Und dann war da noch ein Geruch, der nicht hierher passen wollte.
Es dauerte einige Minuten, bis Ras klar wurde, da ß er Feuer roch.
Mit einem Ruck blieb er stehen und schnupperte. Vor ihm brannte ein Feuer. Vielleicht hatte es sich selbst entzündet und schwelte schon seit Tagen oder Wochen, weil es nicht genügend Nahrung fand. Aber es war auch durchaus möglich, daß jene Wesen es entzündet hatten, die den Pfeil geschnitzt hatten.
Ras prüfte, aus welcher Richtung der Wind kam, und schritt weiter, dem Feuer entgegen. Vorsichtshalber nahm er den Impulsstrahler aus dem Gürtel und verstellte die Energiekapazität. Das Strahlenbündel würde einen Menschen jetzt nicht toten, sondern nur betäuben. Dafür wurde der Aktionsradius größer. Mit einem einzigen Schuß konnte er so Dutzende von Gegnern unschädlich machen.
Der Wald lichtete sich immer mehr, bis nur noch vereinzelte Bäume auf dem felsbedeckten Hang standen. Genau in Marschrichtung entdeckte Ras eine steile Felswand, die fast senkrecht den Weg versperrte. In einer Höhe von knapp zehn Metern sah er eine Reihe von schwarzen Öffnungen, zu denen schmale und behelfsmäßige Pfade führten.
Es waren Höhleneingänge, und in ihrem Hintergrund konnte er Bewegungen erkennen.
Aus zwei Hohlen wehten Rauchschleier.
Ras duckte sich hinter einen Felsen. Er spürte, wie sein Herz bis zum Hals empor klopfte Seine Hand, die den Strahler hielt, zitterte. Er versuchte, ruhig durchzuatmen und wartete.
Links waren Gebüsche. Zweige knickten, und ein Schnattern unterbrach die Stille der urweltlichen Landschaft. Jemand lachte.
Lachte!
Nur die Humanoiden, nur die Menschen konnten lachen.
Sie kamen in einer Gruppe aus dem Wald auf die Lichtung. Unbekümmert schwatzten sie miteinander und winkten in Richtung der Höhlen. In ihrer Mitte trugen sie eine erlegte Antilope, die sie mit den Füßen an einer Stange festgebunden hatten.
Sie waren Menschen, und ihre Hautfarbe war schwarz.
Ras vergaß bald seine bisherige Vorsicht, so verblüfft war er. Seine bisherige Vermutung, er sei in Afrika, schien sich zu bestätigen, so unwahrscheinlich das auch sein mochte. Er warf einen Blick auf die Uhr. Dreißig Minuten waren vergangen er hielt sich also bereits sechs Stunden in dieser fremden Welt und Dimension auf.
Wenn das stimmte, wurde die Bombe in weiteren sechs Stunden explodieren. Bis dahin mußte er sie losgeworden sein.
Die schwarzen Wilden hatten flache, fliehende Stirnpartien. Sie waren stark behaart und machten einen primitiven Eindruck. Sie standen offenbar auf der untersten Stufe der Zivilisation, kannten die Jagd und das Feuer, aber nicht den Ackerbau. Sie verstanden sich auf die Herstellung erster Waffen und schienen auch keine Nomaden mehr zu sein. Sonst wohnten sie nicht in Hohlen, zu denen man Pfade angelegt hatte.
Einige Frauen rannten den zurückkehrenden Jägern entgegen. Sie waren mit Fellteilen bekleidet, sonst aber fast nackt. Ras stellte fest, daß sie gut gebaut waren. Das Haar war hochgesteckt und wurde von Holzstäbchen und Knochensplittern gehalten. An den Ohren baumelten Ringe, die golden blitzten.
Die Männer, ebenfalls gut und ebenmäßig gebaut, legten ihre Beute ab, die von den Frauen sofort aufgeteilt wurde. Jede Höhlenfamilie erhielt ihren gerechten Anteil, der sofort in die Behausung geschafft und – zubereitet wurde.
Die Männer blieben noch draußen und unterhielten sich. Ras versuchte ihre Worte zu verstehen, aber schon bald mußte er erkennen, daß es sich um eine ihm fremde Sprache handelte. Manchmal vermeinte er, verwandte Wortelemente heraushören zu können.
Er zögerte noch einen Augenblick dann erkannte er, daß er keine andere Wahl hatte und daß jetzt die Gelegenheit günstig war. Langsam erhob er sich und trat aus seinem Versteck Er hoffte, daß sich die Wilden nicht zu sehr erschreckten und ihn angriffen. Aber schließlich hatte er die gleiche Hautfarbe wie sie.
