[19:29] JOHANNSEN: Wenn wir Sie abholen, werde ich Sie wild und leidenschaftlich lieben. Bereiten Sie sich innerlich und äußerlich gut vor.
[19:29] JOHANNSEN: Das habe ich nicht geschrieben! Das war Martinez! Ich war höchstens zehn Sekunden nicht an der Konsole!
[19:29] MRM: Ich habe euch wirklich vermisst.
Logbuch: Sol 543
Ich bin … fertig?
Ich glaube, ich bin fertig.
Ich habe alles erledigt, was auf der Liste stand. Das MRM ist flugbereit. In sechs Marstagen werde ich starten. Hoffentlich.
Vielleicht starte ich auch gar nicht. Immerhin habe ich ein Antriebsmodul entfernt. Dabei habe ich möglicherweise wer weiß was durcheinandergebracht. Es gibt keine Möglichkeit, die Startrakete zu testen. Wenn sie läuft, dann läuft sie.
Alles andere wird von jetzt an bis zum Start mehrmals überprüft. Einiges erledige ich selbst, einiges macht die NASA per Fernsteuerung. Sie sagen mir nicht, wie hoch die Fehlerwahrscheinlichkeit ist, aber ich vermute, es ist die höchste in der Geschichte der NASA. Yuri Gagarin hatte ein viel zuverlässigeres und sichereres Raumschiff als ich.
Und die sowjetischen Raumschiffe waren Todesfallen.
“ALSO”, ERKLÄRTE LS “Morgen ist der große Tag.”
Die Crew schwebte in der Cafeteria. Sie hatten die Rotation des Schiffs gestoppt, die bei dem bevorstehenden Manöver nur gestört hätte.
“Ich bin bereit”, versicherte Martinez ihr. “Johannsen hat mir alles vorgesetzt, was ihr eingefallen ist, und in jedem Szenario habe ich es bis in Marks Umlaufbahn geschafft.”
“Abgesehen von ein paar Katastrophen”, warf Johannsen ein.
“Na ja”, erwiderte Martinez. “Es ist ja ziemlich sinnlos, eine Explosion beim Aufstieg zu simulieren. Da könnten wir sowieso nichts mehr machen.”
“Vogel”, wollte Lewis wissen. “Wie ist unser Kurs?”
“Perfekt”, antwortete Vogel. “Wir sind bis auf einen Meter auf dem vorgegebenen Kurs und halten bis auf zwei Zentimeter pro Sekunde die erforderliche Geschwindigkeit.”
“Gut”, sagte die Kommandantin. “Beck, wie sieht es bei Ihnen aus?”
“Alles bereit, Commander”, meldete Beck. “Die Leinen sind verbunden und liegen aufgewickelt in Luftschleuse Zwei. Mein Anzug und der Raketenrucksack sind startklar und stehen bereit.”
“Gut. Der Schlachtplan liegt auf der Hand”, fuhr Lewis fort. Sie hielt sich an einem Griff an der Wand fest, um nicht weiter durch den Raum zu treiben. “Martinez fliegt das MRM, Johannsen überwacht den Aufstieg. Beck und Vogel, Sie stehen in der Luftschleuse bereit und öffnen die Außentür, ehe das MRM startet. Sie müssen zweiundfünfzig Minuten warten, aber ich will nicht riskieren, dass uns in letzter Sekunde technische Probleme in der Luftschleuse oder in den Anzügen behindern. Sobald wir den Abfangkurs erreicht haben, ist es Becks Aufgabe, Watney einzusammeln.”
“Möglicherweise ist er in schlechter Verfassung, wenn ich ihn berge”, überlegte Beck. “Das ausgeschlachtete MRM ist beim Start bis zu zwölf g ausgesetzt. Er könnte bewusstlos sein und sogar an inneren Blutungen leiden.”
“Sie sind unser Arzt”, antwortete Lewis. “Vogel, wenn alles nach Plan verläuft, holen Sie Beck und Watney mit der Leine an Bord. Falls etwas schiefgeht, sind Sie Becks Reservemann.”
“Ja”, bestätigte Vogel.
“Ich wünschte, wir könnten mehr tun”, schloss Lewis. “Aber jetzt können wir nur noch warten. Ihr sonstiger Arbeitsplan ist aufgehoben. Alle wissenschaftlichen Experimente werden verschoben. Schlafen Sie, wenn Sie können, und testen Sie Ihre Ausrüstung, wenn Sie nicht schlafen können.”
“Wir holen ihn, Commander”, versprach Martinez, als die anderen nach draußen schwebten. “In vierundzwanzig Stunden wird Mark Watney hier in diesem Raum stehen.”
“Wir wollen es hoffen, Major”, entgegnete Lewis.
