Ursula Krechel - Landgericht

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Nach "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel noch einmal den Spuren deutscher Geschichte nach. Ihr neuer Roman handelt vom Exil und von den fünfziger Jahren, von einer Rückkehr ohne Ankunft.Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel mit ihrem neuen großen Roman "Landgericht" noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaasschen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. Mit sprachlicher Behutsamkeit und einer insistierenden Zuneigung lässt "Landgericht" den Figuren späte Gerechtigkeit widerfahren. "Landgericht", der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik.

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Am 30. April 1933 vormittags fand in Berlin eine Kundgebung zum Thema „Deutsche Werbung für deutsche Arbeit!“ statt. Hans Hinkel war anwesend, der „Reichskulturwalter“ des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, der bald Staatskommissar für Kultur werden sollte, und Freiherr von Oberwurzer, der Wirtschaftsbeauftragte der NSDAP, und beide sprachen auf der Kundgebung. Der Redakteur des renommierten Branchenblattes „Seidels Reklame“ schrieb einen Bericht: Beide Redner rissen die Anwesenden mit und gaben ihnen ein erfreulich eindeutiges unmißverständliches Bild von der grundsätzlichen Einschätzung des neuen Deutschlands zu den kulturellen und wirtschaftlichen Problemen unserer Zeit! Nach der Proklamation der Werbefachleute beschloß die von Orgelmusik, dem gemeinsamen Gesang der Nationalhymne und des Horst-Wessel-Liedes umrahmte Kundgebung die feierliche Verpflichtung der anwesenden Werber, sich und ihre Arbeitskraft jederzeit und uneigennützig für das Wohl der deutschen Arbeit einzusetzen . Auch in der Werbung habe der Geist des neuen Deutschlands gesiegt. In der kommenden Zeit solle kein Platz mehr sein für ausländische Reklame, die nicht der deutschen Wesensart entspricht . Im darauffolgenden Jahr entzog der Werberat 37 Werbetreibenden auf Dauer die Genehmigung zu werben (mit anderen Worten: den Boden unter den Füßen), und gleichzeitig sprach er 76 Maßregelungen und Verwarnungen aus, wenn die Werbung nicht in das neue Konzept paßte. Reklame , das war eindeutig, war im Grunde nichts als ein Überbleibsel jüdisch liberalistischer Wirtschaftsauffassung , ein verhaßtes Überbleibsel aus der Weimarer Zeit.

Nein, Richard Kornitzer wollte nicht mehr ins Kino gehen, seit er gelesen hatte, Hitler sei zusammen mit Hugenberg und von Papen in einer Filmpremiere erschienen, was das für eine Filmpremiere war, wollte er gar nicht wissen, auch nicht, wofür Claire jetzt werben könnte vor einem Film, von dem er nichts wissen wollte. Claire fürchtete, er wolle auch von ihr nichts wissen an dem Abend nach dem unglückseligen Vorschlag, er wolle sich in seiner Verletzung zurückziehen, in einem Kokon, aber in der Dunkelheit der Nacht spürte sie ihn, sein Zittern, sein Tasten nach ihrem Körper, sein Sich-Aufbäumen. Es war nicht so, daß er Zuflucht im Körper seiner Frau suchte, es war eher so, daß die äußere Bedrohung, die Schutzlosigkeit ihn den eigenen Körper und seine Empfindsamkeit, Empfänglichkeit für Eindrücke, für Glück stärker fühlen ließ. Es war ein Triumph des Abgewandten, der Intimität, des dem Brüllen und Schreien auf den Straßen Versperrten, die Liebe öffnete sich auf leise, eindringliche Weise, vielleicht, als wären sie vorher noch gar kein „richtiges“ Paar gewesen. Ein Ehepaar mit einem kleinen Jungen, einem Kindermädchen und einer schönen Wohnung, das die Paarwerdung noch übte und sich an einem Gelingen freute. Das Eheleben war jetzt eine Gewißheit in der Ungewißheit, ein Geschenk aneinander, füreinander, das die Körper nach dem Höhepunkt noch eine Weile durchschüttelte, außer sich brachte, als wolle etwas bersten, für das sie beide keinen Namen hatten. Es schwindelte Claire. Sie half sich, indem sie leise ins Bad tappte, sich wusch, die Ordnung des Tageskörpers für die Nacht wiederherstellte, es war ein ganz untaugliches Mittel, eher ein Symbol.

