Mit diesem meteorischen Feuerball verloren wir auch den Rest unserer interplanetarischen Geschwindigkeit. Mit etlichem Unbehagen betrachtete ich während unseres Falls die abgedunkelte Landschaft unter uns — ich glaubte, das breite, gewundene Band der Themse sehen zu können — und ich fragte mich, ob ich nach dieser ganzen Reise am Ende noch auf den harten Felsen der Erde zerschellen könnte!
Aber dann…
Meine Impressionen der letzten Phase unseres taumelnden Abstiegs sind nur verschwommen und unvollständig. Ich beschränke mich darauf, die Erinnerung an ein Fahrzeug wiederzugeben, das wie ein großer Vogel aus dem Himmel hereinkam und uns in einem Laderaum deponierte, der irgendwie den Eindruck eines Magens vermittelte. In der Dunkelheit verspürte ich einen heftigen Ruck, als sich dieses Gerät durch die Luft schob und seine Geschwindigkeit reduzierte; und dann verlief unsere Landung extrem sanft.
Als ich dann wieder die Sterne sehen konnte, gab es keine Spur mehr von dem Vogelschiff. Unsere Kapsel war auf dem ausgetrockneten, leblosen Boden von Richmond Hill gelandet, keine hundert Yards von der weißen Sphinx entfernt.
Nebogipfel ließ die Kapsel auffahren, und ich trat aus ihr hinaus und setzte mir die Brille auf die Nase. Plötzlich gewann die nächtliche Landschaft an Konturen und Details, und zum erstenmal war ich in der Lage, einige Einzelheiten dieser Welt des Jahres 657208 n. Chr. auszumachen.
Es war eine klare Nacht — die Sterne funkelten nur so am Himmel — und der dräuende Schemen, den die Sphäre darstellte, war gut zu erkennen. Ein rostiger Geruch und eine gewisse Feuchtigkeit, wie von Flechten und Moos, gingen von dem allgegenwärtigen Sand aus. Und überall lag der süßliche Gestank der Morlocks drückend in der Luft.
Ich war erleichtert, endlich dieser Tablette entkommen zu sein und festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich erklomm den Hügel bis zum bronzebeschichteten Sockel der Sphinx, und da stand ich nun, auf halber Höhe von Richmond Hill, an dem Ort, der einst meine Heimat gewesen war. Etwas weiter oben am Hügel stand ein neues Bauwerk, eine kleine, flache Hütte. Ich sah keine Morlocks. Es war ein scharfer Kontrast zu den Eindrücken, die ich bei meinem letzten Aufenthalt hier gehabt hatte, als sie — während ich in der Dunkelheit umherstolperte — überall zu sein schienen.
Keinerlei Hinweise auf meine Zeitmaschine — nur tief in den Sand gefräste Spuren und die seltsamen kleinen Fußabdrücke der Morlocks. Hatten sie die Maschine etwa wieder in die Basis der Sphinx geschleppt? So wiederholte sich also die Geschichte! — dachte ich zumindest. Ich spürte, wie sich die Hände zu Fäusten ballten, so schnell hatte sich meine galaktische Stimmung verflüchtigt; und Panik wallte in mir auf. Ich beruhigte mich wieder. War ich denn ein Narr, daß ich erwartet hatte, die Zeitmaschine würde beim Verlassen der Kapsel auf mich warten? Ich durfte mich nicht auf Gewalt verlegen — nicht jetzt! — nicht, wo mein Fluchtplan kurz vor seiner Ausführung stand.
Nebogipfel schloß zu mir auf.
»Wir scheinen hier allein zu sein«, bemerkte ich.
»Die Kinder sind aus diesem Sektor weggebracht worden.«
Ich spürte, wie mich erneut Scham überkam. »Bin ich denn tatsächlich so gefährlich?… Sag mir, wo sich die Maschine befindet.«
Er hatte die Brille abgenommen, doch ich konnte den Ausdruck in diesen grauroten Augen nicht interpretieren. »Sie ist in Sicherheit. Sie ist an einen günstigeren Ort gebracht worden. Wenn du willst, kannst du sie inspizieren.«
Ich fühlte mich, als ob ich durch ein Stahlseil mit meiner Zeitmaschine verbunden wäre und zu ihr hingezogen würde! Ich wäre am liebsten zur Maschine gerannt, hätte mich in den Sattel geschwungen — fertig mit dieser Welt der Dunkelheit und den Morlocks, und ab in die Vergangenheit! — Aber ich mußte an mich halten. »Das ist nicht nötig«, bluffte ich und versuchte dabei unbeteiligt zu klingen.
