Als er zum Landgerichtsdirektor ernannt wurde, freute es ihn. Es paßte gut in diese Phase der gesteigerten Aktivität. Er hatte nun mehr Verantwortung, sein Gehalt stieg, er hätte Sprünge machen können, wenn er es wollte. Aber Sprünge wohin? Daß seine erstaunlich rasche Ernennung zum Landgerichtsdirektor eine berufliche Wiedergutmachung war, daß die ihm entgangenen Berufsjahre als Richter angerechnet wurden, sah er klar, und er war dankbar dafür. Wäre er als Rechtsanwalt vom Berufsverbot betroffen gewesen oder in einem anderen freien Beruf, er hätte unzählige Nachweise über seinen Verdienst vorlegen müssen, und wenn die nicht beizubringen waren, eidesstattliche Erklärungen. Und wer wußte noch wirklich, was er an Honoraren vor fünfzehn Jahren eingenommen hatte? (Insofern hatte Kornitzer als Richter Glück. Richter konnten sich in andere Richter hineinversetzen, so einigermaßen, glaubte er jedenfalls. Und die Gehaltsstufen und Gehaltsklassen waren allgemein bekannt und nachvollziehbar.)
Lieber wäre Kornitzer nach der Zeit im Untersuchungsausschuß in Lindau Vorsitzender einer Entschädigungskammer am Landgericht geworden, es gab zwei davon: In seiner eigenen Vorstellung war er dazu prädestiniert, Verfolgten zu ihrem Recht zu verhelfen. Aber ihn in einer Entschädigungskammer einzusetzen, auch nur als Beisitzer — das hatte ihm der Landgerichtspräsident schon in den ersten Tagen nach seiner Berufung nach Mainz gesagt — komme nicht in Frage, er sei ja Partei. Ihn hatte dieses Verdikt wie ein Keulenschlag getroffen. Weil er Jude war, weil er verfolgt worden war, weil ihm Wiedergutmachungsleistungen zustanden, war er Partei. Und diejenigen Richter, die Mitglieder der nationalsozialistischen Partei gewesen waren, waren nicht Partei, waren befugt und besser geeignet, über Wiedergutmachungsleistungen zu urteilen. Er wußte ja nicht viel über den Werdegang seiner Kollegen am Landgericht, das war gut so oder auch nicht. Es gehörte sich nicht, nach der Vergangenheit zu fragen. Massenhaft praktizierte Diskretion schien der Weg zu sein, Vergangenheit zu beschwichtigen und aus dem Bewußtsein zu tilgen. Auch seine Vergangenheit war ein Tabu, niemand fragte. Jetzt war jetzt, das Tägliche drängte. Und so war ihm der Mund verschlossen. Im Lichte der Vergangenheit verdunkelte sich die Gegenwart. Kornitzer stand vor einem ungeschriebenen Gesetz, er war ein tadelloser Richter und fühlte sich verurteilt, aber er kannte seine Strafe nicht. Sie nicht zu kennen, war eine Potenzierung der Strafe. Also arbeitete er, vertiefte sich in Akten, bereitete Urteile vor und formulierte sie. Rechtsstaatlichkeit, rechtsstaatliche Normalität, daran war nicht zu zweifeln, darum war er Richter geworden und wollte es immer bleiben. Über ihn wurde auch gerichtet, getuschelt, er spürte das. Als sich ihm dann nach seiner Ernennung die Hände seiner Kollegen zur Gratulation entgegenstreckten, von tief unten aus dem Selbstfahrer die des Grundbuchrichters Dr. Funk, als er über den Händen die zusammengekniffenen Mundwinkel sah, die scharfen Falten um die Augen bei Dr. Buch, zweifelte er wieder an der Möglichkeit der Einfühlung. Nein, sie versetzten sich nicht in seine Lage, viele neideten ihm die rasche Ernennung, das war deutlich, blieb aber unausgesprochen. Er wollte das übersehen in seiner Freude. Ihm fiel das Wort „aalglatt“ ein, und er wollte es sofort wieder aus seinem Gedächtnis tilgen. Polemik war nicht am Platz, er war Richter, und er war unabhängig.
