»Kommt, kommt, ihr kleinen Dinger«, flüsterte Tom, während er die Papierstreifen auf dem Boden auslegte. »Kommt, wir haben nicht viel Zeit.«
Er zog ein Netz aus der Hosentasche und versteckte sich damit hinter einem Stapel großer Steine. Lange
brauchte er nicht zu warten. Erst tauchte nur eine Ratte auf, die interessiert an seinen Schuhen schnüffelte, aber dann war plötzlich das leise Knurren zu hören, das so typisch für die WIBEIGEIs ist.
Flackernd schwebten sie näher, acht waren es. Ihre kleinen Augen leuchteten in der Dunkelheit. Knurrend näherten sie sich den Papierchen, schubsten sich gegenseitig weg und schnappten mit spitzen Zähnen nacheinander - bis plötzlich drei von ihnen festklebten. Kreischend versuchten sie sich zu befreien, während ihre Artgenossen mit aufgeregtem Geheul das Weite suchten.
Tom sprang blitzschnell heran, warf das geistersichere Netz über die drei und stopfte sie in seinen Rucksack. Wütend bohrten sie ihre Zähnchen in seine Hand, aber alles, was er spürte, war ein feines Kitzeln. Für Menschenhaut waren die Geisterzähnchen der WI- BEIGEIs vollkommen harmlos.
»Hast du welche?« fragte Hedwig Kümmelsaft.
Herr Wurm leuchtete Tom mit der Laterne ins Gesicht.
»Klar«, antwortete Tom und grinste. »Habt ihr die Sicherungen gefunden?«
Hedwig Kümmelsaft nickte. »Jetzt ist unser Gespenst auf Diät.«
»Hugo«, raunte Tom ins Funkgerät. »Alles in Ordnung bei euch?«
»Ollös ün Ordnung«, säuselte Hugo.
»Gut«, sagte Tom. »Dann gehen wir jetzt am besten in die Bibliothek.«
Als Herr Wurm die Tür der Burgbibliothek öffnete, wehte ihnen ein eiskalter Wind entgegen. Die großen Fenster standen weit offen, und Tom hörte, wie draußen der Regen in den Burggraben prasselte.
Hastig schlossen sie die Fenster und sahen sich um. Kaum noch ein Buch stand in den hohen Holzregalen. Wild durcheinander lagen sie auf dem Teppich: in meterhohen Stapeln, aufgeschlagen, zerrissen, die alten Seiten verknickt, die Lederrücken schlammbeschmiert.
»O nein!« rief Herr Wurm. »All die wunder-, wunderbaren Bücher!«
Entsetzt hielt er die Laterne hoch.
»Tja, da war jemand vor uns hier«, seufzte Frau Kümmelsaft.
»Unsere liebe Baronin hat ganze Arbeit geleistet.«
Tom sah nach draußen. In den großen Bäumen hing schon die Dämmerung.
»Es wird bald dunkel«, sagte Hedwig Kümmelsaft. »Aber wir müssen es riskieren. Suchen wir nach Büchern, die die Burggeschichte behandeln. Das siebzehnte Jahrhundert interessiert uns besonders.«
»Am besten fangen wir mit den untersten an«, schlug Tom
vor. »Wenn sie bestimmte Bücher verstecken wollte, liegen die sicher da.«
»Ich hoffe nur, sie liegen nicht da draußen«, sagte Frau Kümmelsaft und warf einen besorgten Blick aus dem Fenster, wo tief unten der Wassergraben schmatzend gegen die Mauern schwappte.
Die Blutige Baronin

Im schwachen Licht von Herrn Wurms Laterne und Toms Taschenlampe zogen die drei Buch für Buch aus den wüsten Stapeln hervor. Tom hatte die Türpfosten sorgfältig bepinselt und ganze Berge von Salz ausgestreut. Draußen wurde es immer dunkler, und die Macht der Blutigen Baronin wuchs und wuchs. Mit fliegenden Fingern blätterten Tom, Hedwig Kümmelsaft und Herr Wurm sich durch Tausende von knisternden alten Buchseiten. Sie lasen, tranken Frau Wurms starken Kaffee und lasen weiter: von Freßgelagen und Hungersnöten, Bauernaufständen, Galgenbergen und grausamen kleinen Kriegen, von Königsbesuchen, Feuersbrünsten, die die halbe Burg vernichteten, und von Cholera und Pest, die auch vor den dicken Burgmauern nicht haltmachten.
