Mit Wasserstoff lässt sich das nicht machen, denn Wasserstoff verflüssigt sich erst bei 21° Kelvin. So weit kann der Regler die Luft nicht herunterkühlen. Sackgasse.
Hier ist die Lösung:
Wasserstoff ist gefährlich, weil er explodieren kann. Das kann er aber nur, wenn Sauerstoff in der Nähe ist. Wasserstoff ohne Sauerstoff ist harmlos. Und der Regler kann nichts besser, als Sauerstoff aus der Luft zu entfernen.
Vier verschiedene Sicherheitsvorkehrungen hindern den Regler daran, den Sauerstoffgehalt der Wohnkuppel zu weit zu drosseln. Sie sollen allerdings nur technische Fehler und keine bewusste Sabotage verhindern (haha!).
Kurz und gut, ich kann den Regler dazu bringen, den ganzen Sauerstoff aus der Wohnkuppel zu entfernen. Dann ziehe ich einen Raumanzug an, damit ich atmen kann, und mache, was immer ich will, ohne Angst vor einer Explosion haben zu müssen.
Aus einer O2-Flasche kann ich kurze Stöße Sauerstoff auf den Wasserstoff loslassen und mit zwei Drähten und einer Batterie Funken erzeugen. Der Wasserstoff brennt, aber nur, bis die winzige Menge Sauerstoff verbraucht ist.
Das wiederhole ich immer wieder unter kontrollierten Bedingungen, bis ich den ganzen Wasserstoff verbrannt habe.
Der Plan hat allerdings einen winzigen Haken: Das bringt meine Erde um.
Der Ackerboden ist nur deshalb fruchtbar, weil Bakterien in ihm leben. Wenn ich den Sauerstoff entferne, sterben die Bakterien ab. Leider habe ich nicht 100 Milliarden kleine Raumanzüge zur Hand.
Also ist dies nur eine halbe Lösung.
Es ist Zeit, mit Nachdenken aufzuhören und eine Pause zu machen.
Commander Lewis hat den Rover als Letzte benutzt. Sie wollte an Sol 7 eine weitere Fahrt unternehmen, ist aber nach Hause geflogen. Ihre persönlichen Sachen lagen noch hinten in dem Fahrzeug. Dort habe ich einen Proteinriegel und einen USB-Stick entdeckt. Wahrscheinlich ist er mit Musik bespielt, die sie auf der Fahrt hören wollte.
Es ist Zeit, mich hinzulegen und zu sehen, was für Musik die liebe Kommandantin mitgebracht hat.
Logbuch: Sol 38 (2)
Disco. Verdammt noch mal, Lewis!
Logbuch: Sol 39
Ich glaube, ich habe es geschafft.
Die in der Erde lebenden Bakterien sind an den Winter gewöhnt. Wenn es kalt wird, verringern sie ihre Aktivitäten und brauchen weniger Sauerstoff zum Überleben. Ich kann die Temperatur in der Wohnkuppel auf 1 °C senken, dann fallen sie beinahe in den Winterschlaf. So etwas passiert auf der Erde dauernd. Auf diese Weise können sie ein paar Tage überleben. Falls Sie sich jetzt fragen, wie die Bakterien auf der Erde längere Kälteperioden überstehen, dann lautet die Antwort, dass sie sterben. Die Bakterien aus größeren Tiefen, wo es wärmer ist, vermehren sich und ersetzen weiter oben diejenigen, die gestorben sind.
Auch im Winterschlaf brauchen sie noch etwas Sauerstoff, aber nicht sehr viel. Ich glaube, mit einem Prozent sind sie gut bedient. So bleibt gerade genug in der Luft, damit die Bakterien atmen können, aber es reicht nicht, um ein Feuer zu erhalten. Folglich kann der Wasserstoff nicht mehr explodieren.
Das führt allerdings zu einem weiteren Problem. Die Kartoffelpflanzen mögen diesen Plan nicht.
Der Mangel an Sauerstoff stört sie nicht, aber die Kälte bringt sie um. Ich muss sie also eintopfen oder eintüten und in einen Rover bringen. Sie haben noch nicht gekeimt, deshalb brauchen sie vermutlich auch kein Licht.
Es war überraschend schwierig, einen Weg zu finden, damit die Heizung läuft, während der Rover nicht besetzt ist, aber ich habe es herausgefunden. Schließlich habe ich hier Zeit im Überfluss.
So sieht also der Plan aus. Zuerst kommen die Kartoffelpflanzen in die Tüten, die ich im Rover verstaue (die verdammte Heizung muss unbedingt laufen). Dann senke ich in der Wohnkuppel die Temperatur auf 1 °C und reduziere den Sauerstoffgehalt auf ein Prozent. Anschließend verbrenne ich den Wasserstoff mit einer Batterie, ein paar Drähten und einem Sauerstoffbehälter.
