Die ersten Kirchenglocken begannen zu läuten, und Sandman schien es, als sei die ganze Stadt erfüllt von einer Kakophonie aus Glockengeläut, Hufschlägen, Alarm und Verhängnis.
Er glitt zurück in den Sattel, gab dem Pferd einen Klaps und ritt wie der Wind.
Als Lord Alexander durch den hoch aufragenden Bogen der Schuldnerpforte trat, sah er vor sich den dunklen Hohlraum unter dem Galgenpodest, der ihn stark an den Unterbau einer Theaterbühne erinnerte. Von außen, wo die Zuschauer sich auf der Straße sammelten, wirkte der mit schwarzem Stoff verhängte Galgen massig, dauerhaft und finster. Von seiner Warte aus sah Lord Alexander jedoch, dass es eine Illusion auf rohen Holzbalken war, eine Bühne für eine Tragödie, die mit dem Tod endete. Rechter Hand führte eine Holzstiege in den Schatten hinauf, knickte scharf links ab und mündete in einem überdachten Pavillon im hinteren Teil des Galgenpodests. Der überdachte Pavillon ähnelte den privilegierten Theaterlogen, die wichtigen Gästen den besten Blick auf das Drama boten.
Lord Alexander ging als Erster die Treppe hinauf und wurde mit lautem Jubel empfangen. Wer er war, kümmerte niemanden, aber sein Erscheinen kündete die Ankunft der beiden zum Tode Verurteilten an, und die Menge war das Warten leid. Lord Alexander musste im Sonnenschein blinzeln, zog den Hut und verbeugte sich vor dem Pöbel, der die Geste mit Lachen und Beifall honorierte. Es war keine große Menge erschienen, aber sie füllte die Straße über hundert Meter nach Süden und blockierte die Einmündung in die Newgate Street im Norden. Alle Fenster des Magpie and Stump waren besetzt, und selbst auf dem Dach der Schänke saßen Zuschauer.
»Wir wurden gebeten, uns nach hinten zu setzen«, sagte Lord Christopher, als Lord Alexander in der ersten Reihe Platz nahm.
»Wir wurden gebeten, in der ersten Reihe zwei Plätze für den Sheriff frei zu lassen«, berichtigte Lord Alexander ihn, »und die sind frei. Setz dich, Kit. Was für ein herrlicher Tag! Glaubst du, das Wetter hält sich? Budd am Samstag, ja?«
»Budd am Samstag?« Lord Christopher wurde angerempelt, als die anderen Gäste sich auf die hinteren Plätze zwängten.
»Kricket, mein Junge! Ich habe Budd tatsächlich überreden können, gegen Jack Lambert anzutreten, und Lambert, der brave Kerl, hat sich bereit erklärt, zurückzutreten, wenn Rider Sandman seinen Platz einnimmt! Das hat er mir gestern nach der Kirche gesagt. Also, das ist ein Traumspiel, was? Budd gegen Sandman. Du kommst doch, oder?«
Johlen übertönte das Gespräch auf dem Galgenpodest, als die Sheriffs in Kniebundhosen, Seidenstrümpfen, Schuhen mit Silberschnallen und pelzbesetzten Roben erschienen. Lord Christopher schien ihre Ankunft nicht zu bemerken, sondern starrte auf den Galgenbaum. Er schien enttäuscht, dass er nicht blutbefleckt war, zuckte jedoch zusammen, als er die beiden unverhüllten Särge erblickte, die auf ihre Last warteten. »Sie war böse«, raunte er.
»Selbstverständlich kommst du«, sagte Lord Alexander und runzelte die Stirn. »Was hast du gesagt, mein Lieber?«
»Meine Stiefmutter, sie war böse.« Lord Christopher schien zu frösteln, obwohl es nicht kalt war. »Sie und ihre Zofe, sie waren Hexen!«
»Willst du ihren Mord rechtfertigen?«
»Sie war böse«, wiederholte Lord Christopher nachdrücklich, offenbar ohne die Frage seines Freundes zu hören. »Sie sagte, sie würde Ansprüche auf das Vermögen stellen, an die Treuhänder, weil ich ihr ein paar Briefe geschrieben hatte. Sie log, Alexander, sie log!« Er zuckte zusammen bei der Erinnerung an die langen Briefe, in die er seine Hingabe an seine Stiefmutter ergossen hatte. Er hatte keine Frauen gekannt, bis sie ihn in ihr Bett genommen hatte, und er war ihr vollständig verfallen. Er hatte sie angefleht, mit ihm nach Paris zu gehen, und sie hatte ihn in seinem Wahn bestärkt, bis sie sich eines Tages über ihn lustig gemacht und die Falle hatte zuschnappen lassen. Er solle ihr Geld geben, hatte sie verlangt, sonst würde sie ihn zum Gespött von ganz Paris, London und jeder anderen europäischen Hauptstadt machen. Sie hatte gedroht, Kopien seiner Briefe zu verbreiten, damit alle seine Schande sähen, und so hatte er ihr Geld gegeben, aber sie hatte immer mehr gefordert, und er hatte gewusst, dass die Erpressung nie enden würde. Deshalb hatte er sie getötet.
