Ursula Krechel - Landgericht

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Landgericht: краткое содержание, описание и аннотация

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Nach "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel noch einmal den Spuren deutscher Geschichte nach. Ihr neuer Roman handelt vom Exil und von den fünfziger Jahren, von einer Rückkehr ohne Ankunft.Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel mit ihrem neuen großen Roman "Landgericht" noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaasschen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. Mit sprachlicher Behutsamkeit und einer insistierenden Zuneigung lässt "Landgericht" den Figuren späte Gerechtigkeit widerfahren. "Landgericht", der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik.

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Am 6. April 1938 kam die Verordnung heraus, daß Juden Vermögen über 5.000 Reichsmark anmelden mußten. Der Beauftragte für den Vierjahresplan konnte Maßnahmen ergreifen, so hieß es, um den Einsatz des anmeldepflichtigen Vermögens im Interesse der deutschen Wirtschaft sicherzustellen. Jüdisches Eigentum entsprach nicht den Interessen der deutschen Wirtschaft. Das frische Erbe der Mutter mußte gemeldet werden, und Kornitzer zitterte, daß man es ihm vor den Augen konfiszieren würde. Und da er der einzige Erbe war, gab es keine Möglichkeit, etwas zu verstecken oder umzuwidmen. Er tat dann etwas Leichtfertiges, was sonst nicht seine Art war. Ein mit sechs kleinen Saphiren besetztes Armband seiner Mutter, das sie im Alter nicht mehr getragen hatte, brachte er zu einem Goldschmied, mit Bedacht hatte er sich ein jüdisches Juweliergeschäft ausgesucht, ein Geschäft, das geächtet war, mit einer auf die Mauer geschmierten Aufforderung, nicht bei Juden zu kaufen , und bat den Goldschmied, es für Claire umzuarbeiten, weniger Schnörkel, mehr Aufmerksamkeit für die Steine im Facettschliff. Der Goldschmied tat das, rührig, schnell und gut zu einem akzeptablen Preis, und fragte doch ein bißchen, warum ein so schönes Stück umgearbeitet werden solle. (Warum er in seinem darbenden Laden diesen verhältnismäßig großen Auftrag erhielt, fragte er nicht.) Kornitzer sagte: Meine Mutter und meine Frau hatten keinen übermäßig guten Kontakt zueinander (das war — gelinde gesagt — untertrieben), und das soll sich auch in meinem Geschenk an meine Frau nach dem Tod der Mutter widerspiegeln. Der Goldschmied verstand sofort, und er verstand auch, daß er möglichst schnell arbeiten solle. Was noch geschehen würde, was nicht mehr möglich wäre und was verboten, wußte niemand. Und als Kornitzer den Schmuck an einem Abend beiläufig auf den Tisch neben die Serviette legte, konnte er nicht erkennen, ob Claire wegen des unerwarteten Luxus erstarrte oder ob sie sprachlos vor Freude war.

Weil du so viel Kummer mit mir hast, sagt er beiläufig. Die Saphire leuchten tiefblau, und Claires Augen glitzern smaragdgrün. Du hättest kein Geld für mich ausgeben sollen. Wir brauchen es an anderen Stellen, sagt sie schließlich. Wir brauchen etwas, was wir nicht brauchen, antwortet Kornitzer spontan, und er wundert sich selbst über seine Antwort, die so gar nicht zu planen und auszudenken gewesen ist. Und er macht Claire noch ein zweites Geschenk. Er sagt ihr, nicht an diesem Abend, an dem sie sich über das Armband freuen soll und es schließlich auch tut, sondern an einem anderen Abend, vielleicht eine Woche später, er wolle zum Protestantismus übertreten. Das Begräbnis, nicht der Tod seiner Mutter, habe ihm klar gemacht, daß ihn nichts mehr an sein Judentum binde. Wenn er ein literarischer Leser wäre, aber das ist er ja nicht, hätte er sich an eine Stelle bei Lytton Strachey erinnert. Als dieser über den Kardinal Manning schrieb, dessen Bekehrung zum römisch-katholischen Glauben das viktorianische England in den Grundfesten erschütterte, erwähnte er dabei auch zwei Zeitgenossen, die im Verlauf der Ereignisse ebenfalls ihren Glauben verloren hatten, jedoch mit dem Unterschied, daß der eine den Verlust wie den eines schweren Koffers spürte, von dem man im nachhinein feststellt, daß er nur mit alten Lumpen gefüllt war, während der andere ein solches Unbehagen bei dem Verlust spürte, daß er nicht aufhörte, bis zum Ende seiner Tage nach dem verlorenen Koffer zu suchen. Und sicher hätte Kornitzer sich dem Mann mit dem Lumpenkoffer näher gefühlt.