»Hört sich ja alles scheußlich an!« stöhnte Tom irgendwann. »Also das hab' ich mir romantischer vorgestellt.«
»Was?« fragte Hedwig Kümmelsaft.
»Na, das Leben auf so 'ner Burg«, sagte Tom.
»Nein, weiß Gott, romantisch war daran bestimmt nichts«, murmelte Hedwig Kümmelsaft. »Vor allem nicht, wenn man zum arbeitenden Teil der Bewohner gehörte.« Plötzlich runzelte sie die Stirn. »Moment mal. Da ist was.« Vorsichtig strich sie die zerknitterten Seiten glatt. »Ja,
das ist unser Gespenst. Hört zu:
Am 14- November 1623 heiratete die Gräfin Jaspara von Mauswitz den Baron von Dusterberg zu Krötenstein, den sie schon im Jahr darauf bei einem heftigen Streit erdolchte. Daraufhin regierte die Baronin viele Jahre ungerecht und grausam. Vom Volk erhielt Jaspara schon bald den Beinamen die Blutige Baronin, weil sie oft, blutbespritzt von der Jagd, über die Felder ritt. Doch sie trug diesen Beinamen auch noch aus anderen Gründen zu Recht, denn sie verkaufte ihre Bauern als Soldaten, um immer neue Pferde und Hunde für ihr liebstes Hobby anzuschaffen: die Jagd.
Wilderer richtete sie höchstpersönlich hin, indem sie sie eigenhändig in den Burggraben stieß. Erst zehn Jahre nach dem Mord an ihrem Gatten ereilte sie die gerechte Strafe für dieses Verbrechen. Die Schwester ihres gemeuchelten Ehemannes...«
Hedwig Kümmelsaft hob den Kopf und lauschte.
»Was ist?« fragte Tom beunruhigt.
Frau Kümmelsaft legte warnend den Finger auf die Lippen.
»Hört ihr das?« flüsterte sie.
»Ein Pferd!« rief Herr Wurm. »Es klingt wie ein Pferd!«
Lauter und lauter wurde das Geräusch. Ein scharfes Getrappel. Es kam immer näher. Hufe galoppierten dröhnend durch die langen Gänge der Burg.
Der GEMEG-Seismograph surrte und blinkte wie verrückt.
»Achtung!« schrie Tom. Die galoppierenden Hufe dröhnten ihm in den Ohren. »Achtung, sie kommt!«
Mit einem gellenden Schrei flog die Blutige Baronin auf ihrem Geisterpferd durch die geschlossene Tür der Bibliothek. Schnaubend landete das bleiche Pferd nur einen Meter vor dem armen Herrn Wurm. Wild rollte es mit den roten Augen und blähte die Nüstern. Seine Mähne schlängelte sich in der Luft wie ein Bündel Schlangen.
Die Baronin aber saß mit flatterndem Haar im Sattel, in der Hand ein riesiges Schwert, mit dem sie wild in der Luft herumfuchtelte. Scheußlich sah sie aus, und ihre Augen funkelten rot in dunklen Höhlen. Mit wirrem Haar und einem Brustpanzer über dem wallenden Kleid
grinste sie auf die Gespensterjäger hinunter.
»Gihiiiib mir das Buuuuch!« rief sie drohend, und ihre bleiche Hand griff durch die Luft.
Wimmernd kauerte sich der arme Herr Wurm auf dem Boden zusammen.
»Das Buch kriegst du nicht!« rief Tom, sprang vor und sprühte dem Pferd Salzwasser in die Nüstern.
Frau Kümmelsaft rammte den Eisendorn des Stromwärmewandlers in den Fußboden, riß sich die Schnur von der Schulter und wirbelte sie wie ein Lasso über dem Kopf herum. Mit sicherer Hand warf sie der Baronin den Stecker genau in den Mund. Erstaunt klappte die den Mund zu, machte ihn wieder auf und versuchte, den Stecker auszuspucken. Aber das wollte ihr einfach nicht gelingen.
In der Bibliothek wurde es warm, warm und immer wärmer. Der Eisendorn begann rot zu glühen. Die Blutige Baronin und ihr Pferd schwankten. Ihre Umrisse verschwammen, als wären sie flüssig.
»Aaaaahhhh!« schrie die Baronin, während ihr Pferd sich mit schwabbelnden Beinen unter ihr aufbäumte. »Hööööör auf, hööööör sofoooooort auuuuuf!«
Aber Hedwig Kümmelsaft dachte natürlich gar nicht daran.
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