Noch blieben zehn Stunden Tageslicht. Die kleine Gruppe wartete im Desintegratorloch auf den Einbruch des Abends.
Der-zu-den-Tieren-spricht schlief die ganze Zeit. Sie führten ihn in den Graben und gaben ihm dann ein Spray aus dem Kzinti-Medikit, um ihn in Schlaf zu versetzen. Der weiße Schaum war auf seinem Körper zu einem schaumstoffartigen Verband erstarrt.
»Der einzige federnde Kzin des Universums«, sagte Teela.
Louis versuchte ebenfalls zu schlafen. Er döste eine Zeitlang vor sich hin. Einmal wachte er auf und sah über sich helles Tageslicht und die scharf umrissenen Schatten des Grabens ringsum. Er drehte sich um und sank erneut in Schlaf…
Und wachte kurz darauf schreckerfüllt wieder auf. Schatten! Wenn er sich zu weit aufgesetzt hätte, wäre er zu Asche verbrannt worden!
Aber jetzt waren die Wolken wieder zurück und verhinderten, daß die Spiegelblumen angriffen.
Endlich wurde es am Horizont dunkel. Als die Dunkelheit näher rückte, machte sich Louis daran, die anderen zu wecken.
Sie flogen unter der Wolkendecke. Es war lebenswichtig, daß sie die Spiegelblumen sehen konnten. Wenn es dämmerte, bevor sie das riesige Spiegelblumenfeld hinter sich ließen, mußten sie sich auch am folgenden Tag noch einmal eingraben.
Hin und wieder steuerte Louis sein Rad tiefer und riskierte einen genaueren Blick.
Eine Stunde lang flogen sie weiter… dann wurden die Spiegelblumen spärlicher. Sie kamen in eine Gegend, wo nur vereinzelt Spiegelblumen wuchsen; halb ausgewachsene Pflanzen zwischen den verbrannten Stümpfen eines ehemaligen Waldes. Hier schien tatsächlich noch Gras mit den Spiegelblumen zu konkurrieren.
Dann gab es gar keine Spiegelblumen mehr.
Und Louis konnte endlich schlafen.
Louis schlief wie ein Toter. Es war noch immer Nacht, als er erwachte. Er sah sich um und erblickte einen hellen Lichtfleck voraus und spinwärts.
Er war vollkommen erschlagen und nahm deswegen zuerst an, es sei ein Glühwürmchen, das sich in der Schallfalte verfangen hatte, oder irgend etwas ähnlich Dummes. Es war noch immer da, nachdem er sich die Augen gerieben hatte.
Er drückte auf den Interkomknopf, um mit Der-zu-den-Tierenspricht zu reden.
Das Licht wurde größer und deutlicher. Vor der Schwärze der Ringweltnacht leuchtete es hell wie reflektiertes Sonnenlicht.
Keine Spiegelblume. Nicht mitten in der Nacht.
Vielleicht ist es ein Haus, dachte Louis. Doch woher sollen die Eingeborenen Licht haben? Andererseits — ein Haus wäre schon längst vorbei und hinter ihnen. Die Flugräder waren so schnell, daß man den nordamerikanischen Kontinent in weniger als zweieinhalb Stunden damit überqueren konnte.
Das Licht wanderte langsam auf der rechten Seite an ihnen vorüber, und der Kzin antwortete immer noch nicht auf Louis’ Ruf. Louis verließ die Formation. Er grinste im Dunkeln vor sich hin. Die Flotte hinter ihm, von Der-zu-den-Tieren-spricht gesteuert (Er hatte darauf insistiert!), bestand jetzt nur noch aus zwei Flugrädern. Louis steuerte auf die Maschine des Kzin zu.
Schockwellen und die Schallfalte schimmerten schwach im wolkengedämpften Licht des Ringweltbogens, ein Netzwerk gerader Linien, die zu einem Punkt hin konvergierten. Das Flugrad und der Kzin darauf schienen in einem euklidischen Spinnennetz gefangen.
Louis war bereits gefährlich nah, als er seinen Scheinwerfer kurz ein- und gleich darauf wieder ausschaltete. Im Dunkeln sah er, wie die geisterhafte Erscheinung des Kzin hochschrak. Louis steuerte seine Flugmaschine so neben den Kzin, daß er den Lichtpunkt sehen mußte, sobald er zu Louis blickte.
Er blendete erneut die Scheinwerfer auf.
Der-zu-den-Tieren-spricht meldete sich im Interkom. »Ja, Louis. Ich sehe es auch. Wir passieren irgendein beleuchtetes Etwas.«
»Lassen Sie uns hinfliegen und einen Blick darauf werfen.«
»Ganz wie Sie meinen.« Der-zu-den-Tieren-spricht schwang seine Maschine herum.
