Sie würden meinen Tieren die Pelze vom Leibe streicheln, sagt er und bringt mir bei, wie er die Hasen bürstet. Jeden Tag eine Stunde, wenn sie haaren, zwei. Das Bürsten hilft den Langohren durch die Mauser. Er trainiert die Hasen für die Hasenschau. Er sagt, wahre Schönheiten seid ihr, meine Hasen, ihr mit euren blauen Augen. Drückt seinem Rammler einen Kuss aufs Fell, redet mit geröteten Augen. Aus dem Krieg mitgebracht. Spricht von der tollen Zeit, Fischsoljanka aus dem Stahlhelm gelöffelt, wilde Tänze. Hasenscharte, Hasenscharte, ruft Heinz Bianca hinterher, hält sich den Bauch beim Lachen, ruft Silberblick, Silberblick. Die nennt ihn Angsthase, weil er nicht von der Seebrücke ins Wasser springt, kein Ei aus der Eierschale saugen will oder einen Regenwurm nicht essen und sein eigenes Pipi nicht trinken mag. Bianca ist immer vorneweg und eins von den Mädchen, die lieber ein Junge geworden wären. Beim Klettern am Gerüst macht ihr keiner was vor und so leicht nach. Sie hat zwei kräftige Arme. Sie kann eine Menge übereinander gestapelte Suppenteller tragen. Hab mein Wagen vollgeladen, voll mit alten Weibsen, als wir in die Stadt neinkamen hüben sie an zu keifen, drum lad ich all mein Lebentage nie alte Weibsen auf mein Wage, hieh, Schimmel, hieh, hab mein Wagen vollgeladen, voll mit Männer alten, als wir in die Stadt neinkamen, murrten sie und schalten, hieh, Schimmel, hieh, hab mein Wagen vollgeladen, voll mit jungen Mädchen, als wir zu dem Tor neinkamen, sangen sie durchs Städtchen, zieh Schimmel, zieh.
Heinz ist verliebt in Bianca. Bianca sagt von sich, dass sie Aschenputtel, auch Aschenbrödel oder Cinderella, jedenfalls eine Heldin vieler Volkssagen sei, von einer Stiefmutter, einer älteren Schwestern ausgenutzt und benachteiligt worden. Eine Fee wäre eingeschritten, der Geist ihrer verstorbenen Mutter. In anderen Erzählungen schickt die verstorbene Mutter ein Tier ins Haus, das einschreitet, faucht und kratzt und die bösen Schwestern vertreibt. Sie wartet auf den Prinzen, sagt Bianca zu Heinz, der sich in sie verliebt und sie heiraten wird. Eine Fee wird der Bianca helfen. Sie führt Bianca auf einen Ball, wo sie den schönen Prinzen trifft und mit ihm die Nacht durchtanzen will, sich auf dem Parkett drehen bis ihr schwindelig ist und der Prinz sie hält und sich in sie verliebt. Sie dürfe nicht die Nacht durchtanzen, sie müsse zurück, gemahne sie die Fee, noch vor Mitternacht, weil sich sonst die Kutsche, mit der sie gefahren ist, in einen Kürbis verwandele. Also tanzt Bianca so lange es geht und bricht Hals über Kopf auf, verliert die Palaststufen heruntertrippelnd einen gläsernen Pantoffel. Der Prinz findet den Glasschuh und lässt im Lande nach der Besitzerin suchen. Dann findet er Bianca in unserem Heim und heiratet sie.
Ich bin in einer außerordentlichen Angelegenheit ins Mädchenreich zu Bianca unterwegs. Ich habe ein kleines Briefmarkenalbum dabei. Ich will von der Bianca die dunkelviolette 35-Pfennig-Walter-Ulbricht-Briefmarke haben, muss sie an mich bringen. Ich bin schon seit Wochen Briefmarkensammler. Ich gebe notfalls meinen Bestand an Marken für die eine Marke her, Bianca sind so viele Briefmarken, wie sie will, versprochen. Es ist eine philatelistische Besonderheit von ihr zu erwarten. Ich darf meine Ungeduld nicht durchblicken lassen. Ich darf nicht zucken, wenn sie alle haben will, so über jede Norm hoch steht das von mir angestrebte Exemplar im Kurs.
