»Ruhig, Charlie«, sagte Venables leise, »ruhig.«
Der Sheriff und sein Vertreter, beide in Roben, Amtsketten sowie einem Stab mit Silberspitze, waren offenkundig zufrieden, dass die beiden Gefangenen ordnungsgemäß vorbereitet waren, und traten zum Gefängnisverwalter, der sich förmlich vor ihnen verbeugte und dem Sheriff ein Dokument reichte. Der Sheriff warf einen Blick auf das Schriftstück und steckte es mit einem Kopfnicken in eine Tasche seiner pelzbesetzten Robe. Bisher waren die beiden Gefangenen der Obhut des Gefängnisverwalters von Newgate unterstellt, nun gehörten sie dem Sheriff, der sie wiederum in die Hand des Teufels geben würde. Der Sheriff schob seine Robe auseinander und nestelte seine Taschenuhr heraus. Er ließ den Deckel aufschnappen und schaute auf das Zifferblatt. »Es ist ein Viertel vor acht«, sagte er und wandte sich an Botting: »Sind Sie bereit?«
»Bereit, Euer Ehren, zu Euren Diensten«, antwortete Botting, setzte seinen Hut auf, nahm die beiden Baumwollsäcke und schob sie in eine Tasche.
Der Sheriff ließ die Uhr zuschnappen und ging auf den Presshof. »Wir haben um acht Uhr einen Termin, meine Herren«, verkündete er, »gehen wir.«
»Scharfe Nierchen!«, sagte Lord Alexander. »Gott, ich kann sie schon riechen. Komm, Kit!«
Sie schlossen sich der Prozession an.
Und die Glocken läuteten unaufhörlich.
Es war nicht weit.
Eine Viertelmeile bis Whitehall, dort auf den Strand und eine Dreiviertelmeile bis Temple Bar, von dort war es knapp eine Drittelmeile die Fleet Street hinunter, über den Graben und Ludgate Hill hinauf, bis links Old Bailey abzweigte. Es war wirklich keine Entfernung, schon gar nicht, nachdem die Polizeistation am Queen Square einige Polizeipferde geschickt hatte. Sandman und Berrigan saßen auf, der Sergeant auf einer Stute, die, wie ein Wachmann beschwor, lammfromm war, und Sandman auf einem lebhafteren Wallach. Witherspoon brachte die Begnadigung vor das Haus und reichte sie Sandman. »Möge Gott Sie schnell vorankommen lassen, Captain«, sagte Witherspoon.
»Wir treffen uns im ‘Sheaf, Sal!«, rief Berrigan und tat einen Satz nach hinten, als seine Stute Sandmans Wallach Richtung Whitehall folgte. Drei Polizisten ritten vorweg, einer blies in eine Trillerpfeife, während die anderen beiden mit gezücktem Schlagstock einen Weg zwischen Karren, Fuhrwerken und Kutschen bahnten. Ein Straßenkehrer, der gerade die Fahrbahn überquerte, sprang laut fluchend beiseite. Sandman steckte das kostbare Dokument in die Tasche und sah sich nach Berrigan um, der große Mühe mit seiner Stute hatte. »Hacken runter, Sergeant! Hacken runter! Zerren Sie nicht an den Zügeln, lassen Sie sie einfach laufen! Sie passt schon auf Sie auf.«
Sie kamen an den königlichen Stallungen vorbei und nahmen auf dem Strand den Bürgersteig. Sie ritten vorbei an der Apotheke Kidman, jagten zwei Fußgänger in den tiefen Ladeneingang und passierten das Messerwarengeschäft Carrington, wo Sandman seinen ersten Degen gekauft hatte. Er war beim Angriff auf Badajoz zerbrochen, wie er sich erinnerte. Es war keine Heldentat, nur sein eigener Arger über die Unfähigkeit der Armee, die französische Festung zu nehmen, die ihn veranlasst hatte, in seiner Wut mit dem Degen auf einen zurückgelassenen Munitionswagen einzudreschen, wobei die Klinge am Heft abgebrochen war. Sie galoppierten vorbei am Sans Pareil, jenem Theater, in dem die Schauspielerin Celia Collet den Earl of Avebury bezaubert hatte. Der alte Narr hatte eine gierige Schönheit geheiratet, und als sich herausstellte, dass ihre unsterbliche Liebe nichts anderes war als unersättliche Lust, und sie sich trennten, zog sie wieder nach London, wo sie sich ihre frühere Theaterdienerin, Margaret Hargood, als Kupplerin holte, um sich den Luxus zu verschaffen, den sie ihrer Ansicht nach beanspruchen durfte. So hatte die Countess ihre Männer in die Falle gelockt, sie erpresst und sich bereichert, bis die dickste Fliege von allen ihr ins Netz ging. Der unschuldige, naive Lord Christopher Carne war seiner Stiefmutter verfallen, sie hatte ihn verfährt, ihm den Kopf verdreht, ihn schaudern und stöhnen lassen und ihm dann gedroht, es den Treuhändern des Erbguts, seinem Vater und der ganzen Welt zu sagen, wenn er ihr nicht noch mehr Geld aus seiner großzügigen Apanage zahlte. Da Lord Christopher wusste, dass seine Stiefmutter immer mehr von ihm fordern würde, wenn er erst einmal das Vermögen geerbt hätte, bis seine Schatulle leer wäre, hatte er sie getötet.
