PLASTIKPATIENTEN
und bringt mich im Fernsehen zwischen diesen Trümmern hier
eine der letzten transparenten Schichten die mich vom Chaos und der vollständigen inneren Niederlage trennen ist die
Aktivität
denn ich habe niemals einfach nur zugesehen sondern versucht zu heilen wenn es auch oft den Anschein hatte ich würde die Beteiligten gerade so weit wiederherstellen dass sie sich in die nächste Schlacht stürzen konnten jetzt
werde ich ganz nach Wasiriya ziehen und dort drei Tage als der halbe Arzt der ich gerade noch sein möchte drei Mal in der Woche die Praxis eines ebenfalls alternden und ausgelaugten Kollegen führen so dass mir daneben Zeit bleibt weiter
zu zählen
und mich endlich mehr um meine Familie zu kümmern die ich kaum noch anzusehen wage weil sie mich für ein arbeitssüchtiges Gespenst hält (dabei fliehe ich nur) in einem verbogenen Rahmen zu meinen Füßen steckt das nur noch von Glasscherben wie von einem aufgesperrten Löwenrachen (durchsichtiges Tier) gehaltene Farbfoto aus dem Jahr 1990 das Farida und mich hinter unseren drei der Größe nach geordneten Kindern zeigt wobei der lachende fünfjährige Sami (als Mann) vor mir postiert wurde Muna seltsam düster wirkt und Jasmin in einem heute kaum vorstellbaren europäisch anmutenden Sommerkostüm mit dem heute ebenfalls nicht mehr vorstellbaren strahlenden Anschein von Unverletzlichkeit ihre Mutter schon überragt die mir als Anfangs-Vierzigerin genau wie jetzt auszusehen scheint (da ich sie hartnäckig so abgespeichert habe in meinem romantischen Bilder-Diwan selbst wenn ich neben ihr liege ändert das nicht viel) während der schwarzhaarige Schnurrbartträger zu ihrer Rechten mir
unbekannt oder entfallen ist ich erinnere mich tatsächlich nicht
für dieses Foto Modell gestanden zu haben obwohl wir in einem regelrechten Studio gewesen sein müssen bestimmt wollten wir damals vor Jasmins Abreise nach Paris eine unzerstörbare Erinnerung ein Seifenblasen-Monument erstellen das noch bis zu unseren Enkeln durch die Zeit schweben könnte wenn es keine Nadel träfe keine Flamme kein glühendes Eisen
weshalb erinnere ich mich nicht? stopften sie mich aus oder trieben sie einen Doppelgänger auf wie den engagierten selbstlosen Typen den sie in Tikrit in ein Erdloch steckten während ER noch auf die günstige Gelegenheit wartet es uns allen heimzuzahlen (ich kenne mindestens ein halbes Dutzend Patienten die das glauben)
vielleicht hätte mein Familien-Doppelgänger (der Alter-Tarik) besser den Kontakt zu meinem einzigen Sohn gehalten der mir zu wirr zu versponnen zu labil zu sein scheint während der letzten Diktatur-Jahre habe ich mich darauf verlassen dass er in der Schule oder Nachbarschaft keine einzige falsche Bemerkung macht und nun erklärt er mir plötzlich dass in den Massengräbern im Süden die man jetzt vor laufenden Kameras öffnet nicht die von Saddam Ermordeten lägen sondern die heimlich verscharrten Opfer der ersten amerikanischen Invasion
wenn er auf der Mattscheibe sieht wie ein Sportplatz bei Falludscha in ein Massengrab verwandelt werden muss kann man sich die Anfälligkeit für solche Gedanken erklären ich werde jetzt viel mehr mit ihm reden ich kann ihn nicht einfach dem Internet und seinen zweifelhaften Freunden überlassen
noch habe ich weder ihm noch Muna gesagt dass wir in dieser Woche schon zurück nach Wasiriya gehen werden
aus Sicherheitsgründen und
endgültig wollte ich fast zu mir sagen das scheinbar Endgültige verdankt sich dem Anblick meiner zerfetzten Ordner herausgerissenen Schubladen ausgeleerten Medikamentenschachteln
sieben Jahre lang habe ich hier praktiziert eine zu kurze Zeit um wirklich sentimental zu werden vor vierzehn Tagen schon habe ich das Schild mit der Nachricht angebracht dass ich die Praxis schließen werde (auf der Innenseite der mit drei Schlössern gesicherten Tür Ali Baba las offenbar durch das Holz hindurch die Spiegelschrift) aber noch heute kommen den ganzen Morgen über und auch am Nachmittag unverbesserliche Patienten und so