Im neuen wie im alten Heim bin ich gern bei der Köchin. Der Mann von der Köchin im Schulkinderheim ist Briefträger. Er sitzt im Amt am Schalter. Die Zeit, dass er Wind, Sonne, Regen und Schnee ausgesetzt war, ist längst vorbei. Er hat es warm in seinem Amt und verteilt die Sondermarken an ihre Sammler. Sie trauert ein wenig um den Postboten von damals, liebte ihn seiner kräftigen, schnellen Beine wegen, mit denen er einen Rekord aufgestellt hat. Wunderschön war er anzusehen, mit einem Körper, formvollendet, wie für den Beruf gemacht, all seine Maße so perfekt.
Alle meine Marken bekomme ich von der Köchin geschenkt. Ich sitze bei der Köchin in der Küche vor dem Stapel Post, den sie zusammengesucht hat. Die Köchin erzählt vom Postmann, den sie schon geliebt hat, als sie noch ein Mädchen war. Sie liest mir vor, woher der Brief stammt, wer ihr Schreiber ist, was für eine Absicht mit der Briefsendung verfolgt worden ist, was drinsteht. Sie unterbreitet mir verschieden gefärbte Familiengeschichten, erzählt von ihren Anverwandten, der Tante, der Nichte, dem Onkel, den Großeltern, einem Schwiegervater, der in seinem Urlaub allerhand anstellt. Ich höre lauter Namen, bekomme von Berufen, Stellungen und Beziehungen berichtet. Ich höre von den Landschaften, die sie bewohnen. Wieso schneidest du die Briefmarken nicht aus, fragt mich die Köchin, baut sich vor dem Küchentisch auf, donnert im gespielt ernsten Tonfall, dass ich kein Dummerchen sein soll, sie alle ablösen, trocknen, pressen und einsetzen, mit ihnen handeln, sie eintauschen soll. Klopft mit dem Finger gegen meine Stirn. Setzt sich zu mir. Ich schneide die Marken mit der Schere vom Briefumschlag, aus der Postkarte, um sie in den mit Wasser gefüllten Suppenteller zu legen, wo sie auf den Kopf gedreht im Wasser schwimmen, sich langsam ablösen. Währenddessen klärt sie mich über den Sinn und die Aufgabenstellung der Sammlerleidenschaft auf. Belehrt mich, beschwört mich, mit meinen doppelten, dreifachen, zehnfachen Marken einen guten Handel zu betreiben, echte Raritäten an Land zu ziehen. Versuch, beim Tauschen immer die besten Marken einzuheimsen. Schöne Marken werden gegen weniger schöne eingetauscht. Tausch so oft es geht mit anderen Briefmarkensammlern. Nimm Marken an, die sie nicht gebrauchen können. Frag lieber mich, bevor sie dich betrügen. Tauschen verlangt Geschick. Es geht um die Serie. Das Sammeln und Erforschen und Bewerten von Briefmarken geschieht in der Regel nach vollständigen Sätzen, klärt mich die Köchin auf. Ich spüre den Stolz an ihr, ihr Wissen an jemanden weiterreichen zu können. Nun hat sich die Liebe zum Postbeamten in Bahn gebracht.
