Ich wußte, daß ich von Glück sagen konnte, diese Dummheit nicht mit dem Leben bezahlt zu haben; und was die arme Weena betraf…
Aber ich verdrängte jetzt diese Schuldgefühle, denn meines Wissens war ich ja hier, um das alles wiedergutzumachen. Ich hatte zwar keine Waffen, aber ich hatte ja auch nicht vor, mit den Morlocks zu kämpfen — darüber war ich hinweg —, sondern ich wollte nur Weena retten. Und um das zu erreichen, so kalkulierte ich, brauchte ich wohl keine schwereren Waffen als meinen Verstand und meine Fäuste.
Die Zeitmaschine wirkte sehr exponiert, wie ihr Messing und Nickel dort auf der Hügelflanke glitzerten, und obwohl ich eigentlich nicht beabsichtigte, sie noch einmal zu benutzen, beschloß ich, sie zu tarnen. In der Nähe war ein Wäldchen, und ich schleifte die plumpe Maschine dorthin und bedeckte sie mit Ästen und Blättern. Das kostete mich einige Anstrengung — denn die Maschine war ein ziemlich klotziges Teil — und ich schwitzte, und die Kufen hatten eine tiefe Spur in das Erdreich gegraben.
Ich ruhte mich ein paar Minuten lang aus, und dann, mit einer Willensanstrengung, setzte ich mich hügelabwärts in Richtung Banstead in Bewegung.
Ich war kaum hundert Yards gegangen, als ich Stimmen hörte. Für einen Moment war ich erschrocken, weil ich glaubte, daß es sich — trotz des Tageslichts — um Morlocks handelte. Aber die Stimmen waren durchaus menschlich und sprachen in diesem eigentümlichen, einfachen Singsang, der für die Eloi charakteristisch ist; und nun trat eine aus fünf oder sechs dieser kleinen Leute bestehende Gruppe aus einem Waldstück auf den Weg, der zur Sphinx führte. Es erstaunte mich von neuem, wie zierlich und klein sie waren — nicht größer als die Kinder meiner Zeit, Männer wie Frauen — und mit diesen schlichten purpurnen Tuniken und Sandalen bekleidet.
Die Parallelen zu meiner ersten Ankunft in diesem Zeitalter stachen mir sofort ins Auge; denn ich war damals auf genau die gleiche Art einer Gruppe von Eloi über den Weg gelaufen. Ich erinnerte mich, wie sie sich mir ohne Furcht genähert hatten — eher neugierig — und gelacht und mich angesprochen hatten.
Jetzt indessen waren sie vorsichtiger: Ich hatte sogar den Eindruck, daß sie zurückwichen. Ich breitete die Hände aus und lächelte, um sie von meiner Harmlosigkeit zu überzeugen; aber ich kannte die Ursache dieser veränderten Haltung nur zu genau: sie hatten bereits Bekanntschaft mit dem gefährlichen und unberechenbaren Verhalten meines früheren Ich gemacht, insbesondere bei meinem Ausrasten nach dem Diebstahl der Zeitmaschine. Die Vorsicht dieser Eloi war nur zu berechtigt.
Ich versuchte also keine Kontaktaufnahme, und die Eloi gingen an mir vorbei, bergauf in Richtung der Rhododendronwiese; als ich außer Sichtweite war, nahmen sie ihre rhythmisch blubbernde Unterhaltung wieder auf.
Ich nahm über das offene Land Kurs auf den Wald. Überall sah ich diese Schächte, die, wie ich wußte, in die unterirdische Welt der Morlocks führten — und aus denen, wenn man nahe genug heranging, das unermüdliche Klong-klong-klong ihrer großen Maschinen drang. Mir stand der Schweiß auf Stirn und Brust — denn es war ein heißer Tag, trotz der sinkenden Nachmittagssonne —, und ich fühlte, wie ich kratzend Luft in die Lungen sog und wieder ausstieß.
Mit dem Eintauchen in diese Welt schienen auch meine Emotionen wieder zu erwachen. Auch wenn ihr ziemliche Beschränkungen auferlegt waren, hatte Weena mir Zuneigung entgegengebracht, das einzige Wesen in dieser Welt des Jahres 802701, von dem ich eine solche Regung erfahren hatte; und ihr Verlust hatte mich zutiefst getroffen. Als ich jedoch 1891 im vertrauten Feuerschein meines Kamins meinen Freunden diese Geschichte erzählte, war die Trauer schon zu einem schwachen Abbild verblaßt; Weena hatte sich in die Erinnerung an einen Traum verwandelt, völlig irreal.