Und er wollte, daß Claire nach Mainz käme und die elende, sie langweilende Arbeit in der Molkerei aufgäbe. Endlich ein gemeinsamer Hausstand, endlich Ruhe, das Glück, nach Hause zu kommen, und da wäre seine Frau und wartete, freute sich, daß er kam, und hatte das Abendbrot vorbereitet. Dann erinnerte er sich wieder, daß es keinesfalls so gewesen war, bevor er emigrierte, Claires Berufstätigkeit hatte sich häufig bis in den späten Abend hineingezogen, und er als der junge Richter war viel häufiger zuhause, wenn Georg und die kleine Selma ins Bett gebracht und beruhigt werden mußten, und er erinnerte sich mit Freude an diese Situation.
Er war nun Vorsitzender der 2. Zivilkammer am Landgericht, er saß seinem eigenen Leben vor, und das begeisterte ihn. Es paßte zu dieser Begeisterung, daß er einen Anruf der Stabsstelle „Opfer des Faschismus“, angesiedelt beim Oberbürgermeisteramt, bekam, ob er ein Haus haben wolle, ein neu erbautes Haus, ein Holzständerhaus in einer Siedlung, in der vorwiegend französische Besatzungsoffiziere lebten, zufälligerweise ganz in der Nähe der Familie Dreis im selben Stadtteil gelegen. Er sah sich den Rohbau an, die Arbeiter in ihren Leibchen oder mit ihren nackten sonnengebräunten Rücken, wie sie sich bückten und streckten, er sah das Mauern Stein auf Stein auch in der Nachbarschaft, das Hämmern und Klopfen, die tüchtige Geschäftigkeit. Holzschindeln wurden an der Giebelseite angebracht, ein Tischler lieferte auf einem kleinen Lastwagen Fensterläden. Hinter Klappläden hatte er noch nie gelebt, er stellte sich eine abendlich winterliche Ruhe vor, Geborgenheit, das Haus barg ihn, und er barg die Familie, so gut es eben ging.
Ja, er wollte das Haus, er sagte sofort zu, er freute sich unendlich. Claire käme, Georg und Selma hätten jeweils einen Raum für sich und er ein Arbeitszimmer. Er hatte den Sohn und die Tochter einige Male in Suffolk besucht, es war eine klamme Situation, viel Aufwand, Gefühlsaufwand und Kummer, eine teure Reise. Ob es gut für Georg und Selma war, wußte er nicht zu sagen. Er kam jedenfalls erschöpft von der Überanpassung zurück. Sich für die nächsten Gerichtstermine vorzubereiten, war fast eine Wohltat, klare Strukturen, Gesetze. Zweimal in der Woche tagte die Kammer, dieser Rhythmus ging ihm in Fleisch und Blut über. Im Umgang mit seinen Kindern tastete er nur, er wollte nichts falsch machen und ihnen die Angst vor Deutschland nehmen. Ob ihm das gelänge, wußte er selbst nicht. Und ob seine Ernennung zum Landgerichtsdirektor und das Angebot für das Haus in einem Zusammenhang standen, erfragte er nicht, es wäre ihm unangenehm gewesen. Nur: Der Landgerichtsdirektor konnte nicht auf Dauer bei einfachen Menschen in Untermiete leben, das paßte nicht, verletzte möglicherweise die Würde des Gerichts. Es war nicht „standesgemäß“. Mit seinem Gehaltsnachweis verhandelte er, Hypotheken, Kredite, ein wenig schwindelte ihm in der Bank, aber es gefiel ihm auch. Grund und Boden, ein Gärtchen, bis jetzt hatte er nur die Spaziergänge am Rhein entlang gemocht, das würde anders, er würde heimisch in Mainz. Claire, mit der er jetzt der neuen Entwicklungen wegen häufig telephonierte, lachte am anderen Ende der Leitung, gluckste, kam nach Mainz, freudig, vorfreudig. Sie sahen sich Möbel an und Gardinen mit geometrischen Mustern, bei denen einem schwindlig werden konnte. Sie kauften einen Herd und einen Staubsauger. Claire ereiferte sich über Teesiebe und Milchkännchen, diese nützlichen Anschaffungen erinnerten sie an die Zeit in Berlin, kurz vor ihrer Hochzeit, an das Glück, sich gefunden zu haben, und den Entschluß zu einem gemeinsamen Leben. Jetzt sah es aus, als hätten sie eine zweite Chance. Nein, es war wirklich eine zweite Chance, und Bettnang, Claires Zimmerchen im Dachgeschoß, war nur ein Üben, eine noch zaghaft gedachte Lebensform gewesen, der endlich eine gültigere folgte.