sortiere ich die am Boden liegenden Dokumente behandle noch ein paar Wehwehchen schicke die ernsthaften Fälle zu Kollegen lasse mich beschimpfen beweinen und beschenken und kann dann endlich meinen großen Bruder Munir anrufen um ihm zu sagen dass Muna Sami und ich schon morgen oder übermorgen wieder ins Stammeszelt zurückkehren werden
es demütigt und rührt mich
wie sehr er sich freut mich wieder unter seine Fittiche zu bekommen fast fehlte es noch dass sie mich erneut Moschel rufen denn wie damals im Sechstagekrieg boomt das Familiengeschäft anstelle der Radios die mich nach Paris zum Studium schickten haben wir jetzt die Mobiltelefone PC Drucker Scanner Router und so fort die unsere Kamele und Frauen fett machen nur mit dem Unterschied dass dieser Krieg wohl noch sechs Jahre über sein offizielles Ende hinaus andauern wird und dass ich
das gelehrte Nesthäkchen
wieder bei meinem Stamm unterkriechen muss es war genau das was wir aufstrebende Intellektuelle und Akademiker einmal verachteten die Verberberung der modern sein sollenden Gesellschaft und nun geschieht es wieder und wir können nicht umhin uns in die letzten sicheren Netze fallen zu lassen immerhin
treffen heutzutage E-Mails aus aller Welt ein und Hussein der wilde Pariser Maler aus dem ein nicht sehr glücklicher Galerist in Nantes geworden ist bestürmt mich mit Fragen zu unserem weißen blutgesprenkelten Fleck auf der Landkarte über den das Exil seine entsetzten Satelliten und unbemannten Sonden schickt zum Thema Moschel auf das er von alleine kam weil er sich gerne an seine aufwändigen Karikaturen des geplagten Tarik erinnert über dessen Kopf die israelischen Mini-Jagdbomber schwirrten hat er nun noch die Geschichte von Dajans 87-jähriger Witwe beigesteuert die sich seit Jahrzehnten schon aufopfernd um Palästinenser in Israel und in den besetzten Gebieten kümmere
die Guten leben doch länger oder: sich um etwas (die ANDEREN) zu kümmern bringt Langlebigkeit
denke ich gerade und könnte mir vorstellen diesen Spruch als Vademekum an genau die Stelle zu hängen an der das wundersam entmaterialisierte Präsidentenporträt ein helles Rechteck über dem aufgesprengten und von Fußtritten verbeulten Metallschrank hinterließ Sami hätte mit seiner kalligrafischen Fertigkeit den Sinnspruch gestalten können seit Monaten sah ich ihn keinen Schriftzug mehr malen oder ist es seit Achmeds Tod den er miterleben musste ich
habe drei Kriege mit heiler Haut überlebt aber
meine Kinder wurden gebrannt
jetzt werde ich zurückgehen näher an sie heran auch wenn mich dabei die Großfamilie mit ihren Umarmungen und Verwicklungen erstickt an nichts derartig Tribales (mein Stamm hat über 10 000 Mitglieder) dachten wir damals als frischgebackene smarte Jungärzte mit weißen Hemden und Sonnenbrillen vor unseren Fischgrill-Rosten im Club vergiss es
atmen Sie durch machen Sie sich frei Herr Doktor draußen stinken die seit einem Jahr nicht mehr reparierten Abwasserkanäle (schreibt einen blauen Brief an die große amerikanische Firma die eine Milliarde dafür kassiert hat hier bis heute nichts zu tun) wir haben Cholera- und Typhus-Infektionen wie zu den fröhlichsten Embargo-Zeiten aber der neue strahlend weiße Giftmüllverbrennungsofen aus Cambridge, Massachusetts, bläst hinter der Klinik von Zafaraniya seinen Qualm beruhigend wie Marihuana über die Häuser wie ich vorige Woche bei einem Kollegenbesuch zur Kenntnis nehmen konnte
Laila zu entlassen war das Schlimmste denn die Patienten kommen ja alle wieder in der ewig sich gleichenden Form der geschundenen Masse die von einem göttlichen Kittel unsterblich gemacht werden will (gib es zu dass du etliche von ihnen vermissen wirst gerade die Langjährigen die kein Geld mehr hatten und dir Geschenke brachten) als Laila sich vorgestern verabschiedete bot sie noch einmal an auch nach Wasiriya zur Arbeit zu kommen aber ihr dreimal die Woche den Weg durch die Raschid-Straße oder die Khulafa zuzumuten wäre nahezu verbrecherisch wo sind wir hingeraten mein Gott schicke uns etwas herunter wie
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