Feiner, mit Algen gepolsterter Kies bedeckte den Strand. Die größeren Steine lagen am Wasser, Totenköpfe, mit Algen behaart und von Wellen gestriegelt, sorgsam und endlos. Es gab großflächige Abbrüche, riesige Schollen und tiefe Risse in der Küste. Es gab kleine, frische Gletscherzungen aus feinstem Ton, in die man knietief einsinken konnte. Beim ersten Schritt waren sie wie Gummi unter dem Fuß, dann, plötzlich, gaben sie nach und umschlossen den Knöchel — tiefer, klebriger Ton. War man einmal eingesunken, gab es nichts Angenehmeres, als darin herumzustapfen und zu spüren, wie sich der feine Schlamm zwischen die Zehen presste … Stellenweise waren Lehm und Ton zu glänzenden Terrassen angeschwemmt, kleine, spiegelglatte Tableaus, wie aufgespannt und unberührbar. Es gab riesige Hühnergötter und Mohnblüten, über den Lehm verstreut. Das Wasser am Ufer war türkis, weiter draußen grau, die Sonne stieg, und der Horizont wurde langsam schärfer. Es war ein unangenehmes Gefühl, wenn Ed entdeckte, dass jemand von der Kliffkante auf ihn heruntersah, fünfzig, sechzig Meter über ihm. Dann senkte er den Blick und versuchte, schneller zu gehen, was schwierig war zwischen den Steinen.
Wo das Hochufer abflachte, stieß er auf die Reste des Bunkers, von dem Kruso öfter sprach. Zwischen zwei aus ihrer Verankerung gerissenen Betonplatten gab es einen Spalt in die Tiefe, aus dem die Brandung orakelte; es roch nach Kot. Hinter dem Bunker begannen die Sandburgen der Urlauber, aufwendig ausgebaut und mit Hilfe kleiner schwarzer Steine beschriftet — Datum der Anreise, Datum der Abreise, irgendein Name, Köhler, Müller, Schmidt. Einige waren mit Treibholz überdacht und einige beflaggt. Sie erinnerten Ed an Unterstände oder Kommandozentralen; im nächsten Moment glichen sie bewohnbaren Geburtstagstorten, ausstaffiert mit allerhand Kleinzeug, Büchsen, Latschen, angespültem Müll. Die Wachen vor den Eingängen dieser Torten trugen Schürzen, Grillschürzen vermutete Ed, ansonsten waren sie nackt. Überhaupt schienen alle Menschen nackt zu sein im Norden der Insel, weshalb Ed Richtung Osten abbog. Plötzlich entdeckte er seinen Hochstand in der Ferne. Obwohl nicht mehr als drei Wochen vergangen waren, berührte es ihn, die Stelle wiederzusehen, wo er seine erste Nacht verbracht hatte — »wo ich gelandet bin«, flüsterte Ed vor sich hin.
Das Vogelschutzgebiet war von dichtem Unterholz bewachsen, aber es gab eine Art Pfad in die Landzunge hinein. Er drang vor, wich vom Weg ab und betrat eine vollständige Abwesenheit. Irgendein Geräusch — ohne weiteres machte Ed einen Schritt zur Seite und duckte sich. Er war nicht erschrocken, er hatte keine Angst. Er registrierte, wie sich beim Hinhocken frisches Grün in den Blick schob. Das Grün bewegte sich und sagte» Gras«, so sanft, als streichle es dabei die innere Wölbung seines Schädels.
«Dass das die Wildnis ist und das unser Verkrochensein in der Wildnis — das werdet ihr da draußen nie begreifen«, murmelte Ed. Wieder hatte er ein gutes kleines Scheit auf das Lagerfeuer seines Selbstgesprächs gelegt. Er dachte: Orte, wo nie jemand ist, nur ich. Geduckt lauschte er dem harten Pochen seines Herzschlags und spürte die alte Sehnsucht nach dem Versteck. Und er begriff, dass diese Sehnsucht gewachsen und inzwischen noch viel größer war als in der Kindheit.
Als Ed sich erhob, stürzte ein Schwarm Vögel in die Luft, und für einen Augenblick war er nicht von dieser Welt.
Im Hof des» Enddorn«, eines der wenigen Gebäude, aus denen die Ortschaft Grieben bestand, bestellte Ed sich Kaffee und Kuchen. Er saß draußen im Schatten eines Weidenbaums, auf einem der wackligen, unregelmäßig im Garten verstreuten Stühle. Als wäre auf irgendeine Weise zu erkennen, dass er jetzt selbst eine Saisonkraft war, wurde er freundlicher und vor allem schneller bedient als die Tagestouristen an seinem Tisch. Und selbst die Tagestouristen zeigten Respekt. Sein Kännchen war randvoll, so dass es fast drei Tassen ergab. Einmal trat der Wirt vor die Tür und rief der Kellnerin etwas zu, dann grüßte er ihn kurz — der Wirt! Für eine Sekunde wurde Ed das Fehlen der unausgesprochenen Voraussetzung bewusst. Trotzdem gab es keinen Zweifel: Er gehörte jetzt zur Insel, man sah es ihm an. Er war ein Esskaa am Ruhetag.
