Um Kruso zu zeigen, dass die Zwiebel zu keiner Unterbrechung seiner Arbeit führte, aß Ed sie direkt am Becken, wie einen Apfel, von dem er ab und zu einen Biss nahm. Anfangs hatte sich Ed vor jedem Biss die Hand gespült, aber jetzt, da er allmählich eins wurde mit dem Abwasch und seinen toxischen Essenzen, machte er sich nicht mehr diese Mühe.
Außer Viola, den Kühlaggregaten, der Kaffeemaschine und einem Kartoffelschälgerät, das nur von dem selten anwesenden Hausmeister bedient werden konnte, existierte keine Technik im Klausner, abgesehen von Krombachs grauem Telefon. Immerhin gab es Fenster, die man einen Spaltbreit aufklappen konnte, und, wenn möglich, weit geöffnete Türen. Der Wind wehte vom Meer her zum Vordereingang herein, spülte Gaststube und Küche und fuhr durch die Hintertür des Abwaschs wieder hinaus. Auf diese Weise waren Ed und Kruso stundenlang eingehüllt in ein warmes, fettiges Strömen, ein Dunstgemisch aus Tabak, Rauch, Menschengeruch und alkoholischen Dämpfen, dumpf und atemversetzend.»Geräuchert, wir werden geräuchert«, fluchte Kruso,»wenn die Wilden kommen, wittern sie uns zuerst. Wir müssen Vorsorge treffen, uns gut reinigen am Abend. Waschen, pflegen, Creme. Und immer wachsam sein. Die Höhle erweitern, die Verstecke verbreitern. Es ist schlimmer, ein Unheil zu erwarten, als es zu ertragen, Ed!«Der Hallraum des Abwaschs verzerrte seine Rede, weshalb Ed sie vielleicht falsch verstand. Es klang nicht, als würde Kruso scherzen, im Grunde scherzte er nie, schon gar nicht, wenn er auf die sagenhafte Geschichte seines Namensvetters zu sprechen kam.
Vor Feierabend schleuderte ihm der Eisverkäufer seine leeren Kübel zwischen die Beine.
«Picobello amigo!«
«Genau.«
«Das will ich meinen genau .«
«Genau.«
«Werd bloß nicht frech, Zwiebel.«
Die Kübel stanken. Auf ihrem Grund klebte das kalte näselnde Sprechen Renés. Ed scheuerte es heraus. Renés Hauptstadthochmut (auch er stammte aus Berlin) wirkte dumm und einschüchternd zugleich. Es lag am Tonfall, etwas, das unangreifbar schien und im Thüringischen oder Sächsischen nicht enthalten war. Sein weißes Hemd wie frisch gebügelt; er hat immer den guten Geruch, dachte Ed. René trug echte Jeans und einen braunen Stielkamm in der Gesäßtasche. Es war ein Plastikkamm mit breitem, leicht geschwungenem Griff. Manchmal, mitten im Gespräch oder auch am Frühstückstisch, zog er ihn heraus und kämmte sein welliges Haar.
Ed trocknete die Kübel sorgfältig aus und stellte sie zurück unter die Luke des Eisverkaufs. Dann schlich er auf sein Zimmer. Er hatte bald herausgefunden, dass es einen Durchgang gab, der vom Speisesaal aus direkt auf die Treppe nach oben führte; man musste nicht erst das ganze Gebäude umkreisen. In der Tiefe des kleinen Korridors zwischen Speisesaal und Treppe war die zweite Tür kaum sichtbar, obwohl sie meist offen stand und wie ein Geräuschkanal Küche, Gaststube und Speisesaal mit der oberen Etage verband.
Die Außenbahn entsprach einer alten Vorschrift, die Krombach weitergab, wenn er neue Belegschaft einstellte. Das Ganze ging zurück auf Beschwerden höhergestellter Betriebsurlauber, die sich entsetzt gezeigt hatten über die unhygienischen, unansehnlichen Gestalten, die plötzlich neben ihren Tischen aufgetaucht waren, um ihr wohlverträumtes, kerzenbeschienenes Feriendasein mit einer Wolke aus Schweiß, Rauch und Alkohol zu besudeln. Krombach war nur Pächter und wollte keinen Ärger mit dem sogenannten Stammbetrieb; überhaupt achtete der Direktor darauf, dass seine Mannschaft nicht zu eng in Kontakt kam mit den Betriebsurlaubern, jenen anerkannten Vertretern der Arbeiterklasse.
Die gute Einsamkeit , von der ab und zu die Rede war, mit möglichst ruhiger Stimme und Worten, die verbargen, dass man eigentlich nicht wusste, ob sie wirklich existierte, erlebte Ed am Abend, allein in seinem Zimmer. Er lauschte den zerfetzten Melodien, die es von Viola heraufspülte. Er döste ins Rauschen der Brandung oder starrte ins Dunkel über dem Wasser und sah das Bärenpferd. Er war vollkommen ruhig. Er konnte dem Tier unverwandt ins Auge sehen.
