
Dabei improvisiere ich keine Sekunde, sondern ich befolge eine Anleitung, die mir die NASA geschickt hat. Diese Vorgaben sollen es mir so leicht wie möglich machen. Manchmal vermisse ich die Zeiten, in denen ich alle Entscheidungen selbst getroffen habe. Dann schüttle ich diesen Gedanken ab und halte mir vor Augen, dass ich viel besser dran bin, wenn ich einen Haufen Genies entscheiden lasse, anstatt mich jeden Tag mit lausigen Improvisationen durchzuhangeln.
Regelmäßig lege ich den Raumanzug an, krieche mit so viel Schrott, wie hineinpasst, in die Luftschleuse und werfe das Zeug hinaus. Das Gelände rings um das MRM sieht aus wie die Kulisse von Sanford and Son.
Diese Serie kenne ich dank Lewis’ Sammlung. Ehrlich, die Frau sollte sich wegen ihres Problems mit den Siebzigerjahren in Behandlung begeben.
Logbuch: Sol 529
Ich verwandle Wasser in Raketentreibstoff.
Das ist leichter, als man glauben könnte.
Wenn man Wasserstoff und Sauerstoff trennen will, braucht man nur zwei Elektroden und Strom. Das Problem besteht darin, den Wasserstoff aufzufangen. Ich habe nicht die passende Ausrüstung, um Wasserstoff aus der Atmosphäre zu filtern. Der Atmosphäreregler weiß nicht einmal, wie das geht. Als ich das erste Mal Wasserstoff erzeugen musste – dabei habe ich die Wohnkuppel in eine Bombe verwandelt– , habe ich ihn verbrannt, um Wasser zu erhalten. Das funktioniert jetzt natürlich nicht.
Aber die NASA hat alles durchdacht und mir ein Verfahren an die Hand gegeben. Zuerst habe ich die Verbindungen zwischen Rover und Anhänger getrennt. Dann habe ich, mit dem EVA-Anzug gerüstet, den Druck aus dem Anhänger abgelassen und ihn mit reinem Sauerstoff bis auf eine Viertelatmosphäre aufgefüllt. Anschließend habe ich eine Plastikkiste mit Wasser geöffnet und zwei Elektroden hineingelegt. Deshalb brauchte ich die Viertelatmosphäre. Ohne sie wäre das Wasser einfach verkocht, und ich hätte in einer Dampfkammer gestanden.
Die Elektrolyse hat das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Nun befanden sich noch mehr Sauerstoff und Wasserstoff im Anhänger. Das ist eine ziemlich gefährliche Mischung.
Dann schaltete ich den Atmosphäreregler ein. Ich weiß, ich habe gerade gesagt, dass er keinen Wasserstoff erkennt, aber er weiß, wie er Sauerstoff aus der Luft ziehen kann. Ich schaltete alle Sicherungen aus und wies ihn an, den Sauerstoff vollständig aus der Luft zu entfernen. Als er damit fertig war, blieb nur noch der Wasserstoff im Anhänger. Ich musste mit einer Atmosphäre aus reinem Sauerstoff beginnen, damit der Regler ihn später sauber entfernen konnte.
Schließlich setzte ich die Luftschleuse des Anhängers in Gang, ließ aber die innere Schleusentür offen. Die Luftschleuse dachte, sie pumpte nur sich selbst leer, entleerte aber in Wirklichkeit den ganzen Anhänger. Die Luft wird dabei im Zwischenspeicher der Luftschleuse komprimiert. Dadurch bekam ich einen Behälter voll reinem Wasserstoff.
Den Zwischenspeicher der Luftschleuse brachte ich zum MRM und schickte den Inhalt in die Sauerstofftanks des MRM. Ich habe das schon oft gesagt, aber ich wiederhole es gern: Ein Hoch auf das standardisierte Ventilsystem.
Nun konnte ich die Treibstofferzeugung anwerfen und sie den zusätzlichen Treibstoff herstellen lassen, den ich brauche.
Bis zum Tag des Starts muss ich dies noch einige Male tun. Ich werde sogar meinen Urin elektrolytisch aufspalten. Danach wird der Anhänger wohl sehr angenehm riechen.
Wenn ich das hier überlebe, werde ich den Leuten erzählen, dass ich Raketentreibstoff gepinkelt habe.
[19:22] JOHANNSEN: Hallo, Mark.
[19:23] MRM: Johannsen? Du meine Güte, lassen sie euch endlich direkt mit mir reden?
[19:24] JOHANNSEN: Ja, die NASA hat vor einer Stunde die direkte Kommunikation genehmigt. Wir sind nur noch 35 Lichtsekunden entfernt und können uns fast in Echtzeit austauschen. Ich habe gerade das System eingerichtet und teste es.
[19:24] MRM: Warum haben die so lange gewartet, ehe sie uns miteinander reden ließen?
[19:25] JOHANNSEN: Die Psychologen haben sich Sorgen gemacht, es könnte Konflikte geben.
[19:25] MRM: Was? Nur weil ihr mich auf einem gottverdammten Planeten sitzen gelassen habt, auf dem kein Mensch überleben kann?
[19:26] JOHANNSEN: Witzig. Machen Sie solche Scherze bitte nicht, wenn Lewis in der Nähe ist.
[19:27] MRM: Roger. Also … danke, dass ihr mich abholt.
[19:27] JOHANNSEN: Das ist das Mindeste, was wir tun können. Wie läuft der Umbau des MRM?
[19:28] MRM: Bisher recht gut. Die NASA hat die Verfahren gründlich durchdacht, und es funktioniert. Das soll nicht heißen, dass es leicht ist. Die letzten drei Tage habe ich damit verbracht, Verkleidung 19 und die vorderen Fenster zu entfernen. Selbst in der niedrigen Marsschwerkraft sind sie unhandliche Biester.
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