»Schmeckt dir das nicht, Jaspara?« rief sie.
Da kreischte das Gespenst wütend, riß sein Pferd herum, gab ihm die Sporen und galoppierte auf eins der Fenster zu. Die Fensterflügel sprangen auf, und mit einem gewaltigen Satz sprang das Geisterpferd samt seiner scheußlichen Reiterin über die Brüstung und stürzte sich in den Burggraben.
Herr Wurm, Tom und Frau Kümmelsaft rannten ans Fenster und sahen gerade noch, wie die Blutige Baronin im brodelnden Wasser versank.
»Na, in dem Buch muß ja eine Menge Interessantes über die Dame drinstehen«, sagte Tom.
»Hoffentlich!« sagte Hedwig Kümmelsaft.
Herr Wurm stand immer noch am Fenster und starrte hinunter in das dunkle Wasser.
»Sie wird wiederkommen!« hauchte er.
»Mit Sicherheit!« sagte Hedwig Kümmelsaft. »Und ich fürchte, allzubald. Kommen Sie, Herr Wurm.« Sie zog ihn sanft vom Fenster weg. »Wir gehen zurück zu Ihrer Frau. Da werden wir das Buch über die Blutige Baronin in Ruhe zu Ende lesen.«
»Was war denn das für ein Ding, mit dem Sie sie vertrieben haben?« fragte Herr Wurm voller Bewunderung.
»Oh, das ist eine eigene Konstruktion«, sagte Hedwig Kümmelsaft, während sie sich die Schnur wieder um die Schulter schlang. »Ein Stromwärmewandler. Entzieht stromfressenden Gespenstern den Strom wieder und macht das daraus, was sie am allerwenigsten mögen - Wärme.«
»Ganz erstaunlich«, murmelte Herr Wurm. »Wirklich, ganz erstaunlich.«
Dann machten sie sich durch die dunkle Burg rasch auf den Rückweg. Zurück zu Frau Wurm und Hugo, die schon ungeduldig warteten.
Spuk mit dunkler Vergangenhait

Als Frau Wurm von den Ereignissen in der Bibliothek hörte, bekam sie einen so heftigen Schluckauf, daß sie sich erst mal aufs Sofa legen mußte.
»Soll üch sü oin büßchön örschröckön?« säuselte Hugo hilfsbereit. »Vülloicht oin büßchön Oisfüngörküt- zöln? Jo?«
»Nein«, sagte Tom. »Aber du kannst Tür und Fenster im Auge behalten. Wer weiß, wann die Blutige Baronin wiederkommt.«
»Wü longwoilüg!« säuselte Hugo. »Nümondön örschröckön, nüchts zu össön ols Spünnön, pfui Toi- föl!«
»Nun hört euch das an!« rief Hedwig Kümmelsaft. Sie saß mit dem dicken alten Buch, das Jasparas Geist ihr so gern entrissen hätte, vor dem Kamin. »Hier steht, daß die Blutige Baronin an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag bei Morgengrauen von ihrer Schwägerin in den Burggraben gestoßen wurde, wo sie jämmerlich ertrank. Das bedeutet.«
»Aber das ist ja - icks«, Frau Wurm bekam einen knallroten Kopf. »Das ist ents-icks - ents-icks...«
»Entsetzlich? Och, ich glaube, sie hatte es nicht besser verdient«, sagte Tom. »Aber das bedeutet, daß sie zur Geistergattung der SPUMIDUVs gehört, was ziemlich interessant ist.«
»SPUMIDUVs?« fragte Herr Wurm.
»Spuk mit dunkler Vergangenheit«, übersetzte Tom. »Und da sie im Wassergraben gelandet ist, schätze ich, daß sie auch ein paar Eigenschaften der sogenannten SCHLAWAGs angenommen hat.« Er schüttelte den Kopf. »Das ist 'ne teuflische Mischung.«
»SPUMIBLUV, SCHLAWAGONG«, Frau Wurm schüttelte verständnislos den Kopf. »Was bedeutet das?«
»Nun«, Frau Kümmelsaft ließ sich mit einem Seufzer aufs Sofa sinken. »Dafür, Tom, wirfst du am besten deinen Computer an.«
»Wird gemacht«, sagte Tom und stellte seinen kleinen, handlichen Laptop auf den Tisch. »Igitt!« rief er. »Hugo, hast du schon wieder an dem Computer rumgeschleimt?«
»Ooch«, säuselte Hugo. »Nur oin büßchön. Oin kloi- nös büßchön.«
»Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, streu' ich Salz drauf«, schimpfte Tom. »Kapiert?«
»Jo, jooo«, maulte Hugo. »Schon gut.«
Ärgerlich wischte Tom den Gespensterschleim ab und klappte den Bildschirm hoch. »Na, ein Glück, daß der Akku voll ist«, sagte er. »Sonst hätten wir ohne Strom ganz schön alt ausgesehen.«
Blitzschnell flitzten seine Finger über die Tastatur. »FOG« erschien auf dem kleinen Bildschirm. »DATEI P- Z. Stichwort SPUMIDUV.«
»Da ist es«, murmelte Tom. »Also los.« Er drückte auf die Enter-Taste, und schon füllte sich der Bildschirm mit Text.
