Als Nächstes habe ich die Reaktionskammer entfernt. Das erforderte etwas Arbeit, und ich habe das verdammte Ding dabei zerbrochen, aber ich habe es herausbekommen. Glücklicherweise brauche ich keine richtige Treibstoffreaktion. Genau genommen will ich auf gar keinen Fall eine richtige Treibstoffreaktion bekommen.
Inzwischen habe die Reaktionskammer in die Wohnkuppel gebracht. Zuerst habe ich mir überlegt, jeweils nur einen Hydrazinbehälter mitzunehmen, um das Risiko zu verringern, aber mit einer überschlägigen Berechnung fand ich schnell heraus, dass auch ein einziger Behälter ausreicht, um die ganze Wohnkuppel in die Luft zu jagen. Also habe ich sie alle hereingeholt. Warum auch nicht?
Die Behälter haben von Hand einstellbare Lüftungsventile. Ich habe keine Ahnung, wozu sie gut sind. Ganz sicher hat niemand damit gerechnet, dass wir sie je benutzen würden. Ich glaube, sie sollten dazu dienen, während der vielen Qualitätskontrollen und vor dem Befüllen mit Treibstoff den Druck abzulassen. Was auch immer der Grund ist, ich habe Ventile, die ich verwenden kann. Das Einzige, was ich brauche, ist ein Schraubenschlüssel.
Aus dem Wasseraufbereiter habe ich mir einen überflüssigen Wasserschlauch geliehen. Mit etwas Faden, den ich aus einer Uniform gerissen habe (Verzeihung, Johannsen), konnte ich den Schlauch am Auslass des Ventils befestigen. Als Nächstes leite ich das flüssige Hydrazin in die Reaktionskammer (bei der es sich jetzt allerdings eher um eine Reaktionsschale handelt).
Inzwischen arbeitet die Treibstofferzeugung des MRM einwandfrei. Ich habe schon einen Behälter mit CO2 hereingebracht und das Gas in die Atemluft entlassen und bin zurückgekehrt, um ihn nachzufüllen. Es gibt also keine Ausflüchte mehr. Es ist an der Zeit, Wasser herzustellen.
Wenn Sie die verkohlten Überreste der Wohnkuppel finden, dann habe ich etwas falsch gemacht. Ich kopiere dieses Logbuch in beide Rover hinüber, wo es vielleicht eher überlebt.
Jetzt geht es los.
Logbuch: Sol 33 (2)
Nun ja, ich bin nicht gestorben.
Zuerst einmal habe ich mir das Innenfutter meines EVA-Anzugs übergezogen. Nicht den unförmigen Raumanzug selbst, sondern nur die innere Schicht, die ich darunter trage, einschließlich der Handschuhe und Stiefel. Dann habe ich mir aus dem medizinischen Vorrat eine Sauerstoffmaske und aus Vogels Chemielabor eine Schutzbrille geholt. Fast mein ganzer Körper war geschützt, und ich atmete Luft aus der Konserve.
Warum? Weil Hydrazin sehr giftig ist. Wenn ich zu viel davon einatme, bekomme ich üble Probleme mit der Lunge. Wenn es auf die Haut gerät, bekomme ich chemische Verätzungen, die mein Leben lang sichtbar bleiben. Ich wollte kein Risiko eingehen.
Schließlich drehte ich das Ventil auf, bis ein Rinnsal Hydrazin herauskam. Ich ließ einen Tropfen in die Iridiumschale fallen.
Es zischte ganz undramatisch und verschwand.
Aber das war ja genau das, was ich wollte. Ich hatte gerade Wasserstoff und Stickstoff freigesetzt. Juhu!
Was ich wirklich im Überfluss besitze, sind Plastiksäcke. Sie unterscheiden sich kaum von normalen Mülleimerbeuteln, aber da sie für die NASA angefertigt wurden, kosten sie vermutlich 50.000 Dollar.
Lewis war nicht nur unsere Kommandantin, sondern auch die Geologin. Sie sollte im ganzen Einsatzbereich (in einem Radius von zehn Kilometern) Steine und Erdproben sammeln. Die Gewichtsbeschränkungen legten fest, wie viel sie tatsächlich zur Erde hätte mitnehmen können. Deshalb sollte sie zuerst alles einsammeln und dann die interessantesten 50 Kilogramm auswählen und einpacken. Die Beutel dienten zur Aufbewahrung und Unterscheidung der Proben. Manche sind kleiner als Frühstücksbeutel, andere sind so groß wie ein Abfallsack für Herbstlaub.
Außerdem habe ich Klebeband. Gewöhnliches Klebeband, wie man es im Baumarkt bekommt. Anscheinend kann nicht einmal die NASA Klebeband aus dem Baumarkt verbessern.
