Um sechs Uhr rief er wieder an. Als sich diesmal niemand meldete, bat er Lee, einzuspringen, und fuhr in seine Wohnung in die Charles Street.
»Liz«, rief er, als er das Haus betrat.
In der Küche war niemand; auch im Wohnzimmer nicht. Das Arbeitszimmer war leer. Im Schlafzimmer standen einige Kommodenladen offen, ebenfalls leer. Ihre Kleider fehlten.
Ihr Schmuck.
Hüte, Mäntel, Gepäck.
»Miguel«? rief er leise, aber sein Sohn antwortete nicht, er war mit seiner Mutter verschwunden.
Er ging hinunter und fuhr zur Wohnung Longwoods, in die ihn eine grauhaarige Dame, eine Fremde, einließ.
»Das ist Mrs. Snyder, eine alte Freundin von mir«, sagte Longwood. »Marjorie, das ist Dr. Meomartino.«
»Elizabeth ist weg«, sagte Rafe.
»Ich weiß«, sagte Longwood ruhig.
»Wissen Sie, wohin?«
»Fort, mit einem anderen Mann. Das ist alles, was sie mir sagte. Sie verabschiedete sich heute früh von mir. Sie sagte, sie würde schreiben.« Er sah Meomartino haßerfüllt an.
Rafe schüttelte den Kopf. Anscheinend gab es sonst nichts zu sagen. Er wollte gehen, aber Mrs. Snyder folgte ihm in den dunklen Flur.
»Ihre Frau rief mich an, bevor sie wegging«, sagte sie.
»Ja?«
»Deshalb bin ich hergekommen. Sie sagte mir, Harland müsse heute zur Behandlung an irgendeinen Apparat ins Krankenhaus.«
Er nickte und blickte in das besorgte alternde Gesicht, ohne wirklich zu verstehen, was sie sagte.
»Er will aber nicht«, sagte sie.
Was geht das mich an, dachte er zornig.
»Er weigert sich absolut«, sagte sie. »Ich glaube, er ist sehr krank. Manchmal hält er mich für Frances.« Sie sah ihn an. »Was soll ich machen?«
Ihn sterben lassen, dachte er; wußte sie nicht, daß ihn seine Frau verlassen hatte, daß sein Sohn fort war?
»Rufen Sie Dr. Kender im Krankenhaus an«, sagte er. Er ließ sie stehen, und sie starrte ihm nach.
Am nächsten Morgen wurde er im Krankenhaus gesucht, und als er sich meldete, teilte man ihm mit, ein Mr. Samourian warte im Empfang auf ihn. »Wer?«
»Mr. Samourian.«
Ah, dachte er und erinnerte sich an Kittredges Liste der Mieter im vierten Stock. »Ich komme sofort.«
Der Mann war eine Enttäuschung, Mitte Vierzig, mit ängstlichen braunen Spanielaugen, einer beginnenden Glatze und einem graugesprenkelten Schnurrbart. Unglaublich, daß seine Ehe, sein Familienleben an diesem kleinen untersetzten Mann gescheitert war.
»Mr. Samourian?«
»Ja. Dr. Meomartino?«
Verlegen reichten sie einander die Hand. Es war wenige Minuten nach zehn Uhr, der Kaffeesalon und Maxies Laden würden für ein Gespräch unter vier Augen zu voll sein. »Wir können hier miteinander reden«, sagte er und ging zu einem Beratungszimmer voraus.
»Ich bin gekommen, um wegen Elizabeth mit Ihnen zu sprechen«, sagte Samourian, als sie sich setzten.
»Ich weiß«, sagte Rafe. »Ich habe Sie beide schon seit einiger Zeit von einem Detektiv beobachten lassen.«
Der Mann nickte, den Blick auf ihn geheftet. »Ich verstehe.«
»Was haben Sie für Pläne?«
»Sie und der Junge sind an der Westküste. Ich fahre zu ihnen.«
»Man sagte mir, Sie seien Doktor«, sagte Rafe.
Samourian lächelte. »Der Philosophie. Ich unterrichte Wirtschaftslehre am MIT, aber ab September lese ich in Stanford«, sagte er. »Sie will die Scheidung sofort einreichen. Wir hoffen, daß Sie einwilligen.«
»Ich will meinen Sohn haben«, sagte Rafe. Seine Kehle schnürte sich zusammen. Bis zu diesem Augenblick war ihm nicht so klar gewesen, wie sehr er ihn haben wollte.
»Auch sie will ihn haben. Im allgemeinen sind Scheidungsgerichte der Ansicht, daß es das Beste für Kinder ist, bei ihren Müttern zu bleiben.« »Vielleicht wird das diesmal nicht so sein. Wenn sie versucht, ihn von mir fernzuhalten, werde ich Einspruch erheben und meinerseits die Klage einreichen. Ich habe genügend Beweise. Schriftliche Berichte«, sagte er und dachte verdrossen, daß Kittredge der einzige Gewinner dabei war.