Ich bin an meinem ersten Tauschtag mit der Bianca allein im Heim. Die Kinder des Heimes sind auf Reise, das Wochenende über als Heimfamilie sozusagen unterwegs zur Insel Rügen in ein dort befindliches leer stehendes Haus. Bianca gibt vor, verschnupft zu sein. Ich sehe mich ausgeschlossen, weil ich Schlimmes zu einer Erzieherin gesagt habe. Wenn alle weg sind, tauschen wir, hat die Bianca zu mir gesagt. Bring eine Taschenlampe mit. Es wird Ostern gewesen sein, Pfingsten. Die Birken vor dem Heim schlugen schön aus. Grüne Blätter erinnere ich. Heller als das Grün meiner Zehnpfennigwalterulbrichtbriefmarke. Ich bin gespannt und freudvoll aufgeregt, dass ich Herzklopfen bekomme. Ich habe die große Taschenlampe mit der flachen Batterie dabei. Ich nehme die Stufen zur Mädchenetage. Ich spüre, dass es für mich um alles geht. Ich werde ein Sammler sein, ein Phi-la-te-list. Die ferne Utopie rückt näher mit jeder Stufe, die ich auf Bianca zugehe, konsequent, Schritt für Schritt, von der niedrigen zur höheren Materie, die Erfolgsleiter empor, die Treppe hoch, an Mädchenzimmern entlang, zu dem Zimmer, in dem Bianca wohnt. Bianca kommt mir entgegen. Bianca nimmt mich in Empfang. Wir sind in weiße, steife Nachthemden gehüllt. Die Hemden reichen bis an die Knöchel. Mein Nachthemd folgt dem Nachthemd der Bianca. Unsere Nachthemden schweben über die Dielen des langen Mädchenflurs zum hinteren Mädchenzimmer hin, das Jungen verboten ist. Wir sehen wie russische Tänzer aus, eilen mit kleinen, leisen Tippelschritten. Es ist sonst keiner im Heim, nur der Hausmeister und seine Frau. Die wähnen uns gut zu Bett gebracht und sitzen im Seitentrakt zu Tische, bei Feiertagsbier und Braten, die Ruhe genießen. Ich husche zur Bianca unter die gemeinschaftliche Kinderheimdecke. Wir knipsen unsere Taschenlampen an. Biancas Lampe ist heller als meine. Licht sticht mir in die Augen, wenn ich den Tauschtag bedenke. Ich sehe mich geblendet. Ich kann nach jedem Lichtstich eine Weile nichts sehen, reibe mir die Augen und sehe dann der Bianca zwischen die Beine auf das fleischliche Ding, den wunden Spalt, weit hinten als böser Anblick zu erhaschen, der mich schreckt. Es schreckt mich dieses frische, rötliche Fleisch, das ich zu Gesicht bekomme, wenn die Bianca sich bewegt, ruckt und zuckt und ihre Beine öffnet. Nach Kierkegaard ist, was mir unter der Bettdecke zwischen den Schenkeln der Bianca begegnet, eine sinnliche Überforderung, die ich nie werde vollständig rationalisieren können, die mir undurchsichtig bis vollständig absurd erscheint. Das Individuum hat sich dem Leben in allen Varianten, Formen, Farben und Aggregatzuständen zu verpflichten. Die Verpflichtung heißt Hinsehen im Wegsehen. Was dem Einzelnen widerfährt, widerfährt ihm ohne Druck. Da ist erst ein Gefühl, ein Schrecken. Der Schrecken kann dem jungen Leben die Richtung verpassen. Ich reife unter Schock. Ich bin ein betroffenes Individuum. Ich habe nicht gelernt, das Wunde im Wunderbaren, die Verwundung als Wunder zu sehen, das Wunder der vermeintlichen Wunde als wundervoll zu schätzen. Ich suche das wunde Fleisch der Bianca nicht wahrzunehmen, mich seinem Aufblitzen zu verwehren. Ich schrecke nach innen. Ich träume etliche Jahre schlecht, erwache im Wundfieber, habe Schwierigkeiten, auf die Mädchen zuzugehen, begegne keiner Frau mehr ohne Scheu vor ihrem Fleisch, dieser Wunde da zwischen ihren Beinen.
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