Panikerfüllt stand ich auf. Fruchtschalen und Blüten fielen von mir herab, wo sie von den verspielten Eloi plaziert worden waren. Ich stolperte durch die Hauptkammer. Sie war jetzt voller Eloi, die in kleinen Gruppen auf dem Metallfußboden schlummerten. Schließlich trat ich aus dem Rundgang in das Tageslicht…
Oder in das, was davon noch übriggeblieben war! Ich schaute mich gehetzt um und sah, wie die Sonne gerade unterging — eine schmale Sichel aus Licht, die eben hinter dem westlichen Horizont versank — und im Osten erkannte ich einen einzelnen hellen Planeten — wahrscheinlich war es die Venus.
Ich schrie auf und hob die Arme gen Himmel! Nach meiner festen Entschlossenheit, meine ungestüme Dummheit der Vergangenheit wiedergutzumachen, hatte ich hier den Nachmittag verpennt wie ein Murmeltier!
Ich hastete zu dem Pfad zurück, dem ich zuvor gefolgt war, und hielt auf den Wald zu. Soviel zu meinem Plan, den Wald noch bei Tageslicht zu erreichen! Als sich die Dämmerung über mich senkte, sah ich am Rande meines Blickfeldes verschwommene grauweiße Geister. Jedesmal, wenn ich eine solche Erscheinung sah, wirbelte ich herum, aber sie flohen und hielten sich außerhalb meiner Reichweite.
Bei diesen Schemen handelte es sich natürlich um Morlocks — die hinterlistigen, brutalen Morlocks dieser Historie — und sie verfolgten mich mit all der Lautlosigkeit, zu der sie als Jäger fähig waren. Meine frühere Beurteilung, daß ich für diese Expedition keine Waffe bräuchte, kam mir nun etwas naiv vor, und ich schwor mir, daß ich beim Erreichen des Waldes einen herabgefallenen Ast suchen und als Knüppel einsetzen würde.
Ich stolperte ein paarmal wegen der Unebenheit des Bodens und hätte mir wohl die Knöchel verstaucht, wenn ich nicht diese robusten Springerstiefel des Jahres 1944 getragen hätte.
Als ich den Wald erreichte, war es bereits Nacht.
Ich betrachtete diesen großen feuchten, schwarzen Wald. Die Sinnlosigkeit meiner Mission wurde mir bewußt. Ich erinnerte mich, daß ich geglaubt hatte, von einer großen Morlock-Meute eingeschlossen zu sein: wie sollte ich überhaupt diese niederträchtigen paar Exemplare finden, welche die arme Weena entführen würden?
Ich erwog, einfach in den Wald vorzudringen — ich erinnerte mich noch grob an den Weg, den ich das erstemal eingeschlagen hatte — und erwartete, auf diese Art auf mein früheres Ich und Weena zu treffen. Aber sofort realisierte ich die Unausgegorenheit eines solchen Vorgehens. Zum einen hatte ich während meiner Scharmützel mit den Morlocks die Orientierung verloren und war mehr oder weniger blind im Wald herumgestolpert. Und außerdem verfügte ich über keinerlei Schutz: in der Dunkelheit des Waldes wäre ich ziemlich verwundbar. Ohne Frage würde ich es ihnen ordentlich geben, bevor sie mich überwältigen könnten; und überhaupt lag ein solcher Kampf gar nicht in meiner Absicht.
Also zog ich mich etwa eine Viertelmeile zurück, bis ich zu einem kleinen Hügel kam, der den Wald überragte.
Inzwischen war es stockfinster, und die Sterne erschienen in ihrer ganzen Pracht. Wie ich es früher bereits getan hatte, lenkte ich mich ab, indem ich nach Spuren der alten Konstellationen suchte; aber die langsame Eigenbewegung der Gestirne hatte die vertrauten Sternbilder völlig verzerrt. Dafür beschien mich dieser Planet, den ich vorhin schon gesehen hatte, so gleichmäßig wie ein treuer Begleiter.
Ich erinnerte mich, daß Weena an meiner Seite gewesen war, als ich diesen veränderten Himmel zum letztenmal studiert hatte. Sie hatte sich in meine Jacke gewickelt, als wir auf unserem Marsch zum Porzellanpalast in der Nacht gerastet hatten. Ich rief mir meine damaligen Gefühle in Erinnerung: Ich hatte mir überlegt, wie nichtig das irdische Leben im Vergleich mit der Jahrtausende währenden Wanderung der Sterne war, und ich hatte mich kurz von einer elegischen Detachiertheit übermannen lassen — von dem Bewußtsein der Größe der Zeit, das mich meinen irdischen Sorgen weit entrückte.