Zur Straße hin hatte der Enddorn, der ein kleineres Schiff als der Klausner war, eine barackenähnliche Verlängerung. Als sich die Tür einmal öffnete, wehte ein Schwall verbrauchter Luft zwischen die Tische. Ed erkannte ein eisernes Bettgestell, der Fußboden voller Schlafsäcke und Planen. Erst im nächsten Moment bemerkte Ed, dass es Kruso gewesen war, der den Anbau des Enddorn verlassen hatte. Er trug ein leuchtend weißes Hemd, das schwarze Haar lag ihm offen über den Schultern und glänzte indianisch. Ed wollte ihn rufen, er sprang auf, hob den Arm, brachte aber kein Wort heraus.
Krusos aufrechter Gang, nicht athletisch, aber doch mit Kraft, als triebe ihn eine Unwucht voran, irgendein Schlag vielleicht, der sein Zentrum getroffen und verschoben hatte, dachte Ed, und nun versuchte er es auszugleichen mit einem raschen Voranschieben der Beine, die Hüfte steif, die Füße knapp über dem Boden … Plötzlich schmerzte es Ed, dass er einfach davonging, ohne sich umzusehen. Das war absurd, und er musste sich eingestehen, dass es mehr war. Kruso berührte etwas in ihm, das er entbehrte, vermisste, ein alter Mangel, nagend, eine Sehnsucht nach — er wusste es nicht, es hatte keinen Namen. Anfangs war es ihm unangenehm gewesen, wie Krusowitsch ihn in Dienst nahm, direkt, unverstellt und offen, wobei vieles rätselhaft blieb in seiner Rede. Aber schließlich lag es bei Ed, zu begreifen, wie die Dinge auf der Insel lagen, nach und nach. Trotz der erbärmlichen Zustände im Abwasch, die Rimbaud mit der Situation von Galeerensklaven verglich, genoss er die Arbeit an Krusos Seite; er genoss seine Nähe, so unnahbar ihm der Mann auch vorkam. Die Arbeit war etwas, das sie gemeinsam vollbrachten, es lag eine Art Vertrautheit darin, die durch nichts ersetzt werden konnte. Kruso hatte ihm Aufgaben gegeben, er hatte Klarheit in Eds Tage gebracht und das unabweisbare Gefühl, dass es auch für ihn eine Möglichkeit gab, sich über sein diffuses, verfahrenes Dasein zu erheben.
Die Kellnerin des Enddorn wollte kein Trinkgeld. Stattdessen erkundigte sie sich, ob er plane, am Abend an den Kellnerstrand zu gehen.
«Ja, vielleicht«, entgegnete Ed, der das Wort Kellnerstrand zum ersten Mal vernahm. Die Kellnerin war fast zwei Köpfe größer als er und kräftig gebaut; ihr rundes Gesicht erstaunte Ed, als hätte er schon lange in kein Gesicht mehr geblickt. Als er sich erhob, trat sie plötzlich einen Schritt auf ihn zu und legte ihre Wange an seine — »Wir bezahlen einander nicht, nur damit du Bescheid weißt, fürs nächste Mal«, flüsterten ihre Lippen und berührten sein Ohr. Es war keine Umarmung, aber deutlich hatte Ed ihre weiche Haut gespürt und ihre Wärme.
Vor dem Hügel, der wie ein Schädel aus der Landschaft ragte, waren ein paar Pferde versteinert. Mit ihrem Hinterteil zum Wind warteten sie darauf, dass die Erdmutter einfuhr, um sie zu befruchten. Der Bodden leuchtete in der Nachmittagssonne, und der Hafen lag still. Keine Touristen. Nur ein Junge vor der Tafel mit den Zeiten der Fähre. Eine Weile sprach er die Ankünfte und Abfahrten der Schiffe vor sich hin, dann drehte er sich zum Kai und brüllte sie aufs Wasser hinaus. Er tat das mit einer Art Verzweiflung und Inbrunst, als wäre es den Schiffen ohne ihn nicht möglich, Kurs auf den Hafen zu nehmen. Als könnten die Schiffe die Insel vergessen. Der Junge trug eine Matrosenjacke und eine Art Schiebermütze und bewegte sich seltsam. Er lief jetzt so dicht an der Hafenkante entlang, dass Ed sich abwenden musste.
Im Schaukasten des Gerhart-Hauptmann-Hauses hing ein Hauptmanngedicht. Daneben ein Aquarell von Ivo Hauptmann. Die Brandung war stärker als am Vormittag. Ein paar Schmetterlinge torkelten über die Steine, als fiele es ihnen schwer, einen Landeplatz zu finden.»Wo steckst du, Alterchen?«, brummte Ed vor sich hin, während er nach der Quelle mit dem Delta Ausschau hielt. Er befürchtete, seinen Freund nicht mehr wiederzufinden.
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