»Das ist ein völlig neues Argument«, räumte Cotton, wenn auch skeptisch, ein.
Lord Christopher hatte diesem Gespräch mit gequälter Miene zugehört und platzte nun heraus: »Sind Sie mit Henry Cotton verwandt?«
Sofort brach das Gespräch ab, abgewürgt durch Lord Christophers unvermittelten Themenwechsel. »Mit wem, Mylord?«, fragte der Ordinarius.
»Henry Cotton«, wiederholte Lord Christopher. Er schien unter dem Eindruck einer starken Gemütsbewegung zu stehen, als fände er es nahezu unerträglich, im Gefängnis Newgate zu sein. Er war blass, hatte Schweiß auf der Stirn und zitterte. »Er lehrte Griechisch an der Christuskirche und ist jetzt zweiter Bibliothekar der Bodleyanischen Bibliothek«, erklärte er.
Der Ordinarius trat einen Schritt von Lord Christopher fort, der aussah, als werde er sich gleich übergeben. »Mylord, ich denke, ich bin eher mit dem Viscount Combermere verwandt, wenn auch nur entfernt«, antwortete der Ordinarius.
»Henry Cotton ist ein guter Mann«, sagte Lord Christopher, »ein sehr guter Mann. Ein echter Gelehrter.«
»Er ist ein Pedant«, schimpfte Lord Alexander. »Sie sind mit Combermere verwandt, sagen Sie, ehemals Sir Stapleton Cotton? Bei der Schlacht von Salamanca verlor er beinahe seinen rechten Arm, und das wäre ein tragischer Verlust gewesen.«
»Ja, wahrhaftig«, sagte der Ordinarius inbrünstig.
»Sonst hast du in der Regel kein Mitgefühl mit Soldaten«, wandte Lord Christopher ein.
»Combermere kann ein raffinierter Schlagmann sein«, erklärte Lord Alexander, »zumal gegen Bälle mit Drall. Spielen Sie Kricket, Cotton?«
»Nein, Mylord.«
»Es ist gut gegen Blähungen«, erklärte Lord Alexander rätselhaft und wandte sich ab, um den Aufenthaltsraum einer hochherrschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Er musterte die Deckenbalken, rüttelte an einem der Tische und schaute in die Töpfe und Kessel, die sich neben der Glut im offenen Kamin stapelten. »Wie ich sehe, leben unsere Verbrecher nicht ohne einen gewissen Komfort«, stellte er fest und musterte seinen Freund stirnrunzelnd. »Fühlst du dich wohl, Kit?«
»Ja, ja, bestimmt«, sagte Lord Christopher hastig, sah aber alles andere als gesund aus. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn und war noch bleicher als sonst. Er nahm seine Brille ab und putzte sie mit einem Taschentuch. »Es ist nur, dass die Erwartung, einen Mann in die Ewigkeit befördert zu sehen, nachdenklich stimmt«, erklärte er, »sehr nachdenklich. Eine solche Erfahrung ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.«
»Allerdings nicht«, bestätigte Lord Alexander und musterte gebieterisch die übrigen Frühstücksgäste, die sich mit unheiligem Vergnügen auf das bevorstehende Ereignis dieses Morgens zu freuen schienen. Drei von ihnen standen dicht bei der Tür und lachten über einen Scherz, worauf Lord Alexander sie missbilligend anschaute. »Armer Corday«, sagte er.
»Wieso bedauern Sie den Mann, Mylord?«, fragte Reverend Cotton.
»Wahrscheinlich ist er unschuldig«, erklärte Lord Alexander, »aber wie es scheint, wurde der Beweis für seine Unschuld nicht gefunden.«
»Wenn er unschuldig wäre, Mylord, bin ich überzeugt, dass unser Herrgott es uns hätte wissen lassen«, stellte der Ordinarius mit väterlichem Lächeln fest.
»Wollen Sie behaupten, man hätte noch nie einen Unschuldigen gehenkt?«, fragte Lord Alexander.
»Das würde Gott nicht zulassen«, erwiderte Reverend Cotton.
»Dann sollte Gott besser zusehen, dass er heute Morgen in die Stiefel kommt«, sagte Lord Alexander und drehte sich um, als die verriegelte Tür am anderen Ende des Raumes sich plötzlich mit lautem Quietschen öffnete. Einen Herzschlag lang erschien niemand in der Tür, und alle Gäste hielten offenbar den Atem an, bis unter hörbarem Aufseufzen ein kleiner, stämmiger Mann mit einer dicken Ledertasche hereinstapfte. Er hatte ein rotes Gesicht, trug braune Gamaschen, eine schwarze Kniebundhose und einen schwarzen Rock, der sich über seinem vorgewölbten Bauch spannte. Respektvoll zog er seinen schäbigen braunen Hut, als er die wartenden Adeligen bemerkte, entbot ihnen aber keinen Gruß und wurde auch von keinem der Anwesenden gegrüßt.
