Ich werde dreizehn Jahre, bin siebzehn Jahre alt und später neunzehn und bewältige erst gegen Jahresausklang mit Hilfe von Ingrid aus Rostock-Lütten Klein die Scheu vor dem Geschlecht der Mädchen. Wir haben Petting zusammen. Die Hand steckt in ihrer Jeans. Die Hand versteift sich. Die Hand ist nicht vor, nicht hin, nicht zurück, nicht her zu bewegen. Die Hand steckt, wo sie stecken bleibt. Hinterm Jeansstoff, im Slip. Und es dauert weitere Monate, bis ich dann mit Babsi in einer Gartenlaube geschlechtlich bin. Es ist zum Glück dunkel. Ich kann die Babsi kaum besehen. Ich weiß noch die Geräusche aus dem Nebenraum. Babsis große Schwester und deren neuer Freund sind hinter der Wand zugange. Die ist schlimmer als ich angelegt, sagt die kleinere Schwester, redet von bis zu fünf Höhepunkten. Ich sehe mich von der Babsi ins wunde Wunder eingeführt. Es klappt nichts. Ich versage. Ich bin völlig überfordert und nichts wie runter von der Babsi, in meine Kleidungsstücke und raus ins gute Dunkel der Nacht, weg von der unheilvollen Gartenlaube. Die Turnschuhe nur flüchtig gegriffen, laufe ich die Strecke von Kühlungsborn/West über Bastdorf entlang der Ostseeküste bis nach Rerik hinein. Und atme erst am Haff aus, in die Morgendämmerung hinein, um auf der Bank am Haff die Socken anzuziehen, über wunde Sohlen, schwarz und wund vom Asphalt.
Bianca zeigt die lila Briefmarke kurz einmal her. Sie liegt auf ihrer flachen Hand. Sie hält die flache Hand dicht an ihrer Brust. Die Marke ist schön. Die Marke erregt mich, wie zu erwarten war. Bianca führt die Marke unterhalb meiner Nase entlang, beobachtet mich dabei, schaut mir in die Augen, will sehen, was für Riesenaugen ich mache. Das Licht der Taschenlampe sticht meine Pupillen. Ich bin bereit, alle Marken Bianca zu geben. Bianca ziert sich. Ich schiebe ihr meinen Markenstapel hin. Sie nimmt an und gibt sich gut gelaunt, ist albern, verschränkt die Arme, grinst mich breit an, sagt: Was, wenn ich sie dir nicht geben will? Gib sie mir, sie steht mir zu. Such sie doch, gluckst Bianca, macht mich wütend. Ruckzuck bin ich um die Bianca rum, fahnde nach meinem Besitz, suche viel zu lange und ausgiebig. Gebe die Suche auf, finde die Marke nicht, bin am Kochen. Verfluche das Mädchen. Spüre, dass mir gleich Tränen kommen. Und Bianca lacht, wischt mir mit ihrem Schlafanzugsärmel die Tränchen weg, dass ich aufhöre zu betteln, die Bianca anzuflehen, nicht vertragsbrüchig zu sein, sondern die Bianca umschubse. Die kichert und gluckst in Wiederholung: Such sie richtig. Such sie richtig. Ich suche und ich finde die Marke nicht. Die Marke bleibt unauffindbar, ist verschollen. Es ist absurdes Theater. Es ist an dem Stück nichts mehr komödiantisch. Es ist gemein, wie lange sich die Bianca mir gegenüber so aufführt; der ich fast zwei Jahre jünger bin als sie. Ich habe der Bianca meine Marken ausgeliefert. Sie verweigert sie mir frech. Die gemeinsame Bettdecke ist längst fortgeschleudert und zu Boden gegangen. Was hier zum schlechten Beispiel durch eine Tauschpartnerin abgezogen wird, ist unehrenhaft und gehört sich nicht unter Philatelisten. Wir sind allein im Heim. Ich kann zu niemandem gehen, mich über die Bianca beschweren, den Fall der Köchin erläutern, dass die sich die freche Bianca schnappt, ihr die Leviten verliest, sie zurechtweist, in Kenntnis setzt, dass es im Tauschhandel Regeln gibt, die einzuhalten sind, sonst wäre ja reinste Anarchie ausgerufen. Ich kriege dermaßen eine Wut auf die Bianca, dass ich die Bianca bei ihren Haaren fasse und dran zerre. Die schreit auf. Die nimmt mich in den Schwitzkasten. Wir plumpsen vom Bett auf die Zudecke am Boden. Der Schwitzkasten wirkt. Ich bekomme keine Luft. Ich sterbe und die Bianca erlöst mich. Ich soll ihr versprechen, artig zu sein, unter die Bettdecke zurückzuschlüpfen, wo sie mit mir noch einmal über alles reden wird. In vernünftigem Tonfall. Mit Manier und Anstand.
