— O Gott, du meinst das ernst, oder?
— Okay, dann stell dir einfach vor, ach, ich weiß ja nicht, was könnte man …
— Eben.
— Such dir einen von ihnen aus. Und stell dir vor, wie er später einmal sein wird. Welches Leben ihn erwartet. Und warum er solche Bilder anschauen muss.
— Wer?
— Such dir einfach einen aus und stell dir vor, wie er sich später verhalten wird.
Für R. T.
— Und wann? Was heißt Zukunft?
— Weiß ich doch nicht. In ein paar Jahren. Zehn, zwölf.
— In zwölf Jahren gibt’s die Menschheit doch gar nicht mehr.
— Dann eben in zehn.
— Da ist gerade Bürgerkrieg. Überall.
— In jedem Land?
— Yep.
— Du, sagte Julia, ich muss dann wieder arbeiten gehen. Meine Fledertiere … Reden wir zu Hause weiter?
— Okay.
Im Herbst scheint der Sonnenschein Bartstoppeln zu tragen.
Die Blätter fielen in den Hof des alten Hauses in der Glockenturmgasse 20/21, die Holzstufen im Treppenhaus, von unzähligen Tritten zusammengepresst und blankgewetzt wie alte Stempelkissen, knarrten unter den Temperatur- und Druckveränderungen, der Kalender wurde dünner, die Monatsnamen länger und melancholischer, dann, irgendwann, brauchte man einen Schal, wenn man auf der Straße unterwegs war, und von da an konnte man nicht mehr zurück zur Wärme des Sommers.
Außer auf diese Weise.
Robert lag neben Cordula und schmiegte sich in ihre Achselhöhle. Die weltberühmte Seilbahn von Gillingen, dachte er, sanftes Schaukeln über der Landschaft. Obwohl sie niemals darüber gesprochen hatte und sich nichts anmerken ließ, wusste er, dass sie oft einen leichten Spannungskopfschmerz bekam, wenn er lange so blieb, also rutschte er ein wenig nach unten und legte seine Wange an ihre warme Flanke. Unglaublich, wie warm der Bauch einer Frau immer war. Er hatte es oft mit seinem eigenen Bauch verglichen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Er schloss die Augen und dachte an den Herbst in der Helianau. Die Heizung in den Schülerwohnungen wurde immer erst Mitte September eingeschaltet. Vorher konnte man im Zimmer oder im Häuschen am Heizkörperventil drehen, solange man wollte. Alles, was kam, war ein zaghaftes, gedämpftes Zischen im Rohr, vielleicht Luft, vielleicht ein Rest von müdem Wasser, das die ganze warme Jahreszeit über hier gewartet hatte, doch irgendwann gebraucht zu werden. Ein Wasserrest, in dem, wie zur Entschädigung für die lange Wartezeit, kleine Lebewesen entstanden waren, Mischformen von Algen und Kaulquappen, die nun in den Rohren unterwegs waren und sich dort vermehrten auf eine neue, ihnen selbst nicht ganz begreifliche Weise der Symbiose und Teilung; in den in den Wänden verborgenen Rohrleitungen steckten sie (Robert sah die Wände seines Zimmers in der Helianau so genau vor sich, als wären sie Teil eines Bildes, das er selbst gemalt hatte) und züngelten einander an, wenn sie sich begrüßten, ihre blassgrünen, halbtransparenten Körper drängten sich in der herbstlichen Kälte eng aneinander (der glänzende Film aus Hautpflegecreme auf Max’ Oberkörper, Roberts Hand, die sich danach ausstreckte …) und gebaren so wieder neue Lebewesen, und über die Jahre wanderten sie von einem Haus zum anderen, Retortenbabys aller Heizkörper-außer-Betrieb, und sie bildeten ein gewaltiges lauschendes Heer in den Wänden, pilzartige Kolonien, die alles aufnahmen, was im Leben, in den Häusern und Räumen der Menschen gesprochen wurde.
Wer hatte wohl die Schreie des gehäuteten Mannes gehört? Und wofür hatte er sie gehalten? Robert machte die Augen auf und suchte die Zeitung. Er wollte nachsehen, ob es in der Zwischenzeit andere, informativere Artikel über den Fall gab.
Im Herbst war die Unruhe immer am schlimmsten gewesen. Robert zog seine Hose an und ging in die Küche, um ein paar Karateschläge in die Luft zu machen. Bruce Lee, dachte er. Der konnte seine ganze Körperenergie, sein Chi, auf einen Punkt in seiner Hand konzentrieren, und dann brauchte er dich nur sanft damit zu berühren, und dein Herz blieb stehen. Das hätte er schon damals gut gebrauchen können, in der Helianau, wenn es kalt wurde. Einerseits, um nicht ständig zu frieren, andererseits, um beim Zonenspiel zumindest hin und wieder zu gewinnen.