»Dieser Mann ist Botting«, flüsterte der Ordinarius.
»Ein merkwürdiger Name für einen Henker«, sagte Lord Alexander taktlos laut. »Ketch, das wäre ein ordentlicher Name für einen Henker. Aber Botting, das klingt nach einer Viehseuche.«
Botting warf einen vernichtenden Blick zu dem großen rothaarigen Lord Alexander herüber, der von dieser Feindseligkeit nicht ganz ungerührt blieb, aber es war Lord Christopher, der einen Schritt zurückwich, vielleicht aus Angst vor dem bulligen Gesicht des Henkers, das von Warzen, Narben und Grützbeuteln entstellt und ständig unwillkürlichen Zuckungen ausgesetzt war. Botting bedachte die übrigen Gäste mit einem sardonischen Blick und schob eine Bank beiseite, um seine Ledertasche auf einen Tisch zu stellen. Wohl wissend, dass er beobachtet wurde, öffnete er die Schnallen seiner Tasche und holte vier Docken dünner, weißer Kordel heraus. Er legte sie auf den Tisch und zog zwei schwere Seile aus der Tasche, die an einem Ende eine Schlinge und am anderen eine Öse aufwiesen. Beide Seile legte er auf den Tisch, daneben zwei weiße Baumwollsäcke und trat geschickt einen Schritt zurück. »Guten Morgen, Sir«, begrüßte er den Gefängnisverwalter.
»Ach, Botting!« Die Überraschung im Ton des Verwalters sollte zeigen, dass er den Henker gerade erst bemerkt habe. »Einen schönen guten Morgen wünsche ich Ihnen ebenfalls.«
»Das ist es wahrhaftig, Sir«, sagte Botting. »Kaum ein Wölkchen am Himmel, kaum eins. Heute nur die beiden Kunden, Sir?«
»Nur die beiden, Botting.«
»Es sind ziemlich viele Leute da, nicht allzu viele, aber doch genug«, sagte Botting.
»Schön, schön«, sagte der Verwalter vage.
»Botting!«, schaltete Lord Alexander sich ein und ging auf ihn zu, wobei sein Klumpfuß schwer über die unebenen Bodendielen stampfte. »Sagen Sie, Botting, ist es wahr, dass Sie Adelige an einem seidenen Strang aufhängen?« Botting wirkte verblüfft, dass einer der Gäste des Gefängnisverwalters ihn ansprach, zumal eine so ungewöhnliche Erscheinung wie Reverend Lord Alexander Pleydell mit seinem roten Haarschopf, der Hakennase und der schlaksigen Gestalt. »Also?«, fragte Lord Alexander herrisch. »Stimmt das? Ich habe es gehört, aber in Fragen, die eine Hinrichtung durch den Strang betreffen, sind Sie ja sicher die fons et origo für zuverlässige Angaben. Finden Sie nicht auch?«
»Ein Seidenstrang, Sir?«, fragte Botting verständnislos.
»Mylord«, korrigierte der Ordinarius ihn.
»Mylord! Ha!«, sagte Botting, der seinen Gleichmut wieder fand und sich amüsiert vorstellte, dass Lord Alexander vielleicht an seine eigene Hinrichtung dachte. »Ich enttäusche Sie nur ungern, Mylord«, sagte er, »aber ich wüsste nicht, woher ich einen Seidenstrang bekommen sollte.« Botting strich über die Schlingen auf dem Tisch. »Das hier, das ist bester Bridport-Hanf, Mylord, der Beste, der zu haben ist, und guten Bridport-Hanf bekomme ich immer. Aber Seide? Das ist eine andere Sache, Mylord, ich wüsste nicht mal, wo ich danach suchen sollte. Nein, Mylord. Falls ich je das hohe Privileg hätte, einen Adeligen zu henken, würde ich es mit Bridport-Hanf machen, wie bei jedem anderen.«
»Völlig richtig, guter Mann«, strahlte Lord Alexander über die Gleichheitsbestrebungen des Henkers. »Gut! Vielen Dank.«
»Sie verzeihen, Mylord?« Der Verwalter bedeutete Lord Alexander, er möge den breiten Mittelgang zwischen den Tischen frei machen.
»Bin ich im Weg?« Lord Alexander klang überrascht.
»Nur im Augenblick, Mylord«, sagte der Verwalter, und gleich darauf hörte Lord Alexander das Klirren von Eisen und schlurfende Schritte. Die anderen Gäste erhoben sich mit feierlichen Mienen. Lord Christopher Carne wich einen Schritt zurück, noch bleicher als zuvor, und wandte das Gesicht zu der Tür, die auf den Presshof führte.
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