All dies hatte Sandman erfahren, während Viscount Sidmouth von eigener Hand die Begnadigung geschrieben hatte. »Eigentlich müsste der Kronrat dieses Dokument abfassen«, sagte der Innenminister.
»Dazu bleibt wohl kaum Zeit«, wandte Sandman ein.
»Das ist mir klar, Captain«, sagte Sidmouth scharf. Die Feder kratzte und winzige Tintentröpfchen spritzten, als er seine Unterschrift kritzelte. »Geben Sie dies mit meiner Empfehlung dem Sheriff von London oder einem seiner Vertreter«, sagte er und streute Sand auf die feuchte Tinte. »Einer von ihnen ist sicher bei der Hinrichtung anwesend. Wenn sie fragen, warum ein solcher Befehl nicht vom Kronrat unterzeichnet und durch den Schriftführer von London an sie weitergeleitet wurde, erklären Sie, dass keine Zeit blieb, um das ordnungsgemäße Verfahren einzuhalten. Seien Sie bitte so nett und geben Sie mir diese Kerze und den Siegellack?«
Das Siegel auf dem Begnadigungsschreiben war noch warm, als Sandman und Berrigan nun durch die Stadt ritten. Sandman überlegte, mit welcher Schuld Lord Christopher leben musste und dass der Mord an seiner Stiefmutter ihm nichts genutzt hatte, da der Marquess of Skavadale ihn auf frischer Tat ertappt hatte und die finanziellen Probleme seiner Familie, die kurz vor dem Ruin stand, mit einem Schlag gelöst sah. Meg konnte bezeugen, dass Lord Christopher der Mörder war, und solange sie lebte und unter dem Schutz des Marquess stand, würde Lord Christopher für ihr Schweigen zahlen müssen. Und sobald Lord Christopher mit dem Titel des Earl das Vermögen seines Großvaters geerbt hätte, wäre er gezwungen worden, sein gesamtes Erbe an Skavadale zu übertragen, der Meg, durch die er diesen Wohlstand aus dem Avebury-Vermögen hätte erpressen können, mit ein paar Hühnern abgespeist hätte.
Sidmouth hatte in die Kanalhäfen sowie nach Harwich und Bristol Boten geschickt, um nach Lord Christopher Carne suchen zu lassen. »Und was ist mit Skavadale?«, hatte Sandman gefragt.
»Wir wissen nicht, ob er bereits Geld erpresst hat«, erklärte Sidmouth spröde, »und wenn das Mädchen die Wahrheit sagt, hatten sie nicht vor, mit ihrer Plünderung zu beginnen, bevor Lord Christopher den Earl-Titel geerbt hatte. Wir mögen ihre Absichten zwar missbilligen, Captain, aber wir können sie nicht für ein Verbrechen bestrafen, das noch nicht begangen wurde.«
»Skavadale hat die Wahrheit vertuscht!«, wandte Sandman verärgert ein. »Er hat die Polizei gerufen und ausgesagt, er habe den Mörder nicht erkannt. Er hätte zugelassen, dass ein Unschuldiger in den Tod geht!«
»Und wie wollen Sie das beweisen?«, fragte Sidmouth kurz angebunden. »Seien Sie zufrieden, dass Sie den wahren Mörder gefunden haben.«
»Und vierzig Pfund Belohnung verdient haben«, warf Berrigan strahlend ein, was ihm einen überaus missfälligen Blick Seiner Lordschaft eintrug.
Als die Hufschläge ihrer Pferde an den Mauern der Kirche St. Clement widerhallten und Sandman sein Spiegelbild dutzendfach in den Rundfenstern des Steakhauses Clifton sah, dachte er, wie gut ihm jetzt ein Schweinesteak mit Nierchen schmecken würde. Unmittelbar vor ihnen lag das Stadttor Temple Bar, unter dem sich Karren und Fußgänger drängten. Die Polizisten riefen, die Karren sollten weiterfahren, schoben sich mit ihren Pferden in das Gedränge und brüllten die Kutscher an, ihre Peitschen einzusetzen. Ein mit Schnittblumen beladenes Fuhrwerk versperrte nahezu den gesamten Torbogen, und einer der Polizisten schlug mit seinem Knüppel darauf ein, dass Blüten und Blätter auf das Pflaster spritzten. »Lassen Sie!«, brüllte Sandman. »Lassen Sie!« Er hatte eine Lücke auf dem Bürgersteig entdeckt und zwängte sich mit seinem Pferd hinein, wobei er einen dünnen Mann mit Hut umwarf. Berrigan folgte ihm, und sobald sie den Torbogen hinter sich gelassen hatten, stellte sich Sandman in die Steigbügel und trieb sein Pferd Richtung Fleet Ditch, dass die Hufeisen auf dem Kopfsteinpflaster Funken schlugen.
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