die Perser sollen ihn dieses Mal nicht einstürzen und in seinen Kellern soll es keine Folterkammern geben ich weiß sagt Ali aber ich weiß nicht was ich dabei tun soll meine Haut färbt sich rot und weiß und grün und blau ich sehe keinen Riesen dem ich guten Gewissens in den Arsch kriechen könnte ich sehe nur die Irren und die Toten und die Großmäuler die sich in der Green Zone verstecken während es immer mehr Irre und Tote gibt
es hilft nichts sage ich es hilft nichts immer nur recht zu haben und ich starre meinen ältesten und besten Freund an und die aufgeschlitzte Sitzfläche des Bürostuhls und ich sage Saddam ist weg und schließlich ist das auch etwas
ja — die einzige Massenvernichtungswaffe die sie gefunden haben und die wir noch hatten
die Amerikaner werden gehen
wie ihr Timberland-Stiefel-Konsul der hier alles in Ordnung gebracht hat und sich diesen Monat noch verabschieden will ich wollte sie brächten noch 200 000 Mann herüber und blieben noch zehn Jahre oder sie machten sich sofort allesamt aus dem Staub so sind wir Chamäleons eben seufzt Ali was soll man nur machen wenn man sich nicht entscheiden kann weißt du dass es sehr arabische Tiere sind? sie brauchen mehrere Weibchen und wenn zu viele von ihnen auf einem Platz sind dann stressen sie sich durch Revierkämpfe zu Tode
es sind Tiere wir sind Menschen
ganz wie man es sieht meint Ali und hebt sein Glas ich werde nach England gehen zu meiner Frau und den Kindern ich werde auf dem Piccadilly Circus gegen Tony protestieren und ihm schöne Typhus-Geschichten aus Basra erzählen und ich werde das Chamäleon zu der Anästhesistin zurückbringen der es gehört weißt du übrigens weshalb die Menschen sterblich sind? Gott machte sie unsterblich und er hieß das Chamäleon die Nachricht zu überbringen aber es verbummelte und verspätete sich so sehr dass es von einem Vogel überholt wurde mit der Botschaft des Todes aber nun noch einmal zu dir mein Freund mit deiner Botschaft es ist ja immerhin der
BRIEF DES KALIFEN
gekommen und deswegen bleibt mir nicht anderes übrig als dir unrecht zu geben sage ich entschlossen es sind diese Freudlosigkeit dieser Tod-Ernst diese fürchterliche Last und zugleich die niederschmetternde Bedeutungslosigkeit all unserer möglichen Handlungen die uns quälen die
uns wütend machen uns
medizinischen Alkohol mit Pfefferminztee trinken lassen (die beliebteste Droge im Irak ist aber weiterhin das teure Valium) die uns
einen alten Freund
auf den wir zwei Stunden vergeblich und immer ängstlicher gewartet haben während die Dämmerung in der Sommerhitze hereinbricht einfach
erfinden lassen
Samira kam heute Morgen nicht
auch ihr Vater der sie sonst immer zur Straße brachte und mit den Händen in den Hosentaschen verlegen grinsend wartete bis sie in unseren Kleinbus gestiegen war erschien nicht und wir können uns ausmalen weshalb uns das morgendliche Signal des einsamen Muts fehlt denn Samira war immer die Erste die wieder aus dem engen Bus kletterte weil sie an der philologischen Fakultät studierte
studiert! Präsenz!
