Nun tat die Gesellschaft doch etwas, was gar nicht geplant war, sie saß Schiwa , wie es der Brauch war, ein Brauch, der sich umstülpte und in sein Gegenteil verkehrte. Schiwa hieß die siebentägige Trauerperiode, die dem Begräbnis folgte, für die jetzt kein Mensch mehr Zeit und Nerven hatte. Trauernde sollten in dieser Zeit zuhause bleiben und keine Arbeit verrichten. Es wurde auch erwartet, daß sie auf niedrigen Schemeln saßen, keine ledernen Schuhe trugen, als wäre jeder Aufbruch von Übel, aber man sollte auch auf das Rasieren, Baden, Schminken, Haareschneiden und den Geschlechtsverkehr verzichten, so war es vorgegeben, so sollte es wieder erneuert werden aus dem alten Bund, der herüberragte in die Bedrängnis. Der Verzicht auf körperliche Hygiene war in einer weitläufigen Ku’damm-Wohnung mit Heizung und heißem Wasser sinnlos, aber der Verzicht auf das Sprechen über das Zukünftige, das Notwendige wäre lebensbedrohlich geworden, und so wurden nicht nur die Routen der Freunde und Verwandten, die zum Begräbnis nicht mehr anwesend sein konnten, diskutiert, sondern auch die Hoffnungen und Befürchtungen der Zurückgebliebenen. Die beiden Vettern aus Frankfurt, das war nach ihrem Auftritt in der Synagoge fast selbstverständlich, waren nicht mehr mit zu der kleinen Abschiedsfeier gekommen, vielleicht waren sie schon im Aufbruch, vielleicht waren sie in der großen Stadt untergetaucht, suchten auf eigene Faust Möglichkeiten, besonders schlaue Bedingungen, Konsulate, die andere längst abgeklappert hatten — umsonst. Es war ein hektisches Schnattern in den verschatteten Räumen mit den schweren Möbeln und Vorhängen, die Claire und Richard Kornitzer bald leerräumen mußten, eine Systematik des Ausatmens, des Abbaus der Zimmer und der eigenen Befindlichkeit. Wohin, wie weiter? geflüsterte Adressen und hinausposaunte Meinungen über Verordnungen und Maßnahmen. Man sprach kaum mehr über die Tote, die Sorgen der Lebenden standen im Vordergrund. Was sprach für das Auswandern, was für das Bleiben?
Das Ordnen des Nachlasses war eine übergroße Pflicht, die in die Phase hineinreichte, in der das eigene Leben in Sicherheit gebracht werden mußte und in der die Pflicht an Bedeutung verlor, vielleicht sogar jede Bedeutung konterkarierte zu einer papierenen Vernünftigkeit, aus der niemand sich mehr verabschieden konnte. Kornitzer erbte. Und er erbte nicht zu knapp, Geld, ein Grundstück in Schmargendorf, ein Aktienpaket, Gegenstände, für die er einen Platz finden mußte, wenn er sich nicht von ihnen trennte. Das Barvermögen war eine Summe, die ihm noch vor kurzem unbegreiflich gewesen wäre. (Und er war sich selbst einigermaßen unbegreiflich als ein so frischer Erbe.) Wie seine Mutter die Summe durch die Inflation gerettet hatte oder auf welche Weise sie sie später vermehrt hatte, wußte er nicht. Das Nichtwissen beschämte ihn, oder er fühlte sich durch seine Mutter beschämt. Er hatte Saftflaschen geöffnet, und sie öffnete Räume, die ein Handeln möglich machten, an das er nicht gedacht hatte in seiner Erniedrigung. Und nun dachte er breiträumiger, großzügiger. Vielleicht war seine Mutter nur diskret gewesen, seine Geldsorgen und ihre Sorgen um die Vermögensverwaltung sollten nichts miteinander zu tun haben. „Geleistet“ hatte sie sich nichts, keine Reisen, keine aufwendige Kleidung, also einfach nur das Geld hausfraulich zusammengehalten. Er schämte sich der Ahnungslosigkeit, in der seine Mutter ihn gelassen hatte, und freute sich gleichzeitig der Unschuld, mit der er das Erbe antrat. Er hatte sich so wenig für Geld interessiert, er war Richter geworden, das Recht war ihm wichtig, auch wie jemand um sein Recht geprellt worden war, als sei es ein Geldvermögen, interessierte ihn, der Begriff und der Gegenstand, der diesem Vergleich zugrunde lag, spielte in seinem Denken kaum eine Rolle. Ein Richter verdiente, ein Beamter war gesichert, so hatte er gedacht und möglicherweise seine Mutter im umsichtigen Umgang mit ihrem Vermögen vollkommen unterschätzt. Jetzt war er ihr dankbar, unendlich dankbar. Und er behielt diese Freude für sich — wie ein Glas Sekt, das man rasch an einer Hotelbar trinkt, einfach so, weil man für einen Freudensprung zu alt und zu vernünftig geworden ist.