Es war, als hätte er an diesen ersten Nachmittagen im Hof des Klausners zu denken begonnen, mit einem Pferd vor Augen und einer Zwiebel in der Hand. Gedanken, von denen er wusste, dass sie ihren Anfang tatsächlich bei ihm selbst genommen hatten. Ein Denken jenseits seiner Merkkraft und irgendwo weit hinten, tief unter den Beständen. Die feuchten, samtweichen Nüstern, die Atemgeräusche, die Stille im Blick. Er war vierundzwanzig Jahre alt. Er hatte G. verloren. Das erste Mal im Leben konnte er fühlen, wie sein Denken begann. Wenn er sich mit der Innenfläche seiner Hand übers Gesicht fuhr, roch er die Gerichte der Tageskarte. Seine Haut war fettig und glänzte.
Am Enddorn
Etwas Wind kam auf. Kleine schlappe Ostseewellen, rasch aufeinander, ein kurzatmiges Meer. Über seinem Kopf blitzten die Uferschwalben kreuz und quer, als wollten sie ihn vertreiben. Ed lag am Strand, auf dem Rücken, versunken in den Anblick der faustgroßen Höhlen, von denen die Steilküste im Norden übersät war. Sie waren weit oben, direkt unter der Kliffkante, in zehn, zwölf oder fünfzehn Etagen übereinander, und erinnerten Ed an die in Fels gemeißelten Wohnstätten von Wüstenindianern, wie er sie in einem Western oder Abenteuerfilm gesehen hatte. In Abständen tauchten die Vögel in ihre Höhlen, dann schossen sie wieder heraus.
«Eine riesige Kuckucksuhr, Alterchen«, flüsterte Ed,»hörst du, wie es tickt im Lehm? Mit ihren aufgesperrten Schnäbeln fangen sie die Mücken wie Sekunden. Im Flug verdauen sie die Zeit zu einem einzigen Brei, und dann, zu Hause, kotzen sie alles wieder aus und stopfen damit die Mäuler ihrer winzigen Bälger — nur mit Zeitbrei gestopft, lernt man das Fliegen, alter Racker, wusstest du das?«
Das Spintisieren machte Ed Vergnügen, auch wenn sein Fuchs außer Hörweite lag. Immerhin war es sein erster freier Tag, der erste Ruhetag des Klausners seit seiner Ankunft, und er hatte sich vorgenommen, die Nordhälfte der Insel zu umrunden.
Die Ruhetage: Es hatte dazu keinerlei Unterweisung oder Erklärung gegeben, und wozu auch? Niemand dachte dabei an ihn, niemand wollte etwas von ihm. Für Ed waren sie ein Etappenziel, leiser Triumph.»So weit bist du gekommen«, flüsterte er in den Schwalbenhimmel und machte sich auf den Weg.
Wie ein gestrandeter Wal, der hilflos sein Maul vorschob in die Brandung und verzweifelt versuchte, ins Wasser zurückzukehren, hob sich das Hochland des Dornbuschs aus dem Meer — ein großes, langsam zerbröckelndes Tier. Unentwegt operierte die Sturmflut riesige Blöcke aus seinem Eiszeitleib heraus, Sandstein, Schiefer und Uppsalagranit, an dem sich seine frühere Heimat und die zehntausend Jahre seit seiner Ankunft ablesen ließen. Sein skandinavischer Leib franste aus, und nach und nach schaffte der Kadaver die Rückkehr ins Meer. Mergel und Ton spülte die Strömung im Nordosten wieder an, weshalb sich die Insel zu runden begann. Der sogenannte Bessin, dessen Gestalt noch immer Anlass bot, den Umriss des Eilands mit einem Seepferdchen zu vergleichen (und es auf diese Weise noch tiefer ins Herz zu schließen), hatte sich in den letzten Jahrzehnten aufgebläht, dem Seepferdchen wuchsen zusätzliche Mäuler, sein Kopf begann monströse Ausmaße anzunehmen.
Schon nach einem halben Kilometer ging es nicht mehr weiter. Ein Stück der Steilküste war frisch abgebrochen und ins Meer gerutscht. Das Bündel mit seinen Sachen über Kopf, stakte Ed langsam um die Lawine herum. Der Grund war steinig, er konnte sich kaum aufrecht halten. Das Wasser reichte ihm bis über den Bauch. Einmal war ihm, als hätte er jemanden lachen gehört, aber mehr vom Wasser her. Es schien keine Urlauber zu geben auf diesem Teil der Insel. Ein einziger Mann, jünger als Ed vielleicht, der sich sonnte. Er war nackt und lag wie versteckt in einer der kleinen Buchten. Als Ed sich noch einmal nach ihm umsah, band er bereits das Koppel über die Jacke. Er zog sein Maschinengewehr aus einer Nische und winkte Ed.
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