Hat mich erst gar nich so gejuckt, ick mein, wie dat da so brannte gestern, na scheiß uff die olle Halle hab ick gedacht, war sowieso allet nich mehr so wie früher wie dat da gewesen war. Als Wodrich und die noch da warn, wo wir noch viel mehr Leute warn, dat ging ab, Mann, irgendeiner hat immer wat gemacht, und wenn ick dat war. Bloß richtig geil fand ick dat uch nich gestern, obwohl nu endlich wieder ma wat los war, und dat brannte ja echt wie Sau, aber irgendwat war scheiße dadran, dat kam mir gleich in Kopp, ick wusst bloß erst nich wieso. Ick hab mich geärgert und wusst nich wieso, ick dacht, nu isset so weit! Nu fang ick uch bald an wie mein Vadder, der uff ein Schlag manchma losflennt, im Suff, wenn er ma wieder sein Moralischen hat, aber frag den ma, wieso, da brauchst uch gar nich erst fragen, dat weiß der selber nich. Ick verpiss mich jeenfalls immer, wenn ick merk, nu kriegt der gleich wieder ein zuviel. Aber das’s erst seit paar Monaten so, früher wusst der doch gar nich, wat dat is, heulen. Ick durft früher nich heulen, meine Mudder uch nich, da is der jedesma ausgerastet, und umso mehr hat se ja geheult, dat die uch nie damit uffhörn konnt!» Hör uff«, hab ick gesagt, aber die hat sich lieber paar einschenken lassen,»hör uff«, hab ick denn zu mein Vadder gesagt, aber dat hat uch nix genützt. Ick stand bloß rum und konnt nix machen. Und siehste, so war dat gestern abend uch. Dat ging mir irgendwie uff die Eier, dat man bloß so rumstehn konnt und uch bloß gaffen wie die andern, wie die Zombies hinter ihre Gardinen. Aber am meisten hat mir dat eigntlich angekotzt, dat dat n Zufall war, ick mein, dat dat einfach so passiert is, ohne dat dat einer gemacht hat, ick mein, ohne dat dat einer wollte. Klar, is scheiße, dat die Halle jetz weg is, dat wir da nich mehr hingehn können, wo solln wir denn jetz hin, etwa zum Bussi? Ick mein, ick hätt doch uch nie die Halle abgefackelt. Aber wenigstens wär dat besser gewesen: wenn ick dat gemacht hätt. Wenn dat alle gewusst hätten, und keiner hätt wat gesagt. Vielleicht sogar, wenn dat keiner gewusst hätt. Nich ma Sabrina. Die kommt nich mehr, ick weiß dat, die geht weg. Ick geh uch weg. Aber nich nach Anklam, und uch nich nach Neubrandenburg. Richtig, mein ick. Wird mein Vadder erst ma Kopp stehn. Ick hör dat schon: Wat wist du denn woanders, du Vadderlandsverräter, wenn dat nu jeder machen würd … Na und! Wenn dat jeder machen würd, wär dat hier bald ganz schön tote Hose, ick mein, noch mehr wie jetz. Denn wär dat hier total leer, stell dir dat ma vor, denn haust hier vielleicht bloß noch ein oller Opa in seine Hütte, und denn kratzt der am Ende uch ab, wat nich ma einer mitkriegt, weil keiner mehr da is, denn is keiner mehr da, kein Schwein, denn wird dat hier wieder Urwald oder so, wuchert die ganze Scheiße wieder zu, wie auffer Elpe. Geil.