Ich schnitt ein paar große Beutel auf und klebte sie zusammen, um eine Art Zelt zu bauen. Eigentlich war es nur eine übergroße Tüte. Damit konnte ich den ganzen Tisch abdecken, auf dem mein Hydrazin und das Labor des irren Wissenschaftlers standen. Etwas Kram, den ich auf dem Tisch abstellte, sorgte dafür, dass das Plastik die Iridiumschale nicht berührte. Glücklicherweise sind die Beutel durchsichtig, sodass ich beobachten kann, was drinnen vor sich geht.
Als Nächstes opferte ich einen Raumanzug für mein Vorhaben. Ich brauchte einen Schlauch für die Gase. Immerhin habe ich mehr Raumanzüge, als ich tatsächlich benötige. Insgesamt sind es sechs, einer für jedes Crewmitglied. Also macht es nichts, wenn ich einen davon ausschlachte.
Oben schnitt ich ein Loch in das Plastikzelt und befestigte den Schlauch mit Klebeband. Ich glaube, es war eine recht gute Versiegelung.
Zwei weitere Fäden aus Johannsens Kleidung dienten dazu, das andere Ende des Schlauchs in der richtigen Entfernung an der Decke der Wohnkuppel aufzuhängen. Ich spannte sie schräg, damit sie weit genug von der Öffnung des Schlauchs entfernt blieben. Jetzt hatte ich einen kleinen Kamin. Die Öffnung am Ende war ungefähr einen Zentimeter weit. Hoffentlich passte die Größe.
Nach der Reaktion ist der Wasserstoff sehr heiß und steigt auf. Also bewegt er sich durch den Kamin, und wenn er am anderen Ende herauskommt, kann ich ihn verbrennen.
Dann musste ich das Feuer erfinden.
Die NASA hat sehr darauf geachtet, keinerlei brennbares Material mitzuschicken. Alles besteht aus Metall und schwer entflammbarem Plastik, und die Uniformen sind aus Kunststoff. Ich brauchte so etwas wie eine kleine Zündflamme, denn ich bin nicht geschickt genug und kann keine von selbst weiter brennende H2-Fackel erzeugen, ohne mich umzubringen. Die Toleranz für Fehler ist viel zu klein.
Nachdem ich die persönlichen Habseligkeiten aller Kameraden durchsucht hatte (Mann, wenn ihnen ihre Privatsphäre wichtig ist, dann hätten sie mich nicht mit ihrem Kram auf dem Mars zurücklassen sollen), lag die Lösung auf der Hand.
Martinez ist ein gläubiger Katholik. Das wusste ich schon vorher. Was ich nicht wusste, war, dass er ein kleines Holzkreuz mitgebracht hat. Ich bin sicher, dass die NASA ihm deshalb die Hölle heiß gemacht hat, aber ich wusste auch, dass Martinez ein störrischer Hundesohn sein kann.
Mit einer Zange und einem Schraubenzieher schälte ich von seinem heiligen religiösen Objekt lange Späne ab. Ich glaube, wenn es einen Gott gibt, dann wird er meine Zwangslage erkennen und keine Einwände erheben.
Falls ich nach der Zerstörung des einzigen religiösen Symbols weit und breit den Marsvampiren schutzlos ausgeliefert bin, kann ich es auch nicht ändern.
Es gab reichlich Batterien und Drähte, um einen Funken zu erzeugen, aber mit einem kleinen elektrischen Funken kann man kein Holz anzünden. Deshalb sammelte ich Baststränge von den Palmen auf meiner Insel, besorgte mir zwei Stöcke und rieb sie aneinander, um genug Wärme zu erzeugen, bis …
Nein, natürlich nicht. Ich leitete reinen Sauerstoff auf das Holz und erzeugte einen Funken. Der Span fing Feuer wie ein Streichholz.
Mit dieser Minifackel in der Hand setzte ich ein Hydrazinrinnsal in Gang. Es zischte auf dem Iridium und verschwand. Kurz danach entstand am Ende des Kamins eine spuckende Flamme.
Nun musste ich vor allem auf die Temperatur achten. Der Zerfall von Hydrazin erzeugt extrem viel Wärme. Also ging ich in kleinen Schritten vor und beobachtete ständig das Thermometer, das ich mit der Iridiumkammer verbunden hatte.
Und siehe da, es funktionierte!
Jeder Hydrazintank enthält etwas mehr als 50 Liter, und das reicht aus, um 100 Liter Wasser zu erzeugen. Der beschränkende Faktor ist die Sauerstoffproduktion, aber ich bin jetzt sehr aufgeregt und bereit, die Hälfte meiner Reserven zu opfern. Kurz und gut, ich höre auf, wenn der Vorratstank halb geleert ist. Am Ende werde ich dann 50 Liter Wasser haben!
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