Die gegenüberliegende Wand, ebenfalls transparent, zeigte einen Ausblick auf die tausend Fuß tiefer liegende Stadt.
Louis rollte sich dreimal um die eigene Achse, bevor er den Rand des Bettes erreicht hatte und hinunterfiel. Der Boden war weich und mit einem Fellteppich bedeckt, der in Struktur und Farbe verblüffend an die Bärte der Eingeborenen erinnerte. Louis tappte zum Fenster und warf einen Blick in die Runde.
(Irgend etwas störte seinen Gesichtssinn, wie das leichte Flackern eines 3D-Projektors. Bewußt hatte er es bisher noch nicht wahrgenommen. Trotzdem war es lästig.)
Unter einem eintönig weißen Himmel lag grau in grau die Stadt. Die Gebäude waren zumeist groß, doch einige waren so groß, daß der Rest unbedeutend erschien. Ein paar reichten höher als der Boden des schwebenden Schlosses. Es hatte noch weitere schwebende Bauwerke gegeben. Louis konnte die Ruinen erkennen, breite Lücken in der Stadtlandschaft, wo Tausende von Tonnen Mauerwerk zu Boden gekracht waren.
Doch dieses eine Traumschloß hier besaß seine eigene Energieversorgung. Und ein Schlafzimmer mit einem Bett darin, in dem man eine beliebig große Orgie feiern konnte. Und ein riesiges Panoramafenster, durch das ein Sultan sein Reich betrachten und seine Untertanen als die Ameisen sehen konnte, die sie gewesen sein mußten.
»Dieser Ort hat sicher zur Hybris verleitet«, murmelte Louis Wu vor sich hin.
Irgend etwas fing seinen Blick. Etwas Zappelndes außerhalb des Fensters.
Faden. Ein Stück Faden war an einem Kranzgesims hängengeblieben, und noch immer regnete mehr davon aus dem Himmel. Gewöhnlicher Faden. Louis sah die beiden Enden des Stücks über dem Gesims bis in die Stadt hinunterbaumeln. Der Faden mußte wenigstens schon so lange aus dem Himmel regnen, wie Louis durch das Fenster sah. Und seine Aussicht behindern.
Louis hatte keine Ahnung, woher der Faden stammte. Er nahm ihn einfach als gegeben hin. Als irgend etwas Schönes. Nackt lag er auf dem Rücken auf dem von Wand zu Wand reichenden Fellteppich des Schlafzimmers und sah zu, wie der Faden aus dem Himmel regnete. Er fühlte sich entspannt und ausgeruht und sicher, und das zum ersten Mal, seit die Lying Bastard von einem Röntgenlaser abgeschossen worden war.
Der Faden regnete endlos herab, Schlaufe um Schlaufe schwarzen, dünnen Materials, das aus dem grau-weißen Himmel kam. Er war dünn genug, um immer wieder unsichtbar zu werden. Wie konnte man die Länge abschätzen? Andererseits — wie zählte man die Schneeflocken eines Blizzards?
Plötzlich erkannte Louis, was für ein Faden das war.
Es war ein Schock. »Willkommen Zuhause«, sagte er.
Schattenblendendraht. Er war ihnen bis hierher gefolgt.
Louis stieg fünf Stockwerke Treppen hinauf, um sein Frühstück zu finden.
Natürlich hatte er nicht erwartet, daß die Küche funktionieren würde.
Eigentlich hatte er den Bankettsaal gesucht, und statt dessen hatte er die Küche gefunden.
Es bestätigte die Vorstellungen, die er von der Anlage hatte: Man brauchte Diener, um Aristokrat zu sein — und hier hatte es offensichtlich Diener gegeben. Die Küche war riesig. Wahrscheinlich hatte eine ganze Schar von Köchen hier gearbeitet, zusammen mit eigenem Personal, um die zubereiteten Speisen nach draußen zu schaffen, schmutziges Geschirr abzuräumen und Botengänge zu erledigen…
Es gab Behälter, in denen einst frisches Obst und Gemüse gelagert worden war, und die jetzt nur noch Staub und getrocknete Kerne und Häute und Schimmel enthielten. Es gab einen Kühlraum, wo Frischfleisch abgehangen hatte. Er war leer und warm. Es gab eine Tiefkühlkammer, und sie arbeitete noch immer. Ein paar der Nahrungsmittel in den Kühlregalen waren vielleicht sogar noch immer genießbar, doch Louis verspürte keine Lust, es zu riskieren.
Er fand nirgendwo Konserven in Dosen.
Die Wasserhähne waren trocken.
