Als Erster erschien ein Wärter, hinter ihm Corday, immer noch unbeholfen, da er nicht mehr gewohnt war, ohne Fußeisen zu gehen. Auf der obersten Stufe stolperte er und taumelte gegen Lord Alexander, der ihn am Ellbogen packte. »Ruhig, guter Mann«, sagte Lord Alexander.
»Hüte ab!«, brüllte die Menge den Leuten in den vorderen Reihen zu. »Hüte ab!« Mit lautem Grölen drängte die Menge nach vorn gegen die niedrigen Holzgeländer, die den Galgen umgaben. Die Männer des Marschalls der Stadt, die unmittelbar hinter der Absperrung aufgereiht standen, hoben ihre Stäbe und Lanzen.
Lord Alexander fühlte sich bedrängt von dem Lärm, der von der Granitfassade des Gefängnisses widerhallte. Hier kommt England zum Zug, dachte er, man stillt den Blutdurst des Pöbels in der Hoffnung, dass er nicht mehr verlangt. Ein Kind, das auf den Schultern seines Vaters saß, beschimpfte den unverhohlen weinenden Corday mit Unflätigkeiten. Die Menge hatte es gern, wenn ein Mann oder eine Frau mutig in den Tod ging, und Cordays Tränen trugen ihm nichts als Hohn ein. Plötzlich spürte Lord Alexander den drängenden Wunsch, den jungen Mann zu trösten, mit ihm zu beten, aber er blieb sitzen, weil Reverend Cotton bereits dicht neben Corday stand. »0 lehre uns, unsere Tage zu zählen«, psalmodierte Reverend Cotton, »auf dass wir unsere Herzen der Weisheit öffnen«.
Die Menge grölte höhnisch, weil Corday zusammengebrochen war. Botting war zur Hälfte die Leiter hinaufgestiegen und hob gerade den Strang an, der auf den Schultern des Gefangenen lag, um die Öse an einem der Haken am Galgenbaum zu befestigen, als Cordays Beine weich wurden. Reverend Cotton sprang zurück, der Wärter stürzte vor, aber Corday konnte nicht mehr stehen. Er zitterte und schluchzte.
»Erschieß den Kerl, Jemmy!«, schrie ein Mann aus der Menge.
»Ich brauche einen Helfer«, knurrte Botting den Sheriff an, »und einen Stuhl.«
Einer der Gäste bot an, aufzustehen, und man stellte seinen Stuhl auf die Falltür. Als der Menge klar wurde, dass es eine ungewöhnliche Hinrichtung geben würde, klatschte sie Beifall. Botting und ein Wärter hievten Corday auf den Sitz, und der Henker löste unsanft die Ellbogenfessel und band damit den Gefangenen an den Stuhl. Nun konnte er gehenkt werden, und Botting stieg auf die Leiter, hängte den Strang ein, kam herunter und schob die Schlinge fest über Cordays Kopf. »Heulende Memme«, raunte er und zog die Schlinge zu. »Stirb gefälligst wie ein Mann.« Er nahm einen der weißen Baumwollsäcke aus seiner Tasche und zog ihn über Cordays Kopf. Lord Alexander war verstummt und erkannte an den Bewegungen des Baumwollstoffs Cordays Atemzüge. Der Kopf des Jungen war auf seine Brust gesunken, und hätte der Stoff vor seinem Mund nicht gebebt, hätte man meinen können, er wäre schon tot.
»Zeige deinen Dienern dein Werk«, betete Reverend Cotton, »und ihren Kindern deine Herrlichkeit.«
Venables kam die Stiege herauf, nur mit einem pflichtschuldigen Johlen von der Menge begrüßt, die sich auf Cordays Kosten bereits verausgabt hatte. Dennoch verbeugte der hünenhafte Mann sich vor seinem Publikum, ging ruhig zur Falltür und wartete auf Strang und Augenbinde. Das Galgengerüst knarrte unter seinem Gewicht. »Mach schnell, Jemmy«, sagte er laut, »und mach es richtig.«
»Ich kümmere mich schon um dich«, versprach der Henker, »ich kümmere mich um dich.« Er holte den weißen Sack aus seiner Tasche und zog ihn Venables über den Kopf.
»Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen«, sagte Reverend Cotton.
Lord Alexander, den die letzten Minuten angewidert hatten, bemerkte Unruhe am schmalen Südende der Straße.
»Gepriesen sei der Name des Herrn«, betete der Ordinarius.