Am Morgen irritierte sie jetzt das PloppPloppPlopp der Tennisbälle im Innenhof des Woga-Komplexes. Wer spielte da so leichthändig, während die Kornitzers Sorgen drückten, die sie in der Dunkelheit der Nacht zu bannen suchten? Was dachten die Tennisspieler beim Spiel, was hatten sie am Abend zuvor gemacht, mit wem hatten sie zusammengehockt, um sich Chancen auszurechnen, um zu kungeln, was hatten sie gesehen, was hatten sie gelesen? Und wie verbrachten sie den Tag? Mit wem? Und wie hatten sie sich gewandelt in den paar Jahren des Woga-Baus? Ihre Körper gestählt? Die Vorstellungen von ihrem Leben? Ihre Vorstellungen, in welchem Staat sie leben wollten? Waren diese Vorstellungen überhaupt mit dem morgendlich frischen Tennisspiel in Übereinstimmung zu bringen? Der weiße Sport und die braunen Horden: das ging nicht zusammen. Einmal brach Claire in Tränen aus, während sie aus dem Fenster auf die weißgekleideten Spieler sah, sie würde nicht mehr zu ihnen gehören, und Richard auch nicht. Georg vielleicht, später mal. Und ihr Tränenausbruch, den Richard ihr aus dem Gesicht rieb, kam ihr peinvoll und jämmerlich vor im Angesicht der großen Probleme. Dr. jur. Richard Kornitzer, ihr Mann, durfte unter diesem Regime nicht mehr in seinem Beruf, den er liebte, arbeiten. Ihr kleiner Sohn müßte, wenn er ein Schulkind wurde, über Vater und Mutter und ihre Einstellungen zu diesem und jenem berichten, auch über die Geburtskonstellation war Auskunft zu geben. Das überforderte das kleine Kind, das verstörte die Eltern. Was waren sie, ein Ehepaar, das die familiären Tabus ignoriert hatte? Ein Jude, der einfach eine Protestantin geheiratet hatte, und eine Protestantin, die mit einem geborenen, aber nicht gläubigen Juden sprach, sprach, sprach, bis er ihre Freude, er möge mit ihr eine protestantische Kirche aufsuchen und sich zu ihr bekennen, verstand, aber ihr nicht nachgab? Darin war eine Fraglosigkeit der Liebe, keine Überschreitung, kein Übertritt und auch kein Fehltritt. Aber es gab keinen Altar, vor den sie gemeinsam hätten treten können. Die Orte der Gemeinsamkeit waren Orte der Abwiegelung geworden, zu denen die Erregungen nicht paßten.

Aber sie war auch einmal in Tränen ausgebrochen, als Richard in sie drang. Der Tränenausbruch war eine Erleichterung in der übergroßen Spannung, unter der sie sich befand. Aber Richard, der die Nässe, die ihr Gesicht überströmte, sofort bemerkte, zog sich schockiert, verletzt zurück, als habe er sie zum Weinen gebracht, aber so war es nicht. Die übergroße Nähe war es, kein Blatt Papier paßte mehr zwischen sie. Und als Richard sie, aus dem ehelichen Gleichmaß des Gebens und Nehmens hinauskatapultiert, im Dunklen fragte: Claire, warum weinst du denn? wußte sie nicht wirklich zu antworten. Sie weinte nicht aus Traurigkeit, sie weinte nicht aus Verlustangst. Sie weinte, weil sie ihren Mann in aller Entblößtheit der Angst vor der Zukunft erkannt hatte, ja, nackt und bloß und zitternd, und sie weinte, wie sie sich ihm zeigen mußte, nackt und bloß und voller Angst, was werden sollte aus ihnen. Hatten Adam und Eva, als sie sich zum ersten Mal vollkommen nackt sahen, auch geweint? schoß es ihr durch den Kopf. Es ist nichts, Richard, sagte sie, es ist nur ein Überschwang, und sie glaubte, ihre Stimme habe belegt geklungen.

War Claire früher gerne mit Richard zu Filmpremieren gegangen, wenn ein Werbefilm aus ihrer Firma lief, so hatte sie jetzt den Eindruck, sie stoße an einen Bordstein und stolpere, immer wieder. Ja, sie war willkommen. Ja, man konnte die Geschäftsführerin der Werbefilmfirma gut brauchen, sie war angesehen, zweifellos. Aber etwas stockte, bremste aus, blockte ab. Und sie mußte sich sagen, es war der Mann an ihrer Seite, an dessen Seite sie sich gerne zeigte. Der um seine Arbeit gebrachte Richter war nicht mehr so präsentabel, was sollte man ihn fragen, mit welchem Thema einbeziehen? Jemand, dem das „Juden raus“ in den Ohren klang, schaute nicht ganz glücklich, begeisterte sich auch nicht für jeden Film. Es war ja nicht so, daß „ihre Leute“, so nannte sie die Filmleute, sich maßlos in das politische Fach mischten. Eher war es ein Wind, der über sie hinweg wehte und ihrem Mann ins Gesicht blies. Der Beginn kam schleichend, auf leisen Sohlen, und daß dies der Beginn war, ahnte sie nicht, ahnte ihr Mann nicht. Es waren Maßnahmen, die zu beachten waren, Maßnahmen, die zweifellos unerfreulich waren und den eigenen Radius einengten. Aber wie lang, zu welchem Zweck? Das mußte sorgsam beobachtet und am Abend analysiert werden.

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