Die Ankündigung überraschte Claire, band sie beide enger aneinander. Es war keine Vorsicht, der Verfolgung in der Verkleidung zu entkommen. Es war ein Versuch, noch mehr Nähe herzustellen, wo Nähe bestand. Kornitzers Nähe zu seiner Frau, das war wenig genug, aber doch viel. Sie gingen schon lange nicht mehr ins Universum. Das Kino als ein Ort der Illusion war tot, totgebrüllt, es gab keine Illusionen mehr, es gab den Aufprall der Wirklichkeit und die Wirklichkeit, die geprobt und in den Blickwinkel gerückt wurde. Sie hieß: Heldenhaftigkeit. Vorbereitung für das große Kommende, das ein Entsetzen war. Ein ganzes Volk mußte eingeschworen werden auf einen harten Blick, auch auf einen Blick auf Verluste, Verzicht, da spielte das Kino seine treuhänderische Rolle, und die Werbung hielt stand. Die Wochenschauen brachten Bilder aus dem spanischen Bürgerkrieg, kriegslüsterne, kriegsgesättigte Bilder, auf denen die deutschen Flugzeuge eine glanzvolle Rolle spielten beim Niedermetzeln der Republikaner. Gasmasken wurden auf den Markt geworfen, aufgestülpt und erprobt. Was sollte die Werbung da leisten: Für Gasmasken war nicht zu werben, nirgends, also war nur für einen Zustand zu werben, der die Gasmaskenwerbung hinüberschwindelte in eine Seifenoper-Ambivalenz. Das hätte Claire niemals gekonnt, das hätte sie nie gewollt, sie wollte keine Werbung mehr sehen, und sie wollte keine Filme mehr sehen, die für ein Heldentum warben oder für einen Heroismus, der übrigblieb, wenn das Heldentum an seinen Rand gekommen war und abstürzte. So hatte es sich ergeben, daß sie nicht mehr am Kurfürstendamm herumbummelte, nicht mehr in die Kinos schlüpfte, aber doch ein Stück weiter vom Kurfürstendamm weg am Hochmeisterplatz in die wilhelminische Backsteinkirche mit der großen Vorhalle trat, in den Raum mit den gedrungenen Doppelsäulchen, zum Gesang und Gebet in der Hochmeistergemeinde: Das war ästhetisch vielleicht ein Rückschritt, aber es war gut so. Sie kam gestärkt aus den Gottesdiensten, sang Ein’ feste Burg ist unser Gott , und dann nahm sie die Kinder mit in den Gottesdienst. Und nun hatte Richard sich angeschlossen, ohne Zaghaftigkeit. Seit er verfolgt war, verstand er besser das Zusammenscharen unter den Bildnissen, den Statuen des Gekreuzigten, die Religion, die den gemarterten Judenkönig in ihren Mittelpunkt gerückt hatte. (Mehr war dazu nicht zu sagen.) An die Auferstehung dachte er weniger. Es war ein Suchen, ein Finden war nicht unmittelbar vorausgesetzt. Irgendein Vorteil für ihn oder die Kinder war von diesem Übertritt zum Protestantismus nicht zu erwarten, Kornitzer folgte einem Gefühl, begab sich also auf unsicheres Terrain, sein juristisch geschulter Verstand blieb außen vor, wie so häufig in den letzten Jahren. Er war einfach nicht mehr gefragt, obwohl Kornitzer ihn nicht abmelden konnte. Kornitzer hatte den Runderlaß des Reichsinnenministeriums vom 4. Oktober 1934 zur Taufe von Juden durchaus zur Kenntnis genommen, er hatte die Nachricht ausgeschnitten, ordentlich mit dem Datum beschriftet und in seine Schreibtischschublade gelegt. Der Übertritt zum Christentum verändert den Status nicht . Eine grundlose Treue zu einer Sache konnte verschiedene Formen annehmen, erst im nachhinein sähe man, ob sich hinter der Untreue eine geheime, besonders beharrlich verstrickte Treue verbarg oder umgekehrt hinter der Treue die Untreue hervorschimmerte. Es war wie mit dem Koffer: Erst wenn die Möglichkeit bestand, ihn zu öffnen, würde sich finden, ob darin lauter alter Lumpen geknüllt wären oder etwas, das sich aufzuheben lohnte. Und wenn es nur eine Hoffnung wäre. Aber vielleicht war kein Koffer verlorengegangen, würde kein Koffer verlorengehen, und das ganze Bild war schief, unzutreffend, mußte ausradiert werden. Und doch: Der Besuch der Hochmeisterkirche an der Seite seiner großen Frau, das Singen, Ein’ feste Burg ist unser Gott,/ ein’ gute Wehr und Waffen./ Er hilft uns frei aus aller Not,/ die uns jetzt hat betroffen , erleichterte ihn, erleuchtete ihn, beglückte ihn auch. Es war eine Sicherheit in der Tonfolge, eine Sicherheit in der Geschichte gab es nicht. Als assimilierter Jude war er allein, zu Tode assimiliert, in einer schönen tragischen Sackgasse, in der wollte er nicht steckenbleiben. Aber war denn Religion zufällig oder austauschbar? Neutralisierte die Taufe, machte der Religionswechsel zu einem Sowohl-als-auch? Flucht und Verwandlung, eine Umwertung der Zugehörigkeit. Daß seine Taufe auch als ein Verrat an den jüdischen Glaubensgenossen gesehen werden konnte, kam ihm nicht in den Sinn.

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