Diese lächerliche, aber gut, jaja, auch ziemlich unterhaltsame Steh-Orgie und das Gefühl der Zonenfühler, die an die anderen stießen, so wie die Körper der Heizrohr-Wesen in ihren winzigen Urzeittümpeln im Gemäuer, das war schon was … Während man ihnen zusah, spielten sie es natürlich immer langsam und schachfigurenartig, aber wenn man sie allein ließ, ging es wild zu. Arno Golch war immer der Erste, der die Ordnung durchbrach, er langweilte sich immer sehr schnell. Mein Gott, der Arno, Head of Conception bei PETROPA, Ölfeldererschließung, Pionierarbeit, John Franklin. Oder Sven Hedin, scheiß drauf, schwarzglänzend verschmiert wie die Pinguine und Eisvögel im Südatlantik. Schon damals. Immer der Erste, der durchrannte.
Robert erinnerte sich, dass der Erste, der in die geordnete Menge platzte, einen anderen Schüler packte und mit sich fortschleppte, Ferenz genannt wurde. Max hatte immer gestenreich (mit beiden Händen Wellen eines Oszillographen imitierend) behauptet, das Wort komme von Interferenz. Der Ferenz kam immer unerwartet, das war der Sinn der Sache und … ja, genau, wenn er seinen unmittelbaren Nachbarn ergreifen und mit sich fortzerren konnte, dann waren das hundert Punkte oder was weiß ich, jedenfalls sehr viele Punkte. Der herbstliche Institutsgarten bildete ein Gitter mit finiten Elementen, und dann fuhr dieses Störsignal mitten hinein, so wie die Wellen, die an der Fassade des World Trade Center aufbrandeten, nachdem das Flugzeug hineingeflogen war, dieses Aufbäumen der unbelebten Glasfront, das Bersten, Seufzen … er hatte es in einer Dokumentation als computeranimiertes Modell gesehen.
Robert war nie der Ferenz gewesen. Zu träge, zu langsam, generell zu leichte Beute. Wer hätte gedacht, dass in den zwölf Jahren, die seit der Matura vergangen waren, die Welt noch immer nicht untergegangen war. Aber wir arbeiten dran, dachte er, als er am iBall im Vorzimmer vorüberging. Der iBall hatte sein Lid geschlossen und hob es auch nicht, als Robert an ihm vorbeischlich.
Er fand die Zeitung im Bücherregal. Dort lag sie oft, unbemerkt und beinahe unsichtbar. Man erkannte sie an einem blassen Schatten, den sie auf die Wand hinter den Büchern warf. Er nahm die Zeitung und startete die Artikelsuche. Seine Suchbegriffe waren: setz clemens haut abgezogen mann hunde.
Die Einträge waren mehr oder weniger Kopien des Artikels über den Freispruch. Nur die Fotos des inzwischen neununddreißig Jahre alten Mathematiklehrers waren unterschiedlich. Auf manchen sah er tatsächlich so aus, wie ihn Robert in Erinnerung hatte. Ein Gesicht, das ohne die Augenbrauen nichts gewesen wäre. Müde Augen. Dünnrandige Brille. Ein seltsam vorstehender Adamsapfel. Schiefe Schneidezähne. Geheimratsecken. Kugelrunder Welpenbauch unter einer gemusterten Weste.
In einem Artikel wurde erwähnt, dass die Familie des Opfers angekündigt hatte, das Urteil mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln anzufechten. Das Opfer selbst war zum Zeitpunkt seines Todes vor zwei Jahren fünfundvierzig Jahre alt gewesen. Der Mann hinterließ zwei Töchter. Sein Bauernhof, auf dem er die Hunde gehalten hatte, war verkauft worden. Sein Nachname wurde nirgends erwähnt. Immer hieß es: Franz F., geboren in Cluj (Klausenburg), Rumänien. Töchter bereits in Österreich geboren, Hundezüchtung zuerst nur Hobby, später hauptberuflich — verdammt, komm endlich zur Sache. Aber der Artikel endete, ohne dass das grausame Verbrechen überhaupt erwähnt wurde.
Robert entließ die Zeitung und setzte sich an seinen Schreibtisch. Interf… Ferenz-Spiel, im Herbst … Seltsame, formlose Gedanken. Max. Was ist mit ihm passiert? Und der Mann, der ihn angesprochen hatte, er hatte gesagt, dass … welches Wort hatte er verwendet? Vorbild, nein Mentor, genau … Haut abgezogen … Max Schaufler … Mentor … Klausenberg …burg …
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