Claire und er waren in diesem Sommer häufig mit dem kleinen Georg zum Wannsee gefahren. Georg, bewaffnet mit Eimerchen, Backformen, die er aber nicht benutzte, und einer Schaufel, schippte Sand und trug ihn ins Wasser, als könnte er mit Beharrlichkeit zum Grund des Strandes vordringen und fände, wenn er nur tief genug graben würde, etwas, das nicht Sand war, etwas Überraschendes, vielleicht einen Schatz. Claire und Richard liebten die Strandausflüge mit dem Kind, er schwamm hinaus, weit hinaus, Claire blieb bei Georg am Ufer, zeigte ihm den Vater als einen kleinen Punkt im Wasser, dann tauchte Richard wieder auf, ein großer, nasser menschlicher Seehund, der sich schüttelte und, auf einem Bein hüpfend, sich doch wieder in den Vater verwandelte, der sich das Wasser aus dem Ohr rieb. Georg lachte, lachte, und dann setzte sich der Vater zu ihm in den Sand, hinterließ eine feuchte Spur, und Claire stieg ins flache Wasser, winkte zurück, warf sich ins brusttiefe Wasser, dann war ihre Gestalt unter der Menge der Badenden nicht mehr auszumachen. Aber Richard schaute auf den See, bis er sie wieder entdeckte oder besser: ihre gelbgestreifte Bademütze. Er spielte mit Georg, half ihm beim Schaufeln, und als Claire wieder vor ihm stand, strahlend, kraftvoll, war er, ja was? ja, er war glücklich. Der Wannsee schien vergoldet, gleißendes Licht, die Segelboote am Horizont wie Wattetupfer, Kornitzer roch nicht mehr den penetranten Geruch des Sonnenöls, hörte nicht mehr das Kreischen und Rufen der Badegäste um die Familie herum, er sah das Licht, trank das Licht, und dann streckte sich Claire, trockengerubbelt, neben ihm aus, berührte zufällig oder nicht mit ihrem Knie sein Schienbein, und er mußte seine Erregung verbergen, indem er sich auf den Bauch drehte. Georg planschte im Wasser, aber er ging unsicher tapsend mit bloßen Füßen auf dem Sand. Die Masse des Sandes, der zu schaufeln war, interessierte ihn, die einzelnen pieksenden Sandkörner waren ihm zuwider.
In diese schönen Tage platzte die Verordnung vom 22. August 1933, daß ab sofort am Wannsee Juden das Betreten der Badeanstalt verboten war. Kornitzer las die Verordnung, las sie zweimal, dreimal, fassungslos über die Demütigung, fassungslos, daß dies das letzte Sommerglück gewesen war. Daß die Machthaber ausgerechnet das Badevergnügen mit Sanktionen belegten, machte ihm klar, jede körperliche Nähe zwischen Ariern und Juden sollte und mußte verboten werden. Das Tauchen in dasselbe Wasser, das zufällige Berühren der Körper im Wasser, die Nähe eines arisch-nicht-arischen Paares im Wasser, auf dem Strand, auf dem Handtuch, das auf den Strand gebreitet war, all das wurde tabuisiert. Daß ausgerechnet das Baden sanktioniert war, eine unsichere und gleichzeitig platte und primitive Anspielung auf die Mikwe, auf die Erotik des Schauens, Berührens, die in allen Badevorgängen eine Rolle spielte, empörte ihn. Er zeigte Claire schweigend die Verordnung, sie las sie, schaute ihn an mit ihren algengrünen Augen und sagte ruhig: Wir werden anderswo schwimmen gehen. Das war lieb gemeint, heilte aber nicht seine grundsätzliche Verletzung, die die Machthaber gezielt wie mit einem Nadelstich gesetzt hatten: Juden waren unsauber, es verbot sich, Körpersäfte mit den ihren zu mischen, es verbot sich die gemeinsame Nacktheit, ja, es verbot sich die Intimität, nicht nur das Baden im Wannsee, in allen möglichen Schwimmbädern war es verboten. Das Verbot des harmlosen Schwimmvergnügens, das war ihm klar, zielte auf jegliche Intimität zwischen Juden und Ariern, seine Ehe war bedroht, die Intimität mit Claire war bedroht, obwohl sie das nicht so sehen wollte. Es ging darum, die Meinung durchzusetzen, Juden seien eine fremde, bösartige Rasse, die eine Gefahr darstellte für die gutartige Rasse der Arier. Claire war dann besonders zartfühlend ihm gegenüber, er spürte das, aber es drang nicht wirklich zu ihm. Sie gibt sich Mühe, sagte er sich, sie gibt sich so viel Mühe. Aber das half ihm nicht, er registrierte es. Er erinnerte sich daran, wie seine Mutter ihm erzählt hatte, daß ihre Hochzeitsreise auf die Insel Borkum ihr und dem Vater grundsätzlich verdorben worden war durch den schon im Wilhelminismus herrschenden Bäder-Antisemitismus. Deutlich habe man ihnen zu verstehen gegeben, daß Juden (oder Menschen, die aussahen, als könnten sie Juden sein) in den Strandhotels unerwünscht waren. So war das junge Paar weiter nach Antwerpen gereist und hielt sich bei den gewaltigen Rubens-Gemälden auf und vergaß die Kränkung wieder.