Sie sahen ihn und griffen sofort zu ihren Waffen, aber dann ließen sie die erhobene Arme wieder sinken. Wahrscheinlich war es die fremdartige Bekleidung, die sie stutzen ließ Sie sagten nichts, bewegten sich nicht und blieben reglos und abwartend stehen. In ihren Gesichtern lag eine gespannte Erwartung und ein wenig Ratlosigkeit.
Ras hob die linke Hand und streckte die Flache den Wilden entgegen. In der rechten Hand hielt er den Strahler. Mit ihm konnte er notfalls die ganze Gruppe in tiefen Schlaf versetzen.
Ras konnte jetzt bei genauer Betrachtung feststellen, daß seine Hautfarbe heller war als die der Höhlenmenschen. So etwa mochten seine Vorfahren einst ausgesehen haben, vor zehntausend oder gar hunderttausend Jahren. Aber wenn er sich auch in einer anderen Dimension aufhielt, so doch nicht in der Vergangenheit.
Oder doch ...?
Gut, und wenn schon, dann aber keine achttausend Lichtjahre vom Entmaterialisationspunkt entfernt!
»Fürchtet euch nicht« sagte er langsam und deutlich. Vielleicht verstanden sie wenigstens den Sinn seiner Worte und hörten heraus, daß er keine feindseligen Absichten gegen sie hegte. Er schob den Strahler lose in den Gürtel, behielt aber die Hand in der Nähe des Griffs. »Ich bin froh euch getroffen zu haben.«
Sie standen bewegungslos und lauschten dem Klang seiner Stimme In ihren Mienen spiegelte sich Erstaunen und Unentschlossenheit wider. Sie konnten ihn nirgends einstufen, das verwirrte sie. Er war keiner von jenen, die sie angriffen oder ihre Herden vertrieben. Er gehörte nicht zu ihren Erbfeinden, denen sie lieber aus dem Weg gingen. Er war ein völlig fremder Mann.
Und Fremde tötete man besser.
Der Älteste der Sippe hob die Hand und gab das Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er die Holzkeule fester in die Hand und ging Ras entgegen. Zwei Meter vor ihm blieb er stehen, wartete – dann schwang er die Keule, um das klobige Ende auf den Kopf des Fremden herabsausen zu lassen.
Ras erriet rechtzeitig, welcher Art die Begrüßung sein sollte. Blitzschnell riß er den Strahler aus dem Gürtel und streckte den Häuptling mit einem einzigen Schuß nieder Der Wilde ging zu Boden und rührte sich nicht mehr. Er würde mindestens drei Stunden tief und fest schlafen.
Die übrigen Männer zögerten. Sie mußten annehmen, ihr Anführer sei tot, das Opfer einer unbekannten und unheimlichen Waffe, die Lichtblitze verschleuderte. Einer Waffe gegen die man mit Speeren, Pfeilen oder Keulen nicht ankam.
Da begriffen die Jäger sofort und hüteten sich, eine verdächtige Bewegung zu machen. Aus einer der Höhlen kam eine ältere Frau herbeigelaufen und warf sich über den Häuptling. Ras wollte den Versuch unternehmen und ihr mitteilen, daß ihr Mann nicht tot sei, aber er wußte nicht, wie er das anstellen sollte. Er ging ein paar Schritte zurück, behielt die Waffe im Anschlag und beobachtete, was weiter geschah.
Die Frau hatte den Kopf auf der Brust des vermeintlichen Toten liegen, plötzlich mußte sie seinen Herzschlag gehört haben. Ihr Gesicht verriet zuerst Verwunderung, dann Freude Sie schnatterte ein paar Worte, und ohne sich um Ras zu kümmern, nahmen vier Männer den paralysierten Anführer und schleppten ihn in eine der Höhlen.
Die übrigen Jäger blieben abwartend stehen.
Einer von ihnen, anscheinend der Älteste, trat einen Schritt vor, ohne Ras aus den Augen zu lassen. Er blieb stehen und legte seinen Speer auf die Erde. Dann folgte ein Steinmesser und schließlich der Bogen mit dem leeren Köcher. Er richtete sich wieder auf, legte die Arme gekreuzt vor die Brust und verneigte sich.
Alle anderen Jäger legten ebenfalls ihre Waffen nieder.
Ras atmete auf. Er schob den Strahler in den Gürtel zurück. Für die Wilden mußte er nach der relativ harmlosen Demonstration so etwas wie ein Halbgott sein.
»Euer Häuptling ist nicht tot. Er wird in kurzer Zeit wieder erwachen.« Er sprach langsam und mit Betonung, allerdings ohne Hoffnung, daß ihn jemand verstehen würde. »Wir wollen Frieden schließen.«
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