was denke ich
ihr Institut liegt inmitten einer von Kämpfen verwüsteten Gegend Samira ist unsere
Frau auf dem Mond
jeden Werktagmorgen geht sie würdig und ruhig mit Kopftuch heller Jacke und rockähnlichen weiten Hosen auf eine Autobahnbrücke zu die unmittelbar über einer Baumkrone endet wie ein Stück abgerissener Pappe der Parcours führt durch ein Trümmerfeld von der Größe zweier Fußballplätze an Müll- und Steinhaufen vorbei über verbogene Blechteile und von Unkraut überwachsenen Schutt zu Boden geschleuderte zerbrochene Pfeiler Mauerwerk und Dachziegel die kaum Platz lassen für einen schmalen Pfad durch vage nachgrünende Hecken zu einem schwarzen Bombenkrater neben dem die zerschossene Fassade eines sonst wundersam heil gebliebenen Gebäudes aufleuchtet ihr Institut das an eine Forschungsstation auf einem Planeten ohne Atmosphäre erinnert der hoffnungslos den Meteoriteneinschlägen preisgegeben ist müssen wir
in Samiras Fall
eine neue Märtyrerin begrüßen oder
wieder einmal erfahren dass eine Familie ins Exil ging weil sie unseren blutigen Himmelskörper nicht mehr aushielt egal wir werden Samiras Platz im Kleinbus rasch neu vergeben müssen sechs Familien zahlen teuer für den halbwegs sicheren täglichen Transport ihrer Töchter zur Universität wir haben zwei junge Fahrer die sich gut benehmen aber heute fehlt leider Ali der Bessere und Ruhigere
er ist wohl auch derjenige der das nagelneue Mobiltelefon bedienen kann denn kurz bevor wir aussteigen müssen drückt der nervöse Naji auf einen Knopf woraufhin es sofort klingelt und Samira am anderen Ende der Funkstrecke mitteilt dass sie ihn schon x-mal versuchte zu erreichen und heute Morgen schon früher habe fahren müssen er sie aber wie gewöhnlich abholen solle
ein guter Anfang für einen heißen Sommertag könnte man sagen
vor dem Haupteingang der Universität Studenten und Studentinnen rasch und zielstrebig nebeneinander her und durcheinander gehend
das Gedränge erschien mir einmal aufregender und vielversprechender als alles andere und in einer freien Stunde allein oder mit einer Kommilitonin auf einer Bank auf dem Campusrasen zu sitzen zu schwätzen oder in den Büchern zu blättern kam mir nach dem Krieg so unwahrscheinlich vor als flöge ich jeden Werktag in ein anderes Land angesichts der aus dem Boden um die Universität schießenden Internet- und Telefonläden den neu gestifteten Computern den immer häufiger in den Taschen und Jacken der Studierenden klingelnden und stolz ans Tageslicht beförderten Mobiltelefonen könnte man sich auch schon fast international fühlen obgleich sich immer mehr Frauen (wie ich selbst) mit Kopftüchern und alles verhüllender Kleidung schützen
als SuSchi
mit der Sehnsucht nach dem künftigen Babylon
fühle ich mich unwohl vor den Plakaten und Aufrufen der schiitischen Studentenorganisationen deren Einfluss immer größer wird ich wollte
als Irakerin
studieren nicht als Gläubige dieser oder jener Sorte (auch wenn ich einen verhinderten Hauza-Studenten liebe) ich wollte mithelfen die Erinnerung an Babylon von der ihr aufgezwungenen baathistischen Schlacke zu befreien bei vielen Lehrbüchern reicht es
wenn Sie einfach die letzten zwanzig Seiten herausreißen
hatte Professor Fahmi empfohlen auf den wir heute gespannt warten müssen er hatte uns auch gezeigt wie man Saddam auf eine ganz exquisite Weise hatte lächerlich machen können (indem man in Magisterarbeiten oder sogar Promotionen lange und unmotivierte Auszüge aus seinen hohlen Reden unter Zitate international gerühmter Gelehrter und wissenschaftlicher Autoritäten mischte) und dass es immer wieder auch hervorragende und von allem ideologischen Ballast verschonte Lehrwerke gegeben habe die wir auch jetzt noch gut verwenden könnten so etwa das Standardwerk über wissenschaftliche Methoden in der Geschichtsforschung und Archäologie das uns dabei helfe
den Irak neu auszugraben
also die Verblendungen abzunehmen die Fälschungen zu widerlegen die Verkitschungen zu beseitigen die Baathismus und Mesopotanismus der Vergangenheit zugefügt hätten die Archäologie und Frühgeschichte könnten sich endlich davon abwenden Tikrit zu untertunneln auf der Suche nach der gewaltigen unterirdischen Pyramide in der Saddams Ur-Ur-Ur-Großvater direkt neben dem verborgenen Imam ruhe und sie würden nun endlich
international konkurrenzfähig und international vernetzt in den Dialog mit der Welt treten auf dem aktuellen Stand der Forschung und dazu gehöre auch
den schändlichen respektlosen desinteressierten Umgang der Besatzungstruppen mit den archäologischen Schätzen unseres Landes anzuprangern die Vandalismus und Plünderei duldeten und auch selbst begangen hätten
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