“Die letzten Überprüfungen in dieser Schicht sind erledigt”, sagte Mitch in sein Headset. “Zeitnehmer?”
“Grün, Flugkontrolle”, antwortete der Zeitnehmer.
“Zeit bis zum Start des MRM?”
“Sechzehn Stunden, neun Minuten, vierzig Sekunden … jetzt.”
“Verstanden. An alle Stationen: Schichtwechsel beim Flugleiter.” Er zog sich das Headset vom Kopf und rieb sich die Augen.
Brendan Hutch übernahm den Kopfhörer und setzte ihn auf. “An alle Stationen, Flugleiter ist jetzt Brendan Hutch.”
“Rufen Sie mich an, wenn irgendetwas passiert”, verlangte Mitch. “Sonst sehen wir uns morgen.”
“Schlafen Sie sich mal aus, Boss”, meinte Brendan.
Venkat sah ihnen vom Beobachtungsdeck aus zu. “Warum fragt er den Zeitnehmer?”, murmelte er. “Auf dem zentralen Bildschirm läuft doch die riesige Missionsuhr mit.”
“Er ist nervös”, gab Annie zu bedenken. “Oft sieht man es nicht, aber so ist Mitch Henderson, wenn er nervös ist. Er überprüft alles doppelt und dreifach.”
“Kann ich verstehen”, sagte Venkat.
“Draußen auf der Wiese lagern übrigens Reporter aus der ganzen Welt”, fuhr Annie fort. “Unsere Presseräume sind einfach nicht groß genug.”
“Die Medien lieben so ein Spektakel.” Er seufzte. “Auf die eine oder andere Weise wird es morgen passieren.”
“Wie sieht unsere Rolle dabei aus?”, wollte Annie wissen. “Was kann Mission Control tun, wenn etwas schiefgeht?”
“Nichts”, antwortete Venkat. “Absolut nichts.”
“Nichts?”
“Das alles passiert in zwölf Lichtminuten Entfernung. Das bedeutet, dass sie vierundzwanzig Minuten auf die Antwort warten müssen, wenn sie uns eine Frage stellen. Der ganze Startvorgang dauert jedoch nur zwölf Minuten. Sie müssen allein zurechtkommen.”
“Dann sind wir völlig hilflos?”
“Ja”, bestätigte Venkat. “Das ist ein ekliges Gefühl, was?”
Logbuch: Sol 549
Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mir nicht in die Hosen mache. In vier Stunden fliege ich mittels einer riesigen Explosion in die Umlaufbahn. Das habe ich schon einige Male getan, aber noch nie mit einem zusammengepfuschten Schrotthaufen wie diesem hier.
Im Moment sitze ich im MRM. Ich trage den Raumanzug, weil vorne im Schiff, wo das Fenster und ein Teil der Hülle waren, ein großes Loch klafft. Ich warte auf die “Startanweisungen”. Wirklich, ich warte einfach nur auf den Start, bei dem ich keine aktive Rolle spiele. Ich hocke bloß auf der Andruckliege und hoffe das Beste.
Gestern Abend habe ich die letzte Essensration geöffnet. Seit Wochen war es die erste anständige Mahlzeit. Einundvierzig Kartoffeln lasse ich zurück. So nahe war ich dem Verhungern.
Während meiner Reise habe ich gewissenhaft Proben gesammelt. Mitnehmen kann ich keine einzige davon. Deshalb habe ich sie ein paar Hundert Meter entfernt in einem Behälter verstaut. Vielleicht schicken sie eines Tages mal eine Sonde, die sie einsammelt. Ich dachte, ich mache es ihnen leicht.
Das war es dann, jetzt kommt nichts mehr. Es gibt nicht einmal ein Abbruchverfahren. Warum auch? Wir können den Start nicht verschieben. Die Hermes kann nicht anhalten und warten. Ganz egal, was passiert, wir starten nach Plan.
Ich muss mich auf die gar nicht so geringe Wahrscheinlichkeit einstellen, dass ich heute sterbe. Ich kann nicht sagen, dass mir der Gedanke gefällt.
Es wäre nicht so schlimm, wenn das MRM in die Luft fliegt. Ich würde nicht einmal bemerken, was mich getroffen hat. Aber wenn ich das Rendezvous verpasse, schwebe ich einfach im Weltraum dahin, bis mir die Luft ausgeht. Dafür habe ich allerdings einen Notfallplan. Ich senke die Sauerstoffzufuhr auf null und atme reinen Stickstoff, bis ich ersticke. Das fühlt sich nicht einmal schlecht an. Die Lungen haben nicht die Fähigkeit, den Sauerstoffmangel zu spüren. Ich werde einfach nur müde, schlafe ein und sterbe.
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