Ich wußte sehr wohl — Nebogipfel hatte es mir gesagt! —, daß meine Furcht vor den Morlocks überwiegend instinktgesteuert ist und einem Komplex aus Erfahrungen, Alpträumen und Ängsten meiner eigenen Seele entspringt, der an diesem Ort völlig irrelevant ist. Ich hatte mich schon als Kind vor der Dunkelheit und unterirdischen Orten gefürchtet; dann diese Angst vor dem Körper und seiner Beschädigung, die Nebogipfel diagnostiziert hatte — eine Angst, die ich wohl mit vielen Menschen meiner Zeit teile. Und außerdem bin ich so ehrlich einzugestehen, daß ich ein ausgeprägtes Klassenbewußtsein besitze und infolgedessen kaum etwas mit den Werktätigen meiner Zeit zu schaffen hatte, und in meiner Ignoranz hatte ich leider eine gewisse Verachtung und Furcht entwickelt. Und all diese alptraumhaften Fragmente werden hundertfach in meinen Reaktionen auf die Morlocks verstärkt! — Aber eine derart primitive Geisteshaltung ist weder meiner noch meines Volkes würdig und auch nicht Nebogipfels Angedenken. Ich bin entschlossen, diese innere Dunkelheit abzustreifen und die Morlocks nicht als Monster oder Untermenschen, sondern als potentielle Nebogipfel zu betrachten.
Dies ist eine reiche Welt, und es besteht kein Grund für die Nachfahren der Menschheit, sich in dieser garstigen Weise, die sie kultiviert haben, gegenseitig aufzufressen. Das Licht der Intelligenz glimmt nur noch trübe in dieser Historie: aber es ist noch nicht ganz erloschen. Die Eloi bewahren ihre Fragmente der menschlichen Sprache, und die Morlocks ihr evidentes technisches Verständnis.
Ich träume davon, noch vor meinem Tod ein neues Feuer der Rationalität in diesem Zunder zu entfachen.
Ich weiß, daß ich kein Messias bin — wenn mich die schlichten Eloi auch vielleicht für einen gehalten hatten, als ich in einem Hagelsturm zum erstenmal hier erschienen war! Es bedurfte großer Anstrengungen und des Ablegens alter Vorstellungsmuster, das Wesen der Dinge in dieser Welt auch nur zu begreifen; und als es mir schließlich gelungen war, bestand meine erste Reaktion in selbstsüchtiger, panischer Angst. Und ich bin nicht so vermessen zu glauben, daß ich an einem Tag das Schicksal zweier Spezies ändern könnte. Die ganze wissenschaftliche Ausbildung, die ich genossen hatte — dieses jahrtausendelange Lernen und Studieren, das hinter mir lag —, hatte mir damals nichts Nützlicheres als eine Schachtel Streichhölzer bereitgestellt!
Nichtsdestoweniger träume ich davon, mit meinen Handlungen und Unterweisungen jetzt ein neues Streichholz anzuzünden — daß ich wieder das helle Licht des Bewußtseins in den verdunkelten Köpfen dieser feindlichen Völker zum Leuchten bringe. Ich träume davon, daß die Bewohner dieser Erde sich regenerieren und eine Zukunft schaffen, die sich an Noblesse mit allen Zweigen der in der Multiplizität verstreuten Menschheit messen kann.
Ja! — das ist ein nobler Traum — und ein edles Vermächtnis.
Ich habe diese Papiere bei der Erkundung einer Gruft tief unter dem Grünen Porzellanpalast gefunden. Die Seiten waren vakuumverpackt konserviert worden. Es war ziemlich einfach für mich, aus Metallteilen eine Feder und aus Pflanzensäften Tinte herzustellen. Zum Schreiben gehe ich immer zu meiner Bank aus gelbem Metall, die sich auf dem Grat von Richmond Hill befindet, keine Meile von meinem Zuhause entfernt. Und dabei genieße ich die Gesellschaft des Themsetals: dieses liebliche Land, dessen Evolution ich über ganze Erdzeitalter mitverfolgt habe.