Aber es hatte nicht den Anschein, als ob sich das jetzt wiederholen würde. Ich hatte genug von grandiosen Perspektiven, von Unendlichkeiten und Ewigkeiten; ich war einfach nur ungeduldig und angespannt. Ich war, und bin es immer gewesen, nur ein Mensch, und nun war ich wieder voll in die banalen Sorgen der Menschheit involviert und beschäftigte mich nur mit meinen eigenen Problemen.
Ich wandte den Blick von den unendlich weit entfernten Sternen und konzentrierte mich wieder auf den vor mir liegenden Wald. Und nun begann sich vor meinen Augen ein sanftes pinkfarbenes Glühen am südwestlichen Horizont zu entfalten. Ich stand auf und vollführte eine Art Tanzschritt, so groß war auf einmal meine Freude. Hier hatte ich die Bestätigung, daß ich nach all meinen Abenteuern, bei der ganzen Vielzahl möglicher Tage, den richtigen Tag in dieser entfernten Geschichte erwischt hatte! Denn dieses Glühen war ein Waldbrand — ein Feuer, das ich aus Achtlosigkeit selbst entfacht hatte.
Ich versuchte mich krampfhaft daran zu erinnern, was sich dann in jener schicksalsträchtigen Nacht ereignet hatte — die präzise Abfolge…
Das von mir gelegte Feuer war eine ganz neue und wundervolle Erfahrung für Weena gewesen, und sie wollte mit diesen rot flackernden Flammenzungen spielen; und ich mußte sie noch davon abhalten, sich in dieses flüssige Licht zu stürzen. Dann hatte ich sie aufgehoben — sie war hingefallen —, und ich lief durch den Wald, wobei der Schein des Feuers meinen Weg erleuchtete.
Bald hatten wir das Glühen der Flammen hinter uns gelassen, und wir liefen in der Dunkelheit weiter, die nur durch Flecken tiefblauen Himmels über den Baumkronen durchbrochen wurde. Es dauerte nicht lange, bis ich in dieser öligen Finsternis überall um mich herum das Patschen kleiner Füße und das leise Echo von Stimmen hörte; ich erinnerte mich, wie etwas an meinem Mantel und dann am Ärmel gezupft hatte.
Ich hatte Weena auf die Erde gelegt, so daß ich an meine Streichhölzer gelangen konnte, als diese Morlocks wie lästige Insekten über dieses arme Wesen herfielen. Ich konnte ein Streichholz anreißen — als es aufflammte, sah ich eine Reihe weißer Morlock-Gesichter, angestrahlt wie von einer Laterne, die mich alle mit ihren rotgrauen Augen fixierten — und dann, in Sekundenschnelle, waren sie verschwunden.
Ich beschloß, ein neues Feuer zu entfachen und den Morgen abzuwarten. Ich hatte Kampfer angezündet und auf dem Boden verteilt. Dann riß ich trockene Äste von den Bäumen und unterhielt ein Schwelfeuer aus grünem Holz…
Nun stellte ich mich auf die Zehenspitzen und ließ den Blick über den Wald schweifen. Sie müssen sich vorstellen, daß ich mich allein in dieser pechschwarzen Finsternis befand, unter einem mondlosen Himmel, und das einzige Licht kam von diesem sich ausbreitenden Feuer auf der anderen Seite des Waldes.
Dort — ich hatte es! — kräuselte sich ein Rauchfaden in die Luft und hob sich als schmale Silhouette vor dem intensiveren Leuchten dahinter ab. Das mußte die Stelle sein, an der ich mein Lager aufgeschlagen hatte. Es befand sich in einiger Entfernung von mir — vielleicht zwei Meilen weiter östlich in den Tiefen des Waldes — und ohne mich in weiteren Überlegungen zu verzetteln, rannte ich in den Wald.
Zunächst hörte ich nichts außer dem Knacken der Zweige unter meinen Füßen und einem entfernten, trägen Brüllen, das von dem größeren Feuer stammen mußte. Die Dunkelheit wurde nur von dem entfernten Glühen des Feuers und von Ausschnitten tiefblauen Himmels über mir aufgehellt; und ich konnte die Baumstämme und Wurzeln nur in ihren Konturen wahrnehmen und stolperte mehrmals. Dann hörte ich ein Patschen in meiner Nähe, so leise wie fallender Regen, und ich vernahm diesen seltsamen, gurgelnden Klang, der typisch ist für die Stimmen der Morlocks. Ich spürte ein Zupfen am Hemdsärmel, einen sanften Zug am Gürtel, Finger am Hals.
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