»Ach, ist das so?« Herr Wurm wurde immer blasser um die Nase.
»Haben Sie bei Dunkelheit schon mal beobachtet, daß die Lampen flackern?« fragte Hedwig Kümmelsaft.
»Oder daß der Herd ausfällt?« fügte Tom hinzu.
»Allerdings.« Frau Wurm nickte heftig. »Gestern - icks -und vorgestern abend.«
»Oh, oooh«, sagte Tom. Er und Frau Kümmelsaft wechselten einen besorgten Blick.
»Sü früßt Strohooom«, säuselte Hugo von der Fensterbank. »Oinö öchtö Foinschmöckörün, wos?«
Frau Kümmelsaft warf einen Blick nach draußen. »Uns bleibt nicht mehr viel Zeit bis zur Dunkelheit. Wer von Ihnen beiden weiß, wo der Sicherungskasten ist?«
»Ich«, sagte Herr Wurm. »Wieso?«
»Wir müssen ihr den Strom abschalten«, sagte Tom. »Sonst frißt sie sich so viel Energie an, daß nichts und niemand sie mehr verjagen kann.«
»Genau.« Hedwig Kümmelsaft zog ein ellenlanges Verlängerungskabel aus der Tasche, das an einer Seite einen Stecker und an der anderen einen langen Metalldorn hatte. »Danach müssen wir noch in die Bibliothek. Hier gibt es doch eine Bibliothek, oder?«
Herr Wurm nickte.
»Da spukt es besonders oft.«
»Natürlich«, sagte Tom. »Die Baronin will verhindern, daß man was über sie rauskriegt.« Fragend sah er Hedwig Kümmelsaft an. »Was soll ich noch mitnehmen?«
»Außer deinem Rucksack? Hm. Wir wissen leider noch zu wenig über unsere Gegnerin.« Frau Kümmelsaft rieb sich nachdenklich die spitze Nase. »Also ich«, sie zeigte auf die lange Schnur, »ich nehme natürlich den Stromwärmewandler mit. Dann brauchen wir auf jeden Fall die Mintpaste, Salz, Lutschpastillen, den tragbaren Seismographen - den andern lassen wir hier -, tja, und ein Funkgerät, würde ich sagen. Hugo«, sie drehte sich zu dem MUG um, »du bleibst mit Frau Wurm hier. Die Ärmste hat für heute genug ausgestanden. Wenn ihr Besuch bekommt, meldest du dich über das Funkgerät, das ich hierlasse. Aber vielleicht versuchst du es bei deiner Kollegin auch mal mit Eisfingerkitzeln oder einem anderen deiner kleinen Scherze?«
»Och wos«, sagte Hugo. »Dos würkt nur boi Mön- schön.«
»Schade«, sagte Hedwig Kümmelsaft und hob warnend den Finger.
Der GEMEG-Seismograph begann zu surren und zu blinken, erst gelb, dann rot, dann schimmelgrün.
»Auf die Zungen beißen!« zischte Hedwig Kümmelsaft. »Und lutschen! Lutschen!«
Vor der Tür war ein leises Murmeln zu hören und dann ein Scharren, als kratzten Fingernägel über das alte Holz.
»Huuuundsfotttigge Niederlingeeeee!« hauchte eine scheußlich dumpfe Stimme. »Jämmerliche - Iiiihiiiiiihii- ii!« Mit einem spitzen Kreischen brach sie ab, und draußen ging ein Gepolter los, als tanzten riesige Füße auf den alten Eichendielen. Dann wehte ein eisiger Hauch unter der Tür hindurch, das Gespenst kreischte noch einmal schrill - und dann war es wieder still.
Tom grinste zufrieden. »Türsicherung hält. Ja, ja, Salz ist für Geisterfüße eine fiese Sache. Hugo, laß bloß deine Schuhe an, ich werd' in der ganzen Burg Salz streuen, klar?«
»Klooor«, säuselte Hugo.
»Gut«, Hedwig Kümmelsaft hängte sich den Stromwärmewandler über die Schulter. »Machen wir uns an die Arbeit.«
Tom nahm seine Salzwasserspritze und den tragbaren GEMEG-Seismographen in die Hand, und Herr Wurm gab seiner Frau einen Abschiedskuß.
»Nimm den Kaffee mit, Liebling«, sagte Frau Wurm und drückte ihrem Mann die Thermosflasche in die Hand. »Ein starker Kaffee hilft immer.«
Da war Tom sich zwar nicht so sicher, aber den Kommentar verkniff er sich. Statt dessen öffnete er vorsichtig die Tür, und als der GEMEG-Seismograph keinen Pieps von sich gab, stiegen die drei über die Schlammpfütze, die das Gespenst hinterlassen hatte, und machten sich auf den Weg.