Der Zeitreise habe ich entsagt — schon seit langem —, vielmehr, wie bereits erwähnt, habe ich meine Maschine abgewrackt und aus ihren Komponenten Hacken und andere Utensilien gefertigt, die sinnvoller sind als eine Zeitmaschine. (Die beiden Steuerungshebel habe ich indessen behalten — sie liegen neben mir auf der Bank, jetzt, während ich dies schreibe.) Ich bin wohl ganz zufrieden mit meinen hiesigen Projekten; aber die Tatsache, daß ich keine Möglichkeit habe, meinen Zeitgenossen des ausgehenden 19. Jahrhunderts von meinen Entdeckungen und Beobachtungen sowie den anderen Abenteuer zu berichten — vielleicht ist das auch nur meine Eitelkeit! — wurmt mich. Aber jetzt geben mir diese Seiten ja die Gelegenheit, das zu korrigieren.
Um dieses empfindliche Papier vor dem Zerfall zu bewahren, werde ich es wieder in der Originalverpackung versiegeln und das Ganze dann in einem Behälter deponieren, den ich aus den mit Plattnerit angereicherten Komponenten der Zeitmaschine gefertigt habe. Danach werde ich den Behälter so tief wie möglich vergraben.
Ich verfüge über keine sichere Möglichkeit, meinen Bericht entweder in die Zukunft oder in die Vergangenheit zu transferieren — ganz zu schweigen von einer anderen Historie — und deswegen kann es gut sein, daß diese Aufzeichnungen im Boden vermodern werden. Aber ich glaube, daß mein Paket wegen der Plattnerit-Umhüllung sehr gute Aussichten hat, von einem eventuellen Zeitreisenden aus der Multiplizität entdeckt zu werden. Außerdem könnte es auch sein, daß mein Bericht aufgrund einer zufälligen Strömung des Zeitflusses sogar den Weg zurück in mein eigenes Jahrhundert findet.
Auf jeden Fall ist es das Beste, was ich tun kann! — und nun, da ich diesen Kurs eingeschlagen habe, stellt sich bei mir ein Zustand der Zufriedenheit ein.
Ich werde diesen Bericht vor meinem Abstieg in die Unterwelt abschließen und versiegeln, denn ich weiß, daß meine Morlock-Mission nicht ohne Gefahren ist — eine Mission, von der ich vielleicht nicht zurückkehren werde. Aber es ist ein Auftrag, den ich nicht viel länger hinauszögern kann; ich bin bereits über fünfzig Jahre alt, und bald werde ich dieser Kletterei in den dunklen Schächten nicht mehr gewachsen sein!
Ich erkläre hiermit, daß nach meiner Rückkehr eine Zusammenfassung meiner unterirdischen Abenteuer als Anhang zu dieser Monographie erfolgen wird.
Später. Ich bin bereit zum Einfahren unter Tage.
Wie spricht der Dichter? — »Wenn die Türen der Wahrnehmung gereinigt sind, wird sich den Menschen alles so erschließen, wie es ist, unendlich« — oder zumindest ist dies die sinngemäße Aussage: Ich bitte, mir etwaige Fehler beim Zitieren nachzusehen, denn ich habe die Quellen nicht verfügbar… Ich habe die Unendlichkeit geschaut und die Ewigkeit. Ich habe niemals die Vision jener benachbarten Universen vergessen, die in dieser sonnenbeschienenen Landschaft lagen, dichter beisammen als die Seiten eines Buches; und genauso wenig habe ich den Sternenschein der Optimalen Historie vergessen, die wohl für immer in meiner Seele weiterleben wird.
Aber keine dieser erhabenen Visionen zählt auch nur halb so viel für mich wie diese flüchtigen Momente der Zärtlichkeit, welche die Dunkelheit meines einsamen Lebens erhellt haben. Ich habe die Loyalität und Geduld von Nebogipfel genossen, die Freundschaft von Moses und die menschliche Wärme von Hilary Bond; und keine meiner Leistungen oder Abenteuer — nicht die Visionen der Zeit, nicht die Sterne der Unendlichkeit — werden so lange in meinem Herzen leben wie der Augenblick an diesem ersten, hellen Morgen nach meiner Rückkehr hierher, als ich am Fluß saß und Weenas Gesicht wusch, und ihre Brust sich hob und sie hustete, und ihre schönen Augen sich zaghaft öffneten, und ich sah, daß sie am Leben war; und als sie mich erkannte, öffnete sich ihr Mund zu einem frohen Lächeln…
(Anmerkung des Herausgebers: Hier endet der Bericht. Ein weiterer Anhang wurde nicht gefunden.)