Sie umkreisten es im Dunkeln wie neugierige Elritzen eine versinkende Bierflasche. Es war ein zehnstöckiges Schloß, und es schwebte in tausend Fuß Höhe über dem Boden. Es war hell erleuchtet wie die Instrumentenkonsole einer antiken Raumfähre.
Ein riesiges gewölbtes Panoramafenster öffnete sich über einem Raum von der Größe eines Opernsaals. Im Innern umgab ein Labyrinth aus Eßtischen ein rundes Podium. Die Decke befand sich gut fünfzig Fuß über den Tischen. Der Raum über den Tischen war leer bis auf eine abstrakte Skulptur aus gezogenem Draht, die in der Mitte von der Decke hing.
Die Ellbogenfreiheit auf der Ringwelt war stets aufs neue eine Überraschung. Auf der Erde bedeutete es ein Kapitalverbrechen, ohne Autopilot zu fliegen. Ein abstürzendes Fahrzeug würde mit Sicherheit Menschen töten, ganz gleich, wo es abstürzte. Hier gab es Tausende von Meilen unberührter Wildnis, Gebäude, die über Städten schwebten, und genug Kopffreiheit für Besucher, die fünfzig Fuß groß waren.
Unter dem Schloß lag eine Stadt, doch nirgendwo brannten Lichter. Der-zu-den-Tieren-spricht strich wie ein jagender Falke darüber und suchte die Stadt im blauen Licht des Bogens hastig ab. Er kam zurück und berichtete, daß sie Zignamucklickklick sehr ähnlich war.
»Wir können sie nach Tagesanbruch erkunden«, sagte er. »Ich denke, diese Festung ist wichtiger. Möglicherweise ist sie seit dem Niedergang der Zivilisation verlassen.«
»Sie muß eine eigene Energieversorgung besitzen«, spekulierte Louis. »Ich frage mich warum? Keines der Gebäude von Zignamucklickklick hatte eine.«
Teela steuerte ihr Flugrad unter das Schloß. Ihr Abbild auf der Interkomkonsole zeigte vor Staunen weit aufgerissene Augen. »Louis! Sprecher! Das müßt ihr sehen!«
Ohne nachzudenken folgten sie ihr. Louis steuerte sein Fluggerät neben das von Teela, als ihm mit einem Mal die gewaltige Masse bewußt wurde, die über seinem Kopf schwebte.
Überall auf der Unterseite befanden sich Fenster und Vorsprünge. Das Schloß konnte nicht landen. Wer hatte es gebaut, und vor allem: Wie? Ohne Boden, alles Beton und Metall, eine unsymmetrische Konstruktion — was zum Tanj hielt sie in der Luft? Louis’ Magen verkrampfte sich. Er biß die Zähne zusammen und zog das Flugrad neben Teela hoch. Die Masse über ihnen war sicher annähernd so groß wie die eines mittleren Passagierraumers.
Teela hatte ein Wunder entdeckt: Einen eingelassenen Swimmingpool von der Form einer Badewanne, hell erleuchtet. Der Boden und die Seitenwände waren nach außen hin durchsichtig mit Ausnahme einer einzigen Wand, die vielleicht an eine Bar oder ein Wohnzimmer oder was auch immer grenzte… Es war schwer zu sagen, durch das dicke transparente Material hindurch.
Der Pool war trocken. Am Grund lag ein einzelnes großes Skelett, das an einen Bandersnatcher erinnerte.
»Sie hielten ziemlich große Schoßtiere«, vermutete Louis.
»Ist das nicht ein jinxianischer Bandersnatcher?« fragte Teela. »Mein Onkel war Jäger. Er hatte sein Trophäenzimmer in einem Bandersnatcherskelett eingerichtet.«
»Bandersnatcher gibt es auf einer ganzen Reihe von Planeten. Sie wurden als Schlachtvieh versklavt. Würde mich nicht überraschen, wenn sie in der gesamten Galaxis vorkommen. Die Frage ist: Warum brachten die Ringweltler sie hierher?«
»Als Dekoration«, erwiderte Teela prompt.
»Machst du Witze?« Ein Bandersnatcher sah aus wie eine Kreuzung aus Moby Dick und einer Planierraupe.
Aber warum eigentlich nicht?, dachte Louis. Warum sollten die Ringweltkonstrukteure nicht ein Dutzend oder sogar hundert Planeten abgesucht haben, um ihre künstliche Welt zu besiedeln? Wahrscheinlich hatten sie Ramjet-Fusionsantriebe besessen. Und jedes lebende Ding auf der Ringwelt mußte von irgendwo außerhalb stammen. Spiegelblumen, Bandersnatcher… was sonst noch?
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