Ein Netz voller Geister

»Zuerst zum Sicherungskasten«, sagte Frau Kümmelsaft.
»Oh, dafür benutzen wir am besten den alten Geheimgang«, sagte Herr Wurm. »Sonst müßten wir nämlich extra nach draußen.«
Er führte die beiden Gespensterjäger durch mehrere lange Flure, bis sie in einen Saal kamen, dessen Holztäfelung besonders kunstvoll mit Schnitzereien verziert war.
»Wo war es denn noch?« murmelte Herr Wurm. »Ah ja.«
Mit schnellen Schritten ging er an der linken Wand entlang. Etwa in der Mitte blieb er stehen und tastete suchend über die geschnitzten Fratzen, Ranken und Tierfiguren.
»Was sieht am scheußlichsten aus?« fragte er Tom.
»Das da.« Tom zeigte ohne Zögern auf eine Fratze mit aufgerissenem Maul.
Herr Wurm steckte seine Hand zwischen die nadelspitzen Holzzähne. Klack, machte es leise, und rechts von ihnen schwang ein Stück Täfelung nach innen. Gebückt schlüpften sie hindurch. Direkt hinter dem Eingang hing eine alte Laterne. Herr Wurm zündete sie an und führte Tom und Frau Kümmelsaft über eine muffig riechende Treppe in die Tiefe. Tom zählte die Stufen, aber irgendwann gab er es auf. Endlich schob Herr Wurm den Deckel eines riesigen
Herr Wurm den Deckel eines riesigen Weinfasses zur Seite, und die drei standen im Keller der Burg.
»Interessante Tarnung«, murmelte Tom.
Neugierig sah er sich um. Mächtige Kreuzgewölbe trugen die Burgmauern. Zwischen ihnen stapelten sich Kisten, Bretter und Haufen alter Steine. Ein paar Ratten huschten ins Dunkel.
Riesige Spinnweben hingen wie staubgraue Vorhänge von der Decke.
»Mann, hier würde es Hugo gefallen«, sagte Tom. Er blickte auf den GEMEG-Seismographen, aber der gab keinen Ton von sich. »Unsere Baronin mag wohl keine feuchten Keller.«
»Oh, ich glaube, das hat einen anderen Grund«, sagte Hedwig Kümmelsaft. »Sind dir die kleinen Bißspuren hier überall noch nicht aufgefallen? Und die bläulichen Schleimspuren ringsum? Hier wimmelt es von WIBEIGEIs.«
»Wi - ehm, wie? WIBEIGEIs?« fragte Herr Wurm beunruhigt.
»Winzige beißende Geister«, erklärte Tom. »Harmlose Dinger, für Menschen völlig ungefährlich. Aber ihre großen Artgenossen haben ziemlichen Respekt vor ihnen. Die WIBEIGEIs knabbern ihnen nämlich Löcher in die Schwabbelhülle. Manchmal zwacken sie ihnen sogar ganze Körperteile ab. Das bringt die großen ziemlich durcheinander, und sie verbrauchen unheimlich viel Spukenergie, um sich wieder zusammenzusetzen. Deshalb traut sich Ihr Burggespenst wahrscheinlich nicht hier runter.«
»Wie sehen diese, diese WIBEIGEIs denn aus?« fragte Herr Wurm. Unbehaglich sah er sich um.
»Och, etwa so groß wie 'ne Apfelsine«, sagte Tom. »Und auch ungefähr die Form, aber die kleinen Biester sind grün wie Flaschenglas und haben lange spitze Zähne.«
»Aha«, murmelte Herr Wurm. Von da an guckte er sich in einem fort hektisch um, aber nur zweimal huschte ihnen ein kleines Rudel WIBEIGEIs über den Weg.
»Vielleicht sollten wir ein paar mitnehmen«, schlug Tom vor. »Um die Baronin ein bißchen zu ärgern.«
»Keine schlechte Idee«, sagte Hedwig Kümmelsaft. »Erledige du das, wir gehen schon mal zum Sicherungskasten.« »Hier entlang«, sagte Herr Wurm, und schon waren er und Frau Kümmelsaft hinter dem nächsten Pfeiler verschwunden. Tom blieb allein in der Dunkelheit zurück.
»Na, dann«, murmelte er und zog aus seinem Rucksack eine Tüte mit klebrigen, kleinen Papierstreifen, die scheußlich nach Mäusedreck rochen, dem Lieblingsduft der WIBEIGEIs.
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