Gesagt, getan, sitzen wir unbewegt unter der Bettdecke. Es herrscht wieder das Licht der Taschenlampen. Meine Marken sind bei der Bianca im Nachttisch verstaut. Ich sitze der Glucke gegenüber. Ich bewege mich nicht, ich werfe der Bianca nur abwertende Blicke zu. Blicke mit zusammengekniffenen Augenschlitzen, die ihr signalisieren sollen, dass ich nicht aufgeben werde, bis die 35 er-Walter-Ulbricht-Briefmarke zum rechtmäßigen, neuen Besitzer hinübergewechselt hat. Komische Figuren dürfen sinnlos erscheinende Dinge tun. Komische Figuren ergehen sich im Extremfall, wie bei Becke«, in reiner Pantomime. Meine Drohungen sind zwecklos. Ich lasse dennoch nicht von meinen verkniffenen Augenlidern ab. Der Handlungsfaden ist bis zu seiner Unkenntlichkeit aufgelöst. Die Figuren sind ihrer Funktion beraubt. Ich bin der Bianca in die Hände geraten. Ich bin ihr ausgeliefert. Ich bin lilasüchtig. Man spricht unter Fachleuten vom Theater der Grausamkeit, das die Bianca mit mir betreibt. Ich bin erschöpft. Ich bin ohne Chance. Ich bin so gut wie erledigt. Der schöne Tauschtag rutscht ins Makaber-Gewalttätige ab.
Das Ende ist der Anfang, und doch machen wir weiter, heißt es bei Beckett. Bianca lacht und zischelt: Gib nicht auf. Such nur, such. Ich bündele meine Wut. Ich schubs die Bianca um, hebe sie an, werfe die Bianca zu Boden. Bianca lacht im Umkippen: Du findest sie nicht. Niemand findet sie. Sie will Kaltheiß mit mir spielen. Ich gehe darauf ein. Ich bin da und dort mit meinen Händen. Ich suche die Bianca dort und hier zu umfassen und bin von dem Mädchen mit kälter, kalt, warm, heiß, heißer bald in die Richtung geführt, bald in die nächste gelenkt und lande vor dem Schockgebilde zwischen ihren Beinen. Wir halten ein. Bianca sagt: Du wirst die Marke nur finden, wenn ich es will. Ich bin die Königin. Du bist die Königin. Meine stille Empörung ist Ausdruck einer existentiellen Stresssituation. Ich bin am Ende meiner Mittel angelangt. Mit wütender Kraftreserve setze ich mich noch einmal gegen die Bianca in Szene, nehme allen Mut zusammen, lange hin, wohin gelangt sein will, durchsuche ihr Mädchenhaar, schaue unter den Achseln nach, durchforsche die Rückenpartie. Die Marke ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden, steckt nirgends, nicht hinter den Ohren, im Mund nicht, nicht zwischen den Zehen und Fingern. Bianca lenkt überraschend ein, schlägt einen Deal vor. Du kriegst die Marke, wenn ich dafür was kriege. Ich sage zu, egal was sie von mir will. Sammler sind risikofreudig. Sammler sind verrückt. Ich gebe meine Hand darauf, die Hand eines Sammlers.
Sie möchte meinen Penis berühren, der sich beim Ringen und Suchen vor ihrer Wunde aufgerichtet hat, ein Zeigestock, der zwischen meinen Beinen ragt. Bianca legt die 35er-Walter-Ulbricht-Briefmarke von sonst woher geholt aufs Laken. Das Licht ihrer Taschenlampe auf meinen Penis gerichtet, erlebe ich ihn wie nicht so oft im Leben. Sie greift meinen Penis, betastet die Haut, sucht die Haut nach hinten zu verschieben, dass es schmerzt, mich aber nicht aufschreien lässt. Ich halte dem Schmerz stand. Bianca sagt: Jetzt du. Greif mich an. Ich will der Bianca nicht zwischen die Beine fassen. Ich will ihre Wunde nicht berühren. Ich weigere mich, den Finger an ihr Fleisch zu legen. Bianca ermahnt mich, niemandem davon zu erzählen. Ich bin entlassen. Ich flüchte das Tauschbettenlager. Ich stürme den Flur entlang, die Treppenstufen runter, in mein Zimmer, wo ich mich unter der Bettdecke meines Bettes verberge; und fühle mich wie in all den vorherigen Kinderheimjahren nicht; einzig die lila Marke wärmt mir die Hand. Ich fühle mein Glied schmerzen. Wenn mich das Geschehen unterhalb der Bettdecke verwirrt hat, so habe ich jetzt bei einer Sache einen unschätzbaren Vorteil, die den Jungs, wenn sie eng beisammenstehen und tuscheln, Kopfzerbrechen bereitet. Wie unter Bibelforschern werden heikle, abwegige, kühne Theorien geschwungen. Ich mische mich nicht ein. Ich habe der Bianca ein Versprechen gegeben.
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