— Hallo! rief ich. Mein Name ist Setz! Ich habe einen Termin! Um –
— Ja, sehr schön, kam die Stimme aus dem Lautsprecher neben dem Mikrophon. Willkommen, äh … in … warten Sie … in einer Minute, ja?
Er verschwand durch eine Tür im Hintergrund. Ich blieb stehen und starrte auf die Bissspuren in der Semmel, die jetzt auf dem kleinen Schreibtisch lag. Daneben stand eine wie ein Kühlturm eines Atommeilers geformte Thermoskanne, ein Laptop und ein dickes PONS-Wörterbuch Englisch / Deutsch. Hinter dem Schreibtisch stapelten sich Kartons, daneben ein Feuerlöscher, an der Wand hing ein Kalender mit Elis-Puppenbildern. Ich überlegte, ob ich mit meinem Handy ein paar Fotos machen sollte, aber dann entschied ich mich dagegen, weil der Raum womöglich videoüberwacht wurde.
Nach einer Weile kehrte der Portier zurück. Er betätigte einen Schalter, und das Portal ging auf. Dann verschwand er wieder im Hintergrund und trat durch das Portal auf mich zu. In der Hand hielt er einen kleinen Besucherpass, den ich mir um den Hals hängte.
— Haben Sie irgendwelche Dinge eingesteckt wie Pfefferspray, Elektroschocker, Messer …
— Nein.
— Die Jacke müssen Sie bitte hierlassen, schauen Sie, ich gebe Ihnen einen Coupon dafür.
Ich zog die Jacke aus und reichte sie ihm. Dafür bekam ich ein kleines Stück Papier mit einer Nummer darauf: 7/44.
Dr. Otto Rudolph, der Leiter des Helianau-Instituts, ist emeritierter Professor für Pädagogik an der Universität Klagenfurt. Er ist außerdem Schirmherr der mit der Verbreitung von Lernmaterialien in unterentwickelten Ländern befassten wohltätigen Organisation Neue Benjamenta. Er hat einen festen, Entschlossenheit vermittelnden Händedruck.
Als ich ihn zum ersten Mal sah, kam er mir vor wie etwas, das ursprünglich in einer vollkommen anderen Form existiert haben musste. Er schien ein wenig zu hell, auch der Kontrast in seinem Gesicht war merkwürdig eingestellt. Man bekam Lust, an imaginären Reglern herumzuspielen und damit seine Farbzusammenstellung zu verändern. Nur seine Augen waren unauffällig, gewöhnlich. Ein blasses Blau. Als hätte sein Erschaffer sie als Erstes gebaut und für die Konstruktion des Rests einen Lehrling herbeigewinkt.
— Freut mich, dass Sie gekommen sind, Herr Setz, sagte er.
— Ich freue mich.
— Sie haben Glück, sagte Dr. Rudolph. Professor Sievert ist ein alter Bekannter von mir.
— Ah, das wusste ich nicht.
— Normalerweise gibt es eine Warteliste für das Institut. Aber in Ihrem Fall …
Er machte eine kecke Flattergeste mit beiden Armen.
Direkt neben dem Hauptgebäude wuchs ein großer Baum schräg aus der Erde, wegstrebend vom Haus. Er sah aus wie ein Limbotänzer, der versucht, unter dem ersten Stockwerk durchzukommen.
In einiger Entfernung entdeckte ich eine kleine getigerte Katze, die auf einem Holzpflock saß wie eine unbewegliche Kerzenflamme.
— Da, sagte ich zu Dr. Rudolph.
— Was?
— Eine Katze.
Er nickte und ging weiter.
Im Gehen winkte ich der Katze zu, die mir mit ihrem Blick folgte.
— Die Schüler haben hier alle ihren Freiraum, sagte Dr. Rudolph. Den Platz, den sie brauchen. Wenn eines der Kinder transportiert werden muss, dann nehmen wir den Bus hier.
— Und dann sitzt es in der hintersten Reihe?
Dr. Rudolph deutete ein Nicken an.
— Es geht nicht darum, die Kinder unserem Proximitätsverständnis zu unterwerfen, sondern ihr eigenes zu respektieren. Und das ist, leider, muss man sagen, wirklich nur in Instituten wie diesem hier möglich. Hier haben sie eine soziale Struktur, auf die sie sich verlassen können. Eine Einbettung und … die geht auch nicht bei der ersten kleinen Irritation den Bach runter.
— Wie viel kostet denn die Unterbringung im Jahr?
Zuerst zog Dr. Rudolph eine Grimasse, als ekelte ihn vor dieser Frage, aber dann hob er die Hände und sagte:
— Die Grundgebühr, die die Eltern zahlen, liegt bei zwanzigtausend Euro im Jahr.
— Zwanzigtausend?
