»Komm zurück, du Wichser«, sagte sie zu sich selbst, aber der Coca-Cola-Lieferwagen war längst weg. Möglicherweise war er nicht einmal beschädigt worden. Höchstens ein Kratzer. Tja, früher oder später hatte es wohl dazu kommen müssen, daß sie es in diesem ihrem Krieg mit einem Symbol und einer Realität aufzunehmen versuchte, die zu übermächtig für sie waren. Jetzt wird mein Versicherungssatz wieder in die Höhe gehen, begriff sie, als sie aus ihrem Wagen stieg. Wenn du ein Turnier mit dem Bösen ausfichst, bezahlst du dafür in dieser Welt mit kaltem, hartem Bargeld.
Ein Mustang neueren Jahrgangs wurde langsamer, und der Fahrer, ein Mann, rief ihr zu: »Kann ich Sie mitnehmen, Miß?«
Sie antwortete nicht. Sie ging einfach nur weiter. Eine kleine zerbrechliche Gestalt zu Fuß, die einer Unendlichkeit auf sie eindringender Lichter entgegenblickte.
Zeitungsausschnitt, im Foyer des Samarkand House, des Zentrums des Neuen Pfades in Santa Ana, Kalifornien, mit Reißzwecken an eine Wand gepinnt:
Wenn der senile Patient am Morgen aufwacht und nach seiner Mutter ruft, dann erinnern Sie ihn daran, daß sie schon lange tot ist, daß er über achtzig Jahre alt ist und in einem Genesungsheim lebt und daß wir nicht mehr 1913, sondern schon 1992 schreiben und daß er darum der Wirklichkeit und der Tatsache ins Gesicht sehen muß, daß …
Ein Insasse hatte den Rest des Textes abgerissen; er hörte an dieser Stelle auf. Offensichtlich stammte der Artikel aus einer Fachzeitschrift für Krankenpflegerinnen; er war nämlich auf Kunstdruckpapier gedruckt.
»Was du hier zuerst tun wirst«, sagte George, der zum Betreuerstab gehörte, als er ihn durch die Halle führte, »ist, die Badezimmertür zu putzen. Die Böden, die Becken und besonders die Toiletten. Es gibt drei Badezimmer in diesem Trakt, eines auf jeder Etage. «
»Okay«, sagte er.
»Hier ist ein Scheuerlappen. Und ein Wischeimer. Glaubst du, daß du weißt, wie man so was macht? Ein Badezimmer putzen? Fang an, und ich werde dir zusehen und dir Tips geben, wenn du nicht klarkommst.«
Er trug den Eimer zu der Wanne im rückwärtigen Teil des überdachten Vorbaus und schüttete Reinigungsmittel hinein und ließ dann das heiße Wasser einlaufen. Alles, was er sehen konnte, war der entstehende Schaum direkt vor ihm; der Schaum und das Brausen.
Aber er konnte Georges Stimme hören, die von außerhalb seines Gesichtsfeldes kam. »Nicht zu voll, sonst kannst du ihn hinterher nicht hochheben.«
»Okay.«
»Es soll dir ein bißchen schwerfallen, zu sagen, wo du eigentlich bist«, sagte Georg nach einiger Zeit.
»Ich bin in einem Heim des Neuen Pfades.« Er stellte den Eimer auf dem Boden ab, und der Eimer schwappte über; er stand bloß da und starrte teilnahmslos auf die Bescherung.
»In welchem Heim des Neuen Pfades?«
»In Santa Ana.«
George hob den Eimer hoch, um ihm zu zeigen, wie man den Drahtgriff anfassen und den Eimer beim Gehen schwingen mußte. »Ich denk’ mir, daß wir dich später auf die Insel oder auf eine der Farmen schicken werden. Aber zuerst geht’s mal ‘ne Runde ab aufs Klo.
»Das kann ich«, sagte er. »Aufs Klo gehen.«
»Magst du Tiere? Oder Gartenarbeit?«
»Tiere.«
»Na, mal sehen. Wir werden damit warten, bis wir dich besser kennen. Auf jeden Fall wird das ‘ne Weile dauern; alle, die zu uns kommen, müssen erst mal ‘n Monat lang Klos schrubben.«
»Irgendwie würde ich gerne auf dem Land leben«, sagte er.
»Wir unterhalten verschiedene Arten von Rehabilitationseinrichtungen. Wir werden später entscheiden, was für dich am besten ist. Du weißt, daß du hier rauchen darfst, aber es wird nicht gerne gesehen. Hier ist’s nicht wie in Syanon; die lassen dich nicht rauchen. «
Er sagte: »Ich habe keine Zigaretten mehr.«
»Wir geben jedem Insassen ein Päckchen pro Tag.«
»Geld?« Er hatte keines.