Richard und Claire kamen dann von einer Premiere nach Hause, gut angezogen, gut gelaunt, aber auch beklommen. Mit wem haben wir geredet? Nur ein paar Mal mit dem Kopf genickt. Mit wem hast du, Claire, Verabredungen getroffen? Mit niemandem. Und wer hat mit dir, Richard, das Gespräch gesucht? Ich weiß es nicht, wirklich, ich weiß es nicht. Es wäre besser, Claire, du gingest zu der nächsten Premiere allein. Claire protestierte heftig, nicht nur der Liebe wegen, auch weil es gänzlich unüblich war, daß eine Frau allein zu einer Premiere kam, es sei denn, sie käme zu einem bestimmten, sehr durchsichtigen Zweck. Eine Dame mußte doch in ein Auto verbracht werden, ihr zarter Ellenbogen mußte doch auf dem Weg eine Treppe hinauf gestützt werden, ihr Mantel an der Garderobe geholt werden, sie brauchte einen Beschützer. Gab es den nicht, schien das unangemessen, ein Makel. So war die allgemeine Vorstellung, die Claire und Richard Kornitzer nicht teilten, aber sie hatten teil an der Gesellschaft, die so dachte. Auch wenn die Frau eine Firma regierte und sie machtvoll war in ihrem Gebiet, aber doch nur in ihrem Gebiet, sollte jemand an ihrer Seite sein.
Kornitzer gelang es nach sieben Monaten, eine Arbeitsstelle zu ergattern. Er wurde Prüfer in einer Glühlampenfabrik und mußte dankbar dafür sein, daß niemand ihm groß Fragen stellte und er keine weitreichenden Erklärungen abgeben mußte. Er war eingestellt worden mit seinen Papieren, ein Fließband tuckerte an seinem Platz vorbei, dort hatte er sitzen zu bleiben bis zur Pause. Die linke Hand griff, faßte die Glühbirne, setzte sie auf den Kontakt, sie leuchtete auf, die rechte Hand zog sie weg, steckte sie aufrecht in einen Karton, die linke Hand griff die nächste Birne, die rechte zog sie weg, es war wie ein dauerndes Paddeln oder ein Crawlen, bei dem aber die Schultern und Oberarme möglichst kleine Bewegungen machten, während die Gelenke der Ellenbogen, Handgelenke belastet wurden. Er mußte schnell sein und präzis, und alle abschweifenden Gedanken waren von Übel.
Dann fühlte Claire sich schwanger, und das plötzliche Weinen hatte vielleicht eine nachträgliche vernünftige Erklärung. Die Ahnung von der zweiten Schwangerschaft war ein Erschrecken, geht das denn? geht das noch? der enger werdende Radius, die Sorgen, die Zukunftsangst. Es kam ihr vor, als verletze die Schwangerschaft die große Intimität, die sie mit ihrem Mann gewonnen hatte, seit sie sich abschotteten vor dem Draußen. Die vermutete Schwangerschaft, die ja eine Folge der großen Intimität war, drängte sich zwischen sie und ihren Mann. Zwei Wochen tat sie gar nichts, grübelte, wartete auf einen einzigen Blutfleck in ihrer Wäsche, starrte die weiße Baumwolle so lange an, als könne sie sie mit einem machtvollen Blick zum Erröten bringen, aber so war es nicht. Als der Arzt ihr gratulierte, sah sie ihn irritiert an und verabschiedete sich rasch. Am Kurfürstendamm betrat sie seit langem zum ersten Mal wieder ein Café und bestellte eine Tasse Schokolade. Während die heiße Flüssigkeit in sie hineinsickerte, dachte sie nichts, nichts, und sie beobachtete sich in der bestürzenden inneren und äußeren Leere. Ihr Mann, zurückgekehrt aus der Glühbirnenfabrik, nahm die Nachricht von der Schwangerschaft vollständig anders auf, als sie erwartet hatte. Claire, sagte er, und seine Stimme kiekste ein bißchen: Wie schön für Georg, dann ist er nie mehr allein. Ihr großes Aber überhörte er. Und was er dann noch sagte, über eine Familie, über eine große Familie, die er sich immer gewünscht hatte als einziger Sohn, der seinen Vater früh, noch als Quartaner, verloren hatte, war wie Rauschen, sie hörte es, und sie hörte es nicht, ein beruhigender Wasserfall, dem kein Widerspruch gewachsen war. Sie bewunderte Richards Mut (oder war es eher Gleichmut?), in seiner Gegenwart schien alles harmonisch zu sein oder harmonisch werden zu wollen. Es wird schon gehen, und es ging ja auch. Die zweite Schwangerschaft, die ihr am Beginn wie eine unendliche Last vorkam, war leichter als die erste. Richard fuhr mit seiner Fingerspitze häufig die blauen, sich abzeichnenden Adern auf ihrer gespannten Bauchdecke entlang, als wäre dieser Bauch ein zu entdeckender Kontinent mit Flüssen und Wasserscheiden, etwas unerhört Neues, das er freudig in Besitz nahm. Das Kind bewegte sich so heftig in ihrem Leib, Beinschläge fürs Delphinschwimmen, es strampelte und purzelte, pochte, als wolle es unbedingt Laut geben, sobald es das konnte.
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