gab es plötzlich ein Tanzfest mit jungen amerikanischen Soldaten auf dem Eren Huda und ich kurze Röcke trugen und Rock’n’Roll tanzten wie in einem Elvis-Presley-Film ich wollte nicht aufhören
mir Dinge vorzustellen die ähnlich unfassbar waren wie das futurische Babylon das ich in meiner Fantasie nicht mehr hatte errichten können seit der Krieg so nah gekommen war
es geschahen aber genügend wirkliche gute und böse Dinge die ich in den Angstwehen der Bombardierungen nicht für möglich gehalten hatte schon allein während der neun Monate in denen der PRÄSIDENT gejagt wurde und verschwunden blieb während dieser eigenartigen Abwesenheits-Schwangerschaft nach deren Ablauf er sich selbst als Feigling und Maulwurf neu gebar
so
habe ich meinen Vater nach der Verschleppung Jasmins zum zweiten Mal in meinem Leben fassungslos gesehen als er berichtete wie Plünderer im Al-Kindi-Hospital die Bettgestelle und Matratzen unter schwer verletzten und sterbenden Kriegsopfern weggezogen hatten
so kam der Tag
an dem ich an der Seite meiner Mutter das Haus verlassen durfte und durch die von Trümmern und Glassplittern übersäten Straßen ging wo ich die Autos sah die eine hemmungslose Gewalt aufs Dach geschleudert hatte und den ersten Bombenkrater direkt neben einem halb zerfetzten Restaurant (ER sollte hier eingekehrt sein) und
so
tauchte ein tatsächlicher amerikanischer Panzer auf an dessen Außenseiten tarnfarbene Rucksäcke geschnallt waren und ein offener Geländewagen umringt von Kindern die nach Süßigkeiten schnappten es war ein schwarzer Soldat dabei und einer der asiatisch aussah und der Fahrer des Geländewagens erinnerte mich an eine meiner
Erfindungen
mit der ich auf dem Paradiesplatz zur Elvis-Presley-Musik getanzt hatte ein verschwitzter hübscher Junge sommersprossig mit rötlichem Haar unter dem verrutschten Helm
und so erschien
Mr Bush
auf einem Flugzeugträger vor der kalifornischen Küste auf den er sich im Pilotenkostüm von einem Jagdflieger hatte absetzen lassen (stellte mein Vater einige Tage und Zeitungsausgaben später fest solche Dinge lassen ihm keine Ruhe) unter dem riesigen Banner
MISSION ACCOMPLISHED
so betrat ich wieder unsere Schule Anfang Mai und erlebte immerhin noch dass die zerschlagenen Pulte die von den Wänden gerissenen Tafeln die eingeworfenen Fensterscheiben von der UNESCO und einer englischen Hilfsorganisation ersetzt wurden bei brütender Hitze
lernte ich meine letzten Lektionen
erstens waren Schuluniformen nicht mehr vorgeschrieben zweitens wurden morgens keine Saddam-Hymnen mehr gesungen drittens fehlte der Baath-Mann mit den Röntgenaugen mitsamt dem Direktor viertens fiel
DAS FREUNDLICHE GESPRÄCH
der künftigen Schulabgänger mit der PARTEI (Partei) aus und fünftens wurde Herr Basim der neue (provisorische) Direktor und nicht etwa Onkel Machmud wie wir es gehofft hatten und auch nicht Frau Jadallah die allerdings mehr und mehr Englisch unterrichtete und von Tag zu Tag aufrechter ging und bald schon unangenehm wurde als schriebe sie sich Postkarten mit Tony Blair persönlich dessen angstverzerrtes Gesicht
(gemeinsam mit dem von Georg Bush) hinter vier Reihen sauber aufgeklebter Plakate für längst verklungene Folklorekonzerte verschwand gemeinsam mit dem säbelschwingenden Saddam von dem man aber nicht sicher sein konnte ob er nicht bald schon mit seiner Klinge die dünn über ihn geschmierte Klebstoffschicht und das Plakatpapier durchtrennen würde um als Fedajin gegen die Amerikaner und Engländer zu reiten
der Strom fiel weiterhin aus für viele Stunden blieben die Wasserhähne trocken an den zerschabten avocadogrünen Wänden standen neue Farbeimer aber niemand öffnete ihre Deckel wir waren nur noch zwölf Schülerinnen in der Abschlussklasse die meisten entledigten sich ihrer Kopftücher sobald sie im Schulgebäude waren aber vier behielten die Abayas an wofür Huda sie angespuckt hätte aber selbst für ihre Spucke und Wut ist der Weg bis in den Libanon zu weit sie