Eine vollständig zu räumende Wohnung in einer guten Lage, eben am Ku’damm, das sprach sich schnell herum, und es sprach sich auch herum, daß es eine Judenwohnung war. Sie hatte Substanz, aber die war brüchig, zerfiel in Brocken, verwandelte sich im Nu in den Händen von Bietern und Käufern. Die Wohnung zerschmolz, so mußte man es sagen. Es gab kein Feilschen, eine gnadenlose Ruhe, ein Lauern: Die Erben der alten Frau Kornitzer werden die Gegenstände auf die Straße werfen, und wir, die Aasgeier, die lauernden Nachbarn, die unsere Gier bis jetzt hinter der Gardine bezähmt haben, werden sie nicht mehr bezähmen. Wir werden Tischdecken hin- und herzerren, wir werden Schubladen aufreißen, die uns versperrt sein müßten, wir werden die Schwiegertochter anhauen um ein Paar Meißner Rokokofigürchen mit vergeblich verdrehten Leibern, die jetzt sportiv ohnehin ins Hintertreffen gekommen waren, wir werden die Teppiche begutachten und die Nase rümpfen, wenn ihre Maße nicht in unsere Zimmer passen. Wir werden, wir sind, wir schaufeln alles zusammen, und der streng blickende Sohn, Dr. Richard Kornitzer, der aus vielfältigen Gründen streng (aber auch hilflos) guckt, hat uns nichts zu sagen. Er regiert über den Plunder. Aber über den Wert und Unwert des Plunders in der mütterlichen Wohnung regiert der Marktwert, und die Verkörperung des Marktwerts, das sind wir, die Nachbarn, die Garanten des Preisverfalls. Wir können kaufen, aber wir müssen nicht kaufen. Der Erbe der alten Frau, der jüdische Sohn, muß verkaufen. Man kann dem gelassen zusehen. Man ist auf der Umlaufbahn, man ist im Geschäft, aber das Geschäft ist keine Bude, sondern ein Raunen und Rechnen, ein Handausstrecken und ein Zusammenkehren: Auf Ihre Verantwortung.
Wenn Kornitzer an bestimmten Tagen überschlug, was etwa ein Buffet, dunkel gebeizte Eiche, ein Dutzend geschliffener Weingläser, ein Stapel Bettwäsche wirklich brachte, so hätte er weinen mögen, aber bevor er die Bettwäsche durchzählte, um sie in die grabschenden Hände zu geben, nahm er jedes Stück wie zum Abschied noch einmal auf, und zu seiner Überraschung fand er Geldscheine zwischen den Laken und Bezügen, die er rasch verstaute. Und er dachte: So muß es auch von meiner Mutter geplant worden sein: ein rasches Hinunterschieben und Verstecken und eine ebenso findige Hand, die zwischen die Stapel fuhr und Geldscheine, plattgedrückt vielleicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, in den Falten fand. Es war eine Abbitte an seine Mutter und gleichzeitig eine Bitte, die reiche Saat zwischen den Wäschestücken weiter ernten zu dürfen. So nahm er Töpfe aus dem Schrank, verkaufte sie weiter, Stapel von Servietten schob er über den Tisch für wenig Geld, das kränkte, aber die gefundenen Geldscheine, die nur nach ihm riefen oder heimlich zögernd vielleicht auch nach Claire, richteten wieder auf. Es war, wie in einer Kriminalkomödie zu stecken, eine bestimmte Rolle zu spielen: die des düpierten Naiven, eine in Zukunft ausbaubare Rolle. Was er fand und was er verloren geben mußte, brachte er in ein Gleichgewicht. Wie ein Schlittschuhläufer auf dem Trockenen fühlte er sich manchmal, Schnelligkeit, Eleganz, die Kurve kriegen, all das spielte keine Rolle mehr. Das Spitze, das Floretthafte des Zivilrechts, das er liebte, war weit weg, ins Unerreichbare gerückt, gerutscht, und die scharfen Kufen waren nutzlos, hinderlich auf dem Terrain, auf dem er sich bewegen mußte, torkelnd, unsicher, am falschen Ort, zur falschen Zeit. Manches blieb auch. Die moderne Wohnung in der Cicerostraße wurde voller, Erinnerungsstücke, Alben, Bücher und ein Teppich, auf dem Kornitzer als Kind gespielt hatte, dessen Rankenmuster er bäuchlings liegend entlanggereist war, sah seltsam fremd unter den Stahlrohrsesseln aus. Aber dann krochen Selma und Georg darauf herum.
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