Kornitzer schrieb an Georg und Selma, noch immer konnte er sich nicht entschließen, seinen Sohn mit George anzureden, wie der es wollte, schrieb ihnen von dem Haus, der größeren Freiheit, dem Komfort und lud sie ein. Das Holzschindelhaus war ein Glück, ein schneckenhäusiges Glück hinter zugezogenen Gardinen, und Claire war ein Glück.
Er sprach mit der Familie Dreis, kündigte formvollendet seinen Untermietvertrag, alles war in Ordnung, man gratulierte ihm zu dem Haus, und zu dem, was die Familie „Familienzusammenführung“ nannte. Und Kornitzer sagte in aller Strenge und in preußischer Nüchternheit: Nun ja, zunächst handelt es sich ja nur darum, daß meine Frau und ich endlich wieder ein normales Ehepaar werden. Wie sich die Sache mit den Kindern in England entwickeln würde, wußte er selbst nicht, war aber nicht eben hoffnungsvoll und sagte noch in den offenen Hallraum der Familie: Daß es schwierig sein werde mit seiner Tochter, habe Frau Dreis doch bemerkt. Er schaute ihr geradeaus ins Gesicht, voller Sympathie, ihr, die den wunderbar duftenden Käsekuchen gebacken hatte, den Selma dann doch nach langem Zögern, ohne ein Krümelchen zurückzulassen, aufgefuttert hatte. Er schaute die Fransen der Tischdecke an, hörte auf das wäßrige Ticken der Wanduhr, schaute Frau Dreis wieder an und wiederholte noch einmal, fast automatisch, daß es schwierig sein würde mit der Tochter, habe doch jeder bei dieser ersten Begegnung gemerkt. Und der Sohn? fragte der alte Herr Dreis vernünftig. Seine Frau schöpfte so kräftig aus einem Linseneintopf auf den Teller des frisch gebackenen Landgerichtsdirektors, daß es ein Vergehen gewesen wäre, „nein, danke“ zu dem Angebot zu sagen. Also sagte er „gerne“, aß und bedankte sich auch für die Wurstringel, die in der dicken Suppe schwammen. Er war leicht zum Essen zu verführen. Die Familie Dreis hatte es schnell bemerkt. Und die Wärme des Essens beruhigte, sein baldiger Auszug, die Veränderungen in seinem und im Leben der Familie Dreis warfen schon ihren Schatten voraus. Mit dem Sohn gehe es sicher besser, sagte Kornitzer, nachdem er geschluckt hatte, Georg habe sein Deutsch nicht so verlernt wie Selma, und er sei altersgemäß Argumenten zugänglicher. Nette Briefe schriebe er, fügte Kornitzer noch hinzu, aber das war etwas übertrieben, es waren Briefe mit Mitteilungen, aber ohne Emotionen. Gut, gut, sagte Herr Dreis, und damit war das Thema abgeschlossen. Es schien für die Dreisens auch absehbar, daß sie so bald keinen Untermieter mehr aufnehmen mußten. (Dem Wohnungsamt ein Schnippchen schlagen.) Vielleicht gab es Nachrichten aus dem Gefangenenlager, vom Ehemann der jungen Frau Dreis, vom Vater der kleinen Evamaria, an den sie sich wohl kaum erinnern konnte. Sie lebte in einer Art von Schockstarre einer zukünftigen Freude auf den Vater entgegen, von dem man ihr viel erzählte, einer Freude, der eine bittere Lebensenttäuschung folgen könnte. (Stimmte das denn? Plötzlich kamen Kornitzer berechtigte Zweifel. War der Vater und Ehemann vielleicht auf andere Weise abhanden gekommen, und in der Familie wurde nur noch sein Mythos gebraucht?) Und so schlingerte das Gespräch wie die ganze Beziehung zu den Wirtsleuten hin und her, und es war nicht klar, wie was weggeschlingert wurde. Evamaria fragte schon mit einem kläglichen und gleichzeitig verführerischen Stimmchen: Onkel Konizzaa (sie konnte immer noch kein R sprechen, und niemand im Haus war der Meinung, es nütze ihr, es zu lernen), Onkel Konizzaa, fragte sie, du kommst mich doch besuchen, wenn du nicht mehr bei uns wohnst? Sie zog so eine Schnute, daß Kornitzer gar keine Wahl hatte als ihr zu versprechen: Natürlich käme er hier und da auf einen Sprung vorbei. (Er war ein Zeuge ihrer leidenschaftlichen Treppengeländerritte, die zum Glück ohne Stürze ausgegangen waren, und war ein wichtiger Mensch in ihrem Leben geworden.)
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