»Wir sollten daran denken, was das Beste für das Kind ist.«
»Daran denke ich schon seit langer Zeit«, sagte Rafe. »Ich habe versucht, meine Ehe aufrechtzuerhalten, um ihm ein erträgliches Leben zu sichern.«
Samourian seufzte. »Ich versuche nur, ihr alles so leicht wie möglich zu machen. Sie ist sehr sensibel. Zu viele Kämpfe würde sie nicht überleben. Die Krankheit ihres Onkels hat sie schrecklich mitgenommen, wie Sie wissen. Sie liebt ihn sehr.«
»Wenn das stimmt, ist es seltsam, daß sie gerade jetzt weggegangen ist«, sagte Rafe.
Der andere zuckte die Achseln. »Die Menschen zeigen ihre Liebe auf seltsame Weise. Sie konnte nicht bleiben und ihn leiden sehen.« Er sah Meomartino an. »Soviel ich höre, ist nicht viel Hoffnung.«
»Nein.«
»Ich fürchte, wenn er stirbt, würde es nicht leicht sein, ihr Halt zu geben.«
Meomartino betrachtete ihn aufmerksam. »Das fürchte ich auch«, sagte er. »Ich wußte nicht, daß Sie sie so gut kennen.«
Samourian lächelte. »Oh, ich kenne Beth«, sagte er leise.
»Beth?«
»Ich nenne sie so. Neuer Name, neues Leben.«
Rafe nickte. »An dem Bild ist nur eines falsch«, sagte er. »Es ist noch immer derselbe kleine Junge wie früher, und der gehört mir.« »Ja«, sagte Samourian. »Diese Dinge brauchen wahrscheinlich Zeit. Anwälte und Richter haben es nicht eilig. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Miguel bis zur endgültigen Entscheidung ein gutes Heim haben wird. Sobald wir in Paolo Alto eine Adresse haben, benachrichtige ich Sie.«
»Danke«, sagte Rafe. Es war ihm unmöglich, ihn zu hassen. »Was bedeutet das V.?« fragte er, als sie aufstanden.
»Das V?«
»Das V. von Stephen?«
»Oh.« Samourian lächelte. »Vasken, ein alter Familienname.«
Sie verließen zusammen das Krankenhaus. Die Sonne versetzte ihnen einen Schlag, und sie mußten blinzeln, als sie einander die Hand reichten.
»Alles Gute, Vasken«, sagte Rafe. »Vorsicht vor jungen mexikanischen Gärtnern.«
Samourian sah ihn an, als sei er verrückt.
Am selben Nachmittag hielten sie in Anwesenheit der Gastprofessoren aus Cleveland eine Konferenz über die chirurgischen Komplikationen der vergangenen Woche ab. Rafe hörte dem Auf und Ab der Stimmen kaum zu. Er saß da, dachte an vieles, und merkte erst nach einer Weile, daß soeben der Fall Longwood diskutiert wurde.
»... Ich fürchte, er ist am Ende«, sagte Dr. Kender. »Der Apparat kann ihn zwar weiter am Leben erhalten, aber er lehnt es ab, sich weiter behandeln zu lassen, und diesmal ist es ihm ernst damit. Er zieht es vor, sich dem Tod zu stellen.«
»Wir können aber nicht einfach zusehen«, sagte Miriam Parkhurst.
Sack brummte. »Es wäre schön, Miriam, wenn wir in allen diesen Angelegenheiten eine Wahl hätten«, sagte er. »Leider haben wir sie nicht. Wir können einem Patienten die Dialyse anbieten, aber wir können ihn nicht zwingen, sie anzunehmen.«
»Harland Longwood ist nicht bloß ein Patient«, sagte sie.
»Er ist ein Patient«, sagte Sack verletzt. »Wir müssen ihn jetzt als Patienten betrachten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist das Beste für ihn.«
Dr. Parkhurst vermied es, Sack anzusehen. »Selbst wenn wir vergessen, was Harland jedem von uns und der Chirurgie schon gegeben hat«, sagte sie, »ist ein zwingender Grund vorhanden, warum wir nicht einfach zusehen dürfen. Einige von uns haben das Manuskript des Buches gelesen, an dem er arbeitet. Es ist ein wertvoller Beitrag, ein Lehrbuch, das viele Generationen junger Chirurgen entscheidend beeinflussen wird.«
»Dr. Parkhurst«, sagte Kender.
»Nun, das Leben Hunderter Menschen wird in Mitleidenschaft gezogen, wenn man zuläßt, daß dieser Mann stirbt.«
Sie hat recht, dachte Meomartino.
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