Nebogipfel führte mich den Hügel hinauf, zu dem kleinen Gebäude, das mir schon früher aufgefallen war. Es war in dem üblichen fugenlosen, schlichten Morlock-Design erbaut und wirkte wie ein Puppenhaus, mit einer primitiv angeflanschten Tür und einem schrägen Dach. Im Innern befand sich eine Pritsche als Schlafgelegenheit, mit einer Decke, außerdem ein Stuhl und ein kleines Tablett mit Essen und Wasser — alles machte einen vertrauenerweckend soliden Eindruck. Mein Rucksack lag auf der Pritsche.
Ich wandte mich Nebogipfel zu. »Du hast an alles gedacht«, lobte ich ihn aufrichtig.
»Wir respektieren deine Rechte.« Er verließ meine Hütte. Als ich die Brille abnahm, verschwamm er zu einem Schatten.
Mit einiger Erleichterung schloß ich die Tür. Es war ein Genuß, für eine Weile allein zu sein. Ich schämte mich, daß ich so systematisch plante, ihn und sein Volk zu hintergehen! Aber mein Plan hatte mich bereits über eine Distanz von mehreren hundert Millionen Meilen geführt — bis auf einige hundert Yards an die Zeitmaschine heran — und ich konnte die Vorstellung des Scheiterns jetzt nicht mehr ertragen.
Wenn ich Nebogipfel verletzen mußte, um zu fliehen, dann würde ich es sicher tun!
Ich öffnete den Rucksack, fand eine Kerze und zündete sie an. Ein gemütliches gelbes Licht und ein Rauchwölkchen verwandelten diese inhumane kleine Kiste in ein Heim. Die Morlocks hatten meinen Schürhaken nicht wieder herausgegeben — was ich mir auch hätte denken können —, aber der Großteil der übrigen Ausrüstung war vorhanden. Sogar mein Klappmesser war noch da. Mit dieser Klinge und dem Morlock-Tablett als improvisiertem Spiegel schabte ich mir den lästigen Bartwuchs ab und rasierte mich so gründlich, wie es eben ging. Ich konnte sogar die Unterwäsche wechseln — ich hätte nie gedacht, daß mir das Gefühl wirklich sauberer Socken eine solche Wahrnehmung sinnlichen Genusses bescheren könnte! — und ich dachte zärtlich an Mrs. Watchets, die mir diese wertvollen Sachen eingepackt hatte.
Schließlich — und dies war das größte Vergnügen — holte ich meine Pfeife aus dem Rucksack, stopfte sie mit Tabak und zündete sie an der Kerzenflamme an.
In diesem Zustand, mit meinen wenigen Habseligkeiten umgeben und noch das Aroma meines besten Tabaks in der Nase, legte ich mich auf das kleine Bett, zog mir die Decke über und schlief ein.
Ich erwachte im Dunklen.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, ohne Tageslicht aufzuwachen — als ob man mitten in der Nacht aufgeweckt worden wäre — und solange ich mich in der Ewigen Nacht der Morlocks befunden hatte, war ich noch nie richtig ausgeschlafen gewesen. Es hatte den Anschein, als ob mein Körper nicht imstande sei, die Tageszeit zu bestimmen.
Ich hatte Nebogipfel gesagt, daß ich die Zeitmaschine in Augenschein nehmen wollte, und ich verspürte eine große Nervosität, als ich meine Morgentoilette erledigte und ein kleines Frühstück einnahm. Mein Plan wies eigentlich keine strategische Komponente auf: es ging mir lediglich darum, bei der erstbesten Gelegenheit von der Maschine Besitz zu ergreifen! Mein Spiel basierte auf der Unterstellung, daß die Morlocks nach Jahrtausenden mit hochentwickelten Maschinen nichts mehr mit einem so primitiv konstruierten Gerät anzufangen wußten, wie diese Zeitmaschine eines war. Ich hielt es für unwahrscheinlich, daß sie erwarteten, mit einem so simplen Handgriff wie dem Einstecken zweier Hebel die Funktionsfähigkeit der Maschine wieder herzustellen — oder zumindest betete ich, daß dem so war!
Ich verließ die Hütte. Nach all meinen Abenteuern steckten die Hebel der Zeitmaschine noch sicher in der Innentasche meiner Jacke.
Nebogipfel kam auf mich zu; seine schmalen Füße hinterließen verwaschene Abdrücke im Sand, und seine beiden Hände waren leer. Ich fragte mich, wie lange er wohl schon in der Nähe gewesen war und auf mein Erscheinen gewartet hatte.
Читать дальше