George und Selma schauen sich das Klopfen und Hämmern in der Stadt an, an allen Ecken und Enden wird jetzt gebaut, zuerst waren es nur Buden und Kuben, die auf die Trümmergrundstücke gesetzt worden sind, dann wurde ein erster, ein zweiter Stock darauf gesetzt, schließlich wurde ein Erker darangeklebt und eine Madonna, die gerettet worden war, wieder in eine Nische gestellt. Es herrscht eine Sehnsucht nach dem Original, alles soll so werden, wie es war, aber besser, schöner, also ganz und gar nicht wie es war. Kornitzer, der sich Bilder angesehen hat vom alten Mainz vor der Zerstörung, kann die Sehnsucht nachvollziehen. Die Baustellen in der Stadt sind Hoffnungsträger, es geht weiter, es geht aufwärts, es lohnt sich zu leben. (Die Steine sagen es.)
Claire tischt große Mahlzeiten auf, den Kindern schmeckt das dunkle Roggenbrot, die Forelle Müllerin, sie mögen die geräucherten Würste, und manchmal öffnet Kornitzer eine Flasche Riesling aus Rheinhessen, und alle werden schwatzhaft und reden in einem Sprachenmischmasch. Doch manchmal verstummt Selma auch plötzlich. Deichland hat ihr die Sprache verschlagen. Einmal versucht sich Claire an einem Käsekuchen, wie Frau Dreis ihn gebacken hat. Aber er mißlingt gründlich. In einem Kraterrand aus Teig ist die ganze Käsemasse eingestürzt und zusammengematscht. Es ist ein küchentechnischer Deichbruch. Aber Selma ißt ihn trotzdem mit gutem Appetit. Erinnerst du dich an den Käsekuchen bei deinem ersten Besuch in Mainz? fragt Claire, um die Scharte ein bißchen auszuwetzen. Nein, Selma erinnert sich nicht. Ihre Aufmerksamkeit war wohl bei ihrem eigenen Gefühl des Widerstrebens geblieben. Und damit hat es sein Bewenden.
Richard und Claire tun alles Mögliche, damit George und Selma sich wohlfühlen bei ihnen. (Verwöhnen sie sie aus Kummer, aus schlechtem Gewissen? Aus nachgetragener, nachgeholter Liebe?) Ob die beiden sich wohlfühlen, steht in den Sternen. Die Familie macht Ausflüge in die weinseligen Dörfer und Städtchen, sie kraxelt auf Burgen, sie wandert auf Weinbergspfaden, bei großer Hitze macht sie sich auf den Weg von der Bahnstation Oppenheim im Tal zur Katharinenkirche. Kornitzer hat in einem Reiseführer von dem Beinhaus gelesen. Von 1400 bis 1750, also dreihundertfünfzig Jahre, haben die Oppenheimer die Gebeine ihrer Toten hierhin, in die Michaelskapelle, umgebettet. Es müssen um die 20.000 Menschen gewesen sein, hat Kornitzer sich gemerkt. Nach einer Ruhezeit in einem Grab auf dem engen Friedhof am Hang wurden die Gebeine der Toten wieder ausgegraben, um Platz für neue Verstorbene zu schaffen. Nur zehn Jahre durften die Toten in der geweihten Erde ruhen, dann war Schluß, und sie zogen ins Beinhaus um. War die Erde außerhalb des Friedhofs, auf der seit Jahrhunderten Wein wuchs und prachtvoll gedieh, ein sehr berühmter Wein, war die Erde zu kostbar, sie dem Friedhof zuzuschlagen, wenigstens nur in einem schmalen Streifen, natürlich nicht den ganzen sonnigen Hang hinunter? Solche Gedanken zwischen oder besser: außerhalb der Religionen will sich Kornitzer nicht machen, aber sie kommen von selbst. Er erzählt den Kindern von der alten jüdischen Geschichte des Städtchens, von Speyer und von Worms, er weiß ja selbst nichts Wirkliches darüber, er muß es nachschlagen, nachlesen, nachbeten; und er ist nicht sonderlich gut in diesen Nachhilfeleistungen. Von Breslau, von Berlin aus war die jüdisch-rheinische Geschichte Jahrmillionen weit weg, ja, so drastisch mußte man es ausdrücken. Es gab keinen verbindenden Gedanken außer dem, daß blühende Gemeinden gewaltsam zerstört worden und daß einige ihrer Mitglieder zu Rang und Namen gekommen waren. Kornitzer spricht, ja er doziert über die jüdischen Namen Oppenheim oder auch Oppenheimer. Aber die Kinder, die großen Kinder, schauen ihn unbeeindruckt an, sie haben diese Namen nie gehört, und sie scheinen sie auch nicht sonderlich zu interessieren. Die Sommerhitze, das klamme Steigen den Berg hoch interessiert sie, ein Gasthaus könnte sie interessieren. Er erzählt vieles, was er auch nur so ungefähr weiß, er haspelt darüber hinweg. Es ist ja nur ein Familienausflug, und die Kinder sollen „etwas“ mit nach England nehmen, etwas von der gewaltsamen Schönheit der Landschaft, etwas vom Mythos des Rheins, den Kornitzer auch erst in seinem nicht mehr jungen Alter entdeckt.
