den BRIEF den sie mir zum Abschied überreichte ein veritables
Himmelswunder
Sechsundvierzigjährig blass und ausdrucksvoll mit immer noch hoher fester Brust und beschwörenden kajal-umrandeten Augen allein durch die flachrückige Nase (man könnte sie brechen und mit ein paar Spänen vom Beckenknochen aufpolieren und — voilà! wer außer Ali kommt sofort auf einen so patenten Einfall) an den Schönheitswettbewerben ihrer Jugend gehindert so
hätte sie mich zum Abschied beinahe umarmt was aber natürlich ungeheuerlich gewesen wäre und deshalb schwenkte sie einfach versehentlich aus als ich vor dem Karteischrank stand und boxte mit einer Brust gegen meinen Oberarm und schenkte mir
den großartigen BRIEF VON HÖCHSTER STELLE und einen Haremsblick
auf den ich stumm antwortete jedoch nur halb aufrichtig insofern die Verhaltung der Verhaltung möglich ist denn mein Gegenblick besagte wohl allein dass ich immer nur zu müde gewesen sei
während ich hätte sagen müssen: zu müde und nach wie vor zu sehr in meine eigene Frau verliebt als dass ich hätte beginnen können mich mit der Rangfolge der drei anderen zulässigen Eheweiber zu beschäftigen wenn man mich fragte
was für mich der unheimlichste Augenblick des Krieges gewesen sei dann würde ich nicht zögern zu sagen jener Nachmittag im vergangenen April als mich mein schreckensbleicher naiver Bruder Fuad im Haus der Familie empfing um mir mitzuteilen dass
Farida Jasmin mitgenommen hatte um mit ihr
zu Fuß nach Kerbela zu pilgern (drei Tage lang über 100 Kilometer)
augenblicklich nahm ich ein Taxi und steckte fast ebenso augenblicklich in einer Demonstration von Muqtada-as-Sadr-Anhängern fest den der amerikanische Ersatzkönig hierzulande gerade für vogelfrei erklärt hatte so dass sie den Muharram mit Tänzen und dem Winken von selbstgebastelten Sprengstoff-Attrappen feierten (einige davon echt) und Lobpreisungen der USA von sich gaben
wir patrouillierten entlang des Pilgerzugs der sich am Rand der Ausfallstraßen gebildet hatte Kolonnen von Fahnenschwenkern singende Frömmler-Rudel Enthusiastische auf Krücken Barfüßige mit weißen Büßerhemden verzückt tanzende Frauen in Abayas an denen Pickups Humvees Kieslaster Panzer und die üblichen verbeulten staubigen Kamele des kleinen Mannes ohne nennenswerten Abstand vorbeidonnerten
nach zwei Stunden schließlich musste ich dem Taxifahrer meinen letzten Dinar geben und sah mich gezwungen mitzupilgern in der Abendsonne
kurz vor einem Rastplatz zeigten sich einzelne Soldaten der wieder im Aufbau befindlichen irakischen Armee und verteilten Wasserflaschen ich geriet unter eine Mannschaft von Hobby-Flagellanten in schwarzen Kutten mit grünen Stirnbändern die sich rhythmisch die Schulterblätter traktierten mich aber dankenswerterweise verschonten vor Zeltplanen und Jahrmarktsständen drängten sich Dutzende um Brot oder Devotionalien zu erhaschen einige nicht kenntlich verkleidete Wächter mit Kalaschnikows standen umher dann mischten sich auch amerikanische Soldaten unters Volk in voller Kampfmontur mit nach unten gerichteten Gewehren und nach oben hin wackelnden langen Antennen am Tornister und endlich
vor einer Pilger-Feldküche an der die Anwohner der Sitte gemäß kostenlos Reis und Eintopf an die Wandernden ausgaben
traf ich meine schöne magere in eine Abaya gesteckte Tochter die mich ängstlich aber sehr freudig ansah seltsam gelöst auch erschrocken und befreit ich wusste es nicht zu deuten und
Farida
stand hinter ihr mit zwei Blechtellern in der Hand ebenfalls in Schwarz und ebenfalls so
inspiriert
und staubig beseelt oder gelöst es waren wohl mir unzugängliche Nebenwirkungen ihrer Passions-Sportart was
hatte ich sagen wollen? ich reihte mich neben ihr in die Schlange ein erschöpft dankbar wütend was noch und was hatte ich doch gleich sagen wollen
ach ja: bist Du wahnsinnig geworden was fällt Dir ein unsere kranke geschundene Tochter hierher zu bringen und zu einem dreitägigen Fußmarsch zu zwingen hast Du die Fernsehbilder von den Attentaten im März vergessen willst Du in Kerbela ins Paradies vorstoßen oder Dich dort auspeitschen oder Dir mit einem Fleischermesser oder Krummsäbel die Kopfschwarte aufhacken während daneben die Kinder und Passionstouristen ihr Eis lecken