»Gott verdammt!« Sandman steckte im Verkehrsgedränge an der Kreuzung Ludgate Hill und Farringdon Street fest. Zu seiner Rechten stank der Fleet Ditch in der Morgensonne. Ein Kohlenfuhrwerk, das in die Fleet Street biegen wollte, hatte sich an der Ecke festgefahren, und nun gaben ein Dutzend Männer gute Ratschläge, während ein Anwalt in einer Mietdroschke seinen Kutscher drängte, den Pferden des Kohlenfuhrwerks die Peitsche zu geben, obwohl sie gar keinen Platz hatten, sich zu rühren, weil ein noch größeres Fuhrwerk, beladen mit Eichenbalken, sich an ihnen vorbeischob. Die Polizisten ritten, Trillerpfeife blasend und Knüppel schwingend, hinter Sandman auf die Kreuzung, der einen Fußgänger mit einem Tritt aus dem Weg beförderte, sein Pferd nach links lenkte, den Anwalt, dessen Droschke ihn behinderte, mit Flüchen bedachte und sich unvermittelt von einem wohlmeinenden Bürger aufgehalten sah, der glaubte, Sandman sei vor den Polizisten auf der Flucht, und dessen Pferd nun am Zaumzeug festhielt.
»Hände weg!«, schrie Sandman. Berrigan ritt neben ihn, schlug den Mann auf den Kopf und zerdrückte seinen Hut; Sandmans Pferd war wieder frei, und er lenkte es mit Tritten neben das Fuhrwerk mit den riesigen Eichenbalken.
»Ihr braucht euch gar nicht so zu beeilen!«, rief der Fahrer. »Jedenfalls nicht, wenn ihr zu der Hinrichtung wollt. Die Kerle baumeln bestimmt schon!« Sämtliche Glocken der Stadt hatten bereits die volle Stunde geschlagen, jene, die immer zu früh bimmelten, und selbst die Nachzügler hatten bereits acht geschlagen, doch da die Totenglocke der Grabeskirche noch läutete, wagte Sandman zu hoffen, dass Corday noch lebte. Er brach aus dem Verkehrsgewühl aus und trieb sein Pferd Richtung St. Paul’s Cathedral, die sich mit Treppenstufen, Säulen und Kuppel oben auf Ludgate Hill erhob.
Auf halber Höhe des Hügels bog er nach Old Bailey ein, wo der Weg vor dem Gerichtsgebäude zum Glück frei war. Ein Stück weiter, wo die Straße sich vor dem großen Gefängnishof von Newgate verbreiterte, verstopfte die brodelnde Menge plötzlich die Straße in ihrer ganzen Breite, und er kam nicht weiter, obwohl er schon den Galgenbaum über dem schwarzen Podest in den Himmel ragen sah. Er stellte sich in die Steigbügel und trieb schreiend sein Pferd in die Menge wie die Royais, die Scots Greys und die Inniskillings es getan hatten, als sie das französische Corps in Waterloo geschlagen hatten.
»Platz da!«, brüllte Sandman, »Platz da!« Er sah die Männer auf dem Galgengerüst und bemerkte, dass einer saß, was ungewöhnlich war. Er sah den Priester und auf dem hinteren Teil des Podests eine Gruppe von Zuschauern und Beamten; die Menge widerstand seinem heftigen Drängen, er wünschte, er hätte eine Waffe, um auf sie einschlagen zu können, doch dann ritten die Polizisten neben ihn und gingen mit ihren langen Schlagstöcken gegen das Gedränge vor.
Ein Seufzen ging durch die Menge, Sandman sah nur noch den Priester auf der schwarzen Bühne des Galgenpodests, das sich über die Hälfte der Straße an ihrer breitesten Stelle erstreckte.
Die Falltür hatte sich geöffnet.
Und die Glocke der Grabeskirche läutete für die Sterbenden.
Venables fluchte auf den Ordinarius und auf den Gefängnisverwalter, aber nicht auf Jemmy Bottings, denn er wusste nur zu gut, dass der Henker seinen Tod beschleunigen konnte. »Hör auf zu flennen!«, befahl er Corday.
»Ich habe nichts getan!«, jammerte dieser.
»Glaubst du, du bist der erste Unschuldige, der hier oben stirbt?«, fragte Venables. »Oder der Hundertste? Das hier ist der Galgen, Charlie, der kennt keinen Unterschied zwischen Schuldigen und Unschuldigen. Bist du da, Jemmy?« Da Venables den weißen Sack über dem Kopf hatte, konnte er nicht sehen, dass der Henker an den Rand des Podestes gegangen war, um den Sicherungsbolzen herauszuziehen. »Bist du da, Jemmy?«
»Es dauert nicht mehr lange, Jungs«, sagte Botting. »Geduld«. Er verschwand über die Hintertreppe.
»Da ist Rider!« Lord Alexander war aufgesprungen, sehr zur Verärgerung der Gäste in den hinteren Reihen. »Es ist Rider!«
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