»Es kostet nichts. Hier ist alles umsonst. Du hast deinen Preis längst bezahlt.« George nahm den Scheuerlappen, tauchte ihn in den Eimer, zeigte ihm, wie man scheuern mußte.
»Weswegen habe ich eigentlich kein Geld?«
»Aus dem gleichen Grund, weswegen du keine Brieftasche und keinen Nachnamen hast. Das wird dir später zurückgegeben werden, das alles. Genau das ist ja unser Programm: dir zurückzugeben, was man dir weggenommen hat. «
Er sagte: »Diese Schuhe passen mir nicht.«
»Wir sind auf Spenden angewiesen, aber wir nehmen nur neue Sachen, von Läden. Später können wir dir vielleicht mal welche anmessen. Hast du alle Schuhe in der Kiste durchprobiert?«
»Ja«, sagte er.
»All right, das hier ist das Badezimmer im Erdgeschoß; mach das zuerst. Dann, wenn das erledigt ist, alles blitzblank und so, dann geh nach oben – nimm den Wischlappen und den Eimer mit – und ich werde dir das Badezimmer da oben zeigen. Und danach kommt dann das Badezimmer in der dritten Etage dran. Aber du mußt dir eine Erlaubnis holen, bevor du in die dritte Etage raufgehst, weil da die Puppen wohnen; also frag zuerst jemanden vom Personal und geh nie ohne Erlaubnis rauf.« Er klopfte ihm auf die Schulter. »All right, Bruce? Alles kapiert?«
»Okay«, sagte Bruce, während er weiterscheuerte.
George sagte: »Du wirst so lange Badezimmer schrubben, bis du so weit kommst, daß du gute Arbeit leisten kannst. Es ist völlig egal, was jemand tut; es kommt nur darauf an, daß er so weit kommt, daß er es richtig tun und darauf stolz sein kann.«
»Werde ich jemals wieder so werden, wie ich früher war?« fragte Bruce.
»Das, was du früher warst, hat dich hierhergebracht. Wenn du wieder so würdest, wie du früher mal warst, dann würde dich das früher oder später wieder hierherbringen. Und beim nächsten Mal würdest du’s vielleicht nicht mal bis hierhin schaffen. Stimmt doch, oder? Du hast Glück gehabt, daß du hierhergekommen bist; du hättest es fast nicht geschafft.«
»Jemand anderes hat mich hergefahren.«
»Du bist ein Glückspilz. Beim nächsten Mal würden sie’s vielleicht nicht tun. Vielleicht würden sie dich am Straßenrand aus dem Wagen kippen und sich sagen: Zum Teufel damit.«
Bruce scheuerte unbeirrt weiter.
»Am einfachsten geht’s, wenn du zuerst die Waschbecken machst, dann die Wanne, dann die Toiletten und erst ganz zuletzt den Fußboden.«
»Okay«, sagte er und legte den Scheuerlappen weg.
»Man muß erst mal den richtigen Dreh rauskriegen. Das wirst du schon schaffen.«
Als er genauer hinschaute, sah er vor sich Risse in der Emaille des Beckens; er träufelte Reinigungsmittel in die Risse und ließ heißes Wasser darüberlaufen. Der Dampf wallte auf, und er stand regungslos mitten darin, während der Dampf immer dichter wurde. Er mochte den Geruch.
*
Nach dem Mittagessen saß er im Gemeinschaftsraum und trank Kaffee. Die anderen ließen ihn in Ruhe, weil sie wußten, daß er auf Entzug war. Während er so dasaß und aus seiner Tasse trank, konnte er ihre Gespräche verfolgen. Sie kannten sich alle untereinander.
»Wenn du durch die Augen eines Toten hinaussehen könntest, könntest du immer noch etwas erkennen, aber du könntest die Augenmuskulatur nicht mehr betätigen, und darum könntest du den Blick nicht auf eine bestimmte Stelle richten. Dir bliebe nichts anderes übrig, als zu warten, bis sich irgendein Objekt an dir vorüberbewegt. Du würdest wie eingefroren sein. Einfach nur warten und warten. Das wäre bestimmt ganz schrecklich.«
Er starrte hinunter auf den Dampf seines Kaffees; nur darauf. Der Dampf stieg auf; er mochte den Geruch.
»Hey«.
Eine Hand berührte ihn. Die Hand einer Frau.
»Hey«.
Er schaute ein wenig zur Seite.
»Wie geht’s dir?«
»Gut«, sagte er.
»Fühlst du dich schon ein bißchen besser?«
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