Abgesehen von der Kühlkammer gab es in der gesamten Küche keine Maschine, die komplexer gewesen wäre als ein Türscharnier. Die Öfen besaßen weder Timer noch Temperaturanzeigen. Es gab nichts, das ein Äquivalent eines Toasters hätte sein können. Über dem Ofen waren Drähte gespannt, an denen irgendwelcher undefinierbare Kram hing. Getrocknete Gewürze? Keine Gewürzdosen?
Louis blickte sich einmal um, bevor er die Küche verließ. Sonst hätte er die Wahrheit vielleicht gar nicht bemerkt.
Dieser Raum war ursprünglich keine Küche gewesen.
Aber was dann? Eine Vorratskammer? Ein Fernsehzimmer? Vielleicht ein Fernsehzimmer. Eine Wand war extrem glatt und in einer uni Farbe gestrichen, die eindeutig nicht so alt war wie an den restlichen Wänden. Auf dem Boden waren Kratzspuren von Sesseln oder Sofas zu erkennen, die man entfernt hatte.
Also schön. Dieser Raum hatte der Unterhaltung gedient. Dann war vielleicht der Wandschirm kaputt gegangen, und niemand hatte gewußt, wie man ihn reparierte. Später war das gleiche mit der automatischen Küche geschehen.
Also hatten sie das riesige Fernsehzimmer in eine von Menschenhand bediente Küche umgebaut. Zum damaligen Zeitpunkt mußten derartige Küchen weit verbreitet gewesen sein, wenn keiner mehr wußte, wie man eine automatische Küche reparierte. Rohnahrung war durch fliegende Transporter herbeigeschafft worden.
Und als die Transportmaschinen eine nach der anderen versagt hatten…?
Louis verließ den Raum.
Nach einigem Suchen fand er schließlich die Banketthalle und die einzig verläßliche Nahrungsquelle im gesamten Schloß. Er zog einen Riegel aus der Küchenautomatik seines Flugrads.
Louis war gerade mit dem Frühstück fertig geworden, als Der-zuden-Tieren-spricht eintrat.
Der Kzin mußte am Verhungern sein. Er ging geradewegs zu seiner Maschine, wählte drei dunkelrote Riegel und verschlang jeden einzelnen davon mit maximal drei Bissen. Erst dann wandte er sich zu Louis um.
Der Kzin war nicht länger geisterhaft weiß. Irgendwann im Verlauf der Nacht hatte der Schaum den Heilungsprozeß beendet und sich anschließend aufgelöst. Die Haut von Der-zu-den-Tierenspricht schimmerte rosig und gesund (falls rosig die gesunde Hautfarbe eines Kzin war), und ein paar neue Striemen grauen Narbengewebes sowie ein ausgedehntes Geflecht von violetten Adern waren zu erkennen.
»Kommen Sie mit«, kommandierte der Kzin. »Ich habe einen Kartenraum entdeckt.«
KAPITEL SECHZEHN
DER KARTENRAUM
Der Raum befand sich ganz oben im schwebenden Schloß, wie um seine Bedeutung zu unterstreichen. Louis atmete schwer vom Treppensteigen. Er hatte sich ziemlich anstrengen müssen, um mitzuhalten. Der Kzin war nicht gerannt, aber er ging schneller, als ein Mensch gehen konnte.
Louis erreichte den obersten Treppenabsatz, als Der-zu-denTieren-spricht die schwere Doppeltür vor sich aufstieß.
Durch die Öffnung erblickte Louis ein horizontales Band aus tiefstem Schwarz, drei Fuß über dem Boden und vielleicht acht Zoll breit. Er blickte über das Band hinweg, suchte nach einem ähnlichen Band in Babyblau mit dunkelblauen Streifen, und er fand es.
Volltreffer.
Louis blieb im Eingang stehen und nahm Einzelheiten in sich auf. Die Miniaturringwelt füllte fast den gesamten Raum aus, einen kreisförmigen Saal von sicher hundertzwanzig Fuß Durchmesser. In der Nabe der ringförmigen Weltkarte stand ein schwerer rechteckiger Schirm auf einem massiven Gestell. Er zeigte vom Eingang weg, doch die Konstruktion war drehbar.
Hoch oben an den Wänden befanden sich zehn rotierende Globen von unterschiedlicher Größe. Sie drehten sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten, doch alle zehn besaßen die gleiche charakteristische Farbe: das satte Blau mit den weißen Polkappen und Wolken wirbeln einer erdähnlichen Welt. Unterhalb jedes Globus befand sich eine Kegelschnittkarte.
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