Er hatte sich eines Mordes nicht für fähig gehalten, aber als er sie in ihrem Schlafzimmer ein letztes Mal angefleht hatte, ihm seine Briefe zurückzugeben, und sie ihn nur ausgelacht, als Schwächling und als ungeschickten, dummen Jungen bezeichnet hatte, hatte er das Messer aus seinem Gürtel gezogen. Es war eigentlich keine Waffe, sondern kaum mehr als eine alte Klinge, die er benutzte, um die Seiten neuer Bücher aufzuschneiden, aber in seiner wahnsinnigen Wut hatte es genügt. Er hatte sie erstochen, auf ihre verhasste, wunderbare Haut eingestochen, sie aufgeschlitzt, und hinterher war er in den Flur gestürzt, hatte die Zofe der Countess und einen Mann gesehen, die ihn vom Fuß der Treppe in der Diele anstarrten. Er war wieder zurück ins Schlafzimmer gelaufen und hatte in panischer Angst gewimmert. Er hatte erwartet, Schritte auf der Treppe zu hören, aber niemand war gekommen, und so hatte er sich zu Ruhe und Besonnenheit gemahnt. Er hatte nur einen Augenblick auf dem Flur gestanden, kaum lange genug, um erkannt zu werden! Er hatte ein Messer vom Tisch des Malers genommen und es auf die rot befleckte Leiche geworfen, dann hatte er den Schreibtisch der Toten nach seinen Briefen durchsucht, war damit über die Hintertreppe entkommen und hatte sie zu Hause verbrannt. Er hatte in seiner Wohnung gehockt und auf seine Verhaftung gewartet, hatte aber am nächsten Tag erfahren, dass die Polizei den Maler festgenommen hatte.
Lord Christopher hatte für Corday gebetet. Es war natürlich nicht richtig, dass der Maler sterben sollte, aber Lord Christopher konnte sich auch nicht eingestehen, dass er selbst für den Mord an seiner Stiefmutter den Tod verdiente. Er würde mit seinem Erbe Gutes tun! Er würde Barmherzigkeit üben. Er würde für den Mord und für Cordays Unschuld tausend Mal bezahlen. Sandman hatte diese tätige Reue bedroht, und daher hatte Lord Christopher seinen persönlichen Diener zu Rate gezogen und behauptet, Rider Sandman hege einen Groll gegen ihn und habe vor, die Treuhänder zu verklagen und das Avebury-Vermögen in einem Gerichtsprozess sperren zu lassen. Er hatte demjenigen tausend Guineen versprochen, der das Vermögen von dieser Bedrohung befreite. Sein Diener hatte wiederum andere Männer angeheuert, die Lord Christopher großzügig für einen Mordversuch an Sandman entlohnt hatte. Wie es schien, hatten sich nun weitere Aufwendungen erübrigt, da Sandman offenbar gescheitert war. Corday würde sterben, und danach würde niemand mehr zugeben wollen, dass man einen Unschuldigen auf Bottings Bühne hatte tanzen lassen.
»Aber deine Stiefmutter hatte doch sicher keinen Anspruch t auf das Vermögen, falls im Testament deines Großvaters nicht ausdrücklich vorgesehen ist, dass du für die Witwe deines Vaters aufzukommen hast. Ist das so?« Lord Alexander hatte über die Äußerung seines Freundes nachgedacht.
Lord Christopher schaute ihn verständnislos an, gab sich aber große Mühe, sich auf das zu konzentrieren, was sein Freund gerade gesagt hatte. »Nein«, antwortete er, »das gesamte Vermögen geht an den Erben. An mich allein.«
»Dann wirst du ein überaus reicher Mann, Kit«, sagte Lord Alexander, »und ich wünsche dir alles Gute mit deinem großen Reichtum.« Er wandte sich von seinem Freund ab, als lauter Jubel, der lauteste an diesem Morgen, das Erscheinen des Henkers begrüßte.
»Ich werde meine Zunge im Zaum halten, solange ich schaue das Gottlose.« Reverend Cottons Stimme wurde lauter, als er hinter dem ersten Gefangenen die Stiege heraufkam.
Читать дальше