Und wirklich: Sie finden die Kapelle, und sie ist sogar geöffnet. Bleiche Totenruhe, Schädelmuster in einer soliden Ordnung, die ornamentale Anordnung der langen Knochen der Extremitäten und der Schädel der Toten. Aus den dunklen Augenhöhlen starren sie. Jeder Knochen hat seinen Platz, als wäre über die Jahrhunderte keiner verlorengegangen. Kornitzer hat eine solche Schädelstätte noch nie gesehen und ist beeindruckt. Dann blickt er zu Selma hinüber, die zu zittern begonnen hat, wie bei ihrem ersten Besuch in Mainz. Was hast du denn, Selma? Sie beißt die Lippen aufeinander, dann bricht es stoßweise aus ihr heraus: Zuerst mördern sie Leute, und dann stellen sie die Knochen aus. So sind die Deutschen. Es heißt nicht mördern, es heißt morden, verbessert sie Claire. Aber Kornitzer legt seiner Frau eine Hand auf den Arm: Jetzt nicht. Er wendet sich wieder Selma zu: Es sind ganz normale Tote aus dem Städtchen. Sie sind nicht gemordet worden, sie sind eines natürlichen Todes gestorben. Aber Selma will nicht zuhören. Es sind Juden, es sind Juden, ruft sie gepreßt. Man hat sie gemördert und ist stolz darauf. Es braucht viel Zeit, um Selma wieder zu beruhigen und von ihrer fixen Idee abzubringen. Die Kühle der riesigen spätgotischen Kirche umfängt sie, sie tauchen in ein Orgelkonzert, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Während die Musik perlt und strömt, beginnt Claire plötzlich zu weinen, die Anspannung ist so groß, sie hat das Muttersein fast verlernt, und dieser junge Mann und das große Mädchen brauchen auch keine Mutter mehr. Vorbei.
Und dann sind auch die Sommerferien vorbei, die Koffer werden gepackt, George hat zugenommen, er zeigt sein ausgeleiertes Gürtelschlaufenloch vor und macht ein komisches Gesicht, halb vorwurfsvoll, halb stolz. Und Selma hat sicher auch zugenommen, aber sie will es nicht wahrhaben, und ihre Eltern auch nicht. Selma und George nehmen Geschenke mit, deutsche Bücher, Schallplatten und einen Pullover für den Herbst. Kornitzer bringt die Kinder zum Bahnhof. Als er sich nach dem Winken abwendet und zurückgeht, sieht er zwischen der Geschäftigkeit der Reisenden in der zugigen, rauchigen Luft einen zusammengekauerten, kleinen und offenbar kranken Mann in einem für die Jahreszeit zu warmen Tweedmantel sitzen. Er hat ein spitzes Gesicht und dicke Brillengläser wie der Boden eines Cognacglases. Er kräht etwas, das Kornitzer nur so ungefähr versteht. Etwas wie: So helfen Sie doch. Aber niemand hilft ihm, und es ist auch unklar, wie man ihm grundsätzlich hätte helfen können. Dann kommen Träger mit einer Bahre auf den Bahnsteig. Als Kornitzer die Treppe zur Unterführung der Gleise betritt, hört er jemanden sagen: Das war Döblin, der Vizepräsident unserer Akademie. Und es klang nicht sonderlich respektvoll.
In diesem Sommer las er alles, was er über den Fall Philipp Auerbach in die Hände bekam. Und es verstörte seine Zeit, die doch zur Ruhe kommen wollte. Er hätte Auerbach kennenlernen können, er hätte einfach als Stellvertretender Vorsitzender des Kreisuntersuchungsausschusses für politische Säuberungen im Landkreis Lindau Kontakt aufnehmen sollen mit dem Mann, bei dem die Fäden der Wiedergutmachung in Bayern zusammenliefen, der die Vorstellung hatte, das unrechtmäßig erworbene Gut aus jüdischem Besitz müsse denen zugute kommen, die den Schrecken und die Erniedrigung überlebt hatten. „Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte“, das war sein Titel, ein einschüchternd mächtiger Titel, dabei war Auerbach nicht einmal verbeamtet zwischen lauter Leuten, die ihr Sitzfleisch und ihre Ausdauer als Beamte schon länger als tausend Jahre bewiesen hatten, und an dieser Beamtenschaft war kein Makel, sie funktionierte jedenfalls. Auerbach hinwiederum hatte das Organisieren im Konzentrationslager gelernt, das Funktionieren im Polizeigefängnis, das begierige und instinktive Handeln unter außergewöhnlichen Bedingungen, denen der Angst, der Erniedrigung. Die Regeln, nach denen eine Behörde geführt wird, hatte er nicht gelernt.
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