Nun, jetzt war ich wieder hier und stapfte durch diese vertraute Landschaft, und diese ganze ursprüngliche Trauer ergriff mich wieder — es war, als ob ich nie weggewesen wäre — und sie motivierte jeden meiner Schritte.
Während ich unterwegs war, packte mich großer Hunger. Ich stellte fest, daß ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, wann ich zuletzt etwas gegessen hatte — es mußte vor Nebogipfels und meinem Aufbruch aus dem Zeitalter der Weißen Erde gewesen sein — obwohl ich die Annahme durchaus für zulässig hielt, daß dieser Körper noch nie eine Mahlzeit eingenommen hatte, falls die Beobachter ihn rekonstruiert hatten, wie Nebogipfel angedeutet hatte! Nun, ungeachtet aller philosophischen Spitzfindigkeiten, der Magen rumorte bald vor lauter Hunger, und ich machte in der Hitze langsam schlapp. Ich kam an einem Speisesaal vorbei — einem großen, grauen Bauwerk aus behauenem Stein — und machte einen Abstecher dorthin.
Ich betrat das Gebäude durch einen Gewölbegang, dessen Stuckverzierungen stark verwittert und beschädigt waren. Im Innern stieß ich auf eine einzelne große, in bräunliches Licht getauchte Kammer, und der Fußboden war mit Blöcken aus diesem harten weißen Metall ausgelegt, das die weichen Füße unzähliger Eloi-Generationen abgewetzt hatten. Polierte Steinklötze dienten als Tische, auf denen Stapel von Früchten aufgetürmt waren; und um die Tische herum hatten sich kleine Gruppen von Eloi versammelt, die aßen und sich unterhielten, wobei sie in ihren schönen Tuniken wie Vögel in einer Voliere wirkten.
Da stand ich nun in meinem versifften Dschungeldress — völlig deplaziert in dieser sonnenbeschienenen Ästhetik —, und eine Gruppe Eloi kam auf mich zu und umringte mich. Ich fühlte, wie kleine Hände mich berührten, wie weiche Tentakel, und an meinem Hemd zupften. Ihre Gesichter hatten die für ihre Rasse charakteristischen kleinen Münder, Grübchen im Kinn und winzigen Ohren, aber diese hier schienen sich irgendwie von den Eloi zu unterscheiden, denen ich in der Nähe der Sphinx begegnet war; und diese kleinen Leute wußten offenbar nichts von mir und fürchteten mich daher auch nicht.
Ich war hierhergekommen, um einen Angehörigen ihrer Rasse zu retten, und nicht, um noch weitere schimpfliche Akte der Barbarei zu begehen, die meinen letzten Besuch geprägt hatten. Also ließ ich ihre Inspektion mit gutem Gewissen und offenen Händen über mich ergehen.
Dann ging ich zu den Tischen, wobei ich ständig von einer Schar Eloi eskortiert wurde. Ich erblickte eine Schale dicker Erdbeeren und stopfte mir die Früchte in den Mund; und binnen kurzem stieß ich dann noch auf einige Exemplare dieser aromatischen Frucht in der fünfeckigen Schale, die mir früher so gut gemundet hatte. Ich suchte mir eine Menge zusammen, die ich für ausreichend hielt, machte eine dunklere, schattige Ecke ausfindig und ließ mich zu dem Mahl nieder, wobei ich von einer kleinen Mauer neugieriger Eloi umgeben war.
Ich lächelte den Eloi zu, begrüßte sie und versuchte mich an die Brocken ihrer einfachen Sprache zu erinnern, die ich früher gelernt hatte. Als ich sprach, drängten sich ihre kleinen Gesichter um mich, wobei sie mich mit großen Augen ansahen und ihre roten Lippen in kindlichem Staunen geöffnet waren. Ich glaube, daß es diese unspektakuläre Begegnung war, die unkomplizierte Menschlichkeit, die mich zu ihnen durchdringen ließ; ich hatte in der letzten Zeit schon zuviel unmenschliche Fremdheit erlebt! Ich wußte, daß die Eloi keine Menschen waren — auf ihre Art waren sie mir genauso fremd wie die Morlocks —, aber sie waren ihnen zumindest sehr ähnlich.
Ich hatte den Eindruck, nur zu nicken und die Augen zu öffnen.
Abrupt kam ich zu mir. Es war bereits dunkel geworden! Die Reihen der mich flankierenden Eloi hatten sich gelichtet, und ihre gütigen, arglosen Augen schienen in der Finsternis zu leuchten.
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