Nee nee nee
Dat musst ja so weit
Ick heww dat koomen seihn
All de Johr
All de Johr hemms
Un keene Füerwiehr dat olle Vihekel dat
Wi hemm noch nie nich ne richtje
Öwer früher
Aber früher
Weitst noch wie dat da brannt het mancheis
Einma
Der große Brand Mensch wie lang is dat her dat muss
Wie der Bullenstall brannte
As de Stall un dotau noch de Scheun
Nich de Schaul dei nich
Do wiern wi jo noch ganz lütte
Siebzig rum muss dat gewesen sein
Achtundsechzig als ick ausse
Apropro dat gibt jetz son Buch mit sämtliche Leute
Nur so Fotos von neunundsechzig bis heute
Nee
Jeenfalls sind se alle drin na du nich
Öwer die Müllersche inne Molkerei wie se da steiht
Und Sonja
Jaa Sonja in ihrm Laden da war die ja noch
Aber dat hab ick sofort
Dat war doch noch schön da bin’ck gerne hin
Un nu
Mit diese vermaledeiten
Kann se doch froh sein manch einer
Verdient doch nix da
Die hat doch wat Bessres
Verdient wa
Dat segg ihr ma
Heut hatt ich den Club für mich alleine. Dabei dacht ich, es würd rappelvoll werden, jetzt, wo sie nicht mehr auf die Elpe können, erst mal, wurd ja alles abgesperrt, die Polizei war da. Als ich heute nachmittag dadran vorbeifuhr, kam mir das vor wie — wie das Ende der Welt, so gries und keine Menschenseele. Romy würd nu lachen und sagen, Mama, das ist ja auch das Ende der Welt hier. Aber ich mein das noch anders. Als wär nu endgültig alles vorbei, oder als würden wir das jetzt erst merken. Das ist mitten im Dorf, dieses ganze Gelände, da muss jeder dran vorbei, wenn er von einem Ende zum andern will — obwohl das ja auch kaum noch einer macht: durchs Dorf gehen, wozu auch. Höchstens noch mal zum Friedhof, notgedrungen. Die meisten pflanzen jetzt Erika und Efeu, muss man sich kaum drum kümmern. Aber was ich sagen will: Die Alten wie die paar Jungen, die leben alle nur noch in ihrem Haus, die bauen das aus noch und nöcher, aber mehr nicht, lauter einzelne Häuser. Das ist kein Dorf mehr. In der Mitte ist nichts. Das kann man sehen, aber man muss nicht. Man kann sich in sein Auto setzen und wegfahren, nach Anklam, nach Greifswald, zum Baumarkt, die Gutscheine vom letzten Geburtstag einlösen. Und wenn man zurückkommt, ist es dunkel.
Wie ich da heut so geschlagene fünf Stunden im Club saß, da herrschte eine Totenstille. Als um vier noch keiner da war, wollt ich eigentlich abschließen und losgehen. Gar nicht mal unbedingt nach Hause, obwohl ich auch nicht wusste, wohin sonst, bisschen rumflöckern in Anklam vielleicht, was ja auch Quatsch ist, trifft man auch bloß Leute, die einen kennen, und wer kennt mich da nicht. Na, Frau Plötz, heute frei? Außerdem, es gibt ja auch nix mehr, wie viele Geschäfte gibts denn noch, die kann man an einer Hand abzählen, sogar das KUNSTGEWERBE hat zugemacht, das war noch so die letzte Bastion. Leisten konnt ich mir das eigentlich nie richtig, aber ich war da gerne. Drei Etagen voll Schnickschnack, da hatt ich ja schon immer n Faible für, manchmal bin ich da bloß lang, um das Schaufenster anzugucken, besonders in der Weihnachtszeit, das hatten sie immer so schön gemacht. Neulich hab ich alte Fotos sortiert, mit Romy zusammen. Alle schwarzweiß, aber Romy hat bei fast jedem Bild auf die Gegenstände gezeigt und gesagt:»Ich weiß noch genau, wie das aussah, welche Farbe das hatte. «Keine Ahnung, wo das alles geblieben ist. Ich weiß nicht, wir lebten ja eigentlich viel primitiver als heute, mit Klo auf halber Treppe und Ofen und so, trotzdem war man zufriedener, oder, man konnt sich auch ständig irgendwas kaufen, und wenns bloß Borte zur Verschönerung des Küchenregals war, da musst ich drüber schmunzeln, wie ich das noch mal so gesehen hab auf den Fotos, ich hab schon immer gerne meine Wohnung fotografiert.