Ja. Das ist eine wundervolle Idee, bei der es auf gar keinen Fall einen katastrophalen Fehlschlag geben kann.
Das war übrigens Sarkasmus.
Nun ja, an die Arbeit.
Logbuch: Sol 40
Es ist nicht hundertprozentig erfolgreich verlaufen.
Man sagt, kein Plan überlebt den ersten Kontakt mit der Realität. Da muss ich zustimmen. Folgendes ist passiert.
Ich habe Mut gefasst und bin in die Wohnkuppel zurückgekehrt. Sobald ich drin war, wuchs meine Zuversicht ein wenig. Alles war, wie ich es verlassen hatte. (Womit hatte ich eigentlich gerechnet? Dass Marsianer meine Sachen geplündert hätten?)
Es dauerte eine Weile, die Wohnkuppel herunterzukühlen, daher begann ich sofort damit und stellte die Temperatur auf 1 °C.
Dann verstaute ich die Kartoffeln in Tüten und überprüfte sie, weil ich schon einmal dabei war. Sie hatten hübsche Wurzeln entwickelt und waren kurz davor zu keimen. Leider hatte ich nicht bedacht, wie ich sie von der Wohnkuppel in die Rover bringen würde.
Die Antwort war recht einfach. Ich steckte sie alle in Martinez’ Raumanzug. Dann zerrte ich ihn hinter mir her zum Rover, der vorübergehend als Gewächshaus dienen sollte.
Sobald ich mich vergewissert hatte, dass die Heizung tatsächlich weiterlaufen würde, kehrte ich in die Wohnkuppel zurück.
Dort war es inzwischen empfindlich kühl, nur noch 5 °C. Schaudernd und mit einer Atemwolke vor der Nase zog ich ein paar zusätzliche Schichten Kleidung an. Glücklicherweise bin ich nicht sehr groß. Martinez’ Sachen passten über meine, und Vogels Sachen passten über Martinez’ Kleidung. Diese verdammten Klamotten waren für Räume mit kontrollierter Temperatur gedacht. Ich fror trotz der drei Schichten. Schließlich kroch ich in meine Koje unter die Decken, um es warm zu haben.
Sobald die Temperatur nur noch 1 °C betrug, wartete ich eine weitere Stunde, damit die Bakterien im Erdreich auch ganz bestimmt begriffen, dass sie es langsam angehen sollten.
Das nächste Problem, auf das ich stieß, war der Regler. Trotz meines überbordenden Selbstvertrauens konnte ich ihn nicht überlisten. Das Ding weigerte sich einfach, zu viel OUSB aus der Luft zu ziehen. Weniger als 15 Prozent waren nicht möglich. Danach wollte es den Sauerstoffgehalt nicht weiter absenken, ganz egal, was ich tat. Ich war schon drauf und dran, den Apparat neu zu programmieren, aber wie sich herausstellte, waren die Sicherheitsvorkehrungen im ROM gespeichert.
Den Ingenieuren kann ich keinen Vorwurf machen. Das Gerät hat schließlich die Aufgabe, eine Atmosphäre herzustellen, die garantiert nicht tödlich ist. Niemand bei der NASA hat gedacht: “He, wir lassen einen tödlichen Sauerstoffmangel zu, bei dem garantiert alle Astronauten umfallen!”
Also musste ich zu primitiveren Mitteln greifen.
Der Regler benutzt für die Luftproben andere Schächte als für die Luftversorgung. Die Luft, die bei tiefen Temperaturen in ihre Bestandteile zerlegt wird, gelangt durch einen einzigen großen Schacht in den Apparat. Die Luftproben entnimmt er aber durch neun kleine Schächte, die ebenfalls mit dem Gerät verbunden sind. Auf diese Weise gewinnt die Anlage gute Durchschnittswerte der Wohnkuppel und lässt sich durch einen einzigen abweichenden Wert nicht aus dem Gleichgewicht bringen.
Ich klebte acht Einlassöffnungen zu, eine ließ ich offen. Dann stülpte ich einen großen Laubsack über die Halsöffnung eines Raumanzugs (dieses Mal war es Johannsens Anzug). Hinten bohrte ich ein winziges Loch in den Sack und klebte ihn über den noch offenen Einlass.
Dann blies ich den Beutel mit reinem Sauerstoff aus dem Vorrat des Anzugs auf. “Ach herrje!”, dachte der Regler. “Da muss ich aber eine Menge O2 aus der Luft entfernen!”
Es funktionierte wunderbar.
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