»Lies vor«, sagte Hedwig Kümmelsaft. Und Tom las:
»SPUMIDUV Spuk mit dunkler Vergangenheit
Die große Gattung der HISPEGs hat viele Unterarten, von denen mit Sicherheit eine besonders schwer zu bekämpfen ist: der SPUMIDUV. Diese Gespensterart zeichnet sich schon zu Lebzeiten durch außerordentlich unangenehme Charaktereigenschaften aus, die sich nach ihrem Ableben noch verstärken. Dies gilt in besonderem Maße für SPUMIDUVs, die ein gewaltsames Ende genommen haben. Diese Exemplare einer höchst unangenehmen Gattung verfügen über die scheußliche Fähigkeit des Körperschlüpfens, wobei sie in einen lebendigen Körper schlüpfen.
Bei dem Opfer hinterläßt dieser unappetitliche Vorgang eine große seelische Verwirrtheit, verbunden mit einem oft bis zu 24 Stunden anhaltenden heftigen Schluckauf.«
»Vierund-icks-zwanzig Stunden - icks - o nein!« seufzte Frau Wurm.
Tom las weiter:
»Über die Bekämpfung der SPUMIDUVs mit der Fähigkeit des Körperschlüpfens ist wenig bekannt, da jedes Exemplar so einzigartig ist, daß jede Verallgemeinerung bei der Bekämpfung gefähr-
lich wäre. Eins steht jedoch fest: eine Vertreibung ist nur, wir betonen, ausschließlich in der Todesstunde des jeweiligen Exemplars möglich. Wird diese nicht herausgefunden, so ist jeder Versuch einer Vertreibung vollkommen sinnlos.«
»Die Todesstunde!« rief Herr Wurm. »Na, ein Glück. Das wissen wir. Die Morgendämmerung.«
»Ja, aber wann?« Tom schob seine Brille zurecht. »Im Winter oder im Sommer? Das kann schließlich mehrere Stunden Unterschied bedeuten. Ohne den genauen Tag hilft uns das herzlich wenig.«
Bestürzt sahen die Wurms einander an.
»Nun, darüber können wir uns noch später den Kopf zerbrechen«, sagte Frau Kümmelsaft. »Das finden wir schon irgendwie heraus. Jetzt wüßte ich gern noch etwas über die Folgen des feuchten Ablebens der Baronin. Gib doch bitte mal Spumiduv/Tod durch Ertrinken ein.«
»Ist okay«, sagte Tom.
Wieder füllte sich der Bildschirm. Und wieder las Tom laut vor:
»SPUMIDUV/SCHLAWAGSCHLAmmWAsserGeist Sollte der SPU- MIDUV, mit dem es ein Gespensterjäger zu tun bekommt, ein gewaltsames Ende im Wasser gefunden haben, so resultiert hieraus wiederum eine äußerst tückische Spukform, deren unangenehmste Fähigkeit das Strom schlürfen ist. Diese Gespensterart schlürft Strom aus sämtlichen verfügbaren Quellen: Steckdosen, Kabeln, elektrischen Geräten, ja sogar Batterien. Durch diese energiereiche Nahrung kann ein SPUMIDUV eine solche Kraft entwickeln, daß er seine Gegner durch bloße Berührung verflüssigt, und - was besonders entsetzlich ist - er schlürft die Pfütze seiner Opfer auf und wird dadurch noch mächtiger.«
»Aber das ist ja widerlich!« rief Herr Wurm. »Einfach widerlich. Wie gut, daß wir diesem Monstrum den Strom abgeschaltet haben.«
»Warten Sie«, sagte Tom. »Moment mal.« Er runzelte die Stirn. »Der Akku von meinem Computer ist spukgesichert, unsere Autobatterie auch. Aber ich hoffe, Sie haben hier nicht irgendwo Batterievorräte oder so was?«
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