fehlt mir mehr als Eren ich war
zum ersten Mal wütend auf ihre Mutter Schiruk die wie immer alles (die Flucht vor Beginn des Krieges) bestens organisiert hatte und wie die anderen Direktoren des Nationalmuseums alle nicht rechtzeitig in den Depots versteckten Schätze der Obhut einiger hilfloser kleiner Angestellter und somit den Plünderern überließ
ich legte meine Prüfung ab (Chemie: Kohlenhydrate und Zucker kein Öl) das alte Mosaik im Innenhof das die Themse und Big Ben zeigt glänzte frisch als ich das Schulgebäude endgültig verließ an der übermalten und mit zwei neuen Schaukästen versehenen Wand des Kinos zeigte sich immer wieder der durchdringende Fleck der schon früher das linke Auge Saddams zerfressen hatte der blinde vielmehr
Erblinden machende
Fleck für welche Krankheit steht er
man kann manches nicht glauben obwohl es für die Zukunft feststeht oder hoch wahrscheinlich ist man glaubt es nicht einmal wenn es geschieht und einem unmittelbar vor Augen steht das war so bei diesem ganzen Krieg oder auch einfach nur an dem Tag an dem ich die Schule abschloss
sie hätten dich niemals studieren lassen sie hätten die ganze Familie immer mehr schikaniert und gequält nachdem das mit Jasmin passiert war
erklärte Onkel Munir der Balance-Künstler mit seiner mächtigen Nase dem geduldigen Lächeln und den fast schwarzen Augen er besiegt sogar meinen Vater hin und wieder im Schach im Juni öffnete er plötzlich eine Holzklappe im Garten und brachte eine kleine Kiste mit fünfzehn fabrikneuen Thuraya-Satelliten-Telefonen zum Vorschein jedes einmal bis zu einem Todesurteil wert und jetzt ganz gewiss ein Monatseinkommen nachdem die meisten Telefonschaltstellen zerstört worden waren besuchten sich die Leute häufig und schrieben sich Briefe auch wenn diese mit unberechenbaren Fristen ankamen ich erhielt lange verzweifelte hilflose Briefe von Hind in deren Umschlägen jedes Mal ein eng beschriebenes Blatt von Dir steckte
niemals hätte ich geglaubt einmal am Firdaus-Platz (nun Platz der Befreiung) vorbeizufahren und nur noch die Unterschenkel des Präsidenten auf dem Sockel zu sehen aus denen Stahldrähte ragten wie zerfetzte Sehnen man
sieht die zerbombten Paläste und die zerschossene Geheimdienstzentrale wie einen Film in dem man erstaunlicherweise (noch immer) lebt und in dem sich plötzlich mitten auf einem Markt in Bagdad ein Selbstmord-Attentäter in die Luft sprengt
wir müssen uns dem Licht zuwenden wir müssen das ruhige und vollkommene Meer sehen durch die Schatten der Gewalt
schriebst Du mir kurz nach meinem Schulabschluss
ich werde nicht nach London gehen ich darf hier studieren wir sehen uns schon bald wieder in Betawiyn schrieb ich zurück erleichtert froh ohne es zeigen zu dürfen denn die Schmiergelder für Jasmins Wärter und Folterer haben mehr als die Hälfte unseres Vermögens verschlungen
jene von Schüssen regelrecht zersiebte Villa in Mossul war das würdige Mausoleum für die Saddam-Söhne Udai und Kussei (ein mit einer Kalaschnikow unter einem Bett liegender jugendlicher Enkel wurde ebenfalls erschossen wer schreibt sein irres Leben)
hoffentlich hat ER einen Fernseher in dem Loch in dem ER sich versteckt hoffentlich sieht ER das sagte Tante Nawal als hätte sie einige Monate weit in die Zukunft schauen können bis zur Nacht des 13. Dezember in der ER auf dem Bildschirm wieder erschien als
Rattenmensch mit verwildertem Bart alt schwach feige geduckt ans Licht gezerrt von kräftigen Armen und Händen in blauen Plastikhandschuhen die seinen Kiefer aufdrückten und mit einer Stablampe den Rachen des Untieres ausleuchteten in dem die Leichen Hunderttausender verwesten
es ist Nebukadnezar sagte mein Vater aber nur er und ich kannten die biblische Prophezeiung verwildert und in Unterwäsche erschien ER in den amerikanischen und britischen Boulevardzeitungen die schnell zu uns fanden dieser widerwärtige Schrecken seit ich denken kann und doch spürte ich
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