Apropos: Letzte Woche war ich in der Buchhandlung. Nur so, ich wollt mir mal wieder ein gutes Buch kaufen, ich will eigentlich wieder mehr lesen. Aber glaubst du, du findest was? Schon gleich, wenn man reinkommt, springen einen ja diese ganzen Herz-Schmerz-Schinken an. Ich hab ja mal versucht, so was zu lesen, dieses eine, wo die alle so hell begeistert waren, sogar meine Chefin, und auch die Dölz in der Buchhandlung hat mir das wärmstens empfohlen, na. Nach zehn Seiten hatt ich die Nase voll. Hab ich beim nächsten Ausmisten gleich zum An- und Verkauf gebracht, ich wollt das gar nicht zu Hause rumstehn haben. Und dabei hatt ich die Dölz doch für ne intelligente Frau gehalten. Jetzt hab ich die gar nicht erst gefragt, obwohl die mich gleich in die Schmalz-Ecke lenken wollte. Ich hab so getan, als interessier ich mich für die Kalender, aber nicht mal ein gescheiter Kalender! Weiter rumgucken braucht ich gar nicht, da kommen ja bloß noch die Schulbücher, die Gartenbücher und Kochbücher und Sprüche fürs Poesiealbum. Ich war schon am Gehen, da seh ich das Buch gleich neben dem Ladentisch, ANKLAMS GESICHTER. FOTOS VON 1968 BIS 1991. Zuerst hab ich mich über die krummen Zahlen gewundert, und über den Namen: Ralf Holle. Ist das der Sohn, dacht ich. Denn mein Herr Holle, der ist ja schon tot, und der hieß auch Edgar mit Vornamen, das weiß ich, Edgar Holle. Aber von ihm sind die Fotos. Die hat sein Sohn — siehst du, ich wusst gar nicht, dass der einen Sohn hat — der hat die alle aufgehoben und sortiert nach dem Tod von seinem Vater, und der hat buchstäblich bis fast zu seinem letzten Tag fotografiert, der konnt nicht ohne Kamera, das schreibt auch sein Sohn im Nachwort, als wenn die Welt erst dann richtig wirklich für ihn wurde, und als Kind hätte er das wohl gar nicht gut gefunden, dass sein Vater ihn ständig geknipst hat, er war ja auch allein mit ihm. Einundneunzig ist er gestorben, hat er auch nicht mehr viel von der Wende gehabt, komischerweise, als das dann damals so kam, hab ich wirklich an ihn gedacht, ich dachte, jetzt kann er das endlich, wie er immer gesagt hat, immer so halb im Flüsterton, er möcht mal ganz woanders hin, mal ein ganz andres Licht sehen, ich wusste immer gar nicht, was er eigentlich meint damit. An Anklam hat er nie n gutes Haar gelassen, aber als seine Frau tot war, wollt er weg aus Prenzlau,»ich konnt da nicht bleiben«, hat er gesagt. Und in Anklam hatten sie eine Stelle für ihn, da ist er hergekommen achtundsechzig. Und hat immer wieder Anklam fotografiert, die Leute, meistens bei der Arbeit, war ja jeder auf irgendeiner Arbeit tagsüber. Ich musste das kaufen, das Buch. Ich glaub, ich bin sogar n bisschen rot geworden dabei, weil ich ja auch gleich das Foto von mir entdeckt hab. Komisch, das ist keins aus der Zeit bei ihm, da steh ich zwar auch hinterm Ladentisch, aber schon im KURZWAREN. Die Dölz hat mich angegrinst beim Kassieren.»Sie sind da auch drin, ham Se schon gesehn?«»Nö«, hab ich gesagt, aber ich konnt noch nie gut lügen. Das war mir auch irgendwie komisch, plötzlich in einem Buch zu sein. Und auf seinen eigenen Fotos sieht man das irgendwie nie so: dass man auch schon zu einer ganz andern Zeit gelebt hat, dass man ja dabei war, und dass das total verschwunden ist. Erst zu Hause hab ich gemerkt, dass mein Name nicht stimmt, dass da unter dem Bild steht: MARINA STÖWSAND, HO-VERKAUFSSTELLE ›KURZWAREN‹. Marina, das war ja meine Freundin, die hat auch mit mir zusammen gelernt, aber die war dann in der SPOWA. Ich weiß nicht, wieso der das verwechselt hat, oder ob das schon falsch beschriftet war von seinem Vater, kann ich mir aber nicht vorstellen. Und das war auch später, da war ich schon verheiratet. Ich seh schlecht aus, ganz dünn, nicht mehr das Mondgesicht wie auf dem Foto, das er damals mit der reklamierten Kamera von mir gemacht hatte, das ich selbst entwickeln durfte. Das hier, das muss kurz nach dem Krankenhaus gewesen sein.
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