4000 Engel weinten Tag und Nacht an Husseins Grab über seinem abgetrennten Kopf über seinem Blut das aus 34 Schwert- und 33 Pfeilwunden strömte hättest Du
sagen können aber Du siehst mich nur an und
wir stehen wieder am Fluss wie vor dem Krieg ich hasse diese Wundenseligkeit dieses unnötige Blut (überall im Land fehlen Konserven) diesen Märtyrer-Kult ich bin Arzt ich sehe allenfalls die Engelstränen ein grauer feiner Regen durch den die Pilger strömen und die Panzer rollen in dem die Feuer unter den Eintopfkesseln flackern und in dem Dein Gesicht verschwimmt als könnte es tatsächlich auf immer von mir weggerissen werden
nur hier
können wir geheilt werden hast Du gesagt ich hatte es nicht vergessen es ist Dein Land und vielleicht hast Du recht mit allem auch mit Kerbela und auch damit dass man den Schmerz womöglich besser alleine ertragen kann ich sagte also nur dass ich
hoffen würde dass wir uns in vier oder fünf Tagen zuhause wiedersähen
dann ging ich zu Fuß nach Wasiriya gegen Mitternacht erschien mir am Straßenrand ein US-Panzer groß wie ein Haus man soll in so einem Ungeheuer gar nicht bemerken ob man einen Baum oder ein Auto plattfährt die Stahlwände dröhnten so dicht an mir vorbei dass ich eine halbe Stunde später noch nicht gleichmäßig atmen konnte und also
fast diesen schönen Tag nicht erlebt hätte an dem meine Praxis in Trümmern zu meinen Füßen liegt und ich zu Ali sagen kann
wir müssen die Amerikaner hinauswerfen aber kontrolliert
eine ganz ausgezeichnete Idee mein Lieber! ja diese Amerikaner sind schon lästig wir sollten stattdessen die Perser hereinholen oder die Russen oder — entschuldige bitte dieses Vieh hier macht mich ganz zappelig — nur die bösen Amerikaner hinauswerfen die ihre Folterbildchen nachhause schicken und bei ihren nächtlichen Razzien ganze Familien auslöschen und an ihrer Stelle nehmen wir nur noch Good Guys etwa freundliche schwarze Jazz-Sänger oder ausschließlich Indianer und weibliche Demokraten und ein paar Grizzlybären wir sollten dann auch viel mehr von ihnen hier haben so kann man es eben auch sehen denn alles hat zwei Seiten es ist ganz so wie
bei diesem Tier hier es
hat Stielaugen mit denen es zwei unterschiedliche Bilder in einen einzigen Kopf hineinglupscht das ist ein dialektisches Wesen es kann sogar die Synthese indem es die Augen so zusammenstellt dass sich die Bilder überlappen ein hegelianischer Kopf also voll glühender Schuppenwarzen ein richtiger Sufi — wo waren wir stehengeblieben? raus mit Uncle Sam aber ich sehe du bist weniger verworren als ich
sagt Ali und dreht sich mit seiner seltsam ruckenden Last (sie ahmen Blätter im Wind nach) auf dem Bürostuhl den Laila sich vor vielen Jahren bei dem Möbelhändler um die Ecke erwählte und dessen mit rotem Kunstleder bezogene Sitzfläche diagonal aufgeschlitzt wurde was meinem offensichtlich überarbeiteten und von Thesen und Antithesen gebeutelten Freund gerade auffällt da ihm eine seltsame Hand oder Greifklaue seines Schoßtieres zwischen die Beine fasst wobei zwei Finger wie ein Daumen auf der Fläche bleiben und sich drei um die Kante schließen was sehr überlegt aussieht an irgendetwas erinnern mich diese heftigen Farben der Schuppenhaut
du siehst nicht gut aus (sage ich vorwurfsvoller als es herauskommen sollte)
danke gleichfalls
erwidert er mit einer Art erschöpfter Fröhlichkeit das hier ist wirklich eine Sauerei aber wie ich am Telefon schon sagte sieh es einfach von der praktischen Seite diese Kerle machen es dir leichter den Laden dichtzumachen und nach Wasiriya zu gehen du musst nur die Augen einmal in zwei Richtungen drehen wie mein Erdlöwe hier schon siehst du das Schimmern des Vorteils im Glotzauge der Zerstörung also was quält dich noch mein Freund außer der Tatsache dass ich dieses Tier anstelle des versprochenen Whiskeys mitgebracht habe
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