— Entschuldigen Sie, dass ich lache, sagte Dr. Rudolph. Aber es ist eine typische Mathematikerfrage. Haha. Und dazu kommen natürlich noch andere spezielle Dinge, wie zum Beispiel Zoom-Equipment. Für die Bewältigung des Alltags.
— Wäre es möglich, eines der Klassenzimmer zu sehen?
— Natürlich, es gibt im Übrigen nur drei. Aber die sind (er hob seine Brille hoch und blickte auf die Uhr) im Augenblick alle besetzt. Gegen halb elf wird allerdings der Hörsaal A frei.
Das M auf der Stirn der Katze war ihm besonders gut gelungen. Der Rest war, na ja, okay, bestenfalls. Die Narben waren ziemlich kitschig. Auch die Vorrichtung, in der das Tier steckte, war perspektivisch etwas zu sehr verkürzt. Und der Holzpflock war zu dunkel. Ein leider immer wieder auftretender Fehler. Aber den Leuten schien das Bild zu gefallen. Sie sahen darin alles Mögliche. Manchmal brachen Frauen davor sogar in Tränen aus und hielten sich an ihrer eigenen Kleidung fest.
Diesmal hatte er mit Fotografien gearbeitet. Oder eigentlich nicht direkt Fotografien, sondern mit Standbildern aus einem Film. Es war eine Dokumentation über eine Universität in den USA, die immer wieder in den Medien erwähnt wurde, als Negativbeispiel. Schließlich war ein Student mit einer versteckten Kamera in die Versuchsanlage marschiert und hatte über vierzehn Stunden Videomaterial gesammelt. Aus den vierzehn Stunden hatten die Filmemacher, ein Ehepaar aus Australien, am Ende zwei gemacht. Dazwischen gab es auch noch Interviews, eines davon mit dem Studenten. Er erläuterte darin, wie er die Kamera in seiner Baseballkappe versteckt hatte, und dann sprach er noch ein wenig über seine persönliche Motivation, überhaupt durch diese Räume zu gehen. War er bei seiner Arbeit auf Schwierigkeiten gestoßen? Hatte man ihn durchsucht oder wenigstens gefragt, was er hier suche? Was genau habe er empfunden? Robert hatte überlegt, auch ein Standbild des jungen Mannes für ein Bild zu verwenden. Aber es wäre nicht besonders schwierig gewesen, die Farben, aus denen er bestand, waren alle recht simpel, und auch ihr Zusammenspiel war keine große Herausforderung, außer vielleicht das Hemd. Die Katze, die man auf Position 1: 35: 21 sah, war schon schwieriger. Und auch das Ding in ihrer Brust. Nicht besonders stark, aber immerhin.
Das Bild hatte ihm sogar was eingebracht. Landesförderpreis. Robert hatte es als Erstes Willi erzählt, und der hatte ihn am Telefon respektvoll ausgelacht, was Robert unendlich glücklich gemacht hatte. Erst dann hatte er es Cordula erzählt. Sie hatte ihn umarmt. Die Vergabezeremonie fand im Foyer einer Bank statt. Dienstagabend, neunzehn Uhr. Zuerst die Reden zweier älterer Herren.
Der erste Mann sprach von Verantwortung und Kunst, der zweite von Verantwortung und Gesellschaft. Er verwies außerdem auf die Verbrechen der Vergangenheit. Am Ende ging er noch ein wenig auf die Zukunft ein, die, wie er sagte, heute so zahlreich erschienen sei, nämlich in Form von Hoffnungsträgern, und trat dann von dem Pult, über das er sich während der Dauer seiner Rede ungewöhnlich weit gebeugt hatte, einen Schritt zurück, als gäbe er ihm die Gelegenheit, von dem langen gemeinsamen Ritt auszuruhen. Dann wurden die Preisträger der einzelnen Sparten aufgerufen und gingen auf die Bühne. Den Preis für das beste Bühnenbild bekam eine umwerfend schöne Frau, und Robert zwang sich, sie nicht ununterbrochen anzustarren.
Schließlich hielten alle ein Sektglas in der Hand, und auf einer Plakatwand neben dem Eingang der Bank wurde auf ein Flötenkonzert hingewiesen, das letzte Woche hier stattgefunden hatte. Der iBall am Eingang des Foyers blinzelte.
Hinter ihren heruntergeklappten Visieren aus Sicherheitsglas sahen die Bankschalter ernst und feierlich aus. Die diesjährigen Preisträger wurden zu Zweier- und Dreiergruppen zusammengestellt und von verschiedenen Seiten fotografiert. Ein Mann berührte Robert an der Schulter, um ihn ein wenig näher an seine Kollegen zu rücken, und Robert hätte ihm beinahe die Urkunde über den Kopf geschlagen.
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